Eine einmalige Gelegenheit

 

Eine einmalige Gelegenheit

von Janet

Read this story translated to English: A Unique Chance

Illustrationen von Schriftsteller.

Vorwort

Seit Monaten versuchte ich eine Einreisegenehmigung für Kansim zu erhalten. Meine Kolleginnen waren entsetzt, Kansim galt als das frauenfeindlichste Land auf Erden. Grade dies reizte mich, ich wollte sehen ob die wenigen Berichte die nach außen drangen der Wahrheit entsprachen. Nun lag es vor mir, mein Visum für Kansim und ein kleines Heft in dem die wichtigsten Informationen zusammengefasst waren. Das meiste wusste ich bereits, ich blätterte schnell über die Seiten. Das Kapitel vier las ich genau, es hatte die klare Überschrift „für Frauen“. Hier las ich:

„In Kansim gelten Frauen als Eigentum des Mannes. Ein Mann kann beliebig viele Frauen sein eigen nennen. Es ist einer Frau verboten ihren Mann zu verlassen, ebenso hat der Mann die Pflicht sich zeitlebens um die Frau zu kümmern. Frauen haben weder eigenen Besitz noch sind sie am Vermögen des Mannes beteiligt.

Es ist Brauch Frauen in Ketten zu legen, auch tragen Frauen in Kansim immer eine Verschleierung. Eine Frau die Haut zeigt macht sich der Prostitution schuldig, sie bekommt dafür 100 Peitschenhiebe. Wird eine Frau ungekettet angetroffen wird auch sie mit 100 Hieben bestraft. Betritt sie eine nur Männern vorbehaltene Zone so werden ihr dort 50 Hiebe gegeben. Bei allen Vergehen wird ihr Besitzer informiert der über weitere Maßnahmen entscheidet.

Auf der Rückseite jedes Kleidungsstück ist deutlich sichtbar eine Kennnummer zu tragen. Die Nummer wurde Ihnen bereits zugeteilt, Sie finden sie in Ihren Papieren. Ihre deutschen Papiere werden an der Grenze eingezogen, ebenso Ihr Handy sowie Ihre Kreditkarten und Ihr Bargeld. Wir empfehlen Ihnen diese Dinge zu Hause zu lassen.

Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.“

Ich las das kurze Kapitel zweimal. Fragen hatte ich keine aber mir kamen Zweifel ob meine Idee dorthin zu reisen wirklich so gut war. Allerdings jetzt diesen Plan aufgeben würde bedeuten das ich zugab etwas Angst zu haben. Das wollte ich natürlich auch nicht.

Am nächsten Morgen stand mein Entschluss fest: Ich würde fliegen. So schnell wie möglich bevor mich der Mut wieder verließ. Als selbstständige Journalistin brauchte ich niemanden zu fragen, ich informierte einige Leute und fuhr mit dem Bus zum Flughafen. In meinen ältesten Jeans und einem abgewetzten T-Shirt bestieg ich die Maschine, sie war angenehm leer.

Ankunft in Kansim

Die Boeing setzte sanft auf und rollte zur Ankunftshalle. Ich folgte den wenigen Passagieren durch den Zoll. In der Halle waren deutlich sichtbar zwei Wege ausgeschildeter. Geradeaus ging es aus dem Gebäude, hier war „MEN ONLY“ zu lesen. Grimmig blickende Männer in Anzügen bildeten ein Spalier vor diesem Weg. Ich sah nach rechts und folgte dem Schild „WOMEN“. An einer Art Schranke blieb ich kurz stehen, dann klingelte ich. Die Schranke hob sich, ich ging weiter. Meine Papiere schob ich durch einen Schlitz, kurz danach durfte ich eintreten.

Mir wurde kein Stuhl angeboten, die Frau hinter dem Schreibtisch war wortkarg. „Du ziehst dich hinter der Tür um. Dann kommst du hier wieder her. Ich bringe dich zu deinem Besitzer“.

