Astrid

Astrid

von Peter

1.

Michael und Astrid hatten einen langen und anstrengenden Tag. Das wird morgen nicht viel anders sein. Sie hatten zusammen Abendbrot gegessen und sich die Nachrichten angeschaut. Der Stoltzenberg-Skandal setzte Hans-Ulrich Klose als Erstem Bürgermeister der Stadt sichtlich zu, man spekulierte offen über seinen Rücktritt. Es kam selten genug vor, daß Michael pünktlich nach Hause kam. Trotzdem hatten sie das verflixte siebte Jahr gut hinter sich gebracht und liebten sich immer noch wie in den Flitterwochen. Sie gingen also schnurstracks in Bett. Der Abend versprach spannend zu werden.

Michael streichelt Astrids Haare und küßt lange ihren schönen kirschroten Mund. Er greift ihr an die Brüste und fängt an, sie zu massieren. Plötzlich hält er inne. Er hat ihre linke Brust in der Hand und spürt etwas Festes darin. Er greift noch einmal an die Stelle und fängt an, sie intensiv zu betasten. Weil er dabei aufgehört hat, sie zu küssen und ihren Kopf zu streicheln, wird Astrid stutzig. “Was hast Du da?” Michael sagt nichts und tastet weiter. Er nimmt dann ihre rechte Brust und betastet sie genauso aufmerksam. Dann wendet er sich wieder der linken zu, an der er diesen Knoten gefunden hat. Nach einer Weile antwortet er ihr “Ich weiß nicht so recht. Du kommst bitte morgen früh mit mir mit. Ich fahre eine Stunde eher los, damit ich genug Zeit für Dich habe.” Er steht auf, geht an die Hausapotheke im Korridor und nimmt eine Tablette heraus. Er bricht sie auseinander, gibt Astrid eine Hälfte und schluckt selbst die andere. Dann stellt er den Wecker auf halb fünf, löscht das Licht und nimmt Astrid fest in seine Arme.

Astrid ist geschockt. Seitdem sie sich kennen, hat Michael ihr noch nie mit so einer Bestimmtheit, die keinerlei Diskussion zuläßt, etwas aufgetragen. Sie hatten immer miteinander darüber gesprochen, auch wenn es nur ein paar Sätze waren. Und immer, wenn etwas organisiert werden mußte, war das dann ihre Sache gewesen. Bevor sie sich in den Gedanken hineinsteigern kann, daß das morgen das Rendevouz ist, vor dem eine Frau den reinsten Horror empfindet, fängt die Tablette an zu wirken und sie schläft ein.

Michael liegt wie Astrid wach und grübelt. Bislang war das, was er gerade getan hat, ihr gegenüber immer gut als Vorspiel zu tarnen gewesen. Solange er dabei nichts fand, war das ja auch kein Kunststück. Nur heute war alles anders. Woher zum Himmel kommt da plötzlich ein Knoten dieser Größe? Ist es wirklich so lange her, daß er für Astrid Zeit hatte? Seine Dienstplanung ist alles andere als familienfreundlich. Das war ihm schon bei seiner Berufswahl klar gewesen und auch Astrid hatte sich darüber nie Illusionen gemacht. Aber als ihm jetzt bewußt wird, wie weit er sie vernachlässigt haben muß, ist er doch zutiefst geschockt. Glücklicherweise hat sie einen Beruf, der für sie Berufung im wahrsten Sinne des Wortes ist und einen großen, gut gefestigten Freundeskreis. Michael erfaßt Angst um Astrid. Und um seine Ehe, wenn das jetzt noch gut ausgehen sollte. Bevor er anfangen kann, sich in Schuldgefühlen zu zermartern, fängt auch sein Teil der Tablette an, seine Schuldigkeit zu tun.

Am Morgen sind Astrid und Michael die ersten unten in der Tiefgarage. Normalerweise nimmt sie das Auto, um tagsüber mal zwischendurch etwas besorgen zu können und Michael fährt mit dem Bus. Heute hat er aber ohne Umstände den Autoschlüssel vom Vertiko genommen und sie um die Fahrzeugpapiere gebeten. Astrid ist ganz zufrieden, nicht fahren zu müssen. Es geht ihr einfach zuviel im Kopf herum. Sie haben sich zwar noch ausgiebig im Bad frisch gemacht. Michael hat aber dann gleich zum Aufbruch gedrängt, so daß sie kurz vor fünf Uhr das Haus verließen und sie nicht zum Essen kam. Sie wird sich dann eben nachher in der Cafeteria etwas holen.

Eine halbe Stunde später sind sie da. Michael parkt den Wagen in der Tiefgarage und geht mit ihr zum Aufzug. Sie fahren in die fünfte Etage. Beim Verlassen des Aufzuges wendet er sich nach links und drückt auf den Knopf des elektrischen Türöffners. Die Tür bewegt sich mit einem Brummen, das grausam in die Stille des frühen Morgens einbricht.

Astrid und Michael betreten die onkologische Abteilung des Universitätsklinikums. Im Korridor öffnet sich eine Tür und die Nachtschwester tritt heraus. Sie begrüßt die beiden mit einem fragenden Blick. Michael bittet sie, für die Frühschicht einen Zettel an ihre Türe zu kleben und dann zu ihnen ins Untersuchungszimmer zu kommen. Eigentlich müßte sie jetzt die Schichtübergabe vorbereiten und dann der Frühschicht beim Bettenmachen helfen.

2.

Michael sitzt an seinem Schreibtisch und grübelt. Vor sich hat er die Laborbefunde liegen, die ihm die Pathologie geschickt hat. Er hat sie sich angesehen und sich für die Chefarztkonferenz seine Therapievorschläge notiert. Nur ein Umschlag liegt noch ungeöffnet vor ihm. Darauf ist Astrids Patientennummer vermerkt. Bislang war das Leben für ihn immer geradlinig verlaufen. In der Schule und auf dem Gymnasium hatte er mühelos Bestnoten erreicht. Erst das Studium hatte ihn richtig gefordert. Er hatte sich dem gestellt und viel mehr gemacht als andere. So gab es dann auch einen Abschluß “Summa cum laude” und eine vorzügliche Empfehlung für die Facharztausbildung. Die Universitätsklinik war hatte sich sehr bemüht, ihn unbedingt als Arzt zu behalten. Der Chef war von seiner Arbeit im OP begeistert. So war es nicht völlig überraschend, daß er trotz seines jugendlichen Alters im April vergangenen Jahres die Verantwortung für diese Station bekam, als der vorige Stationsarzt in Rente ging. Astrid hatte es erst nicht glauben wollen und das für einen Aprilscherz gehalten. Dann hatte sie ihm von ganzem Herzen gratuliert, obwohl sie genau wußte, was das für sie beide bedeutete.

Michael blickt wieder auf den Briefumschlag, der vor ihm auf dem Tisch liegt und Astrids Patientennummer trägt. Er reißt ihn auf und findet nicht nur das übliche Laborformular, sondern auch einen in engen Zeilen handbeschriebenen Zettel. Er liest, was ihm die Kollegin in der Pathologie dazu geschrieben hat. Es fühlt sich an, als hätte er das erste Mal in seinem Leben gegen einen dicken Knüppel getreten. Michael reibt sich das Gesicht. Er greift zum Telefon und wählt Martinas Nummer. “Kann ich mal kurz rüber kommen?” fragt er sie. “In zehn Minuten, ich habe noch jemanden hier.” “Danke, bis gleich.”

Er nimmt zwei Akten in die Hand und tritt ans Fenster.

***

Martina sitzt an ihrem Tisch. Vor fünf Jahren hatte der Chefarzt nach langem Kampf in der Klinikleitung endlich durchgesetzt, daß seine Abteilung eine Psychologin bekommt. Es müßten eigentlich ihrer drei sein. Martina war damals in Duisburg und fand die Ausschreibung interessant. Sie wollte schon immer ans Wasser und gerade Hamburg war ihr Traum gewesen. Und dann die interdisziplinäre Arbeit an der Uniklinik. Das war zu der Zeit ein Novum in der Bundesrepublik. Sie hatte sich nicht viel Hoffnungen gemacht und war dann richtig überrascht, als sie aus mehr als dreißig Bewerbern für die Stelle ausgewählt wurde. Bernd, ihr Männeken, folgte ihr ein halbes Jahr später, als die Stelle eines Stationsarztes in der Unfallchirurgie ausgeschrieben wurde. Seit kurzem ist er dort Chefarzt.

Ihr Telefon klingelt. Es ist die Sekretärin ihres Mannes. “Frau Rathgeber, es tut mir wirklich sehr leid für Sie. Ihr Mann hat mich gebeten Ihnen auszurichten, daß er in den OP gegangen ist. Er wird erst am späten Abend rauskommen.” Martina beruhigt die Sekretärin, bedankt sich für die Nachricht und wünscht ihr ein schönes Osterfest. Sie wollten mal ein paar Tage in den Süden fliegen und hatten schon vorsichtshalber nur so ein billiges Pauschalangebot genommen. Martina blickt aus dem Fenster, sieht von Fuhlsbüttel eine Condor aufsteigen und seufzt.

Es klopft an ihre Tür. Im Terminkalender ist Natasha eingetragen, die früher einmal ihre Ausbildung als Krankenschwester auf der Station abgeschlossen hatte und vor drei Jahren mit ihrem Mann nach Arabien ging, wo dessen Arbeitgeber eine Raffinerie aufbaut. Damals waren alle enttäuscht gewesen, daß sie ging, aber auch ein bißchen neidisch. Martina öffnet die Tür.

Vor ihr steht eine vollkommen schwarz gekleidete Frau, ihr ganzes Gesicht mit einem dichten schwarzen Schleier bedeckt. “Natasha?” fragt Martina. Die Frau nickt, tritt ein und schlägt den Schleier zurück, nachdem sich die Tür geschlossen hat. Martina bittet sie, sich zu setzen.

Martina ist offenbar nicht nur etwas irritiert. “Bist Du konvertiert? Erzähl mal, was Du so machst und wie es Dir geht.” Natasha lächelt, als sie Martinas erstauntes Gesicht ansieht. Sie schwärmt von Arabien und der Offenherzigkeit der Menschen dort, das ganze Gegenteil der verschlossenen Nordlichter. Es gibt dort auch ein paar Deutsche, Österreicher und Schweizer. Ihre Nachbarin kommt aus Basel und ist private Hebamme. Sie hat sie bei ihren Geburten sofort bei der ersten Wehe ins Krankenhaus bringen lassen und war dann die gesamte Zeit nur bei ihr. “Wieviel Kinder hast Du?” fragt Martina. “Zwei, ein Mädchen und einen Jungen. Ein und zwei Jahre alt. Jetzt bin ich im vierten Monat.”

Martina senkt sofort den Blick auf ihren Schreibtisch. Sie steht schnell auf, tritt zum Schrank, wendet Natasha dabei den Rücken zu und fragt “Du willst auch einen Kaffee?” Natasha freut sich. “Weiß, schwarz, Zucker?” Martina steht immer noch mit dem Rücken zu Natasha und kramt in den Tüten herum. Sie ringt mit sich selbst. Natasha ist Patientin des Chefarztes. Martina hatte sich an die doch sehr unwahrscheinliche Illusion geklammert, daß das ein Kompliment des alten Charmeurs gegenüber einer ehemaligen, sehr beliebten Mitarbeiterin sein könnte. Diese Illusion ist gerade mit einem lauten Knall geplatzt. Eigentlich weiß sie genau, daß hier die Zuweisung nach medizinischer Indikation erfolgt und daß man sich schon immer über den Dünkel der Privatpatienten hinweggesetzt hat. Wem das nicht gefällt, kann sich eine andere Klinik suchen. Die Abteilung muß immer wieder mal Patientinnen in Zimmern der benachbarten Stationen unterbringen. Bislang hat sich noch niemand beschwert.

Als sich Martina wieder gefaßt hat, serviert sie den Kaffee, stellt ein Kännchen Milch auf den Tisch und greift nach der Zuckerdose. Sie lächelt Natasha an “Bedien Dich”. Natasha nimmt zwei Stückchen Zucker und gießt etwas Milch in den Kaffee. Sie rührt um und nimmt einen Schluck.

“Konvertiert? Nein konvertiert sind wir nicht. Wir halten uns nur an die Gepflogenheiten des Landes, das erwartet man ja hier in Deutschland auch.” Natasha sagt, sie findet die Kleidung praktisch. Bei dem Klima gehe es gar nicht anders, als sich richtig anzuziehen. Sie hatte am ersten Tag dort binnen einer Viertelstunde einen heftigen Sonnenbrand. Und Sand in den Augen ist auch nicht sehr angenehm. Zudem sind die Sachen gegenüber der europäischen Mode sehr günstig und man braucht nicht für alle Tage etwas anderes. Sie genießt es, auf der Straße jetzt ihre Ruhe zu haben. Sie ist glücklich verheiratet. Früher hat es sie mächtig genervt, daß ihr diese blöden Vögel hinterher gestarrt haben, wenn sie in ihren kurzen Kleidchen auf der Straße war. “Du kannst dort sogar einem feschen Kerl offen ins Gesicht lachen. Das sieht ja keiner.” sagt sie zu Martina und feixt. “Und hier starrt niemand?” fragt Martina. “Sicher, aber zum einen kriege ich das ja meistens gar nicht mit.” Sie lächelt. Und zum anderen ist das eben etwas anderes als diese plumpe Anmache und ihr deshalb ziemlich egal. Im Zweifel gibt sie eben mit ihrem Englisch und ein paar Brocken Arabisch eine Touristin und läßt die Leute einfach stehen, falls sie pampig werden sollten. Das ist ihr aber bislang noch nicht passiert.

Martina fragt, weshalb Natasha hier ist. Sie sind im Urlaub bei ihren Eltern und Natasha hatte schon vor einiger Zeit einen Knoten in der Brust bemerkt. Sie ist dort sofort in ein Krankenhaus gegangen und fand es sehr schade, ob ihrer schlechten Arabisch-Kenntnisse mit dem sehr aufopferungsvollen Personal nicht so richtig klarzukommen. “Arabisch ist ein hartes Stück Brot, das lernst Du nicht im Vorübergehen, auch wenn Du da wohnst. Du kannst nicht erwarten, daß überall jeder Englisch beherrscht. Und Ausländer kriegen lange nicht jeden Job. Das mit Klara, meiner Hebamme, war ein großer Glücksfall.” Sie hat dann um die Befunde gebeten und ist vor ein paar Tagen damit in ihre alte Klinik gekommen. “Freilich bin ich jetzt Privatpatientin, weil ich ja nicht mehr in Deutschland wohne. So hatte ich wenigstens ohne große Umstände gleich einen Termin.”

Martina fragt, ob sie nach der Montage zurückkommen will. Natasha wiegt den Kopf hin und her. “Ich habe noch meine Eltern hier, aber mein Mann versucht, in der Raffinerie, wenn sie denn demnächst fertig ist, eine Anstellung zu bekommen. Das sieht offenbar ganz gut aus. Auch seine Firma ist nicht unglücklich, da in der Startphase ein paar Leute zu wissen, auf die sie sich verlassen können. Und man verdient dort richtig gutes Geld.” Martina nickt, das hat sie auch schon gehört. Sie blickt an die Uhr und greift nach ihrem Kalender. Der Urlaub ist zwar geplatzt, aber sie muß jetzt noch für die Feiertage etwas einkaufen. Und solange sie mit dem Chefarzt nicht gesprochen hat, ist das Plauschen mit Natasha zwar ganz nett, aber sie kann für sie erstmal nichts zu tun. “Hast Du schon den nächsten Termin hier in der Klinik?” “Ja, am Donnerstag nächster Woche, dann sollen die Laborwerte da sein.” “Wie ist es um 16.00 Uhr? Ich würde Dich gerne an dem Tag noch sehen wollen. Aber vorher ist leider schon alles verplant.”

Das Telefon klingelt. Martina nimmt ab “Ja, Michael?” Sie blickt auf ihre Fingernägel. “In zehn Minuten, ich habe noch jemanden hier.” Ihr war gerade eine Idee gekommen.

Natasha freut sich “Ja, klar komme ich gerne wieder.” Martina fragt sie, ob denn mal kurz den Gesichtsschleier ausprobieren dürfe. Natasha steht auf und bindet sich den dreilagigen Niqab ab. Dann schiebt sie Martina vor den Spiegel am Waschbecken in der Ecke des Zimmers. Sie tritt hinter Martina und hält ihn ihr vors Gesicht, so daß der Augenschlitz vor ihren Augen zu liegen kommt. Dann bindet sie ihn Martina hinter dem Kopf fest. Martina greift sich an ihren Mund. Der Stoff fühlt sich weich an. Und sie kann auch gut atmen. Natasha wirft ihr die erste transparente Lage vors Gesicht. Martinas Sicht wird nur ein klein wenig dunkler und sie kann ihre Augen im Spiegel noch andeutungsweise sehen. Natasha sagt “Du mußt bedenken, daß Du jetzt quasi zweimal durch den Augenschleier guckst. In Wirklichkeit sind Deine Augen auch aus ein paar Metern Entfernung noch sehr gut zu sehen.” Sie wirft ihr die zweite transparente Lage übers Gesicht. Martinas Sicht wird jetzt merklich dunkler, so wie durch eine starke Sonnenbrille. “So bin ich vorhin gekommen.” sagt Natasha. Sie nimmt Martina den Schleier wieder ab. Die beiden Frauen sehen sich an, Martina nimmt sie in ihre Arme. Dann bindet sich Natasha ihren Schleier wieder um und verabschiedet sich von Martina. Sie öffnet die Tür, wirft sich die oberen zwei Lagen eine nach der anderen über ihr Gesicht, winkt Martina zu und verläßt das Zimmer.

***

Michael hört, wie sich auf dem Flur eine Tür öffnet und verläßt sein Zimmer. Auf dem Flur sieht er eine schwarz gekleidete Frau mit einem Schleier, der ihr Gesicht vollkommen bedeckt, Martinas Zimmer verlassen. “Hi, Doktor! Schöne Feiertage!” Sie wirft ihm eine Kußhand zu und ist auch schon durch die Stationstüre verschwunden.

Michael ist sprachlos und schüttelt den Kopf. Er betritt Martinas Zimmer.  “Martina, wer war denn das?” “Schwester Natasha, die vor drei Jahren nach Arabien gegangen ist.” “Es scheint ihr ja dort zu gefallen.” Michael schüttelt wieder den Kopf. “Nun, einstweilen ist sie Patientin vom Chef. Den Rest kriegst Du ja nächste Woche in der Besprechung mit.” entgegnet ihm Martina. Michael holt tief Luft und schweigt. Er weiß nur zu gut, daß man nicht ohne Not Patientin des Chefs wird.

“Du bist aber nicht gekommen, um mit mir über Natasha zu spechen. Was hast Du?”

Michael tritt zu ihr und legt die beiden Akten auf ihren Tisch, während Martina Natashas Tasse auf den Schrank stellt und für Michael eine saubere holt.

“Willst Du Dich nicht setzen?” Michael schüttelt den Kopf. Er weiß, daß Martinas Flieger in dreieinhalb Stunden geht. Martina schaut auf die Patientenakten, die ihr Michael hingelegt hat und runzelt die Stirn. Die oberste betrifft einen Fall, der sie schon vor zwei Jahren einen schweren Kampf mit der Krankenkasse gekostet hat. Die Frau eines Schichtarbeiters mit drei Kindern, der in rollender Woche arbeitet und Haushalt sowie Kindererziehung nicht alleine schafft. Die Frau hat damals die Therapie nur schwer vertragen und ist jetzt wieder da. Martina holt tief Luft und seufzt. Dann hebt sie die Akte hoch und sieht auf der darunter liegenden den Namen von Michaels Frau.

“Mein Männeken ist bis Mitternacht im OP. Setz Dich!” sagt Martina jetzt in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet.  Sie schenkt Michael Kaffee ein. Sie dreht sich um und tritt für eine Weile ans Fenster.

Michael ist vor ein paar Jahren hier auf die Station gekommen und hat bislang alle mit seinen Qualitäten überzeugt. Erst als AiP, dann als Assistenzarzt und auch jetzt als Stationsarzt. Astrid war schon vorher an der Uniklinik. Inzwischen, jetzt noch nicht einmal dreißig, ist sie Leiterin des Betriebskindergartens, in dem sie nach ihrem Studium zu arbeiten anfing. Da sind 200 Kindergartenplätze und die Betreuung der Kinder in der Pädiatrie, die sie selbst aufgebaut hat. Sie hat einen Mann, der hin und wieder auch abends zu Hause ist. Und in den paar Minuten Freizeit sind sie, so wie Martina und Bernd, beim Tanzkreis Rot Weiß in Blankenese zugange. Sie wundert sich immer wieder, wie die beiden trotz des wenigen Trainings die Turniere abräumen. Beim Wiener Walzer nimmt ihnen keiner die Butter vom Brot. Nur der Tango ist nicht so ganz ihr Fall, sonst wären sie schon längst in die Sonderklasse aufgestiegen. Das wurmt sie selbst auch immer wieder.

Und jetzt das. Astrid ist Martinas beste Freundin. Sie weiß, daß eine Chemotherapie kein Stein auf dem anderen in Astrids Leben lassen wird. Und daß sie diese braucht, daran hat Martina keine Zweifel. Zu Pfingsten und dann im Juni sind in Norderstedt die großen Turniere. Bis dahin wird Astrids Kopf bereits im Mondschein glänzen. Es kann sich aber hier in Hamburg keiner in der Szene vorstellen, daß der Eintrag “Astrid und Michael Skoda” im Programmheft fehlen könnte.

Martina dreht sich um. Der Kaffee, den sie sich vorhin einschenkte, ist derweil kalt geworden. Sie gießt ihn weg und schenkt sich neuen ein. “Willst Du noch mal?” Michael nickt.

Martina schaut Michael an. “Du bist jetzt ein paar Jahre hier und hast das Elend bislang nur von einer Seite gesehen, der medizinischen.” sagt sie. “Ich sehe die andere, freilich, ich stehe auch nicht im OP.”

“Klar” sagt Michael, “wer da in Tränen zerfließt, muß sofort gehen, sonst bringt er die Patienten um.”

“Ich weiß” antwortet Martina. “Das war ja auch kein Vorwurf. Wirst Du Astrid operieren?” Michael schüttelt den Kopf. “Das hat der Chef gleich abgebogen. Vielleicht nicht mal assistieren. Er hat mich gefragt, ob ich einen anderen Assistenten vorschlagen will. Ich denke da an einen Studienkollegen, der jetzt in Heidelberg ist. Mit dem habe ich aber noch nicht gesprochen.”

“Ob Du sie jetzt operierst oder nicht, ist noch nicht mal die entscheidende Frage.” antwortet Martina. “Du wirst jetzt die andere Seite der Medaille kennen lernen und ich habe Angst, daß das für Dich auf lange Zeit gesehen ganz und gar nicht gut ist.”

“Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Die Situation ist jetzt so, wie sie ist. Astrid wird hier auf die Station kommen. Sie hat vielleicht Glück, daß wir noch früh dran sind und nicht erst kurz vorm Endstadium, wie vor zwei Jahren bei ihrer Mutter.”

Martina holt tief Luft. “Weiß sie schon?”

“Ich habe die Befunde erst vorhin bekommen, als ich Dich anrief. Der Chef hat nicht ohne Grund so lange gekämpft, daß Du zu uns kommst. Klar, sein Charme hat oft schon die größte Katastrophe verhindert, aber das allein reicht nicht, das wissen wir alle. Deine Arbeit hier ist genauso wichtig wie unsere, oft sogar noch wichtiger. Und wir Ärzte können, ja wir dürfen sie nicht machen. Deine Bedenken sind mir vollkommen klar. Und ich gebe ehrlich zu, ich sehe mich jetzt das erste Mal in meinem Leben überfordert. Das ist jetzt nichts, was man durch Rackern aus dem Weg schaffen kann. Bitte, bitte hilf mir.”

“Michael, mach Dir keine Vorwürfe: in Deinem Alter wäre mir das genauso gegangen. Die Lebenserfahrung, die ich derweil habe, fällt nicht vom Himmel. Euer Leben wird niemals mehr so sein wie bisher, denn wenn Ihr hier durchkommt, dann seid ihr am Ende beide viel reifer. Und wenn Du dann irgendwann mal nicht mehr operieren kannst, machst Du eben eine Praxis auf.”

Michael winkt ab “Dafür ist es noch viel zu früh, Martina. Daß ich jetzt schon Stationsarzt bin, heißt ja nicht, daß ich die Weisheit mit Löffeln gegessen hätte. Würden mir der Professor und die anderen nicht immer wieder den Rücken gestärkt haben, hätte ich das Angebot gar nicht angenommen. Das hilft uns aber nicht weiter, wir schweifen ab.”

“Nein, Michael, durchaus nicht. Du brauchst immer eine Perspektive. Wer das Ufer nicht sieht, wird ertrinken. Das ist mein Job. Ich bin hier, um den Leuten zu zeigen, daß und wie ihr Leben weitergeht, damit sie Euch nicht schon vor die nächste Bahn laufen, noch bevor ihr sie operieren könnt. Freilich verbringe ich drei Viertel meiner Zeit mit Behördenkrieg, für den man kein Psychologiestudium braucht.”

Michael sieht Martina an “Du hast immer gesagt, daß wir hier noch zwei Stellen brauchen. Und dann verplemperst Du Deine Zeit mit Schreibarbeiten?” Sie schüttelt den Kopf “Ich brauche keine Tippse, sondern jemanden, der den Bürohengsten die Sporen geben kann, damit ich mehr Zeit für die Patientinnen habe. Die Stellen fehlen in den anderen Stationen der Abteilung. Der Professor hat mich in die Bruststation gesetzt, weil es hier die dramatischsten Fälle gibt. Woanders wird gerade mal dieser Papierkram von den Fürsorgeleuten erledigt, viel mehr läuft da nicht” antwortet sie. Michael greift nach ihrem Kalender und sagt, “Viel Platz ist da aber nicht mehr. Wie lange warten die Frauen?” “Zu lange,” antwortet Martina “keine Frage, keine kriegt einen Termin gleich sofort. Ich weiß, worauf Du hinauswillst. Die Idee ist gut.”

“Martina, ich weiß eben nicht, wie das mit Astrid werden soll. Von der Erfahrung mit ihrer Mutter her macht sie sich sicherlich keine Illusionen. Sie weiß genau, daß ihre Arbeit im Kindergarten in ein paar Wochen perdu ist, zum einen weil sie die Therapie zu sehr mitnimmt und zum andern weil man den Stiften ihren Anblick nicht mehr zumuten kann. Deshalb kommt auch ein Schonplatz da drüben nicht infrage. Außerdem haben wir auch etliche kleine Kinder bei uns im Haus, wenn es da bei ihrem Anblick Geschrei gibt, zerreißt das Astrid das Herz. Bei ihrer Mutter im Altersheim war das etwas anderes.”

“Nun, Du hattest den Finger schon auf einer guten Idee, Michael. Astrid hat die richtige Ausbildung, so daß man ihr eine Stelle als Sozialarbeiterin nicht abschlagen kann. Sie hat Leitungserfahrung und kann sich in Verhandlungen durchsetzen. Telefonieren und schreiben kann sie allemal. Und vielleicht kann sie als Leidensgefährtin auch der einen oder anderen hier unter die Arme greifen. Ich bin zwar nicht unglücklich darüber, an dem Punkt nicht mitreden zu können, aber das ist wirklich ein Aspekt, denn man nicht unterschätzen kann. Wir haben hier denselben Arbeitgeber und Astrids Schonplatz muß nicht unbedingt im Kindergarten sein. Wie lange kann sie auf Station bleiben?”

Michael zuckt die Schultern “Gute Frage. Du weißt, daß wir eigentlich Betten auf den Korridor stellen müßten. Alle Welt will ins UKE. Du arbeitest zu gut.”

“Danke für die Blumen.” Martina schaut zur Uhr und erschrickt. “Kannst Du mich zu einem Supermarkt fahren? Wir haben daheim nichts im Kühlschrank.” “Ja, selbstverständlich. Laß alles stehen, wir kommen nachher noch einmal her. Ich gehe nur in mein Zimmer, den Autoschlüssel holen.”

Martina steht auf, nimmt Mantel und Tasche, schließt ab und folgt Michael in den Korridor.

Auf dem Weg zum Supermarkt sagt sie zu ihm “Weißt Du was, komm doch morgen am Vormittag mit Astrid zu mir. Mein Männeken wird, das sei ihm gegönnt, vor Mittag nicht zu sprechen sein. Normalerweise macht er sich dann nur etwas zu essen und legt sich auch anschließend wieder hin. Wir fahren zusammen an die Außenalster und lassen ihm seine Ruhe. Sagen wir um zehn?”

Sie nehmen also noch etwas Proviant für das Picknick am nächsten Tag mit. Michael fährt mit ihr zurück in die Klinik und bringt sie dann nach Hause. “Paß gut auf Euch auf” sagt sie zu Michael zum Abschied.

***

Astrid sitzt auf dem Sofa. Im Fernsehen läuft irgendeine Musiksendung, die sie nicht sonderlich interessiert. Vor einer Woche hat Michael sie frühmorgens Hals über Kopf in die Klinik geschleppt. Der Anruf der Stationsschwester im Kindergarten, daß sie später komme, muß dort wie eine Bombe eingeschlagen haben. Von den Kolleginnen traute sich keine, auch nur eine Frage zu stellen, als Astrid nach den ganzen Untersuchungen erst am späten Nachmittag an ihren Arbeitsplatz kam. Nur ihre Blicke sprachen Bände.

Eigentlich geht es ihr ja jetzt ganz gut, abgesehen davon, daß sie seitdem ein ziemlich flaues Gefühl in der Magengegend hat. In den letzten Tagen, da sie nun auf die Befunde wartet, hat sie immer wieder an ihre Mutter gedacht. Die war ihr Lebtag lang nicht zum Arzt gegangen, bevor sie den Kopf nicht unter dem Arm trug, wie sie selbst immer wieder spöttisch zu sagen pflegte. Das Sprichwort erwies sich am Ende als makaber. Die Ärzte in der Klinik haben zwar noch alle Register gezogen, aber der einzige Rat, den sie letztlich geben konnten war, ihr die letzten Tage noch recht schön zu machen. Als es ein paar Wochen darauf nur noch mit Morphium ging, war aber selbst das ein Ding der Unmöglichkeit geworden.

Astrid ist jetzt noch nicht einmal dreißig. Sie macht sich keine Illusionen, ihre Mutter ist bei weitem nicht der einzige Krebsfall in ihrer Blutsverwandtschaft. Das weiß Michael natürlich. Und deshalb ja auch abends die quasi permanente Reihenuntersuchung, die sie ja auch immer genossen hat. Sie lächelt. Michael war dabei immer ein guter Schauspieler, nur einmal hat ihn das Drehbuch im Stich gelassen. Es ist ihm nicht vorzuwerfen.

Und jetzt? Heute ist der Gründonnerstag. Eigentlich müßte er nun den Befund haben. Wäre der negativ, säßen sie jetzt längst bei Cölln und würden das feiern. Sie geht zum Telefon und ruft bei Martina an. Weder in der Klinik, noch zu Hause geht jemand an ihr Telefon.

Astrid grübelt weiter. Wenn der Befund positiv ist, wofür ja nun leider einiges spricht, wird Michael sicher alle Register ziehen. Er wird keinerlei Risiko eingehen, um sie zu schonen, dafür gibt es nach Lage der Dinge auch gar keinen Grund. Astrid ist sportlich und von guter Verfassung. Da Michael “Striche mit Fusseln” nicht mag, hat sie einiges zuzusetzen. Sie wird es brauchen.

Die Tür geht, Michael kommt. Sie wartet, bis er sich ausgezogen hat. Er geht ins Bad. Als er ins Zimmer kommt, schaut sie ihn an, geht wortlos auf ihn zu und umarmt ihn fest. Sie setzen sich auf das Sofa und bleiben eng aneinander geschlungen ein paar Stunden so sitzen.

Es ist längst dunkel, als Michael ihr ins Gesicht schaut und sagt “Liebling, wir müssen etwas essen.” Sie nickt und geht mit ihm in die Küche. Sie decken zusammen den Tisch und nehmen nur noch ein paar Scheiben Brot, etwas Fisch und Wurst. Astrid kocht einen Tee.

Als sie sich dann setzen, sagt Michael zu ihr “Schöne Grüße von Martina. Sie hat uns für morgen eingeladen, mit ihr an die Außenalster zu gehen und ein Picknick zu machen. Einen Klapptisch und ein paar Stühle haben wir ja, eingekauft haben wir auch noch dafür.” Astrid runzelt die Stirn “Sind Martina und Bernd nicht in Spanien?” Michael schüttelt den Kopf “Ihr Männeken steht jetzt noch im OP. Für ihn ist der Karfreitag gelaufen.” Astrid schaut an die Uhr und schweigt. Martina weiß also Bescheid. Gut, daß Michael ihre Hilfe in Anspruch nimmt. Er hat mit seinen Diensten ohnehin genug am Hals.

Sie räumen den Tisch ab und gehen ins Bett. Michael fragt “Willst Du eine Tablette?” Astrid sagt “Ausnahmsweise. Das führen wir aber nicht ein.” Sie nimmt das halbe Stück, einen Schluck Wasser und beide kuscheln sich in den Schlaf.

3.

Martina ist nach Hause gekommen und hat ihrem Männeken etwas zu Essen gemacht. Sie kocht ihm einen Tee und füllt ihn in eine Thermosflasche. Dann legt sie sich ins Bett und läßt die Nachttischlampe noch eine Weile brennen. Astrid und Michael tun ihr aufrichtig leid. Die Idee, Astrid in die Onkologie zu holen, damit sie etwas zu tun und ihre Probleme aus dem Kopf bekommt, ist aber nahezu genial. Und Martina kann die Hilfe auch dringend brauchen. Nur muß sie Astrid gut beobachten, denn die Arbeit, bei der man eben nicht nur Erfolgserlebnisse hat, kann sie auch richtig herunterziehen. Und für den Fall braucht sie unbedingt einen Plan B, der sich dann möglichst sofort umsetzen läßt.

Sie läßt auch das Gespräch mit Natasha noch einmal Revue passieren. Ihre Argumente für den Schleier sind nicht von der Hand zu weisen. Martina haben die Kerle früher auch angeödet. Nur ist sie im Gegensatz zu Natasha jetzt aus dem Alter raus, wo man ihr nachpfeift. Sie will sie am Donnerstag bitten, ob sie ihr so ein Kleid und einen Schleier beschaffen kann. Und am Sonntag wird sie bei der Osterwanderung des Tanzkreises ein paar Frauen beiseite nehmen, um einen Plan für die Tanzturniere zu schmieden. Bis zum Juni wird Astrid hoffentlich noch so weit auf den Beinen sein, daß sie auch das zweite Turnier verkraften kann, nur ihr Aussehen gibt ihr noch Rätsel auf. Martina macht das Licht aus und schläft bald ein.

Als sie aufwacht, erschrickt sie – das Bett neben ihr ist immer noch unberührt. Es ist bereits um neun, sie steht auf und verläßt das Schlafzimmer.

Wie immer, hat sie sich ihre Sachen für den Tag schon im Wohnzimmer bereit gelegt, um Bernd nicht zu stören. Sie nimmt eine kurze Dusche und hängt dabei ihren Gedanken von gestern nach. Der Tanz ist Astrids große Leidenschaft. Sie ist die Perle des Tanzkreises und auch immer wieder der Publikumsmagnet. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß ihre langen blonden Haare ihnen bei der Wertung nicht schaden. Frauen haben beim Tanz nicht nur die Figuren exakt aufs Parkett zu zaubern, sondern mit ihrer Anmut und ihren extravaganten Kleidern das Augen der Zuschauer zu erfreuen. Dafür geben sie ihr Geld aus. Und das sitzt auch in den Köpfen der Wertungsrichter. Martina schaut in den Spiegel. Nun, sie tanzt jetzt in der Gruppe Senioren III, da sieht man schon mal über ein paar Falten hinweg. Aber Astrid und Michael sind in der Hauptgruppe II, da ist die Konkurrenz gnadenlos. Eine Krebspatientin auf dem Tanzparkett? Eher konvertiert der Bischof zum Buddhismus.

Martina ißt derweil ein paar Happen und schaut aus dem Fenster. Um die Ecke biegt ein Taxi, Bernd steigt aus und geht langsam ins Haus. Sie umarmen sich. Martina erklärt ihm, was sie heute vorhat. Er nickt nur, nimmt sich noch ein Brötchen und geht dann geradewegs ins Bett. Eine Viertelstunde später fährt ein Auto vor. Martina öffnet das Fenster und winkt Astrid zu, die aussteigt und zum Haus laufen will. Sie packt ihren Picknickkorb und schließt leise die Tür. Ihrem Männeken hat sie noch einen Zettel auf den Tisch gelegt und das Mittagessen in die Backröhre gestellt.

Astrid steht vor dem Haus und umarmt Martina inniglich, sie setzen sich zusammen auf die hintere Sitzbank und Michael fährt. Martina schaut Astrid eine an Weile an und schweigt, um sie zum Reden zu provozieren. Astrid lächelt, hält es aber erst nach einer Weile nicht mehr aus “Martina, besten Dank, daß Du uns hilfst und Dir um mich solche Gedanken machst.” “Na, was erwartest Du denn sonst von mir? Und wie war es gestern?” Michael schweigt. Martina schaut Astrid an. “Nun, ich habe mir schon meinen Teil gedacht, als kein Anruf und auch kein Michael kam. Ein negativer Befund hätte ja stehenden Fußes bei Johann Cölln in Pinot Noir ertränkt gehört.” Martina blickt zu Michael, der sieht das im Rückspiegel. “Astrid hat mich nur angesehen, als ich kam und mich umarmt. Und dann haben wir drei Stunden schweigend auf dem Sofa gesessen. Vor Euch Frauen Geheimnisse haben zu wollen, ist ja vollkommen aussichtslos.”

Martina nimmt Astrid in dem Arm und drückt sie ganz fest. Dann werden beide aber ernst. Astrid sagt, daß sie das ja gerade erst bei ihrer Mutter erlebt hat und daß sie ob der vielen Krebsfälle in der Familie nicht ernsthaft damit rechnen konnte, daß der bittere Kelch an ihr vorübergeht. Freilich hatte sie gehofft, daß sie noch ein paar schöne Jahre mehr haben werde. Derweil sind sie an der Außenalster angekommen.

Sie stellen das Auto ab und setzen sich in die Sonne. Familien mit Kindern kommen vorbei und auch eine Menge Touristen flanieren am Seeufer. Darunter auch ein paar Araber mit ihren Frauen, allesamt in schwarz gekleidet und die Gesichter bis zur Nasenwurzel verhüllt. Astrid sieht sich die Frauen an und wird nachdenklich. Martina fragt sie nach einer Weile, ob sie sich an Natasha erinnern könne. Astrid schüttelt den Kopf.  Michael hilft ihr “Natasha war als Schwesternschülerin auf unserer Station, als ich gerade AiP war. Sie hat ihren Abschluß mit Bravour gemacht und war alsbald als Nachfolgerin der Stationsschwester vorgesehen, die dieses Jahr pensioniert wird, ist aber dann mit ihrem Mann nach Arabien gegangen.”

“Stimmt”, sagt Astrid, “da hattet Ihr doch die große Abschiedsparty.” “Ja. Und gestern war sie wieder da. So, nur noch einen Zahn schärfer” sagt Martina, den Araberinnen nachblickend. Astrid schaut sie zweifelnd an “Wie, noch einen Zahn schärfer?” Martina hält sich die Hand vor die Augen “Komplett schwarz.” “Da sieht sie doch nichts!” Michael zu ihr “Nun, mich hat sie erkannt und den Ausgang von der Station auch gefunden. Ganz so schlimm kann es nicht sein.” Martina sagt “Kein Stoff ist so dicht, das man gar nichts sehen kann. Sie trägt zwei Lagen transparenter Gaze über den Augen und das ist wie eine starke Sonnenbrille. Wenn sie ins Dunkle kommt, kann sie eine Lage zurückschlagen.” “Und warum macht sie das hier in Deutschland?” fragt Astrid.

Martina berichtet ihr, was Natasha von Arabien erzählt hat. Astrid pflichtet ihr bei. Sie wundert sich auch immer, wie die Kerle hier auf die abstruse Idee kommen, daß eine Frau wie sie noch zu haben sein könnte. “Astrid, Du glaubst doch nicht etwa, daß diese Pfeifen zwei Wochen lang mit irgendeiner Frau klarkommen?” fragt Martina. “Ich bin ja Gott sei Dank aus dem Alter raus, aber zu meiner Zeit war das wenigstens genauso lästig. Und da hat auch der Kuppelparagraph nichts geholfen. Doppelmoral war schon immer en vogue hierzulande.”

Astrid greift nach einer ihrer langen goldenen Haarsträhnen und läßt sie durch ihre Hand gleiten. Sie sieht Michael an und fragt “Wachsen die danach wieder?” “Ja, aber das dauert lange. Solange Du die Chemotherapie machst, wächst kein Haar nach. Und auch dann nicht gleich. Du bist kräftig gebaut, bei Dir gibt es gar keinen Grund, etwas zu riskieren und irgendwelche Abstriche zu machen.” Astrid lächelt “Du weißt schon, warum Du mich so gut fütterst.” Michael fährt fort “Das ist kein Spaß. Ein Teil der Patientinnen, die sie nicht verkraften, sind innerhalb weniger Jahre wieder bei uns.”

Astrid nickt “Und dann läuft das so wie bei meiner Mutter.” “Nicht bei allen, aber bei den meisten ist es so ungefähr” sagt Michael, “nur das das ein paar Wochen länger dauert. Deine Mutter hatte schon Schmerzen und überall Metasthasen, als sie zum Arzt ging. Die Wiederholungsfälle, die wir haben, fallen dagegen erstmal nur durch die Nachuntersuchungen auf. Am Ende macht es aber oft keinen Unterschied, das stimmt.”

Martina fragt “Astrid, wie alt bist Du jetzt?” “Noch siebenundzwanzig” “Also reden wir Klartext,” sagt Martina. “Ich weiß ja, daß Du jetzt nicht ins Wasser gehst, also ist es unfair, Dich anzulügen.” sie blickt Astrid an. Astrid ist gefaßt und nickt nach einer Weile. Daraufhin fährt Martina fort “Du hast jetzt entweder noch zwei Jahre mit Deinen tollen Haaren, so wie sich mir das nach meinen Beobachtungen auf der Station in den vergangenen Jahren darstellt, wovon etwa ein Viertel der Zeit alles andere als prickelnd ist, wie Du selbst weißt und Du gehst dann zu Deiner Mutter. Oder zwei Jahre ganz ohne Haare (Astrid reißt erschrocken die Augen auf) und danach, so Gott will, sechzig mit Haaren. Es gibt, so schrecklich das für Dich jetzt natürlich ist, da eigentlich gar keinen Gedanken zu verschwenden. Augen zu und durch.” Michael blickt sie an und sagt nach einer kurzen Pause “Die Chancen stehen bei etwa siebzig Prozent, daß Martina so Recht hat. Der Rest ist russisches Roulette.”

Astrid schweigt. Martina steht auf und holt ihren Korb aus dem Auto. Sie rückt ihren Klappstuhl direkt neben den von Astrid und fährt fort “Und weil wir schon mal dabei sind und Du aus nachvollziehbaren Gründen nicht gerade bei uns auf der Station ein und aus gehst: keine Haare, heißt gar keine Haare. Augenbrauen und Wimpern gehören da dazu. Deshalb gefallen mir die Klamotten der Araberinnen ja gerade so gut.”

Astrid schluckt tief. Ihre Augen werden feucht “Und wie lange dauert das, bis sie weg sind?” Martina schaut sie eine Weile an und beschließt, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben. “Es ist schon ganz gut so, daß Du das jetzt gleich weißt. Da hast Du es dann viel leichter.” Sie blickt kurz über die Alster und wendet sich dann wieder Astrid zu “etwa bis Pfingsten …”

Damit bricht bei Astrid der Damm endgültig. Martina nimmt sie in ihre Arme und drückt sie ganz fest. Michael streicht ihr über den Kopf. Er ist hin und hergerissen zwischen Trauer und tiefer Dankbarkeit für Martina. Sie nimmt nach einer Weile die Flasche, gießt einen Doppelten ins Glas und reicht es Astrid. “Ich sehe grad, Du hast einen nötig.” Michael wischt ihr mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht. Astrid nickt, nimmt das Glas und kippt ihn hinunter. Martina packt die Flasche wieder ein. “An der Stelle haben die Araberinnen freilich ein Problem. Die müssen ohne Alkohol auskommen.”