Zollangestellte

Sie zeigte auf die Tür. Ich zögerte. Ruhig sagte sie: „Wenn du nicht gehorchst lasse ich dich auspeitschen.“ Ich ging in den Nebenraum und entkleidete mich. Schnell schlüpfte ich in die dort bereit liegenden Sachen. Als ich fertig war bedeckten mich mehrere Schichten Kleidung. Mir wurde sofort warm. Ich ging zurück in den Hauptraum. „Kann ich bitte etwas zu trinken bekommen?“ Kaum hatte ich die Frage ausgesprochen kam die Frau hinter dem Schreibtisch hervor. Ihre Hand und Fußketten klirrten laut. Sie nahm einen Knebel und legte ihn mir an. Obwohl ich mich hätte wehren können war ich viel zu verblüfft, damit hatte ich nicht gerechnet. Sie überprüfte meine Kleidung, dann wurde auch ich an Händen und Füßen gefesselt und bekam eine Kette um den Hals gelegt. An dieser Kette befestigte sie eine längere Kette. „Komm mit, dein Besitzer wartet“.

Joachim und ich kannten uns von der Journalistenschule. Vor einigen Jahren war er nach Kansim ausgewandert. Wir hielten losen Kontakt, mailten gelegentlich und telefonierten ab und an. Er brachte mich auf die Idee eine Reportage über das Leben der Frauen in Kansim zu schreiben. Wie sehr ich mich in ihm geirrt hatte sollte ich sehr schnell merken. Er saß in einem bequemen Sessel als ich herein geführt wurde. Mich begrüßte er kurz, die Frau die mich brachte würdigte er keines Blickes. Dann nahm er die Kette und ging schnell hinaus. Ungeschickt stolperte ich hinter ihm her.

Taken outside Obwohl es nicht weit bis zu seinem Haus war kam mir die Strecke sehr lang vor. Das Gehen mit Ketten war ich nicht gewöhnt, ich stolperte mehrfach. Als ich beinahe fiel zog er stark an der Kette und sagte laut: „Benimm dich, sonst helfe ich nach.“ Das war nicht der charmante Joachim den ich aus Deutschland und von unseren Telefonaten kannte. Ich hoffte dass er nur den brutalen Mann spielte und versuchte ihm so gut es ging zu folgen. Als wir im Haus waren war ich schweißgebadet.

Gut dass du hier bist. Ich geb dich gleich zu den anderen Frauen“, als er das sagte drückte er auf einen Klingelknopf. Eine blonde Frau kam herein. Zumindest war sie nicht verschleiert, auch ich wollte ablegen. „Das ist Janet, Evelyne du kümmerst dich um sie. Sorg dafür das sie keinen Ärger macht, verstanden?“ Die blonde Frau verbeugte sich und schwieg. Sie nahm die Kette und flüsterte leise „komm“. Dann führte sie mich weiter ins Haus hinein. Sie nahm mir die Verschleierung ab, befreite mich aber nicht von den Ketten. Ich hob die Hände und sah sie fragend an. „Sorry, geht leider nicht. Joachim will dass du in Ketten bleibst. Er wird nachher noch mit dir reden. Hast du Durst?“ Evelyne reichte mir ein Glas gekühlten Orangensaft, ich trank ihn schnell aus. „Nicht so hastig. Du bist noch nicht in Windeln, oder?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nö, ich bin schon groß. Das vergiss mal ganz schnell.“ Evelyne sah mich warnend an. „Besser du vergisst ganz schnell solche frechen Reden. Also, mitkommen.“ Ich folgte ihr ins Ankleidezimmer. Sie legte mir Windeln an und half mir die ungewohnte Kleidung richtig anzuziehen. „So, schon besser. Jetzt warten wir darauf das Joachim sich meldet“.