Michael fragt Martina “Hast Du mit Natasha einen neuen Termin ausgemacht?”  “Ja, für Donnerstag um 16:00 Uhr.” Michael überlegt “Donnerstag. Am Donnerstag wird ein Zweibettzimmer frei. So wie ich Natasha von früher in Erinnerung habe und wie sie mir gestern auf dem Flur begegnet ist, ist sie wie Astrid stark wie ein Schiffstau. Ich werde mit der Stationsschwester reden, daß das Zimmer nicht anderweitig belegt wird.” Martina sagt “Das ist eine gute Idee. Wir können beiden keinen größeren Gefallen tun, als ihnen keine Heulsuse aufs Zimmer zu legen.” Astrid lächelt sauer “Ihr habt ja eine hohe Meinung von mir.” Michael und Martina antworten im Chor “Ja, haben wir” und streichen ihr einträchtig übers Haar. Sie lehnen sich zurück und genießen die pralle Märzsonne. Es ist ein windstiller Tag und schon fast so warm wie im Sommer.

Nach einer Weile sagt Martina “Ich brauche eine Assistentin, weil ich im Behördenkrieg ertrinke. Also nicht gerade irgendeine Schreibkraft, sondern jemand, der auch mal den Leuten bei den Krankenkassen und den Sozialämtern kräftig vor das Schienbein tritt. Ich werde mit dem Professor reden, daß wir da einen Teilzeitplatz einrichten, der als Schonplatz durchgeht.” Astrid spürt, wie Martina sie anschaut. Sie blicken sich lange in die Augen. An die Kleinen in ihrem Kindergarten hatte sie noch gar nicht gedacht. Sie sinkt in sich zusammen. Martina steht auf, hockt sich vor ihr hin, legt ihr den Finger unters Kinn und sagt “Kopf hoch!” Astrid ringt wieder mit den Tränen. Michael nimmt sie in die Arme und drückt sie eine Zeitlang. “Martina,” schluchzt Astrid, “Martina, Du bist ja so gut zu mir.” Astrid rinnen die Tränen über die Wangen. Sie sieht sich, so wie gerade von Martina beschrieben, vor dem Spiegel stehen und stellt sich die verheerende Wirkung dieses Anblicks auf ihre kleinen Schützlinge vor. Sie schlägt die Hände vors Gesicht. Nach ein paar Minuten greift Michael wieder nach dem Taschentuch, schiebt Astrids Hände beiseite und trocknet ihr das Gesicht ab. Dann küßt er sie und nimmt sie in die Arme.

Er erzählt ihr, wie der Professor jahrelang darum gekämpft hat, eine Psychologin auf der Station zu haben und wie wichtig ihre Arbeit ist, denn wenn sich die Patientinnen aufgeben, dann ist alle ärztliche Kunst machtlos. Wenn Martina jetzt eine Hilfe bekommt, hat sie öfter genau dann Zeit für die Patientinnen, wenn diese sie am Nötigsten brauchen. “Und Du kannst die Arbeit auf der Station machen, wann immer Dir die Behandlungen Zeit lassen und Du dazu in der Lage bist.” Astrid nickt “Und wie lange?”  “Solange Krankenkasse und Arbeitgeber mitmachen. Bei der Klinik sehe ich das kleinere Problem. Bei der Krankenkasse muß ich meinen Schwager fragen.” antwortet Martina.

Michael fragt “Was macht Dein Schwager?” “Der ist Fachanwalt für Sozialrecht und hat eine Kanzlei in Altona.” “Ist ja gut, daß man so etwas auch mal erfährt.” antwortet Michael leicht vorwurfsvoll. “Mandate hat er mehr, als er bearbeiten kann. Aber oft nahezu für Gotteslohn.”  “Das liegt leider in der Natur der Sache.” pflichtet ihr Michael bei “Aber ich schlage vor, daß wir uns über die Buletten hermachen.” Sie stehen auf und holen den Tisch sowie das Mittagessen aus dem Auto.

Nach dem Essen fragt Martina “Was macht Ihr eigentlich am Sonntag?” “Na wandern, was sonst?” sagt Astrid. “Michael hat nur am Samstag und am Montag Dienst.” “Sehr gut. Wir müssen uns noch über die Turniere in Norderstedt unterhalten.” Astrid zuckt mit den Schultern und schaut Michael an. Der antwortet “Das Paar heißt ‘Astrid und Michael Skoda’. Ich tanze entweder mit Dir oder gar nicht, da waren wir uns schon immer einig. Und es gibt überhaupt keinen Grund, daß sich daran jetzt etwas ändern sollte.” Martina pflichtet ihm bei “Das ist ganz meine Meinung.” Astrid antwortet “Wißt Ihr, ich tanze zwar leidenschaftlich gern, aber diese Herrschaften wollen ja eher eine Barby-Puppe als eine Frau sehen. Und dann sollen sie sich halt eine hinstellen. Ich trainiere gerne eine Breitensportgruppe, da sind die Leute dankbar und nehmen mich, so wie ich bin.”

Martina blickt sie von der Seite an und antwortet “Du sprichst mir aus der Seele. Dieser Schönheitswahn und Fairness im Sport sind ein Anachronismus. Das wurmt mich schon lange. Wir sollten den Herrschaften mal einen richtigen Denkzettel verpassen. Aber wenn das überhaupt jemand kann, dann seid ihr das, niemand anders. Und dann auch nur jetzt.”  “Hm, Du hast Recht” antwortet Astrid. “Wir trainieren ja jetzt schon viel zu wenig und ab Sommer ist der Ofen dann ganz aus. Es dauert ja mindestens vier oder fünf Jahre, bis wir vielleicht mal wieder dort sind, wo wir jetzt stehen. Ohne Abschiedsparty wollte ich ja eigentlich nicht abtreten. Aber die Leute müssen mich unbedingt so in Erinnerung behalten, wie ich jetzt bin, sonst können wir unser Comeback gleich abschreiben. Und danach sieht es ja nun nicht gerade aus.”

“Das ist nicht ganz die Quadratur des Kreises.” sagt Martina. “Aber ziemlich nahe dran.” entgegnet Michael. “Mir tut es auch immer im Herzen weh, wenn jemand so plötzlich den Sport aufgeben muß und dann meistens wegen einer Lappalie, die im Alltag nicht groß auffällt oder mit wenig Aufwand in den Griff zu bekommen ist. Deshalb bin ich da ganz bei Dir, Martina und sofort zu jeder Schandtat bereit. Aber zur praktischen Umsetzung fehlt mir grad die nötige Phantasie.”

Martina sagt darauf “Kommt bitte nach der Wanderung zu mir nach Hause. Meine Nichte kommt, die muß bis Ende Juli ihre Abschlußarbeit fertig haben und hat noch kein Thema dafür. Das heißt also, daß das Kleid vorher noch ausgeführt werden kann, bevor sie es abliefern muß. Für sie ist der Auftrag ganz wichtig, weil eines der Hauptkriterien ist, daß die Stücke auch getragen werden können. Und das kann man ihr in dem Fall ja nicht abstreiten. Maßnehmen wäre also ganz nett. Am Dienstag kann ich dann ihren Mentor anrufen und ihm die Idee schmackhaft machen.” Astrid lächelt sauer und denkt an die Araberinnen “Schaun wir mal, was dabei rauskommt.” sagt sie skeptisch. Jetzt ist es an Martina, ihr einen Knuff zu verpassen. Sie lachen und packen, da die Sonne langsam untergeht, ihre Sachen zusammen.

4.

Es ist nach drei Uhr am Nachmittag, als Bernd aufsteht. Seine Sekretärin war sehr optimistisch gewesen, als sie Martina anrief. Er hat bis früh um acht Uhr am OP-Tisch gestanden und einer Motorradfahrerin, die kurz nach Mitternacht eingeliefert wurde, ein Bein amputiert und die Unterarmknochen zusammengeschraubt. Die Frau ist quasi gut davon gekommen, sie war am Abend in eine Wildschweinrotte gefahren, die die Straße überquerte. Das überlebt nicht jeder. Sie hatte in ihrem Unglück alles Glück der Welt gehabt, denn im Licht des Gegenverkehrs waren kurz die Umrisse der Tiere zu sehen, so daß sie hat noch abbremsen können. Und dieser Gegenverkehr war ein Rettungswagen gewesen, der gerade von einem Einsatz in die Leitstelle zurückkehrte.

Bernd ruft in der Klinik an und erkundigt sich nach dem Zustand der Patientin. Er ist zufrieden, geht in die Küche und liest den Zettel, den Martina ihm auf den Tisch gelegt hat. Von Astrids morgendlichem Ausflug auf die Onkologie hat er natürlich gehört, die Klinik ist eben ein Dorf. Und da er von Astrids Verwandtschaft weiß, überrascht ihn der Befund auch nicht. Er schaut in den Backofen, wohin Martina das Essen gestellt hat. Hungrig ist er nicht so recht, er nimmt sich zwei Stücke Brot, belegt diese mit Käse, greift sich eine Dose Bier und legt sich nach dieser üppigen Mahlzeit wieder aufs Ohr.

Er wacht auf, als im Korridor die Türe geht und er hört, das mehrere Leute die Wohnung betreten. Also nimmt er sich einen Bademantel und schaut nach, wer da kommt. Er umarmt Martina und bittet den unerwarteten Besuch ins Wohnzimmer und um etwas Geduld. Nach einer kurzen Dusche kommt er in einem Anzug und einem weißen Hemd, aber ohne Krawatte ins Wohnzimmer.

Martina und Astrid schauen ihn an “Willst Du ausgehen?” “Heute ist Feiertag, jedenfalls ein Rest davon. Und für morgen hat man mir freundlicherweise einen Dienst aufgebrummt. Für Sonntag habe ich aber gemauert.” Martina hebt den Daumen. Dann schaut sie Astrid an und sagt “das ist der Urlaub eines Unfallchirurgen.”  Bernd sagt “Jammere nicht. Die Schichten, die Michael schiebt, sind auch nicht von Pappe.”

Er blickt Michael an und fragt “Und wie geht es weiter?” Michael meint “Sie wird am Dienstag zum Hausarzt gehen, damit der sie krankschreibt und in die Klinik einweist.” Bernd sagt zu Astrid “Prima, dann sehen wir uns ja öfter. Ob und wann ich mal zu Hause bin, weiß Gott allein.” “Und in der Klinik stehst Du eh nur im OP.” antwortet Martina. “Nicht immer, aber immer wieder. Manches schaffen auch meine Stationsärzte dank der Ausbildung, die sie bei mir genossen haben. Ich werde also gerne vorbeikommen, wenn Du das erlaubst, Astrid.” Sie lacht “Ich werde mich hüten, Besucher wegzuschicken, auch wenn es Chirurgen sind.” Sie lachen.

“Ja und so leid es mir für Dich tut,” sagt Bernd an Martina gewandt, “aber wir müssen in Zukunft häufiger trainieren, um in Astrids Abwesenheit die Ehre des Tanzkreises zu retten.” “Wie soll das gehen?” fragt sie ihn neugierig. “Nun, nichts einfacher als das. Wir haben in der Inneren Abteilung einen großen Konferenzraum, Du kennst den, Michael.” Michael nickt. “Da finden zweimal im Monat Patienteninformationsabende statt, sonst nichts. Also kann man den Rest der Zeit die Stühle zusammenrücken und Tanzunterricht geben. Das wird ein Gaudi für die Patienten und für die Kollegen, die damit die Leute aus den Betten locken können.” “Und wer gibt den Unterricht?” unterbricht ihn Astrid. “Immer diejenige, die fragt. Wer sonst?” Bernd lacht.

“Natürlich ist das jetzt nicht ganz uneigennützig. Denn wenn ich im Bereitschaftsdienst nicht im OP stehe, hätte ich gerne mit meiner Liebsten an unseren Fähigkeiten beim Wiener Walzer gearbeitet.” Astrid steht auf, geht zu Bernd, nimmt seine Hand und sagt “Top, Dein Wort gilt.” Michael kratzt sich am Hinterkopf und meint, er persönlich würde erstmal den Saal loseisen, bevor er große Sprüche klopft. Bernd schaut ihn an und grinst “Mach Dir keine Hoffnungen. Der Chef der Inneren ist vorige Woche zum ersten Vorsitzenden der Tanzsportabteilung in Norderstedt gewählt worden. Und der hat mir schon Schläge angedroht, wenn er uns den Saal gibt und Ihr dann nicht zu den Turnieren im Mai und Juni kommt.”

“Das mußt Du mit Michael und Deiner Frau ausmachen.” antwortet Astrid. “Stimmt, Michael muß Dir als Dein Stationsarzt Ausgang geben. Da kann ich ihm keine Vorschriften machen, das muß er verantworten. Aber Ausgang in ärztlicher Begleitung ist kein Problem, solange jemand transportfähig ist. Was hat aber Martina damit zu tun?” fragt Bernd. “Ich muß mit Annette ein Kleid für Astrid fertig machen.” antwortet sie ihm. Bernd schaut Michael und Martina fragend an. “Astrid bekommt alles, was die Onkologie auch nur anzubieten hat. Da gibt es gar keine Frage.” antwortet der. “Hast Du Recht. Alles andere wäre grob fahrlässig. Weiß der Norderstedter das?” fragt Bernd zurück. “Nun, Bernd, die Spatzen haben ja einiges von den Dächern der Klinik gepfiffen. Wenn er das nicht mitbekommen hat, kann ihm eigentlich keiner helfen.” Bernd nickt. “Mir ist aber noch nicht ganz klar, wie man das mit einem Kleid hinbekommt?” fragt Bernd zum Schluß Martina und Astrid.

Astrid zuckt mit den Schultern. Martina hält sich die Hand quer vor die Stirn und läßt sie vor dem Gesicht nach unten sinken. Bernd feixt “Das ist fein, da müssen sie durch.” Er schlägt sich laut lachend auf den Oberschenkel und geht in die Küche. Eine Minute später ist er mit einer Flasche roten Sektes und vier Gläsern zurück. Martina sagt “Für Astrid einen Saft.” Bernd schaut Astrid an, sie nickt. Bernd geht und holt eine Flasche Birnensaft. Bernd erhebt sein Glas und sagt “Auf die neue Tanzlehrerin des Universitätsklinikums.”

Sie sitzen noch eine Weile zusammen und klönen. Martina geht in die Küche und macht aus dem, was sie Bernd hingestellt hatte, für alle vier einen Imbiß. Kurz vor zehn verlassen Astrid und Michael das Haus.

5.

Am anderen Tag holt Martina ihre Nichte am Hauptbahnhof ab. Annette ist ganz neugierig, was sie da schneidern soll, Martinas Erklärungen waren am Telefon eher nebulös geblieben.

Sie erfährt, daß Astrid eine Chemotherapie bekommt und daß dringendst ein Turniertanzkleid mit geschlossener Kopfhaube gebraucht wird, und zwar bis Pfingsten. Annette pfeift durch die Zähne. Bis Pfingsten? Martina nickt. Annette sagt ihr, daß eine gut sitzende Kopfhaube so ziemlich das Schwierigste ist, was man schneidern könne. Und dann, sagt sie, glaube ihr an der Schule ohnehin keiner, daß so etwas jemals getragen würde. Martina widerspricht. “Du bekommst Fotos von den zwei Tanzturnieren. Und wenn Deine Lehrer behaupten, die wären montiert, dann kriegen sie die Negative.” Annette schaut ungläubig. “Spätestens nach dem ersten Turnier ist doch der Hase weg. Danach lassen die Organisatoren Euch schon vorher abblitzen.” Martina pflichtet ihr bei. Normalerweise sei das ja auch so, aber eben nicht bei Astrid und Michael Skoda.

Martina fährt mit Annette in den Hamburger Norden. Dort ist in einer Seitenstraße ein Geschäft mit  Kunstgegenständen aus dem Mittleren Osten. Die führen auch afghanische Burqas. Martina bittet den Verkäufer, ihnen eine Burqa zu zeigen. Der Verkäufer fragt, für wen diese bestimmt sei. Martina zeigt auf sich. Sie sagt ihm noch dazu, daß das Sichtgitter auf kurze Distanz blickdicht sein müsse. Er nickt und verschwindet im Untergeschoß. Annette und Martina schauen sich derweil die ausgestellten Möbelstücke, Lampen und Kleider an. Nach kurzer Zeit kommt der Verkäufer mit einer weinroten Burqa zurück. Er hat auch einen passenden Rock dazu mitgebracht. Martina probiert die Burqa an. Der Kopfeinsatz paßt, er ist weder zu weit noch drückt er. Astrid hat einen etwas kleineren Kopfumfang als sie, notfalls kann sie drunter ein Stirnband tragen. Also nehmen sie das gute Stück mit.

Zu Hause probiert Martina die Burqa und den Rock an. Die Sicht ist deutlich eingeschränkter, als bei dem Niqab, den ihr Natasha gezeigt hat. Dafür hat man eine klarere, nicht so kontrastarme Sicht. Sie räumt mit Annette den Tisch beiseite und legt eine Platte mit Langsamen Walzern auf, zieht sich die Burqa übers Gesicht und bittet Annette zum Tanz. Die Platte läuft auf jeder Seite eine halbe Stunde. Annette dreht sie dreimal um, bis sich Martina schließlich aufs Sofa setzt, die Burqa abnimmt und sie Annette reicht. Annette schaut sich den Kopfteil aufmerksam an. “Wollt Ihr das mit dem Gitter auch so haben?” fragt sie. Martina schüttelt den Kopf. “Nimm einen etwas dunkleren, von innen gut durchsichtigen Stoff.” antwortet sie “Astrid muß sich gut im Raum orientieren, aber nicht unbedingt lesen können. Und wenn der Stoff lichtdurchlässig ist, dann ist er auch atmungsaktiv. Wir schauen uns heute noch ein bißchen die Stadt an, morgen ist vormittags die Wanderung und dann kommen Michael und Astrid zum Maßnehmen. Bis dahin müssen wir ihnen ungefähr sagen können, wie das Kleid aussehen wird.”

Sie fahren zum Rathaus und schließen sich einer Führung durch die Bürgerschaft an. Dann gehen sie in ein paar Damenbekleidungsgeschäfte. In einem finden sie schließlich diese schwarzen Minikleider, von denen Astrid gestern an der Außenalster eines trug. Martina und Annette schauen es sich genau an. Es hat einen sehr langen Kragen, an dessen oberen Ende eine Kordel eingezogen ist. Der Stoff liegt am Kragen doppelt. Am Rest des Kleides erscheint er von innen gut durchsichtig, aber von außen glatt schwarz. Martina geht damit in die Umkleidekabine und probiert es an. Durch den nicht ganz geschlossenen Vorhang beobachtet eine Verkäuferin zufällig, wie sich Martina den Kragen über den Kopf zieht und verknotet, sie lächelt und wendet sich ab. Weil Martina Astrids Größe kennt, kauft sie je eines für sie und für sich. Dann gehen sie zu den Landungsbrücken und machen eine Hafenrundfahrt.

Als sie nach Hause kommen, gibt Martina Annette ein paar Stecknadeln und eine Schneiderschere. Sie zieht eines der Minikleider an und läßt Annette ihr in der Innenlage des Kragens ein Gesichtsfeld wie bei der Burqa abstecken. Dann zieht sie sie aus und bittet sie, in der Form ein Loch in diese innere Lage des Kragens zu schneiden. Danach macht sie für sie beide und Bernd etwas zu essen. Für Annette ist das kein Kunststück, sie ist in ein paar Minuten fertig. Der Stoff franst auch nicht aus, so daß es erstmal auch ohne Umnähen geht.

Als Bernd eine Stunde später heimkommt, empfangen ihn Annette und eine Frau mit einem vollkommen verhüllten Kopf. Bernd wundert sich. Annette schickt ihn ins Wohnzimmer. Sie und die verhüllte Frau servieren ihm das Abendbrot. Bernd findet den Anblick recht interessant und mysteriös. Als der Tisch gedeckt ist, greift Martina nach oben, zieht die Kordel heraus und läßt den Kragen nach unten gleiten. Bernd umarmt und küßt sie.

Nach dem Essen zieht sich Martina den Kragen wieder über den Kopf. Sie setzen sich zusammen vor den Fernseher und schauen eng umschlungen das Musikantenstadl an. Bernd muß immer wieder zu seiner Frau blicken. Sie spürt das und es kichert in ihrem Minikleid.

***

Am anderen Morgen treffen sie sich mit dem Rest des Tanzkreises in der S-Bahn-Station Königstraße. Lediglich Jana fehlt. Martina fragt, wer Jana sei. Sie erfährt, daß Jana erst seit zwei Wochen im Tanzkreis sei, leidenschaftlich gern Motorrad fahre und am Donnerstag abend nach dem Training vor ihrer Heimfahrt das letzte Mal gesehen worden sei. Bernd und Martina schauen sich an, sagen aber nichts. Sie fahren mit einem Zug der Linie S1 bis Wedel und von dort mit dem Bus nach Quickborn. Dann wandern sie die vier Kilometer zum Himmelmoor, welches immer noch ein Torfstich ist. Die Naturschützer, die ihnen das Moor zeigen, kämpfen seit längerem darum, daß es renaturiert werde. Der Tanzkreis kehrt zum Mittagessen ein und fährt dann mit der Bahn von Quickborn zurück nach Hamburg.

Unsere fünf kommen nun zu Bernds Wohnung. Martina verschwindet im Schlafzimmer und kommt in ihrem Minikleid und mit verhülltem Kopf zurück. Bernd und Michael lächeln bei dem Anblick. Astrid dagegen wundert sich darüber, daß Martina ein Kleid wie sie selbst trägt und darin so sicher umherläuft, obwohl ihr Kopf komplett mit dem dicken schwarzen Stoff des Kragens umhüllt ist, in den sie nirgendwo Öffnungen geschnitten hat. Annette nimmt Astrid mit in die Küche, Martina geht ins Schlafzimmer und holt das zweite Minikleid, die Burqa sowie den Nähkasten. Dann geht sie in die Küche und schließt die Tür ab. Eine halbe Stunde später treten zwei gleich schwarz verhüllte Frauen vor Bernd und Michael, haken sich unter und tanzen im Kreis herum. Da sie nichts sagen, dürfen die beiden Männer raten, wer wessen Ehefrau ist. Sie liegen daneben, Martina und Astrid lachen begeistert.

Sie gehen zurück in die Küche, nehmen sich die Kragen vom Kopf und diskutieren mit Annette ausgiebig, wie das Tanzkleid am besten aussehen solle. Die Idee mit der Kopfhaube wird verworfen, mit einem langen Kragen wie beim Minikleid ist eine praktischere Lösung für einen Kopfschleier gefunden, die Annette in der Kürze der Zeit auch anfertigen kann. Und weil der Kragen auch unten getragen werden kann, steht es vollkommen außer Zweifel, daß man das Kleid auch normal verwenden kann.

Annette wird dann in den nächsten sechs Wochen noch zweimal zum anprobieren in die Klinik kommen. Astrid bittet Martina, ihr am kommenden Dienstag noch so ein Minikleid zu kaufen, damit sie etwas zum Wechseln hat.

6.

Am anderen Tag wacht Astrid auf, als Michael bereits in der Klinik ist. Astrid schaut sich die Burqa und ihr Minikleid an und beschließt, erst einmal die Burqa auszuprobieren. Sie hat gehört, daß die das Gleichgewichtsempfinden beeinträchtige, was freilich beim Tanzen sehr nachteilig wäre. Sie tanzt vor etwa sich eine Viertelstunde lang einen Walzer und kommt dann zu dem Schluß, daß offenbar nicht jede diese Erfahrung machen muß. Weil sie aber in der Klinik das Minikleid tragen will, zieht sie das an und nimmt sich den Kragen nur vom Kopf, als sie sich zum Essen hinsetzt. Lesen kann man freilich nicht darin, aber ansonsten ist die Sicht durch den schweren Stoff erstaunlich gut.

Michael kommt heim, sieht Astrid verhüllt vor dem Fernseher sitzen und setzt sich zu ihr. Astrid streichelt sein Gesicht mit dem Stoff des Minikleids, so gehen sie ins Bett, um an diesem Abend noch etwas Spaß zu haben.

Am Morgen stehen sie zusammen auf und fahren in die Praxis des Hausarztes. Michael gibt der Sprechstundenhilfe einen Arztbrief und bittet sie darum, für Astrid die Krankschreibung und die Krankenhauseinweisung bis zum anderen Morgen fertig zu machen. “Kein Problem, Dr. Skoda” sagt sie und wünscht Astrid alles Gute. Dann fahren sie zusammen in die Klinik.

Astrid geht in den Kindergarten und bittet ihre Stellvertreterinnen zu sich in ihr Zimmer. Als diese kommen, stellt sie ihnen jede eine Tasse Kaffee hin und teilt ihnen mit, daß sie erst einmal auf absehbare Zeit krank geschrieben sein werde. Ihre Kolleginnen nicken. Sie wissen Bescheid und auch, was eine Chemotherapie bedeutet. Astrid sagt, daß sie zwar bald die Verwaltungsarbeit wieder machen, aber nicht mehr mit Kindern arbeiten oder zu den Betriebszeiten in den Kindergarten kommen könne. Die Mitarbeiterinnen nicken beide. Sie werden sich den Schreibkram teilen und die Personalabteilung bitten, befristet noch zwei Kindergärtnerinnen in Teilzeit einzustellen. Astrid bedankt sich bei ihnen und geht in die Kinderabteilung des Krankenhauses, um dort mit den nicht bettlägerigen Kindern Musik zu machen. Als sie zwei Stunden später zurückkommt, sagt ihre Kollegin, daß sie sogleich zu ihrem Mann auf die Station kommen möge.

Als sie zu ihm ins Zimmer tritt, sind der Chefarzt der Abteilung und Martina bei ihm. Der Chefarzt begrüßt sie herzlich und beglückwünscht sie dazu, so frühzeitig den Weg in die Klinik gefunden zu haben und die Diagnose mit so großer Fassung zu tragen. Er sagt ihr eindringlich, daß ihre Kraft und ihre Willensstärke immer der entscheidende Faktor für die Genesung bleiben und ohne diese alle ärztliche Kunst nutzlos sein werde. Dann erläutert er ihr die Therapie und deren Nebenwirkungen. Sie solle morgen zu den Voruntersuchungen für die Operation kommen und am Donnerstag um acht Uhr nüchtern auf der Station erscheinen. Am Abend werde sie sich dann, wenn sie aus der Narkose erwache, auf ihrem Zimmer wiederfinden. Sie bekomme ein Zweibettzimmer zusammen mit einer ehemaligen, sehr guten und allseits beliebten Mitarbeiterin der Station. Er wünscht ihr alles Gute, baldige Genesung und einen angenehmen Aufenthalt in seiner Abteilung.

Astrid lächelt, wenn jede so empfangen wird, ist es kein Wunder, daß sie sich hier vor dem Andrang kaum retten können. Sie verabschiedet sich und geht zurück in den Kindergarten, wo sie ihren Schreibtisch ausräumt und ihre persönlichen Sachen mitnimmt. Ihre Kolleginnen sind derweil schon in den Feierabend gegangen.

Die nächsten zwei Tage verlaufen wie angekündigt. Am Donnerstag abend wacht sie auf und findet sich in ihrem Krankenzimmer wieder. Sie drückt auf den Knopf und die Schwester kommt herein. Sie lacht sie an und fragt, wie es ihr geht. Die Schwester wechselt die Infusion an ihrem Arm und sagt ihr, daß sie ihren Mann schicken werde. Michael kommt, küßt ihren Mund und streichelt ihr Haar. Er sagt ihr, daß sie bis morgen weder Hunger noch Durst haben und am Besten schlafen werde. Alls sie ihm bedeutet, daß ihre Blase drückt, sagt er “Laß es laufen. Wir haben Dir in der Narkose einen Katheder gelegt.” Er streichelt ihren Kopf und fährt fort “in ein paar Minuten kommt Martina mit Deiner Zimmerkameradin. Gute Nacht.” Er winkt und verläßt das Zimmer. Kurz darauf kommt Martina mit Natasha. Natasha ist komplett schwarz gekleidet und verschleiert. Nachdem sich die Tür geschlossen hat, schlägt sie ihre Schleier zurück. Martina kommt und fragt Astrid nach ihrem Befinden. Astrid lächelt sie an und schläft gleich wieder ein.

Als sie am anderen Tag erwacht, ist es schon am späten Nachmittag. Die Schwester kommt, bringt ihr eine Schnabeltasse mit Tee und ein paar Scheiben Brot, etwas Butter und Wurst. Astrid hat tatsächlich Hunger. Kurz darauf geht die Tür auf und ein Bett wird herein gerollt, in dem Natasha liegt und schläft. Astrid nimmt sich ein Buch, sie ist immer noch entsetzlich müde und schläft bald wieder ein.

Am Samstag morgen kommt Michael mit den Schwestern ins Zimmer. Michael nimmt die Bettdecke beiseite und entfernt ihr mit einem Ruck den Katheder. Dann scheuchen sie Astrid aus dem Bett. Die Bettwäsche wird gewechselt und Michael geht mit ihr ins Badezimmer der Station. Er sagt zu ihr “Ihr habt zwar auch eine Waschecke im Zimmer, aber wir möchten Natasha jetzt noch in Ruhe lassen. Das Essen bekommst Du gleich in meinem Zimmer. Bitte schau, daß Du Dich auf der Station möglichst viel bewegst, damit Dir Deine Muskeln nicht eingehen.” Sie gehen in Michaels Zimmer und essen zusammen. Michael gibt ihr ein tragbares Kassettengerät und Kopfhörer sowie ein paar Bücher zum lesen. Astrid läuft Stunde lang auf dem Flur auf und ab, hört dabei “Middle of the Road” und blättert etwas in einer Illustrierten.

Am Abend erwachen Natashas Lebensgeister. Sie freut sich, nicht allein zu sein und bittet Astrid, sich an ihr Bett zu setzen. Sie klönen bis in die späte Nacht.

Als am nächsten Morgen auch Natasha aus dem Bett komplimentiert wird, kommt Leben in die Bude. Nach dem Frühstück bittet Astrid um ein paar Lautsprecher zu diesem Player. Natasha ist noch etwas wackelig auf den Beinen. Astrid nimmt sie in die Arme und sie tanzen zu “Middle of the Road” einen langsamen Walzer. Am Nachmittag fragt Astrid sie nach ihrem Aufenthalt in Arabien, das Leben und die Menschen dort.

Nach ein paar Minuten kommt Martina und sie unterhalten sich lange und angeregt. Martina fragt Natasha, ob die Frauen auch im Haus ihre Schleier trügen. Das gebe es auch antwortet sie, “zumindest in ein paar wenigen Regionen in Saudi Arabien ist das so.” Martina und Astrid schauen verwundert. “Dort legen die Mädchen mit vierzehn den Gesichtsschleier an und zeigen niemandem mehr, auch nicht ihrem Ehemann oder ihren Kindern, etwas anderes als ihre Hände und ihre Augen. Manche noch nicht einmal das.” Astrid findet das völlig übertrieben. Natasha lächelt und entgegnet “Das ist genial. Überleg mal, ein Mann, der nie das Gesicht seiner Frau gesehen hat, wird sie im Alter, wenn sie Runzeln hat, nicht rauswerfen und eine Junge nehmen. Er sieht die Runzeln ja nicht. Eine Scheidung ist dort für den Mann ein Kinderspiel und die Versorgung der Ex-Frau ist etwas völlig Anderes als hier” Martina bezweifelt das “Die Männer werden doch einfach nachts der Frau den Schleier lüften, wenn sie schläft.”  “Das kommt freilich vor,” sagt Natasha, “aber jeweils nur einmal. Denn wenn Du ständig ein Tuch auf dem Gesicht hast, wachst Du natürlich auf, wenn das weggezogen wird. Dann ziehen die Frauen aus und verlangen die Scheidung. Und das ist dort für das soziale Ansehen des Mannes eine Katastrophe.” Astrid und Martina schütteln ungläubig den Kopf. Natasha entgegnet “Das ist genauso ein heftiger Vertrauensbruch, wie hier fremdgehen. Die Männer haben mit dem Ehevertrag in die Bedingung eingewilligt. Sie hätten ja nicht diese Frau heiraten müssen, sondern eine andere, die nicht so streng der Tradition folgt. Ihr wußtet ja auch, was Euch erwartet, als Ihr Ärzte geheiratet habt.”

Astrid fragt, weshalb Natasha hier den Schleier trägt. “Aus Gewohnheit.” antwortet sie. “Ich werde ja wieder nach Arabien zurückkehren und dort ist das so selbstverständlich, wie hier für einen Mann, eine Hose zu tragen. Und ehrlich gesagt möchte ich auch nicht, daß mich jemand in dem Zustand sieht, in dem ich bald sein werde. Gerade nicht mein Mann und meine Kinder.” “Ist es denn besser für Deine Kinder, ihre Mutter nur verschleiert zu sehen?” fragt Martina. Natasha nickt “an den Schleier sind sie ja gewöhnt. Ich gehe ja mit ihnen auch raus. Sie erkennen mich an der Stimme, meinem Gang und allerlei Dingen, auf die Ihr gar nicht achtet.”

Astrid und Martina schauen sich an und lächeln. Astrid steht vom Stuhl auf, geht an den Schrank und zieht ihren Pullover aus. Sie nimmt eines der beiden Minikleider, streift es sich über und setzt sich zu Natasha. Sie lächelt, Natasha schaut neugierig, was es jetzt gäbe. Martina steht auf, zieht Astrid den Kragen über den Kopf, verknotet die Kordel und steckt die Enden in das kleine Loch. Natasha streicht Astrid über den schweren undurchsichtigen Stoff, der ihr Gesicht verdeckt. “Siehst Du etwas?” fragt sie. “Ungefähr so viel wie Du in Deinem dreilagigen Niqab.” antwortet Martina. “Ich muß jetzt leider gehen, mein Männeken wartet auf mich.” Astrid behält den Schleier an, Natasha ist fasziniert. Als sie erfährt, daß man das Teil in Hamburg kaufen kann und nur ein Loch in die Innenlage des Kragens schneiden muß, ist sie Feuer und Flamme und will unbedingt auch zwei davon haben.

Am nächsten Tag wird Martina ultimativ aufgefordert, auch für Natascha Minikleider aufzutreiben. Sie fährt kurzerhand los. Als sie zu dem Laden kommt, lächelt der Verkäufer und fragt nur nach der Größe. Als sie ihm die nennt, überlegt er kurz und sagt “Wissen Sie was, Sie sind ohnehin die Einzige, die nach den Dingern fragt. Ich habe hier noch zehn Stück unterschiedlicher Größen. Nehmen Sie sie alle zu einem Viertel des Preises. Martina findet die Idee gut und läßt sie sich einpacken.

Als sie mit dem dicken Paket in die Klinik kommt, schauen Astrid und Natascha etwas irritiert. Als sie Martina darüber aufklärt, daß das die letzten Stücke seien, sagen sie sich “Ist recht.” Astrid und Martina nehmen je eine, damit sind die ihrer Größe dann auch schon alle. Natasha findet in dem Packen noch drei ihrer Größe und greift ebenfalls zu. Die restlichen fünf wandern für andere Bedürftige auf Martinas Zimmer.

Die Tage vergehen, die Chemotherapie und die Bestrahlungen verfehlen ihre Wirkung nicht, jedenfalls nicht die sichtbare. Schon nach kurzer Zeit bestätigt sich, daß Astrids Haarpracht tatsächlich schon zu Pfingsten Geschichte sein würde.

Bernd hat in dem Konferenzraum der Inneren Abteilung die Tanzschule stationiert. Sie trainieren dreimal die Woche, an den Tagen, da Astrid keine Behandlung hat. Astrid findet Natashas Prämisse bestätigt, als es seitens der Eleven schon bei der ersten Tanzstunde entsetzte Gesichter gibt. Sie kann ja von niemandem erwarten, Tanzbewegungen von einer Trainerin zu lernen, der er aus leicht nachvollziehbaren Gründen nicht ins Gesicht schauen mag. Astrid zieht sich sogleich den Kragen ihres Minikleids über den Kopf und bittet darum, die volle Saalbeleuchtung einzuschalten. Das beifällige Raunen auf ihr lautes “So besser?” ist unüberhörbar. Sie klatscht in die Hände und zählt den nächsten Tanz an. Ihre Eleven sind sofort viel entspannter, aber auch verwundert und fasziniert. Astrid geht wie selbstverständlich durch die Reihen, korrigiert den Leuten ihre Bewegungen und nimmt die eine oder andere Dame in die Hand, um ihr einmal das Gefühl einer richtigen Führung zu geben und die Tanzpartner dabei zuschauen zu lassen. Und das, obwohl ihr Kopf von einem dicken schwarzen Stoff ohne jegliche Öffnungen vollständig verhüllt ist. Ein Herr fragt sie, ob er ihr Gesicht sehen dürfe – sie wendet ihm ihren Kopf zu, antwortet “das wollen Sie nicht wirklich” und geht zum nächsten Paar. Seine Partnerin raunt ihm zu “die ist Patientin auf der Krebsstation” was diesem ein “Unglaublich” abnötigt.

Beim nächsten Mal trägt Astrid unter ihrem Minikleid ein schnurloses Mikrofon mit einem Sender am Gürtel, denn das Kopfteil dämpft ihre Stimme beträchtlich und im Saal laut zu Schreien strengt sie unnötig an. Natasha hat großen Gefallen am Tanzkurs gefunden und ist jedes Mal mit dabei, auch wenn sie gerade zur Bestrahlung war und ziemlich ausgelaugt ist.

Annette war einmal zur Anprobe da und ist mit dem Tanzkleid schon gut vorangekommen. Sie wird es bis zum Turnier mit Sicherheit schaffen. Michael schaut, was er Astrid aus dem Turnierprogramm zumuten kann. Sie entscheiden sich, Tango und Quickstep auszulassen und konzentrieren sich dafür auf die Walzertänze und den Slowfox.

7.

Schließlich kommt das Pfingstfest. Weil da an mehreren Tagen hintereinander keine Behandlungen stattfinden, geht es Astrid ziemlich gut. Die Veranstalter haben mitgedacht, von Astrid und Michael ein schönes Portrait ins Programmheft gedruckt und ein paar Zeilen zur Erläuterung dazu geschrieben. Michael stellt sich vor Beginn des ersten Tanzes vor das Publikum, skizziert noch einmal ihre Karriere und dankt für die vielen Jahre aufrichtiger Treue. Er macht eine Pause. Es geht ein Raunen durchs Publikum. Er fährt fort “Leider sehe ich meine Frau inzwischen vor allem während meiner Arbeitszeit, als sie nun Patientin meiner Station im Universitätsklinikum ist. Das wird bald weiteres Training unmöglich machen und hat bekanntlich darüber hinaus sehr unschöne Nebenwirkungen. Ich bitte Sie deshalb um Ihr Verständnis.” Es gibt Applaus, er legt eine weitere Pause ein und hebt die Stimme. “Wir sind aber, so Gott will, in wenigen Jahren in der ersten Seniorengruppe wieder für Sie da.” Die Zuschauer erheben sich, er geht ab und holt Astrid aus der Umkleide.

Sie trägt einen Traum von einem Tanzkleid. Es ist in weiß gehalten, hat an verschiedenen Stellen marineblaue Einsätze und darauf goldene Pailettenstickereien. Der über ihren ganzen Kopf reichende, oben mit einer langen weißen Kordel verschlossene Kragen ist ebenfalls marineblau, setzt am Nackenbund an und hat keinerlei sichtbare Öffnungen. Das Kleid ist bodenlang, schulterfrei und am Rücken fast bis zur Hüfte offen. Astrid und Michael Skoda verneigen sich, ebenso wie die anderen Paare. Sie legen einen tollen langsamen Walzer aufs Parkett. Das Publikum ist angetan und spendet lang anhaltenden Beifall.

Ganz im Gegensatz dazu die Wertungsrichter. Die Skodas bekommen die schlechtesten Noten. Nicht nur Michael, sondern auch die anderen Paare sind entsetzt. Das Publikum wird unruhig, es gibt vereinzelt Pfiffe. Martina betritt das Parkett, geht an der Reihe der Paare entlang und sagt zu jedem etwas. Die Paare verneigen sich vor dem Publikum, drehen sich zur Verwunderung des Wettkampfleiters um und gehen in die Umkleide. Die Unruhe im Saal steigert sich. Nach fünf Minuten kommen sie wieder heraus. Die Damen tragen aus Solidarität zu Astrid und Michael einen undurchsichtigen, breiten und langen Gesichtsschleier in einer zu ihrem Kleid passenden Farbe, der ihnen von der Nasenwurzel bis auf die Brust reicht und auch die Ohren mit verdeckt. Im Haar tragen sie alle ein hübsches Diadem. Der Anblick ist ein Traum aus Tausendundeiner Nacht. Das Publikum empfängt sie mit Begeisterung.

Die Paare tanzen zunächst noch einen langsamen Walzer, dann den Slowfox, es gibt frenetischen Beifall. Die Noten der Kampfrichter für den Slowfox sind – alle gleich schlecht. Die Pfiffe aus dem Publikum mehren sich.

An den nächsten Tänzen sind Astrid und Michael nicht beteiligt, die Damen sind unverschleiert und die Welt ist für die Kampfrichter wieder in Ordnung. Das Publikum spendet höflichen Beifall. Dann kommt der Höhepunkt, der Wiener Walzer. Wie schon zuvor, sind alle Tänzerinnen dicht verschleiert. Das Publikum tobt, es gibt lang anhaltende, stehende Ovationen. Die Kampfrichter verweigern die Benotung. Dann sollte eigentlich die Preisverleihung folgen. Man stellt im Hintergrund die Tische auf, aber die Kampfrichter bleiben verschwunden, weil die Damen immer noch ihre Schleier tragen. Der Veranstalter reagiert, der Wettkampfleiter sagt noch zwei langsame und dann ein Wiener Walzer an. Das Publikum zerfließt vor Freude. Astrid und Michael erhalten eine minutenlange Ehrenrunde.

8.

Am nächsten Tag treffen sich Bernd und sein Kollege in der Cafeteria des Universitätsklinikums. Der Internist kommt schnell zur Sache und fragt Bernd, was der Mummenschanz gestern sollte. Bernd stutzt, wischt sich mit der Hand über den Mund. Er fragt “Ist das jetzt wirklich Dein Ernst?” Der Kollege nickt. Bernd wird rot im Gesicht, der Kollege erschrickt. Bernd fragt ihn, wie lange er Kreide holen war, als beim Studium die Nebenwirkungen der Radiochemotherapie erläutert wurden. Der Kollege fragt ihn, was das damit zu tun habe. Bernd steht auf “Dann lies mal Euer Programmheft und die heutige Zeitung.” Er steht auf und geht.

***

Michael sitzt mit Astrid und Martina in deren Zimmer, sie unterhalten sich über die Veranstaltung am gestrigen Abend. Es klingelt das Telefon. Martina nimmt ab und sagt, “komm hoch Männeken, wenn Du grad Zeit hast.” Bernd kommt ein paar Minuten später, den Rufmelder am Revers seines Arztmantels tragend. Er setzt sich neben Astrid, während Martina ihm eine Tasse Kaffe hinstellt, und blickt lächelnd auf Astrids verhüllten Kopf. Er fragt Michael, wann er das letzte Mal seine Frau gesehen habe. Astrid tritt ihm unvermittelt mit voller Kraft auf den Fuß, während sie ihm ihren Kopf zuwendet. Sie sagt nichts. Michael und Martina feixen, dann werden sie ernst.

“Bernd, das ist kein Spaß. Wir wissen gar nicht, was wir Natasha zu verdanken haben. Bislang ist das hier quasi die Geisterbahn des Klinikums. Wir müssen den Leuten dringend davon abraten, kleine Kinder auf die Station zu bringen. Du mußt Dir das mal durch den Kopf gehen lassen: Du hast hier junge Frauen, die Du nicht mehr aus dem Bett bekommst und die sollen ihre Kinder nicht sehen.”

Bernd schüttelt den Kopf und findet dazu keine Worte.

Michael fährt fort “Wir haben natürlich lange mit Natasha gesprochen, weil uns ihr Aufzug auf der Station zu denken gab. Wir wußten ja nicht, wie auf Dauer die anderen Patienten reagieren würden. Natasha hat zwei Kleinkinder, die in Arabien geboren sind. Sie hat uns berichtet, daß dort die Frauen ganz selbstverständlich in dieser Bekleidung mit ihren Kindern auf dem Arm auf die Straße gehen, die Kinder sehen also zeitweise von ihrer Mutter nichts als schwarzen Stoff. Und wie sie sagt, kommen die damit klar, weil sie zwangsläufig von klein an daran gewöhnt werden. Die Kinder erkennen ihre Mutter aus zwanzig für uns völlig identischen Frauen problemlos an Merkmalen, die wir zum Teil gar nicht wahrnehmen.”

Martina ergänzt. “Natasha und Astrid liegen auf demselben Zimmer, es war klar, daß die zwei sich unterhalten, das haben wir ja deshalb auch so gemacht. Für Astrid ist das Tuch die Brille zum Licht am Ende des Tunnels. In ihrem Leben blieb ja kein Stein auf dem anderen. Du weißt selbst am Besten, wie manche Menschen da reagieren. Also ist so ein Stück Stoff, wenn es denn die Therapie fördert, indem es die Patientin psychisch entlastet, bei allen gesellschaftlichen Konventionen und Ansichten immer noch das geringste Übel.” Michael fährt fort “Und daß das funktioniert, hast Du ja gestern gesehen. Wir haben den Leuten das eingangs noch mal erklärt, für diejenigen, die nicht ins Programmheft gesehen haben. Die Leute sind nicht so dumm, daß sie das nicht verstehen würden und waren gut drauf. Sie hatten ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht und haben getobt. Du siehst, daß es geht, wenn man will und in die Bildzeitung nur Fisch einwickelt.”