Wir warteten vergebens. Nach einiger Zeit klingelte das Haustelefon. Evelyne hob an, dann sagte sie „ja Herr“ und legte auf. „Er wird morgen mit dir reden, also machen wir es uns gemütlich. Komm, wir machen uns etwas zu essen. Der Herr wird zum Essen weggehen.“ Wir hatten grade gegessen als das Telefon erneut klingelte. Wieder ging Evelyn an den Apparat, wieder sagte sie nur „ja Herr“. Dann sagte sie zu mir: „Er will uns mitnehmen, also komm anziehen“. Sie legte mir die Verschleierung wieder an und verschleierte sich ebenfalls. Dann klopfte sie an eine Tür. Zwei tief verschleierte Frauen traten hinaus. Wir gingen zusammen zu Joachim. Er kettete uns zusammen und führte uns hinaus. Auf der Straße gingen außer uns noch andere Frauen. Einige von ihnen waren ohne männliche Begleitung aber alle waren in schwere Ketten gelegt.

three_women_black_and_blue

Joachim führte uns in einen Keller, dort setzte er die anderen ab und kettet sie fest. Mich führte er wieder nach oben und ins Lokal.

YEARENDER 2009 OCTOBER

Zwei Frauen warteten

Joachim hielt eine Rede in der Landessprache, ich verstand kein Wort. Die anderen Männer im Lokal lachten und klatschten am Ende Beifall. Danach führte er mich wieder nach unten und kettet mich neben Evelyne fest. Ich saß nahezu unbeweglich an meinem Platz, bei der kleinsten Bewegung klirrten die Ketten verräterisch. Eine der anderen Frauen schnaubte in ihren Knebel. Sie wollte mich warnen. Es dauerte nicht lange und Joachim kam zu uns. Er stellte sich vor mich und zischte: „Hast du das Schild gesehen?“ Ich nickte. „Was meinst du wohl heißt nicht bewegen?“ Er nahm eine Peitsche und schlug auf mich ein. Als er ging saß ich weinend und unter Schmerzen auf meinem Platz. Mir wurde mehr und mehr klar dass es ein Fehler war hierher zu kommen.

Ein paar Tage danach führte Joachim Sarah und mich zum Arzt. Sarah war schwanger, ich sollte einmal gründlich untersucht werden. Wir überquerten einen großen Platz auf dem einige Leute gingen. Joachim hatte uns befohlen unsere Augen zu bedecken Ich sah nur Schatten und hörte Geräusche. Joachim ging gewohnt schnell, noch immer störten mich die Fußketten. Wir gingen über den Platz auf ein großes Gebäude zu.

an_open_place

waiting_women

Sarah und ich wurden auf Warteplätze gesetzt. Nachdem er uns angekettet hatte erhielten wir Namenschilder. Es dauerte eine Weile, dann führte uns eine tief verschleierte Schwester durch eine Glastür. Hier trennte man Sarah und mich. Ich wurde untersucht ohne dass viel mit mir geredet wurde. Es gab nur kurze Befehle, wenn ich nicht sofort gehorchte schlugen sie mich mit einem Holzstock.

womens_shop

Ich bin nun seit einem halben Jahr hier. Es gibt keine Chance für mich zu entkommen. In Ketten gelegt und ohne Papiere käme ich nicht weit. Vor ein paar Tagen waren wir in einem Einkaufszentrum, ich hoffte dort einen Weg zu finden. Joachim führte uns bis zum obersten Stockwerk, dort nahm er die lange Kette ab und ließ uns allein. Neben dem Fahrstuhl stand ein Wächter, überall waren Kameras und es gab wieder keine Fluchtmöglichkeit. Aber wir haben einiges für uns gekauft, ein kleiner Trost. Danach brachte er uns noch in ein kleines Geschäft. Für Sarahs Kind kaufte ich ein paar Babysachen, ich hoffe es wird ein Junge. Für Mädchen ist es hier wie die Hölle auf Erden.

Ich bedauere jeden Tag dass ich hierher kam. Falls jemand dies liest, bitte warnen sie jede Frau von diesem Land. Joachim ist heute nicht da, er hat vergessen das Büro abzuschließen. Also kann ich dies schreiben. Die Bilder sind von seinem Computer, sie zeigen nicht mich aber ich sehe aus wie alle anderen Frauen hier. Joachim kommt, ich sende.

Janet

Back to tales in non-English languages…

Advertisements

One thought on “Eine einmalige Gelegenheit

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s