Michael nimmt einen Schluck Kaffee und erklärt weiter “Hier läuft das genauso. Die Frauen stutzen natürlich erstmal, wenn sie auf Station kommen und Natasha und Astrid sehen. Dann kommen sie zu Martina und die trägt dasselbe Teil wie Astrid, nur mit dem Kragen unten. Die Vorteile sind aber unübersehbar, wenn sie auf einem Zimmer untergebracht werden, wo jemand liegt, bei der die Therapie schon ein paar Tage läuft. Martina wird immer wieder darauf angesprochen und sie ermutigt die Frauen, sich selbst mit Natasha zu unterhalten. Das passiert auch, Natasha spielt auch ganz gut mit. Wir werden am Wochenende so etwas wie einen Stationsnachmittag machen und dazu ihren Mann einladen. Wir wollen auch, daß er ihr dazu ihre zwei Kinder mitbringt. Daß die Bildzeitung dann schreiben wird, die Saudis hätten das Klinikum gekauft, ist halt deren Niveau. Da müssen wir durch.”

Es klopft. Martina ruft “Herein!” In der Tür steht etwas verlegen der Chef der Inneren Abteilung. Michael steht auf, schiebt ihn auf seinen Stuhl und sagt “ich bin sofort wieder da.” Der Internist setzt sich und rutscht auf dem Stuhl hin und her, ihm gegenüber sitzen Bernd und die verschleierte Astrid. Er stellt sich ihr vor, Astrid sagt erfreut “Oh, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Mein Name ist Astrid Skoda.” Er lächelt, “Sie sind die Ehefrau und Tanzpartnerin vom Stationsarzt?” Sie nickt “und pro forma noch die Leiterin des Betriebskindergartens.” Der Internist blickt den schwarzen Stoff an, lächelt sauer und schweigt eine Weile. “Haben Sie selbst Kinder?” fragt er dann. “Nein,” sagt sie “Leider. Oder zum Glück. Wie man’s nimmt.”

Die Tür geht auf und Michael kommt mit einem Stuhl herein. Er setzt sich neben den Internisten. Der räuspert sich, blickt in die Runde und fängt etwas stotternd an. “Ich, ich bin bekommen, mich bei Ihnen allen für den gestrigen Abend zu entschuldigen.” Er blickt Bernd an “und für die Szene vorhin.” Bernd nickt, die Entschuldigung akzeptierend. Leider hatte ich gestern außerplanmäßig Dienst und habe heute nur eine harsche Beschwerde von einem der Wettkampfrichter am Telefon präsentiert bekommen.” Bernd und Michael blicken ihn gespannt an, Martina schaut auf ihre Finger. Es ist still im Zimmer, man könnte eine Stecknadel zu Boden fallen hören. “Auf die dringende Empfehlung von Bernd hin habe ich mir vorhin das Programmheft angesehen und den Wettkampfleiter angerufen, der mir erzählt hat, was ich da gestern verpaßt habe.” Er fährt fort “Freilich kann ich auch die Kampfrichter irgendwie verstehen.”

Astrid bedankt sich, daß er gekommen und so aufrichtig ist. Daß er Dienst hatte, ist Pech, gehört aber nun mal zum Beruf. Sie habe das ganz gut gewußt, als sie Michael heiratete. Als die eigentlich Betroffene gehe ihr aber jedes Verständnis für das Verhalten dieser Herren ab. “Das sind Menschen und keine Briefmarkenautomaten. Die haben die Reaktionen des Publikums erlebt. Und nur für dieses wird die Veranstaltung gemacht, nicht um irgendwelchen Kampfrichtern ihr Ego zu streicheln.”

“Sie haben vollkommen Recht. Der Abend war der größte Erfolg, den wir jemals hatten und ich befürchte, daß ohne Sie” er weist auf Astrid und Michael, “das in der Zukunft anders aussehen wird.”

“Wir haben ja noch einen Termin im Juni” entgegnet Astrid. Er blickt sie etwas erregt an “Wären Sie denn so nett, noch einmal zu kommen?” Astrid nickt, Michael auch, aber Martina hakt ein “Unter einer Bedingung: Alle Mädels auf dem Parkett sind den gesamten Abend verschleiert, auch Eure, egal ob Astrid gerade auf der Tanzfläche ist oder nicht. Das wird Astrids und Michaels Abschiedsgala.” Bernd fügt hinzu “Bedingung Nummer zwei: Wenn wir nur einen einzigen Kampfrichter in dem kleinsten Winkel des Saales finden, setzt keiner von Rot-Weiß Blankenese nur einen Fuß über die Schwelle. Da man sich auf diese Leute so offenbar nicht verlassen kann, bleibt uns keine andere Wahl.”

Der Internist wird bleich “Ich kann doch das Turnier nicht beim Landesverband aus der Wertung nehmen lassen, wie stellst Du Dir das vor?” “Sie können auch Skoda und Skoda aus dem Programmheft streichen.” regt Michael an. Der Internist erschrickt “Dann gehen die Leute nach Hause und wollen ihr Geld zurück.” Bernd zuckt mit den Schultern “und mit Skoda und Skoda streichst Du den Rest der Blankeneser bitte gleich mit. Ihr habt die Wahl, überlegt es Euch.”  Bernds Summer ertönt, er hebt die Hand und ist mit zwei schnellen Schritten aus dem Zimmer.

Astrid wendet sich an den Internisten “Professor, ich fände es wirklich sehr, sehr schade, wenn wir jetzt im Dissens auseinandergingen.” Er blickt auf den dicken schwarzen Stoff, aus dem ihre Worte kommen und der mit keiner Bewegung die Sprecherin verrät. “Ich habe das Turnier und Ihr Publikum wirklich genossen, die Vorbereitung auf die Teilnahme hat mich aufgebaut. Ich würde gerne noch einmal wiederkommen, sofern meine Kräfte das zulassen. Aber Bernd hat mit seiner Bedingung vollkommen Recht. Diese Kampfrichter sind beim Publikum sehr schlecht angekommen und waren drauf und dran, Ihrem Klub den ganzen schönen Abend zu verderben.” Er nickt, “das hat mir unser Wettkampfleiter vorhin auch so gesagt”.

Astrid fährt fort “Bevor Sie jetzt gehen, ist es mir sehr wichtig, Ihnen noch dafür zu danken, daß Sie uns den Saal zur Verfügung stellen. Seit ich nicht mehr im Kindergarten arbeiten kann, ist dieser Unterricht mein einziger Halt.” Der Internist lächelt “Sie geben den Tanzunterricht? Das hätte ich mir eigentlich denken können. Ich habe Ihnen zu danken. Sie machen sehr viel für unsere Patienten. Ihre Eleven kommen fast alle aus unserer Abteilung. Erlauben Sie mir bitte aber noch eine eher neugierige Frage.” “Gern” sagt sie. “Wie können Sie damit unterrichten?” er zeigt auf ihren Kopf. Im selben Moment klopft es an der Tür, Michael öffnet. Die Stationsschwester ist draußen, Michael verläßt noch kurzem Zögern das Zimmer.

Astrid wartet, bis die Tür geschlossen ist. Dann löst sie die Kordel des Minikleids, nimmt sich den Kragen vom Kopf und zeigt ihm das Loch in der inneren Lage. Als er ihre Glatze und ihr bleiches Gesicht sieht, sagt er “Ich verstehe, man kann darin gut sehen.” Sie zieht den Kragen wieder nach oben und bindet ihn fest. Dann sagt sie eindringlich “Professor, sollte ich hier nicht mehr lebend herauskommen, soll mein Mann mich so in Erinnerung behalten können, wie er mich vor zehn Jahren geheiratet hat.” Der Internist nickt, drückt ihr fest die Hand und verabschiedet sich.

“Bis nächste Woche in Norderstedt.” antwortet sie ihm.

***

Es hatte an die Tür geklopft, Michael war aufgestanden und hatte geöffnet. Vor ihm stand die Stationsschwester. “Dr. Skoda, der Ehemann von Natasha ist da.” Er überlegt erst, ob er noch bei Astrid bleiben sollte, denkt sich dann aber, daß alles Wichtige besprochen war. Und Martina war ja auch noch im Zimmer.

Michael schließt also die Tür und geht zu seinem Zimmer, wo der Ehemann von Natasha wartet. Er lacht ihn an, stellt sich vor und bittet ihn in sein Zimmer. “Möchten Sie einen Kaffee?” “Gern.” Michael greift zum Telefon und ruft im Schwesternzimmer an “Bitte eine Tasse Kaffee für unseren Gast.”

Michael erklärt ihm etwas die Abläufe auf der Station, wie das früher war und was sich seit Natashas Einlieferung alles geändert hat. “Ehrlich gesagt, waren wir am Anfang etwas skeptisch, respektierten aber natürlich den Wusch Ihrer Frau. Die Patienten und ihr Wohl, egal ob privat oder gesetzlich versichert, stehen hier in unserer Abteilung im Mittelpunkt. Restriktionen gibt es nur dann, wenn man mit einem Problem gar nicht umgehen kann. Bislang konnten wir aber die Wünsche unserer Patienten immer zur aller Zufriedenheit erfüllen.” Natashas Ehemann nickt. “Doktor, ich habe das Gesicht meiner Frau seit Wochen nicht gesehen.” Michael unterbricht ihn. “Ich das der meinigen auch nicht. Sie liegt zusammen mit Ihrer Frau im selben Zimmer. Aber fahren Sie bitte fort.” Michaels Gesprächspartner stutzt und wird verlegen. Damit hat er nicht gerechnet. Er kratzt sich am Hinterkopf. “Wir sind ja keine Saudis und haben das mit der Eheschließung so nicht vereinbart. Ist es wirklich so schlimm, wie sie sagt?”

Michael lehnt sich zurück und seufzt. “Sehen Sie”, sagt er, “wir sprechen jetzt im Moment nicht wie behandelnder Arzt und Angehöriger, sondern wie Leidensgenossen. Die Schönheit eines Menschen liegt im Auge des Betrachters. Und Betrachter sind nicht nur wir Männer, sondern auch die Frauen selbst, wenn sie vor dem Spiegel stehen. Ihre und meine Frau sind im Moment nicht in der Lage, sich ihrer Umgebung so zu präsentieren, wie das ihrem Selbstverständnis entspricht. Das ist eine sehr hohe psychische Belastung für sie, wir dürfen das keinesfalls unterschätzen.

Sie helfen sich dadurch, daß sie ihren Kopf in ihren Intimbereich integrieren, wie das in dem Land, in dem Sie arbeiten, allgemein üblich ist. Als gleichermaßen betroffener Ehemann kann ich Ihnen nur raten, den Wunsch Ihrer Frau zu respektieren. Auch wenn es Ihnen schwerfällt, aber das ist eine Bürde, die Sie im Interesse der Genesung Ihrer Frau sowie Ihrer Beziehung auf jeden Fall tragen sollten. Nach den vielen Worten muß ich Ihre konkrete Frage leider auch objektiv mit Ja beantworten. Ich möchte aber dem Wunsch Ihrer Frau entsprechen und nicht ins Detail gehen.”

Sein Gegenüber ist still, will sich aber noch an einen Strohhalm klammern. “Sie haben doch aber gesagt, daß sie ihr Gesicht, wie das Ihrer eigenen Frau, nicht gesehen haben.” Michael sieht ihn an “Das stimmt. Es ist nur leider so, daß diese Nebenwirkungen unserer Therapien bei allen Patienten eintreten, bei Männern wie bei Frauen, nur das sie die Frauen immens mehr belasten als uns Männer. Und jeder Frau, die einen Weg findet, sich dieser Belastung nicht auszusetzen, gratuliere ich von Herzen. Nur besteht dieser Weg sinnvollerweise nicht darin, auf die Therapie zu verzichten. Ich wünschte, daß die Medizin endlich soweit wäre, etwas anderes gleich Wirkungsvolles ohne diese Nebenwirkungen gefunden zu haben.” Natashas Mann nickt. Michael fährt fort “Wir haben Sie zu uns gebeten, weil wir sehen, daß dieses Stück Stoff die Lebensqualität dieser zwei Patientinnen, Ihrer und meiner Ehefrau, so entscheidend verbessert. Sie haben Kinder, viele unserer Patientinnen auch. Diese möchten nun gern, daß Sie und Ihre Frau in einer etwas größeren Runde den Alltag in Arabien schildern und ihnen ein paar Fragen beantworten. Am Wochenende wäre dazu eine gute Gelegenheit.” Michaels Gast antwortet, daß er am Wochenende noch hier sei und das gerne machen würde.

Michael sagt “Bringen Sie doch bitte ihre Kinder mit. Wir gehen in einen größeren Raum außerhalb der Station. Ach und noch eine Frage: Tanzen Sie?” Sein Gegenüber lächelt “Gelegentlich, warum?” Er stutzt “Moment, Sie sind doch nicht etwa Michael Skoda?” “Ja, mein Vorname ist Michael. Meine Frau gibt hier dreimal die Woche Tanzunterricht und die Ihrige braucht dringend einen Tanzpartner. Ich bin leider zu der Tageszeit oft noch im OP. Bitte, bitte, seien Sie so nett und kommen Sie!”  “Um die Zeit? Das ist doch Abends?” “Ja, ich bitte die Stationsschwester, daß Sie Ihnen dafür einen Passierschein ausstellt, damit man Sie an der Pforte durchläßt.” Natashas Ehemann strahlt vor Freude. “Mit diesem Gesicht gehen Sie bitte sofort zu Ihrer Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.” Er schüttelt ihm die Hand und schiebt ihn aus der Tür.

***

Astrid und Martina bleiben noch sitzen, als alle drei Ärzte gegangen sind. Martina fragt “Warum hast Du dem Professor Dein Gesicht gezeigt?” “Habe ich das? Ich habe ihm gezeigt, daß man in dem Teil arbeiten kann. Sein Studium scheint ja schon eine Weile her zu sein. Man muß das offenbar ab und zu mal auffrischen. Und wir können uns mit vielen Leuten Streß leisten, aber nicht mit ihm.”

Martina lächelt “Du bist ein Fuchs.” Astrid zuckt mit den Schultern “Kann sein. Mich interessiert jetzt am meisten, ob er sich unseretwegen wirklich mit den Leuten vom Landesverband anlegt.” Martina sagt “Unseretwegen auf gar keinen Fall. Seiner Kasse wegen schon eher. Wenn die Veranstaltung ohne uns stattfindet, ist das für uns zwar schön blöd, aber für ihn eine finanzielle Katastrophe. Das Publikum an sich braucht eigentlich keine Preisverleihung, es will sich aber auch nicht von so ein paar Schnöseln von Kampfrichtern in seinem Urteilsvermögen brüskieren lassen.”

Astrid entgegnet “Wenn das Turnier aber aus der Wertung fliegt, fehlen den Paaren die Punkte. Die werden ganz schön sauer sein.” Martina darauf “Wem fehlen da Punkte? Die einzigen, denen Punkte flöten gehen könnten, seid doch Ihr. Und weil Du jetzt leider Gottes Pause machen mußt, dann fehlen sie grad gar niemandem. Also was solls. Du solltest lieber schauen, daß Du schnellstmöglich den Trainerschein machst. Hier sind alle glücklich, daß Du den Unterricht gibst. Und das ist ja auch alles andere als Spaß. Aber die Klinik ist nicht der Nabel der Welt. Und sobald Du hier nicht mehr stationär bist, dürfen sie Dich ohne den Schein nicht mehr unterrichten lassen. Jetzt ist das so etwas wie eine hausinterne Selbsthilfegruppe.”

“Um eine Tanzschule aufzumachen, brauche ich keinen Schein, das darf jeder.” widerspricht Astrid.

“Astrid, das hat doch miteinander nichts zu tun. Natürlich kannst Du irgendwo unterrichten. Die Klinik ist aber eine Landeseinrichtung. Ohne Vertrag dürfen Fremde hier nicht rein und irgendwas arbeiten wollen. Und mit wem die Klinikleitung Verträge schließen darf, regelt sich durch Landesgesetz. Der einzige Weg wäre ein Arbeitsvertrag.”

“Die in der Personalabteilung werden sich totlachen.” “Nein. Sie würden jetzt in Tränen zerfließen, und das ist nicht sarkastisch gemeint. Du bist arbeitsunfähig. Als Tanzlehrerin gleich gar, da kriegen wir ja noch nicht mal einen Schonarbeitsplatz gebacken. Nimm es so, wie ich es Dir gesagt habe: Du hast einen Namen, Deine Qualifikation zweifelt keiner an und über Deinen Schleier wird als Krebspatientin ganz selbstverständlich hinweggesehen. Wärest Du nicht als Kindergärtnerin, sondern als Tanzlehrerin eingestellt, gäbe es den Tanzunterricht nicht. So wahnsinnig, arbeitsunfähige Angestellte normal weiter arbeiten zu lassen, ist keiner.”

Astrid schüttelt den Kopf “Die Tanzlehrerausbildung beim ADTV ist eine dreijährige Berufsausbildung. Ob mir dort irgendwas erlassen oder anerkannt würde, weiß ich nicht. Aber da wir es nicht in die Sonderklasse geschafft haben, sieht wohl es eher schlecht aus. Bei unserem marginalen Trainingspensum muß man da auch mal realistisch bleiben und die Kirche im Dorf lassen.” “Mag sein, Astrid, aber die Frage ist doch, ob Du die Jahre, die Du jetzt zwangsläufig verlierst, nicht irgendwie geschickt nutzen kannst. Ich will Dir da keine Rosinen in den Kopf setzen, finde es aber auch nicht prickelnd, Chancen einfach so fahren zu lassen.” “Du hast Recht, Martina, wolltest Du jetzt den Auftrag haben, die Unterlagen vom ADTV anzufordern?” Martina lacht “Nein, das wäre aber ein guter Einstieg in Deinen Schonarbeitsplatz. Kümmere Dich jetzt erst noch um den Auftritt nächste Woche und dann rücken wir der Personalabteilung und der Krankenkasse auf die Pelle.”

Astrid schaut auf die Uhr. Gleich gibt es Abendbrot. Die Schwestern sind immer recht sauer, wenn ihre Vöglein ausgeflogen sind. “Martina, schönen Abend noch, grüß Dein Männeken von mir. Bis morgen.” Als sie die Tür aufmacht, werden draußen gerade die Wagen aus der Küche auf die Station gefahren.

9.

Sie klopft an, wartet einen Moment, bis es von drinnen “Ja” heißt und betritt ihr Zimmer. Am Tisch sitzt Natascha, die untere Lage des Schleiers über ihr Gesicht geschlagen. Astrid tritt ein. Nachdem sie die Tür geschlossen hat, steht Natasha auf und fällt ihr um den Hals.

“Was gibts?” Astrid ist neugierig. “Mein Mann war da.” Natashas Augen blitzen durch den Sehschlitz. “Schön, er sollte eigentlich öfter kommen.” sagt Astrid. “Er hat doch die Kinder. Deinen Luxus mit Mann auf der Station hat halt nicht jede.” “Tu mal nicht so, als würde ich Michael den ganzen Tag auf dem Schoß sitzen. Ich bin zuerst einmal eine von fünfzig Patientinnen und dann erst seine Ehefrau. Also was ist mit Deinem Mann?” “Der war vorhin bei Deinem Mann. Und das Gespräch ist nicht ganz so verlaufen, wie er es gedacht hat.” “Aha.” “Der Spitzbube hat sich quasi ärztlichen Beistand holen wollen, um meinen Schleier zu lüften.”

Aus Astrids Minikleid kommt schallendes Gelächter. “Da ist er an den Richtigen geraten.” “Ja, wie hätte er das auch ahnen sollen. Aber die dicksten Brocken kommen noch.” “Spann mich nicht auf die Folter, Natasha” “Du kriegst einen neuen Tanzschüler” “Was, Dein Mann tanzt?” “Jo. Und morgen mit mir. Die Stationsschwester hat ihm schon den Passierschein gegeben.” Astrid umarmt Natasha und freut sich mit ihr. Zwar wird er Michael nicht das Wasser reichen können, aber wenn der im OP steht, war Natasha bislang aufgeschmissen und stand den ganzen Abend alleine da. Und das war leider die Regel. Alle Versuche, ihr einen Tanzpartner aufzutreiben, waren kläglich gescheitert. “Und was sind die anderen Brocken?”

“Am Samstag ist unser Vortrag über Arabien, um 15:00 Uhr.” “Schade,” sagt Astrid, “da wollte ich dabei sein.” Natasha wundert sich “Wirst Du da operiert?” “Nein, ich muß trainieren.” “Kannst Du doch andermal machen.” Astrid schüttelt mit dem Kopf. “Wir haben einen Auftritt. Das ist das letzte Turnier für die nächsten Jahre für uns.” Natasha fragt “Wieso hörst Du denn auf? Das ist doch Quatsch.” “Nein, ich höre natürlich nicht auf zu Tanzen. Aber mit jedem Sport ist es Essig, wenn Du nicht permanent trainierst. Wegen Michaels Schichten machen wir so schon viel zu wenig. Jetzt fehlen mir schon langsam die Kräfte, gestern mußten wir die Hälfte aller Tänze auslassen. Und Turniertanz ist ja Schönheitsfetischismus der reinsten Sorte. Gestern gab es unseretwegen einen Skandal hier in Norderstedt. Die Unterstützung und Solidarität der Sportfreunde sind ja geradezu beispiellos, aber ich darf sie nicht überfordern. Es passiert leider immer wieder, daß Paare aufhören müssen, weil die Tänzerin nicht mehr wie aus dem Ei gepellt aussieht. Das ist wirklich brutal.”

Natasha sieht zu der schwarz verhüllten Gestalt ihr gegenüber. “Stimmt irgendwie. Eine Barby-Puppe habe ich anders in Erinnerung. Wann ist denn Eure Gala? Grade wenn das Eure letzte ist, würde ich da ganz gerne mitkommen.”

“Natasha, sorry, das bleibt unter uns. Wenn sich das auf Station rumspricht, dann mietet jemand einen Bus und die ganze Mannschaft will mit. Du weißt, daß mein Mann für jeden Ausgang gradestehen muß. Ich werde auch einen Teufel tun und ihm da reinreden, ich lasse mir das in meinem Verantwortungsbereich ja auch nicht gefallen.”

“Dein Verantwortungsbereich? Du hast mir noch gar nicht gesagt, was Du beruflich machst.”

“Ich bin die Leiterin des Betriebskindergartens. Und ich bin jeden Tag auf der Pädiatrie gewesen und habe mit den Stiften da etwas gemacht.”

“Und wie geht es mit Dir weiter? Ich kann mich ja nicht beklagen. Wenn das hier gut geht, bin ich weiter in Arabien Hausfrau und gut ist.” “Du hast zwei Kinder, bald drei.” “Und Du 250. Geld werdet Ihr ja genug haben, aber so wie ich Dich einschätze, gehst Du ohne eine vernünftige Beschäftigung binnen drei Tagen ein.” Astrid nickt. “Das stimmt wohl. Der Tanzkurs ist jetzt mein Strohhalm. Wenn der nicht wäre, könnte ich mich auch noch in der Psychiatrie einschreiben lassen.” “Das wird Martina hoffentlich zu verhindern wissen. In Arabien wärst Du Wirbelwind aber auf vollkommen verlorenem Posten. Dort sitzt Du den ganzen Tag daheim.”

Es klopft an der Tür. Astrid öffnet, das Abendbrot wird gebracht. Die Schwester stellt die zwei Platten auf den Tisch, dazu eine Kanne Tee und wünscht den beiden “Guten Appetit”. Dann nimmt sie das Schild “Bitte nicht stören!” mit und hängt es draußen an die Tür. Natasha und Astrid setzen sich an Tisch. Natasha schlägt den Schleier zurück, Astrid knotet ihren Kragen auf. Sie sehen einander eine Weile an. Natasha runzelt die Stirn “Du bist schon ganz schön weit. Daß Du noch tanzen gehst …” Astrid streicht ihr übers Gesicht. “Du warst der Schlüssel dazu. Du hast Martina erst auf die Idee mit dem Schleier gebracht. Ich bin Dir ja so dankbar dafür.” “Wie der Zufall so spielt. Laß es Dir schmecken.” “Du Dir auch.”

Nach dem Essen verschleiern sie sich wieder. Sie tragen ihre Platten auf den Flur und schieben sie in den Wagen, dann nehmen sie das Schild von der Tür. Natasha setzt sich mit einem Buch an den Tisch. Astrid geht zum Schwesternzimmer und fragt, ob ihr Mann Zeit habe. Die Schwester sagt “er ist gerade bei einer Patientin außerhalb. Ich schicke ihn zu Ihnen aufs Zimmer.” Astrid entgegnet “Bitte sagen Sie mir Bescheid, ich möchte ihn in seinem Zimmer sprechen.” “Mache ich.” “Besten Dank.”

Eine halbe Stunde später klopft es an die Tür. Astrid steht auf, die Schwester winkt ihr. Michael steht auf, als Astrid eintritt. Er nimmt sie in den Arm und streichelt den verhüllten Kopf.  Sie streicht ihm mit dem Tuch des Minikleids übers Gesicht. Sie setzen sich zusammen auf die Bettcouch und umarmen sich. “Hast Du Zeit?” fragt Astrid. “Im Moment ja, was in zwei Minuten ist, weiß ich nicht.” “Natasha hat erzählt, daß ihr Mann Dich rumkriegen wollte, ihren Schleier zu lüften.” Michael lacht “das ist etwas übertrieben, aber die Richtung stimmt schon. Mit einem Mysterium kann leider nicht jeder was anfangen.” “Bernd schon.” sagt sie. Michael lacht “Ich auch.” Astrid wird still und senkt den Kopf. “Natasha ist eigentlich noch gesellschaftsfähig.” “Du nicht?” fragt er scherzhaft. Sie schüttelt den Kopf. “Natasha sagt, ich sei schon weit. Wir haben bei uns im Zimmer ein Tuch über den Spiegel gehängt.” “Ich weiß.” Natürlich, die Schwestern dürfen nichts für sich behalten.

Michael sieht Astrid an. “Natasha ist die Konsequenz in Person. Und was sie Dir gesagt hat, stimmt auf jeden Fall, lange genug war sie auf der Station. Wir können froh sein, daß Ihr beide so gute Freundinnen seid.” “Das bin ich auch, sehr sogar. Sie möchte mit zu unserer Gala, ich hab’ mich verplappert, als sie mir den Termin ihres Vortrages nannte.” Michael entgegnet “Nein, das war schon gut so. Ich habe Natashas Mann gebeten, seine Kinder mitzubringen. Ich möchte von den beiden wissen, wie Kinder in Arabien damit umgehen, das Gesicht ihrer Mutter zeitweise nicht zu sehen.” “Das wird mich auch brennend interessieren.” antwortet Astrid “Und das werden wir uns beide gemeinsam anschauen. Anschließend trainieren wir in dem Raum. Das wird dann eben spät. Alles kann man nicht haben.”

Michael tritt ans Telefon. “Schwester, können Sie mir bitte Natasha ins Zimmer schicken? Danke.” Er setzt sich wieder zu Astrid. “Für mich heißt das jetzt also bis auf weiteres Mysterium.” Astrid nickt. “Was man so bis auf weiteres nennt. Martina war ja an der Alster sehr direkt” Michael atmet tief ein, zuckt mit den Schultern: “Ich danke Dir herzlich, Du machst das genau richtig so. Ich liebe Dich.”

Es klopft. Michael geht zu Tür, bittet Natasha sich zu setzen. Er setzt sich ihr gegenüber an den Schreibtisch und blickt ihren schwarzen Schleier an.

“Natasha, Astrid und ich freuen uns auf Euren Vortrag und werden unbedingt dabei sein. Unser Training ist dann später in demselben Raum. Wenn Ihr beide möchtet, könnt Ihr da noch etwas dabeibleiben und uns zuschauen. Dann sprachen wir gerade über unsere Gala nächste Woche. Wir würden uns wirklich sehr freuen, Euch da auch als Zuschauer dabeizuhaben. Mein Problem ist leider, daß die Gala spät abends erst endet, lange nach der Ausgangszeit. Und ich kann in Ihrem Fall (er weist auf ihren Bauch) keinen Ausgang ohne ständige Begleitung verantworten. Wenn Ihr Mann mitkommt und wirklich pausenlos bei Ihnen bleibt, bin ich damit einverstanden. Bitte Sie aber, zusammen mit Astrid und mir dann sofort nach der Veranstaltung in die Klinik zurückzukehren.” Natasha nickt “Besten Dank. Ich werde mit meinem Mann morgen darüber sprechen.”

“Sagen Sie mir oder Astrid bitte Bescheid. Einen schönen Abend noch.” Natasha steht auf, umarmt Astrid und verläßt das Zimmer. Michael setzt sich zu Astrid, sie streichelt sein Gesicht, umarmt ihn kräftig und sagt dann “das soll ich Dir von Natasha geben.” Sie bleiben noch lange zusammen sitzen.

10.

Martina sitzt an ihrem Schreibtisch und grübelt. Vorhin ist Michael dagewesen und hat mit ihr über die Gespräche gestern abend gesprochen.  Natasha mit zur Gala zu nehmen ist zwar eine gute Idee, aber erstmal sollte man schauen, ob die Norderstedter auf die ihnen gestellten Bedingungen überhaupt eingehen. Martina hat keine Vorstellung davon, was da auf den Vereinsebenen abläuft und auch keine Zeit, sich damit zu befassen. Bernd und sie tanzen in dem Verein, zahlen ihre Beiträge und viel mehr geht gar nicht.

Wichtiger ist ihr aber Astrids Zukunft. Sie ist zwar momentan stabil, aber das kann sich, wenn aus dem mühsam gezimmerten Haus irgendwo ein Balken rausbricht, sofort wieder ändern. Dazu kommt Natashas Einschätzung über ihren Zustand, die sich in etwa mit dem deckt, was sie von dem Blick auf ihr Profil gestern und der Reaktion des Internisten so geschlossen hat. Es wird also im Moment schon fast ein Kunststück werden, die Leute in der Personalabteilung zu einer Schonplatzregelung zu bringen. Aber zweimal eine dreiviertel Stunde an einem behandlungsfreien Tag, sagt sie sich, muß doch im Moment drin sein. Sie greift zum Telefon. Nicht völlig zu ihrer Überraschung bekommt sie sofort einen Termin in der Personalabteilung. Auf dem Korridor läuft Astrid vor ihr. Sie bleibt ein Stück hinter ihr, um sie zu beobachten. Ihr Gang wirkt etwas müde. Martina ist von dem Anblick nicht gerade begeistert. Sie wird sich heute abend auf jeden Fall ihr Tanztraining anschauen, auch wenn Bernd keine Zeit haben sollte.

***

Astrid sitzt im Konferenzsaal auf einem Stuhl. Bis zum Training ist es noch eine halbe Stunde Zeit, die Tonanlage ist fertig und die Schallplatten zurecht gelegt. Sie haben in Bernds Abteilung einen Diskjockey aufgetrieben, der Astrid zwar ziemlich seltsam anschaute, aber dann glücklich war, sich nützlich machen zu können. So wie es ausschaut, wird ihnen der Mann ein paar Wochen erhalten bleiben. Astrid denkt an die Gespräche von gestern zurück, die Sitzung bei Martina, das mit Natasha und dann mit ihrem Mann. Die von ihr provozierte Reaktion des Internisten sprach Bände, obwohl er sich im Griff hatte, Natasha hat ihre Worte am Abend sicherlich mit Bedacht gewählt.

Sie wird sich wohl oder übel an ihren abgedunkelten, kontrastreduzierten Blick gewöhnen, wenn sie in der Gesellschaft präsent bleiben will, nicht nur Michaels wegen. Andererseits hat Natasha auch Recht. Daß die Leute ihr Gesicht nicht sehen können, ist abgesehen von ihrem Aussehen auch an solchen Tagen wie heute von sehr großem Vorteil. Sie fühlt sich wie erschlagen, obwohl sie gar keine Behandlung hatte. Sie steht auf und macht noch ein paar Aufwärmübungen.

Nach einer Weile kommt der Diskjockey in seinem Rollstuhl. Astrid sagt ihm, daß sie heute nichts anderes als langsamen Walzer haben werde. Und zeigt ihm die Platten, die sie dazu mitgebracht hat. Er freut sich, denn das waren immer so seine klassischen Wiegenlieder für die Zeit lange nach Mitternacht.

Die ersten Schüler kommen. Auch Bernd und Martina sind dabei. Sie fragen nach dem Programm, Bernd freut sich. Das ist gerade das, was er jetzt zur Entspannung gut brauchen kann. Astrid schaut um sich und auf die Uhr. Es sind so fünfzehn Paare da, darunter auch Natasha mit ihrem Mann. Ihretwegen hat sich Astrid für den Langsamen Walzer entschieden, damit die beiden nach so langer Zeit etwas zu Kuscheln haben. Bernd und Martina sind die einzigen Fortgeschrittenen, die anderen sind entweder Anfänger oder eben neu im Kurs. Astrid erzählt erst einmal etwas von der Geschichte des Tanzes.

Dann bittet sie die Paare, sich im Kreis um sie herum aufzustellen und winkt Martina und Bernd in die Mitte. Sie zieren sich, Astrid wird resolut. Sie winkt dem Diskjockey für das erste Lied und bedeutet ihm, daß sie es leise haben möchte. Bernd und Martina fangen an zu tanzen. Sie erklärt den anderen ruhig die Schritte, die – das kann man Bernd nicht vorwerfen – nicht so kommen, wie sie sollten. Astrid klatscht nach einer Weile ab.

“Meine Damen und Herren, wenn sie auch so tanzen, nachdem sie zwölf Stunden am OP-Tisch gestanden und nicht am Schreibtisch geschlafen haben, dann herzlichen Glückwunsch.” Es gibt Applaus für die Beiden. Sie streichelt Bernd an der Wange, bittet ihn um seine Tanzpartnerin und winkt dem Diskjockey. Astrid zieht Martina etwa eine Minute übers Parkett und zählt dabei die Schritte aus. Dann sagt sie “Das war ein Walzer … nach zwölf Stunden Bettruhe”. Die Eleven lachen.

Sie nimmt Bernd zur Hand und sagt ihm ins Ohr, er solle einfach ihren Schritten folgen. Noch einmal eine Minute. Dann bittet sie die Teilnehmer um Aufstellung und zählt das nächste Stück an. Sie läßt es bis zum Ende durchlaufen und beobachtet die Schritte der einzelnen Schüler. Bernd und Martina kommen sichtlich besser zurecht, sie hebt einen Daumen in ihre Richtung. Dann geht sie zu Natasha und ihrem Mann. Sie genießen den Tanz sichtlich und sind auch gut drauf. Sie läßt die beiden in Ruhe. Ein bißchen Korrektur hier, ein bißchen Korrektur da, so geht es eine Weile. Sie geht wieder zu Bernd und bittet Martina, Natasha zuzuschauen.

Sie nimmt sich Bernd, schiebt ihn ein halbes Stück lang übers Parkett und läßt mittendrin plötzlich locker. Er ist überrascht “Du bist jetzt der Mann, nicht ich” sagt sie zu ihm. Zum nächsten Stück nimmt sie Bernd und Martina zur Seite und sagt, was ihr an seiner Führung gefehlt hat. Martina lächelt nur. Astrid zeigt ihr, wo sie unterstützen kann, ohne daß das den Kampfrichtern auffällt. Die zwei Stunden verfliegen im Nu. Die Teilnehmer bedanken sich und gehen auf ihre Stationen zurück.

Natasha kommt zu Astrid und stellt ihr ihren Mann vor. Der freut sich sichtlich, sie kennenzulernen und macht ihr Komplimente. “Ihren Unterricht habe ich wirklich genossen, schade nur daß ich Sie nicht sehen kann.” “Sie scherzen,” antwortet Astrid. “Sie haben Ihre Frau genossen. Und genau das sollten Sie auch. Nur für Sie beide habe ich heute den Langsamen Walzer ausgewählt.”  Er strahlt sie an. “Was Ihre zweite Bemerkung anbelangt, muß ich Sie enttäuschen.” fährt sie fort “Heute ist leider nur mein Schatten da. Vielleicht treffen Sie mich in drei Jahren. Lassen Sie sich aber von dem Norderstedter Tanzklub ein Programmheft vom letzten Wochenende geben, da ist ein schönes Foto von uns drin.” Er erwidert “Sie sprachen vom nächsten Wochenende?” “Da ist leider auch nur mein Schatten da, freilich in einem viel schöneren Kleid. Wenn mein Schatten die Leute in Norderstedt begeistert, schicke ich ihn gerne und Sie sind herzlich eingeladen. Ich selbst bin leider die nächsten drei Jahre verhindert.”

Natasha unterbricht sie “Astrid, Dein Galgenhumor in Ehren, aber jetzt mal im Ernst: Meine Eltern passen nächste Woche auf meine Kinder auf. Sag bitte Deinem Mann Bescheid.” Astrid freut sich “Oh, das ist sehr schön. Ich weiß nicht, was Ihre Frau Ihnen vom Gespräch mit meinem Mann gesagt hat. Wir brauchen für sie eine ständige Begleitung, Sie dürfen Sie keine einzige Sekunde allein lassen, aber das ist ja nun in Ordnung. Und sie muß unbedingt mit Michael und mir zurück in die Klinik fahren. Beim Portier kommt sie um die Zeit nicht mehr durch.” “Das geht ja in Ordnung so. Kann Ihr Mann mich dann mit ins Zentrum nehmen?” Sie schüttelt den Kopf “Nein, er bleibt dann hier und schläft in seinem Dienstzimmer, seine Schicht fängt schon ein paar Stunden danach an. Martina und Bernd könnten Sie mitnehmen, falls sie ihr das Auto nicht mit anderen Tänzern voll haben. Die sind aber jetzt schon weg. Natasha, bitte frage Martina morgen, ob das geht. Gute Nacht, Ihr beiden.” Sie winkt und betritt mit den Schallplatten in der Hand das Zimmer ihres Mannes.

Der ist noch nicht von der Besprechung mit dem Professor zurück. Sie zieht die Bettcouch aus und richtet das Bett an. Ein paar Minuten später kommt er. “Was machst Du denn hier?” “Ich bitte um Asyl.” antwortet sie ihm und feixt, was er freilich nicht sehen kann.

11.

Am anderen Tag hat Astrid ihre Bestrahlung und ist wie am Boden zerstört. Sie ißt gerade noch zu Mittag, legt sich dann so wie sie ist ins Bett und schläft bis zum Morgen darauf durch. Natasha ist dagegen wie aufgezogen. Ihr Mann ist am Nachmittag wieder da und sie schlendern zwei Stunden lang durch den Klinikpark. Am Abend sitzen sie dann noch eine Stunde bei Martina und klönen, bis Natashas Mann das Klinikgelände verlassen muß.

Astrid erwacht in ihrem Minikleid, da die Schwester der Frühschicht sie zum Bettenmachen aufscheucht. Da in ihrem Film das Abendbrot fehlt, kommt sie erst einmal mit der Situation nicht wirklich zurecht. Sie trollt sich dann aber mit frischen Sachen in das Badezimmer der Station und legt sich eine halbe Stunde in die Badewanne.

Dann tritt sie an den Spiegel. Das Versteckspiel vor sich selbst wird sie nicht weiterbringen, zumal sie irgendwann in der nächsten Zeit mit Martina in die Personalabteilung gehen wird. Den Kollegen dort braucht sie mit ihren Schleierallüren nicht zu kommen. Natasha hat vollkommen Recht. Sie ist schon weit. Aber bis zur Talsohle ist es noch ein ganzes Stück. Wenn das mit ihren Kräften so weitergeht wie in den letzten zwei Tagen, wird die Gala ein Disaster. Sie zieht sich an, geht aufs Zimmer und wartet auf die Visite mit dem Professor und seinem  Gefolge.

Die kommt eine dreiviertel Stunde später und läuft in Astrids Zimmer etwas seltsam ab. Zuerst treten alle zu Natasha und klären die Therapieschritte für die nächste Woche ab. Nach dem sich der Professor zu Astrid gewendet hat, zieht Natasha ihren Schleier übers Gesicht. Michael bleibt bei ihr stehen, hört zu, was der Professor an Astrids Bett sagt und macht sich seine Notizen. Astrid berichtet von ihrer Schlaffheit die letzten zwei Tage. Der Professor sagt zu ihr  “So einen Wirbelwind wie Sie haben wir die letzten Jahre nicht gehabt. Unterschätzen Sie bitte das Programm nicht, welches Sie hier bei uns genießen. Treten sie ein bißchen kürzer, sonst wird das mit Ihrem Auftritt ein Reinfall und zwar ohne “h”. Ich möchte von Ihnen und meinem Stationsarzt noch eine fesche Leistung sehen, bevor Sie das Tanzparkett für die nächste Zeit verlassen, wenn ich Ihre Auftritte bisher schon mit konsequenter Mißachtung gestraft habe.

Ihre Entscheidung, wie Sie und Natasha sich hier kleiden, akzeptiere ich vollkommen, das ist gar keine Frage. Aber das Wetter ist die nächsten Tage schön. Holen Sie sich am Kiosk Sonnencreme, nehmen Sie sich eine Decke sowie die Schwesternschülerin und erzählen Sie ihr unten im Park Schwänke aus Ihrer Jugendzeit, und zwar ohne das da” Das Gefolge lacht. Der Professor hebt die Stimme “Und die Verordnung gilt für Schwester Natasha gleichermaßen. Die Schwesternschülerin ist noch etwas unerfahren, braucht daher eine helfende Hand und wir haben leider zu wenig Zeit für sie. Meine beiden Damen, besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Einen schönen Tag noch.”

Als er sich zur Tür wendet, zieht sich Astrid den Kragen über den Kopf, steht vom Bett auf, geht zu Michael und umarmt ihn kurz. Er streicht ihr über den Kopf und tritt auf den Flur zum Professor.

“Michael, die Ideen der zwei Damen sind auch aus meiner Sicht überhaupt nicht schlecht. Ihre Frau ist zwar mit dem kurzärmlichen und beinfreien Teil noch viel besser dran als Natasha. Beide müssen aber in die Sonne, die Vitamin-Tabletten reißen es nicht raus. Bringen Sie ihrer Frau morgen einen Bikini mit. Der Schwächeanfall paßt so früh noch lange nicht in die Landschaft, klären Sie das bitte umgehend ab. Unser bislang berechtigter Eindruck, daß sie weitgehend alleine durchkommt, trügt.” Michael nickt.

Im Zimmer verknotet Astrid ihr Minikleid über dem Kopf und blickt zu Natasha. “Was sagst Du dazu?” “Er hat recht. Wir sind hier nicht in Arabien. Dort gehen die Frauen dreimal am Tag normal bekleidet über den Innenhof und haben damit genug Sonne. Für dieselbe Ration brauchst Du hier oben den halben Tag.” “Hast Du eine Schwesternschülerin gesehen?” “Ja, die kam gestern, als Du geschlafen hast. Die will in die Pädiatrie. Deshalb sollst Du Dich mit ihr ein bißchen befassen. Und ich ihr etwas von der Onkologie erzählen. Wenn sie erstmal von älteren Semestern gehört hat, worum es hier eigentlich geht, haben es die anderen mit ihr viel leichter. Das Dumme ist, ich hab nichts anzuziehen.” Astrid prustet los. “Lach nicht, der Prof redet von einem Bikini. So was besitze ich gar nicht mehr. Ich werde aber einen Teufel tun und auf seine Meinung pfeifen, wenn Du schon Probleme hast, obwohl Du den ganzen Tag fast nackt rumläufst.”

Es klopft an der Tür. Die Schwester kommt und bittet Astrid ins Untersuchungszimmer. Natasha schaut, ob die Visite schon durch ist und ob sie Martina abfangen kann.

***

Eine Stunde nach dem Mittagessen klopft es. Die zwei Frauen liegen verschleiert im Bett. Astrid ruft “Herein!” Die Tür öffnet sich und eine junge Schwester tritt ein. Beim Anblick der zwei schwarzen Gestalten in den Betten erschrickt sie. Natasha blickt auf und sagt in barschem Befehlston “Hiergeblieben!” und zu Astrid gewandt “Das ist die neue Schwesternschülerin.” Jetzt setzt sich auch Astrid auf und meint “Die machen Ernst!” “Was dachtest Du denn, wenn der Prof anordnet, daß die Sonne aufgeht, dann steht die sofort über dem Horizont.”

Die Schwesternschülerin guckt immer noch ängstlich. Natasha sagt zu ihr: “Mädel, Du bist hier auf der Onkologie. Danach kommt nur noch die ärztliche Leichenschau. Wenn Du aber Kinderkrankenschwester werden willst, dann mußt Du hier durch. Du kannst Dich in einem Krankenhaus nie daran klammern, nur auf der Station zu arbeiten, die Du Dir ausgesucht hast. Zumal die Pädiatrie alles andere ist, als nur süße kleine Babys zu streicheln.”

Astrid schaut sie an und sagt “Mit uns hast Du das große Los gezogen. Wir drei nehmen jetzt ein herrliches Sonnenbad und erzählen Dir was vom Pferd. Hat es hier so Unterziehdecken für die Matratzen?” Natasha sagt zu der Schülerin “Du gehst in das Zimmer rechts neben dem Nachtgeschirrspüler und nimmst dort drei von den grauen Decken vom Stapel. Marsch.”

Natasha hat sich gerade ein Minikleid aus ihrem Schrank gegriffen, was unglücklicherweise ihre leichteste Bekleidung ist und zieht sich um. Bei Astrid sieht es derweil auch nicht mehr anders aus. Natasha zieht sich den Kragen über den Kopf und knotet ihn fest. Dann marschieren die drei ab. Im Kiosk gibt es einen Auflauf, als sie nach Sonnencreme verlangen. “Der Verkäufer grient nur und bemerkt, daß heute nicht der erste April sei. Natasha wird ungehalten “Das meine ich auch. Also was ist jetzt? Kriegen wir Sonnencreme oder Ihren Chef? Wenn hier jemand dumme Witze reißt, dann sind das die Patienten und nicht Sie. Ist das bitte klar?” Sie nehmen die zwei Tuben, zahlen und verschwinden hinter das Hauptgebäude.

Nach fünf Minuten kommen sie in ein kleines Waldstück mit einer Lichtung. Sie breiten die Decken aus und legen sich hin. Die Schwesternschülerin setzt sich und wartet. In der Nähe laufen ein paar Leute einen Weg entlang, können sie aber durch das Dickicht, durch das sie sich gezwängt haben, nicht sehen.

Astrid und Natasha nehmen sich die Kragen ihrer Minikleider vom Kopf und schauen sich um. Dann ziehen sie auch die aus und legen sich hin. Die Schwesterschülerin cremt sie ein. Astrid stellt sich ihr dabei vor. Die Kleine schaut sie an und fragt “Sind Sie nicht die Leiterin des Kindergartens? Bei Ihnen habe ich mal ein Praktikum gemacht. Und ich habe Sie auch mal beim Tanzturnier gesehen.”

“Genau” antwortet Astrid hebt den Kopf und schaut sie an. Das Mädchen ist irritiert. “Wenn Du mich anders in Erinnerung hast, dann war das jetzt schon die erste Lektion in Onkologie.” “Astrid, an Dir ist eine Lehrschwester verloren gegangen.” sagt Natasha, und zu der Schülerin gewandt “Sie hat aber Recht. Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Ihre letzten Haare werden in den nächsten Tagen weg sein, komplett. Und wenn Du Dir das vergegenwärtigst, dann verstehst Du vielleicht, warum wir hier so rumlaufen.”

“Sie sehen aber doch gut aus.” sagt sie zu Natasha. “Ja, noch. Ich kriege geringere Dosen als Astrid und finde das einerseits gar nicht prickelnd. Andererseits kann ich dem lieben Gott danken, daß der Prof mir mein Kind erhalten kann. Sie streicht sich über ihren Bauch. Aber in ein paar Wochen bin ich dann auch soweit.” “Und warum verschleiern Sie sich und die anderen Patientinnen nicht?”

“Weil ich das so gewohnt bin. Ich wohne in Arabien und bin hier quasi in Urlaub.” antwortet Natasha. “Stimmt, Sie wollten mir was vom Pferd erzählen.” meint die Schülerin etwas vorlaut.

“Du mußt nicht so ungeduldig sein” sagt Astrid, “soweit sind wir noch nicht. Die unglaublichsten Sachen stimmen, das hier ist so ein Beispiel. Aber weil Du gefragt hast: ich habe hier in der Klinik und in Hamburg einen Ruf zu verlieren und bin nicht scharf darauf, mir den zu ruinieren. Deshalb habe ich Natashas Anregung dankbar aufgegriffen. Außerdem arbeite ich gerade als Tanzlehrerin. Man kann niemandem das Tanzen beibringen wollen, die so guckt wie Du, als Du ins Zimmer kamst. Der schwarze Stoff ist für die Eleven allemal angenehmer anzuschauen als mein Gesicht.”

Natasha ergänzt “Da siehst Du mal, wie gut wir es mit Dir meinen. Einem Patienten nicht ins Gesicht zu schauen, ist hochgradig beleidigend. Egal ob er Lepra hat, eine leere Augenhöhle oder keine Haare an den Augenlidern. Du hast Dir einen der härtesten Berufe ausgesucht, den es überhaupt gibt. Das muß Dir vorweg mal so deutlich gesagt werden. In diesem Job ist so gut wie gar nichts jugendfrei. Und zu Deiner Frage: Warum sich die anderen nicht bedecken, können wir Dir nicht sagen. Warst Du schon auf einer anderen Station?”

Die Schülerin antwortet “Nein, das ist die erste.” Astrid und Natasha schauen sich an “Das nennt man eine Präventivmaßnahme. Jetzt verstehe ich die Anweisung vom Professor.” sagt Astrid. “Früher waren wir immer die ersten in der Runde. Scheint heute auch noch so zu sein. Wenn hier eine aufsteckt, verursacht sie dann wenigstens in der Chirurgie keinen Streß.” entgegnet ihr Natasha.

Astrid blickt zur Uhr. “Natasha, sehe ich Dich nachher mit Deinem Männeken wieder?” “Es walte Hugo, daß der kommt.” “Gut dann haben wir jetzt noch zwei Stunden.”

Sie fängt an dem Mädchen zu erklären, wo die Probleme bei Klein- und Kleinstkindern liegen und wie sich das im Laufe der Jahre verändert. Natasha kommt dann darauf zu sprechen, worauf sie auf ihrer Station vor allem achten muß. Die Sonne neigt sich langsam gen Westen, die Mädels ziehen sich ihre Minikleider über die Köpfe und gehen zurück in die Klinik.

Michael schaut, als die zwei auf die Station kommen. “Astrid?” Sie hebt die Hand. “Komm mal rein” Er schließt die Tür hinter ihr. “Ich weiß, daß Du gleich weg mußt. Deine Laborwerte sind soweit in Ordnung. Wenn Du morgen wieder so platt bist, dann komm bitte sofort her oder sag wenigstens der Schwester Bescheid, bevor Du ins Bett gehst.” “Ja, mache ich.” antwortet Astrid.

Michael fragt “Wie war es draußen?” “Ganz gut. Die frische Luft war mal nötig. Nur am Kiosk gab es einen Skandal.” “Das dachte ich mir.” Michael lacht. “Das Wetter bleibt jetzt erstmal so. Nach Möglichkeit solltet Ihr morgen wieder raus gehen. Die Schülerin ist noch ein bißchen wackelig auf den Beinen.” “So kann man das sagen. Hast Du Zeit?” fragt Astrid. “Gute Idee. Ich kann ja den Rufmelder mitnehmen.”

Astrid geht zum Schrank. “Gib mir bitte mal die Platten mit den Rumba-Stücken. Langsamen Walzer hatten wir vorgestern.”

12.

Am anderen Tag kommt Martina in Natashas Zimmer. Astrid ist noch bei der Bestrahlung. Martina bittet Natasha, Astrid nach dem Mittagessen zu ihr zu schicken.

Dann geht sie und ruft in der Personalabteilung an. Die für Schonarbeitsplätze zuständige Kollegin, die beim letzten Mal nicht im Haus war, ist jetzt da und will unbedingt mit Martina sprechen. Sie sagt, sie müsse sich diese Arbeitsplätze anschauen, bevor sie eine Entscheidung treffen könne. Sie einigen sich, daß sie um 13:00 Uhr auf die Station kommt.

Astrid betritt eine Viertelstunde davor Martinas Zimmer. Martina schaut, wie sie dasteht und fragt sie, wie sie sich fühlt. “Halbwegs, nicht so schlaff wie beim letzten Mal.” kommt es aus dem schwarzen Stoff. “Dann setz Dich. Kaffee kriegst Du keinen, wir müssen arbeiten.”

“Oh, welch freudige Überraschung.” “Ja, in ein paar Minuten kommt die Kollegin aus der Personalabteilung. Deinen Schleier behältst Du erstmal an. Die will sich Deinen Arbeitsplatz anschauen. Glücklicherweise ist mein Zimmer groß genug. Wir stellen Dir erstmal da hinten einen Schreibtisch ans Fenster und davor eine spanische Wand, hinter die Du Dich setzen und unverschleiert arbeiten kannst.”

“Ich kann doch aber nicht hier arbeiten, wenn Du mit den Patientinnen sprichst.” ” Ich kann Dich nicht alleine arbeiten lassen. Mir müssen sehen, daß Du in der Zeit kommst, wenn ich meinen Schreibkram mache.”

Es klopft. Martina geht zur Tür. Die Kollegin aus der Personalabteilung ist da. Sie schaut etwas irritiert, als sie Astrid sieht. Martina bietet ihr, als wäre Astrids Bekleidung das Selbstverständlichste der Welt, einen Kaffee an. Die Personalleiterin setzt sich Astrid gegenüber “Frau Skoda?” “Ja, ich bin Astrid Skoda, Leiterin des Betriebskindergartens.” “Und nicht nur das. Ich kenne den Anblick von Krebspatienten und finde es daher sehr aufmerksam von Ihnen, daß Sie mir eine Unannehmlichkeit ersparen wollen.” Astrid antwortet. “Danke. Ich trage das hier den ganzen Tag und es hilft mir sehr, denn fast allen Leuten, mit denen ich in Kontakt bin, fehlt es an dieser Erfahrung.” “Was machen Sie denn noch, wenn ich fragen darf?”

“Nun, ich gebe an den behandlungsfreien Tagen für Patienten Tanzunterricht. Das sind immer so fünfzehn bis zwanzig Paare aus verschiedenen Abteilungen, die meisten kommen aus der Inneren. Ohne den Schleier wäre das nicht möglich. Und dann hoffe ich, daß nächste Woche in Norderstedt meine Abschiedsgala stattfinden kann. Ich wäre sehr glücklich, Sie und Ihren Mann dabei zu sehen.” Die Personalleiterin schaut sie an. “Das werden Sie, aber es war gar nicht mehr so einfach, noch Karten zu bekommen. Das halbe Klinikum feiert mit Ihnen.”

Die Personalleiterin fährt fort, “Bitte nehmen Sie trotzdem kurz Ihren Schleier ab, Sie müssen sich etwas durchlesen. In der Zeit, Frau Rathgeber, erklären Sie mir bitte die Aufgaben von Frau Skoda.” Astrid knotet den Kragen des Minikleids auf, die Personalleiterin schaut ihr eine Weile ins Gesicht. “Frau Skoda, das Klinikum kann nur schwer auf Sie und Ihre Erfahrungen verzichten. Bitte sehen Sie eine Arbeit hier bei Frau Rathgeber eher als Therapiemaßnahme denn als zukünftigen Arbeitsplatz. Ich bin eigentlich gekommen, um mit Ihnen zu besprechen, wie Sie baldmöglichst einen kleinen Teil ihrer Arbeit wieder in Angriff nehmen können.” Astrids Augen werden feucht. Martina fällt nicht nur ein Stein, sondern ein Felsen vom Herzen. Martina gibt Astrid eine Packung Tempos. “Danke” Astrid wischt sich das Gesicht ab.

Die Personalleiterin fährt fort “Frau Skoda, es wäre für uns als Klinik beschämend, Ihnen nicht einen Verwaltungsarbeitsplatz einrichten zu können. Das ist aber keine reine Beschäftigungstherapie, so wichtig die auch für Sie offenbar ist, sondern soll vor allem dazu dienen, Ihre Fachkenntnisse und Fähigkeiten zu erhalten. Ein Schonplatz setzt zudem das Einverständnis von Ihnen, uns als Klinik und der Krankenkasse voraus. Das benötigen wir von Ihnen auch schriftlich. Hier sind die Unterlagen, schauen Sie sie bitte durch und unterschreiben Sie mir sie.”

Die Personalleiterin nimmt einen Schluck Kaffee und läßt sich von Martina erklären, wie sich diese den Schonplatz von Astrid vorgestellt hat. Martina betont, daß Astrid den Arbeitsplatz in der Nähe ihres Krankenzimmers haben und frei in ihrer Zeiteinteilung bleiben soll. Derzeit müsse sie ja noch auf Zuruf für Behandlungen bereit sein.

“Frau Rathgeber, ehrlich gesagt habe ich mich sehr gewundert, daß Sie schon so zeitig darauf drängen. Sie haben aber Recht, sofern Frau Skoda sich jederzeit ins Bett legen kann, wenn die Arbeit sie zu sehr anstrengt, ist das nicht das Problem. Die Abteilung und insbesondere Ihre Station hat aber alles, nur keinen Platz.”

Martina antwortet “Nun, Sie hatten es bereits angedeutet: wenn wir eine Krebspatientin auf ein Turniertanzparkett bringen, dann schaffen wir auch das.” Die Personalleiterin lächelt “In Norderstedt lief das aber nicht ganz so, wie Sie sagten. Ich habe von der Materie zwar keine Ahnung, aber das Verhalten der Kampfrichter muß wohl seine Gründe gehabt haben.” “Waren Sie da?” fragt Martina. “Ja, natürlich.” sagt die Personalleiterin. Martina zuckt mit den Schultern “Die anderen Paare waren ja nicht deshalb plötzlich um Klassen besser, weil Astrid gerade nicht mit auf dem Parkett war.” “Das fand ich auch merkwürdig. Und wie wird das nächste Woche?” “Das soll Astrids und Michaels Abschiedsgala werden. Nach dem Jahresplan des Landesverbandes ist das auch ein Turnier, aber seit diesem Eklat gibt es da nur zwei Möglichkeiten. Die Norderstedter können den Wettkampf entweder später abhalten oder die Blankeneser werden jetzt an der Veranstaltung dort nicht teilnehmen. Wenn die Halle jetzt schon ausverkauft ist, kann man sich vorstellen, was da auf dem Spiel steht.”

Die Personalleiterin lacht “Wenn die Blankeneser nicht kommen, brauchen sie eine neue Halle.” Martina sagt “Wir sind ja nicht beim Fußball. Aber in deren Haut möchte ich dann trotzdem nicht stecken.”

Astrid hat sich derweil längst das Formular und die Erläuterungen durchgelesen, aber so getan, als sei sie noch beschäftigt, um sich aus dem Gespräch herauszuhalten. Sie reicht der Personalleiterin die Unterlagen zurück.

Die Personalleiterin packt sie ein. Astrid sagt “Ich habe dann aber noch eine Frage an Sie.” “Ja, bitte”

Astrid kommt auf das Gespräch mit Martina über den Tanzunterricht an der Klinik zurück. Die Personalleiterin nickt “Frau Rathgeber hat vollkommen Recht, das ist tatsächlich eine vertrackte Angelegenheit. Wir werden uns sehr schwer tun, den Patienten das Angebot nicht mehr zu machen, wissen aber noch nicht so recht, wie das jetzt im Moment zu lösen wäre. Externe Anbieter kosten Geld, was uns dann anderswo fehlt.” Sie nickt Astrid lächelnd zu und verabschiedet sich.

Als sie gegangen ist, fällt Astrid Martina um den Hals, drückt sie innig und sagt dann “Ich bin ja so glücklich. Aber für Dich ist das nicht ganz so gelaufen, wie Du wolltest.” Martina schüttelt den Kopf “Was mich anbelangt, ist das schon in Ordnung so. Wenn jetzt jemand ein Eigentor geschossen hat, dann warst Du das.” “Wieso?” “Nun, Du hast doch gehört, was sie zum Schluß gesagt hat. Unterrichten kannst Du gerne, Geld ist aber keines da. Es ist nur die Frage, das rechtssicher zu regeln. Und dann hast Du das so am Bein, bis Du die Klinik verläßt. Als Angestellte, nicht als Patientin. Das ist vermutlich nicht ganz das, was Du Dir vorgestellt hast.”

Astrid antwortet “Sicher, so gesehen ist das ein Kuhhandel mit etwas fadem Beigeschmack. Ich bin aber mit meinem Gehalt nicht unzufrieden. Wenn ich mir vergleichbare Positionen anderswo anschaue, ist da viel Luft nach unten. Zum anderen unterrichte ich sehr gerne. Auf eine Selbstständigkeit deswegen mit dem ganzen Drumherum habe ich aber keine Lust.”

Astrid fährt nach einer kurzen Pause fort “Wir haben aber jetzt noch ein ganz anderes Problem.” “Welches?” “Natasha.”

13.

Es ist Samstag nachmittag, im Konferenzsaal der Inneren Abteilung ist ein Podest mit drei Stühlen aufgebaut. Das Interesse an Natashas Präsentation ist überwältigend. Es sind nicht nur alle Patientinnen der onkologischen Abteilung da, sondern auch alle Schwestern, mit denen Natasha vor drei Jahren zusammen gearbeitet hat. In der ersten Reihe sitzen der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, einige Chefärzte, der Chef der Personalabteilung, dessen Mitarbeiterin, die Astrid besuchte sowie Natashas Eltern mit den zwei Kindern. Der Chefarzt der Onkologischen Abteilung bittet Natasha und ihren Mann nach vorn und setzt sich auf den linken Stuhl auf der Bühne. Natasha trägt ihre Abaya und den schwarzen Niqab, ihr Mann eine Thobe und eine Ghutra, sie haben jeder eines ihrer Kinder im Arm. Das Publikum spendet Beifall.

Zuerst spricht Natasha. Sie bedankt sich für die herzliche Aufnahme in der Klinik, auch wenn es ihr lieber gewesen wäre, als Gast wieder zu kommen und nicht als Patientin. Die Vorstellungen, die man gemeinhin mit dem Nahen Osten verbinde, habe sie nur zum Teil bestätigt gefunden.

So wie das Publikum sie und ihren Mann hier gekleidet sehe, bewegen sich die Araber auf der Straße. Es gibt, wie man sieht, Kleidungsvorschriften für Mann und Frau. Ihre Bekleidung habe nicht unbedingt mit einem religiösen Bekenntnis zu tun, sie sei nicht nur dort in vielerlei Hinsicht recht praktisch. Sie spricht die Punkte an, die sie Martina bei ihrem ersten Treffen nannte (es gibt schallendes Gelächter unter den Frauen im Publikum) und fügt hinzu, daß sie beschlossen habe, ihrem Mann ihren derzeitigen Anblick zu ersparen. Sie betont, daß soziale Kontakte für Kranke allgemein sehr wichtig sind. Und wie man an Astrids Tanzunterricht ganz deutlich sehe, können sie durch etwas Rücksichtnahme seitens der Betroffenen ihrer Umgebung gegenüber überhaupt erst möglich oder zumindest viel entspannter werden. Sie wisse sehr wohl selbst, daß sie derzeit entfernt davon sei, eine Misswahl zu gewinnen und könne gerne darauf verzichten, das in den Reaktionen ihrer Umgebung immer wieder bestätigt zu bekommen.

Es ist still im Saal, alle hören gespannt zu und beobachten die beiden und ihre Kinder. Natasha streichelt, während sie spricht, ihre Tochter, die immer mal wieder an dem Schleier zupft, der sich vor Natashas Mund beim Sprechen bewegt.

Dann geben Natasha und ihr Mann die Kinder zu ihren Eltern. Natasha verläßt die Bühne und geht in den hinteren Teil des Saales.

Ihr Mann berichtet derweil von den Erwartungen der Kunden seines Arbeitgebers, die sich ja in dem Punkt nicht von Deutschland unterscheiden, daß man dort Respekt gegenüber den Gepflogenheiten des Landes und seiner Bewohner erwarte. Aller Voraussicht nach werde er mit seiner Familie in Arabien bleiben und dort für den Kunden seines jetzigen Arbeitgebers arbeiten. Er spricht dann vom gesellschaftlichen Leben in dem Land, vor allem in den Kaffeehäusern.

Darauf kommt Natasha mit einer Kopie ihrer selbst auf die Bühne. Es ist Astrid, in derselben Kleidung wie sie. Natashas Mann fragt im Saal um Handzeichen zu der Frage, ob die linke oder die rechte Dame seine Ehefrau sei. Die Meinungen gehen auseinander. Natashas Mutter stellt den Bub auf die Bühne, die Frauen sagen nichts, sondern bewegen sich nur etwas vor ihm. Der Bub stutzt, schaut ihnen ein paar Sekunden zu und geht dann zielstrebig zu seiner Mutter. Natasha lobt ihn laut und das Publikum ist beeindruckt.

Die beiden werden noch lange mit Fragen gelöchert und die Schwestern haben alle Mühe, die Patienten zum Abendbrot auf die Zimmer zu bekommen. Astrid sagt Natasha, daß das Training hier eine Stunde nach dem Abendbrot stattfinde und lädt sie und ihren Mann ein, mit dabei zu sein. Michael bittet derweil Natashas Mann zum Abendbrot in sein Zimmer.

14.

Astrid und Natasha beeilen sich beim Abendbrot, Astrid will beim Umräumen des Saales helfen und Natasha beim Training nichts verpassen. Als die beiden die Platten auf den Essenwagen räumen, kommt Martina mit ein paar Seidentüchern in der Hand auf sie zu. Sie legt sie ihnen aufs Bett und sagt “Sucht Euch jede eines davon aus und bringt mir die anderen zum Training mit.” und verläßt das Zimmer. Die beiden lassen also das Schild an der Tür hängen und schauen sich die Tücher an.  “Aussuchen ist gut” sagt Natasha “das sind Träume vor dem Herrn”. Astrid entgegnet “ich habe zwar daheim auch ein paar, aber so schön sind meine bei weitem nicht. Auf die Idee hätte ich aber schon lange kommen können. Das Minikleid sieht am Hals doch etwas profan aus. Und zu schwarz paßt sowieso alles. Nimm Deine Lieblingsfarbe und gut ist.” Natascha nickt und greift zu einem mittelblauen Tuch. “Du nimmst blau, das ist gut. Ich habe zu Hause ein rotes, so ungefähr wie das. Muß mir Michael morgen mitbringen, auch meine langen Halsketten.” Sie zieht Natasha den Kragen des Minikleids über den Kopf und bindet ihr lose das blaue Tuch um. “Wow, jetzt wird Cheryl Tiegs blaß neben Dir.” Sie nimmt ihr das Tuch wieder ab, zieht ihren Kragen hoch und bindet es sich selbst um. Natasha zieht ihren Kragen unter die Augen und ist hingerissen. “Du hast recht, das ist der Hammer.” Sie nimmt ihr das blaue ab, bindet ihr das rote um und sagt “Genauso toll.” Sie verknoten sich die Kopfteile ihrer Minikleider, ziehen sich sich die Tücher zurecht, so daß deren Enden lang über den Rücken hängen und gehen zu Martina in den Konferenzraum.

Dort räumen ihre Männer schon die Stühle zusammen. Martina tritt zu ihnen “Der Chefarzt hat gesagt, daß die Ärztekonferenz übermorgen früh drei Stunden länger dauert und Eure Behandlungen auf den Nachmittag verlegt werden. Ihr beiden seht richtig fesch aus.” Michael ist begeistert “Die Morgenpost titelt: Estee Lauder und Christina Ferrare haben unseren Fotografen ein Schnippchen geschlagen.” Alle lachen. Astrid sagt zu Michael “Bring mir morgen früh bitte meine Halstücher, Ketten, das Schminkset und die braune Perücke mit. Ich möchte Martina ihr Tuch gerne wieder zurückgeben.” Die Männer sind derweil fertig. “Soweit ich mich erinnern kann, hat Natasha früher gerne Blau getragen.” sagt Michael. Natascha hebt den Daumen. “Dann ist die rote Rose hier meine Frau” er nimmt sie und drückt sie fest an sich.

Martina sagt “Ich sehe, wir sind in der richtigen Stimmung zum Tanzen.” und legt eine Musik auf. Sie stellen sich alle an einer Linie auf und Astrid macht vor ihnen ein paar Lockerungs- und Aufwärmübungen.

Dann sagt sie, zu Natasha und deren Mann gewandt “Wir spielen alle Standardtänze dreimal durch. Beim ersten Mal tanzen Michael und ich allein und Ihr schaut zu. Martina und Bernd korrigieren uns. Dann tanzt Ihr sowie Martina und Bernd. Ich komme zu Euch. Macht Euch keinen Streß, ich will nur bei der Gelegenheit sehen, was Ihr könnt und was Euch Spaß macht, damit ich das beim Unterricht mit einplanen kann.”

“Macht Ihr kein Latein?” “Das dürfte Annettes Designkünste dann doch etwas überfordern. Bei der Gala wird natürlich auch Latein getanzt, aber da sind die Gesichtsschleier der Kolleginnen ja das Einzige, was sie anhaben.” Alle lachen. “Wir fangen mit dem Langsamen Walzer an.”

Bernd legt auf, Astrid und Michael fangen an. Astrid zählt am Anfang laut die Schritte aus. Dann betonen Michael und Astrid ein paar Bewegungen und Schwünge, Astrid kommentiert sie. Natashas Mann ist beeindruckt. Astrid sagt zu ihm “Das ist der feine Unterschied zwischen Breitensport und Turniertanz. Und Euer Programm für die nächste Woche.” Sie läßt die beiden erstmal ein paar Schritte tanzen und fängt dann an zu korrigieren. Nach einer Weile klatscht sie ab, nimmt sich Natascha und zeigt deren Mann das noch einmal genau. Als sie die beiden weiter tanzen läßt, hat er schon ein paar der Schwünge mitgenommen und führt Natasha schon merklich besser.

Michael steht bei Bernd und Martina und korrigiert laufend. Als das Stück zu Ende ist, stöhnt Natashas Mann. “Puh, ich habe gedacht, daß ich das kann.” “Das stimmt ja auch,” antwortet Astrid. “Sie sind vom Niveau her am Ende eines Fortgeschrittenenkurses. Das ist ja nun deutlich mehr als Nichts. Ich rechne aber fest mit Ihrem Ehrgeiz. Sie sollen nicht nur Ihrer Frau helfen, in dem Sie sie gut unterhalten, sondern auch selbst etwas mitnehmen. Man kann immer noch ein Sahnehäubchen draufsetzen.”

Bei den anderen Standardtänzen merkt Astrid schnell, daß den beiden da noch die Grundlagen fehlen. Sie läßt ihnen die Wahl, ob sie lieber zuschauen oder selbst probieren wollen. Sie sind aber tapfer dabei und lassen nur den Wiener Walzer aus. Am Ende des Abends bittet Astrid Natashas Mann, zum nächsten Training eine Stunde eher da zu sein.

15.

Am Montag gibt es für Natasha und Astrid eine außerordentliche Chefvisite. Der Professor bedankt sich herzlich bei Natasha und bittet sie ihrem Mann herzliche Grüße auszurichten. Dann fragt er Astrid nach ihrem Befinden. Sie antwortet “Der Schwächeanfall war bislang ein Ausreißer, ich hoffe, daß das so bleibt.” “Ihr Programm wird nach Ihrer Gala planmäßig stufenweise härter werden. Bitte kalkulieren Sie das bei Ihrer Arbeitsplanung ein. Und dann möchte ich Ihnen beiden für Ihre Arbeit mit der Schwesternschülerin danken. Mir wurde von der Stationsschwester gesagt, daß Sie sie schon ganz schön auf Linie gebracht haben. Er blickt auf Natashas Bauch und dann auf die Abteilungsschwester. “Du schaust bitte, daß Du den beiden zusätzlich noch eine ausgebildete Schwester mitgeben kannst. Ich möchte, daß sie das Wetter ausnutzen, solange es sich hält.” “Meine beiden Damen, ich bitte Sie für 10:00 Uhr in mein Dienstzimmer. Martina wird Sie abholen.”

Astrid nickt, lächelt ihn an und zieht sich den Kragen über den Kopf. Als sie den verknotet hat, tritt der Professor zur Seite, gibt Michael den Blick auf Astrid frei und verläßt das Zimmer. Astrid fragt Michael “Hast Du mir meinen Schmuck mitgebracht?” Micheal nickt, reicht ihr eine Tasche und geht. Die beiden hängen das Schild raus, nehmen ihre Schleier ab und schauen in die Tasche. Darin sind ein paar Seidentücher, einige Halsketten, ein Diadem, ein Beutel und ein Schminkset.

Astrid schaut Natasha an. “Zieh Dir bitte das Minikleid an und mach dann die Augen zu.” Natasha nimmt den Niqab ab und zieht ihre Abaya aus. Als sie das Minikleid übergestreift hat, nimmt Astrid einen Stuhl und setzt sie vor den Spiegel. Sie streicht ihr mit dem Finger über die Augenbrauen. “Da ist noch einiges da.” sagt sie und nimmt ein paar Kajalstifte zur Hand. Sie zieht ihr erst die Augenbrauen dick mit einem braunen Stift nach, so daß es kaum auffällt, daß da nur noch wenige Haare sind. Natashas Wimpern sind noch halbwegs intakt. Astrid zaubert ihr dann einen schönen blauen Lidschatten hin und mischt etwas Glitzer dazu.

Dann nimmt sie einen neuen Lippenstift und zieht ihr die Lippen nach. Die Wangen bekommen etwas Rouge. Sie greift in den Beutel, zieht eine Perücke heraus und setzt sie ihr auf. Nachdem sie die frisiert hat, sagt sie zu Natasha “So, und jetzt mach die Augen wieder auf.” Natasha ist geplättet. Astrid fragt sie “Ist das jetzt okay so oder willst Du einen Gesichtsschleier?” “Eigentlich ist ein Schleier eine Beleidigung Deiner Arbeit. Aber gib mir einen, den kann ich ja beim Professor im Zimmer abnehmen, wenn ich will.” Astrid nimmt ein gelbes Tuch und hält es Natasha vors Gesicht.

Es reicht ihr weit genug übers Kinn, daß das beim Sprechen nicht sichtbar wird. An zwei Enden hat es angehäkelte Ösen, an denen Astrid es mit Haarklammern an der Perücke festmacht. Natasha greift zu den Haarklammern. Sie sitzen fest. Astrid schaut auf die Uhr. In zwanzig Minuten kommt Martina. Natasha steht auf und dreht sich vor dem Spiegel hin und her. Astrid lacht. Sie schiebt sie wieder auf den Stuhl und setzt ihr das Diadem ins Haar. Dann nimmt sie ihre Hände und lackiert ihr die Fingernägel. Sie ist gerade damit fertig, als es klopft. “Moment!” ruft sie, zieht ihren Kragen über den Kopf und geht zur Tür.

Sie winkt Martina rein und verknotet sich das Minikleid. Martina schaut zu Natasha. “Prinzessin, darf ich zum Tanz bitten?” Die ist irritiert und steht auf. Astrid schiebt den Stuhl in die Ecke. Martina nimmt Natasha in die Arme und tanzt eine halbe Minute mit ihr einen Langsamen Walzer. Dann verbeugt sie sich vor ihr, ihre Augen strahlen. Astrid hat derweil das Schminkzeug weggeräumt. Martina geht zum Tisch und dreht sich zu Natascha. Ihr gelber Schleier berührt nicht ganz ihr Minikleid. Martina greift zu einer langen Bernsteinkette und legt sie Natasha um den Hals. Natascha schaut in den Spiegel. Sie ist begeistert. Dann tritt sie zum Tisch, dreht Astrid vor die Tür, so das sie gut im Licht steht. Sie legen ihr eine breite goldene Kette mit einem rubinroten Stein um. Martina lackiert ihr noch die Fingernägel. Dann zieht sie sich selbst den Kragen ihres Minikleids hoch und verknotet ihn über ihrem Kopf, es wird ein gelbes Seidentuch sichtbar. Sie räumen auch den Schmuck in Astrids Schrank. “Auf,” sagt Martina, “wir müssen los.” Auf dem Korridor treffen sie ein paar Schwestern und Patientinnen. Die sind entzückt.

Die drei gehen zum Fahrstuhl und fahren in die vierte Etage. Sie betreten pünktlich um zehn Uhr das Konferenzzimmer des Chefarztes. Die Gesichter der Ärzte sprechen Bände. Der Chef steht auf, Natasha wendet sich ihm zu und löst eine Ecke ihres Schleiers. Sie lächelt ihn an. Er macht eine kurze Verbeugung und küßt ihr die Hand. Natasha steckt ihren Schleier wieder fest, während der Chef sie zum Kopfende des Tisches geleitet, der wie ein T gestaltet ist. Astrid und Martina setzen sich zu ihm an die Längsseiten.

Der Chef bedankt sich bei Natasha für die erfolgreiche Veranstaltung am Samstag und erklärt ihr, daß sie jetzt zusammen mit seinen Kollegen überlegen wollen, was sie von ihren Anregungen in die Arbeit auf der Station mitnehmen können.

Es wird eine lange und angeregte Diskussion. Zu Mittag werden ein paar Platten mit belegten Brötchen gebracht. Natasha nimmt sich ein Schinken- und ein Käsebrötchen vom Tablett. Dann reicht ihr die Schwester ein Glas Orangensaft mit einem Trinkröhrchen. Sie wartet, bis alle Ärzte am Tisch bedient wurden.

Alle Blicke, auch die der Schwestern, die das Essen gebracht haben, sind jetzt aufmerksam auf Natasha gerichtet. Die zieht den Schleier mit ihrer Hand auf der Nase ein wenig nach unten. Dann neigt sie den Kopf ein wenig nach vorn und schiebt mit der linken Hand den Schleier etwas von sich weg. Dann verschwindet ein Brötchen darunter. Die Ärzte lächeln und widmen sich ihrem Imbiß.

16.

Zwei Stunden nach den auf den Nachmittag verlegten Behandlungen bittet die Schwester Astrid und Natasha zu Martina. Astrid gibt ihr dankend das Tuch zurück. Martina soll außerhalb ihres Zimmers genauso wie die beiden ihr Gesicht verhüllen, hatte der Chefarzt vorgeschlagen.

Sie wendet sich an Natasha und bittet sie, in der nächste Zeit vorwiegend die Minikleider kombiniert mit ihrem blauen Halstuch zu tragen. Astrid trägt ein rotes, Martina ein gelbes, so daß die Ärzte und Schwestern sie auseinanderhalten können.

Martina schaut Natasha eine Weile an. Dann kommt sie auf die Gala zu sprechen. Sie sagt, daß die gesamte Klinikleitung und auch viele andere Leute aus den Abteilungen daran teilnehmen werden, die Halle ist komplett ausverkauft. Natasha schluckt. “Schön für Euch, aber die Idee, mich da als Mäuschen mit meinem Männeken reinzuschmuggeln, können wir dann ja jetzt vergessen.”

“Stimmt.” sagt Martina. “Wir sehen uns deshalb leider zu einem Anschlag auf Euch gezwungen. Die Norderstedter haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt und die Karten, zumindest die guten Plätze, gepfeffert bepreist. Dein Männeken wird die, selbst wenn er noch welche zu fassen bekäme, auf keinen Fall zahlen wollen. Ihr müßt also arbeiten. Danach bringt Dich der Chef in die Klinik und nimmt Dein Männeken mit in die Stadt.”

Natasha schüttelt ungläubig mit dem Kopf. “Du machst Witze.” “Ja klar, wie immer.” “Und was soll ich arbeiten? Eintrittskarten abreißen?” “Natürlich nicht. Du wirst mit Deinem Männeken mittanzen.” “Sag mal Martina, hast Du noch alle Tassen im Schrank?” fragt sie Natasha. Martina steht auf, öffnet den Schrank, blickt hinein und sagt “Ja, sind alle hier.” Sie nimmt drei heraus und macht einen Tee.

Natasha gibt auf. Gegen Martina kommt sie heute nicht an. Sie schüttelt aber immer noch den Kopf. “Ich und auf dem Turnierparkett …” Sie schaut Astrid an “Und wo ist das das Problem? Du tanzt natürlich nicht das volle Programm, sondern nur drei Langsame Walzer. Die streuen wir ein bißchen zwischen die anderen Tänze, so daß Du dazwischen Pausen hast und Dich setzen kannst. Den letzten Schliff kriegt Ihr in den nächsten drei Tanzstunden, wir machen die ganze Woche nichts anderes.”

“Und wie sehe ich aus?” fragt Natasha. Martina antwortet “Die Hexe Babajaga warst Du heute beim Chef ja nicht gerade.” “Stimmt, Astrid hat mich für ihn standesgemäß rausgeputzt.” “Siehst Du. Geht doch. Die Mädels tragen den ganzen Abend Gesichtsschleier, deutlich größer als Deiner heute. Steh mal auf, ich brauche ein paar Maße von Dir.” Sie schreibt sie auf und stutzt. “Danke setz Dich. Astrid, komm mal her.” Sie nimmt dieselben Maße von Astrid und schaut sie sich an. “Dein Männeken hat Dich in den letzten Jahren gut gefüttert. Hast Du das Tanzkleid noch, welches Du zu Deinem ersten Turnier getragen hast?” Sie gibt ihr den Zettel, Astrid macht ihr Minikleid auf, läßt den Kragen über ihr Gesicht nach unten gleiten und sieht ihn sich an. “Du hast Recht. Das könnte passen. Sie schaut auf die Uhr. Mein Männeken müßte zu Hause sein. Ruf ihn bitte mal an.”

Martina geht zum Telefon “Michael, Martina hier. Ich gebe Dir mal Astrid” “Schatz, sei bitte so nett und schau mal in meinen Kleiderschrank. Da müßte ganz rechts in einem schwarzen Kleidersack mein hellblaues Tanzkleid von früher hängen.” “Toll. Hast Du Zeit? Kannst Du mir das in die Klinik bringen? Danke. Du bist mein Bester. Auf Dich ist Verlaß.” sie legt auf.  “Michael fährt gleich los, ist in zwanzig Minuten hier.” Martina strahlt. “Das ist prima, wenn das paßt, kann ich morgen früh noch Stoff für den Schleier holen.” Astrid füllt sich Tee in ihre Tasse und trinkt. Nach zwei Tassen verschleiert sie sich wieder.

Natasha ist immer noch geplättet. “Ich kann das immer noch nicht fassen. Mein Männeken und ich als Turniertänzer. Das habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt.” “Ja, und jetzt kommst Du dazu wie der Blinde zur Ohrfeige. Und noch dazu so billig.” Natasha nickt. “Stimmt. Ihr beiden habt Jahre dafür schwer geschuftet.” Astrid antwortet “Dafür wirst Du diese Woche etwas tun müssen und zwar nicht wenig. Aber bitte” sie streichelt ihr den Bauch “Keinen falschen Ehrgeiz! Wenn es beim Training nicht weitergeht, sofort die Hand heben und stehen bleiben. Sind wir uns da einig?” Natasha nickt.

Es klopft, Michael kommt. Astrid nimmt ihm den Kleidersack aus der Hand, weist auf Natasha, nimmt ihn in die Arme und streichelt sein Gesicht. “Danke Schatz. Gute Nacht” Er lacht und geht. Martina schließt die Zimmertür ab und wendet sich an Natasha. Sie blickt auf deren Bauch und das Kleid. “Schaun wir mal.”

Martina geht zum Schrank und holt ihr Nähzeug heraus. Astrid zeigt auf zwei Stellen. Martina nickt und steckt sie mit ein paar Nadeln ab. Dann schiebt sie Natasha vor den Spiegel. Die ist sprachlos, “Umstandsmode ist aber etwas anderes.” sagt sie. “Genau.” antwortet Astrid “wir sind drauf und dran, uns die Personalabteilung endgültig zum Feind zu machen.” Martina zuckt mit den Schultern und sagt zu Astrid “Was solls, wir sichern Deinen Arbeitsplatz.”

Martina blickt auf die Uhr. “In einer halben Stunde werfe ich Euch raus, dann hat mein Männeken Schichtschluß. Wie willst Du den Gesichtsschleier haben? Mit Gummizug oder zum Binden?” “Gummi wäre nicht schlecht, der sitzt am Sichersten.” antwortet Natasha. Sie nimmt das Kleid und hält es sich vor den Mund. Der Stoff wäre auch in Ordnung, wenn Du ihn noch bekommst.” Martina mißt noch ihren Kopf aus und setzt sich dann zu Astrid, während sich Natasha wieder anzieht. Astrid fragt “Haben wir’s?” “Noch nicht ganz” sagt Martina und lächelt. Astrid schaut sie an “Bin mal gespannt, was Du jetzt wieder ausheckst.”

***

Martina fährt früh erst zu einem Kurzwarengeschäft, dann in eine Schneiderei in der Nachbarschaft der Klinik und kommt anschließend auf die Station. Die Sachen sollen bis zum Nachmittag fertig sein, also bekommt sie Natasha noch vor dem Training zur Anprobe. Sie hat zwischen den Gesprächen mit den Patientinnen noch ein bißchen Zeit für ein paar Telefonate, während sie eine halbe Pizza ißt. Um drei ruft der Portier an, daß ein Paketbote da sei. Martina gibt der Schwesternschülerin Geld und scheucht sie los.

Eine Dreiviertelstunde später sitzen zwei Frauen in schwarzen Minikleidern und verhüllten Köpfen im Konferenzsaal. Die eine trägt ein rotes, die andere ein gelbes Halstuch.

Natashas Mann kommt. Astrid empfängt ihn. “Hallo, besten Dank, daß Sie gekommen sind.” “Ich freue mich, daß ich kommen darf.” antwortet er. Astrid fährt fort. “Sie waren ja vor einiger Zeit bei meinem Mann …” sie macht eine kurze Pause “Stimmt.” bestätigt er. Sie fährt fort “… und haben sich nach der medizinischen Indikation des Gesichtsschleiers Ihrer Frau erkundigt.” Er wird rot, sagt aber nichts. “Wir sind der Sache anhand der neuesten Untersuchungsergebnisse noch einmal auf den Grund gegangen.” Er ist gespannt wir ein Flitzbogen. In dem Moment geht die Tür auf. Astrid weist mit der Hand in die Richtung, er dreht sich um und ist sprachlos.

Da steht Natasha, ein Traum aus Tausendundeiner Nacht. Sie trägt das blaue, rückenfreie Tanzkleid, einen großen, blickdichten Gesichtsschleier direkt unter den Augenlidern, das Diadem auf der Perücke und ist geschminkt wie gestern für den Besuch beim Chef. Sie laufen sich entgegen und fallen sich in die Arme. So muß es bei ihrer Hochzeit gewesen sein.

Nach ein paar Minuten fragt Astrid laut “Dürfen wir kurz stören?” Die beiden kommen und setzen sich. Astrid wendet sich an Natashas Mann und fährt fort “Wie Sie sehen, haben die Untersuchungsergebnisse nach eingehender Beratung ergeben, daß Sie die Augen Ihrer Frau sehen dürfen. Wischen Sie ihr bitte aber nicht im Gesicht herum, da ist nicht mehr viel echt von dem, was Sie sehen. Daher gilt die Erlaubnis nur befristet bis zum Galaabend. Und sie ist leider gebührenpflichtig.”

Er schaut irritiert. Martina sagt “Die Gebühr besteht darin, daß Sie bei der Gala mit Ihrer Frau drei Langsame Walzer tanzen. Gehen Sie bitte zu einem Kostümverleih und holen Sie sich einen Frack für den Galaabend. Der Chefarzt der Onkologischen Abteilung wird Ihre Frau und Sie nach der Veranstaltung in die Klinik bzw. in die Stadt bringen. Die Halle ist komplett ausverkauft und selbst wenn Sie noch Karten bekämen, würden Sie sie nicht bezahlen wollen.”

Astrid wendet sich an ihn “Die nächsten drei Abende hier mit mir sind Ihr Training. Sie könnten Muskelkater bekommen. Sollten Sie bemerken, daß es Ihrer Frau nicht gut geht, so rufen Sie sofort nach mir. Wir haben zwei Schwestern mit dabei, die sich um sie kümmern werden. Als Tanzpartnerin steht Ihnen dann Martina zur Verfügung.” nach einer kurzen Pause ergänzt sie “Wir müssen uns sehr entschuldigen, Sie so plump überrumpelt zu haben. Ich hoffe aber, daß Sie sich unseren Vorschlägen nicht verschließen werden. Anderenfalls hätte ich gern in zehn Minuten mein Kleid zurück.”

Natashas Mann schüttelt sich. Er ist sprachlos und blickt seine Frau an. Astrid spiegelt nach einer Minute Ungeduld vor “Kosten Sie jetzt die zehn Minuten aus oder sollen wir das als Zustimmung verstehen?”

***

Nachbemerkung:
Nach Angaben des Statistikamtes Nord verstarben im Jahre 2011 in Hamburg 428 Frauen und 2 Männer an den Folgen bösartiger Neubildungen der Brustdrüse (Mammakarzinom), in Schleswig-Holstein waren es im selben Jahr 2 Männer und 687 Frauen. Davon waren in Hamburg 17 Frauen und in Schleswig-Holstein 28 Frauen jünger als 46 Jahre. Brustkrebs ist demnach auch heute noch eine ernst zu nehmende Todesursache.

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