Das Kolloquium

Die folgende Geschichte ist der dritte Teil der Trilogie. Wir bitten Sie, zunächst den zweiten Teil “Andrea” zu lesen.

Das Kolloquium

von Peter

Die reinste Form des Wahnsinns ist es,
alles beim Alten zu lassen
und gleichzeitig darauf zu hoffen, daß sich etwas ändert.

Albert Einstein

Wir Schwestern gehen beide gemeinsam durch Dick und Dünn, das habt ihr ja nun schon in unseren Berichten mitbekommen. Und daß es für uns richtig dicke kam, auch. Jetzt sollen wir Euch erzählen, wie wir wieder in unser altes Leben zurückfanden.

Nur: Unser altes Leben ist ein Zug, von dem kaum noch die Schlußlichter zu sehen sind. Darin sitzen alte Bekannte und Freunde, die wir einmal für solche gehalten haben. Und während schon ernsthafte Zweifel an der Relativitätstheorie angemeldet wurden, blieben Einsteins Aussagen über die menschliche Dummheit bislang noch ohne Widerspruch.

Wer fängt nun an?

I. Andrea: Mein großer Tag

Das soll nun mein großer Tag sein, der Professor hat nach etlichen Wochen endlich einmal Zeit für mich. Nach der Facharztausbildung hatte man sich noch um mich gerissen. Jetzt soll ich mich das erste Mal in meinem Leben nach einer Arbeitsstelle drängeln, nachdem man mich in den letzten zwei Jahren noch nicht einmal zu einem Gespräch gebeten hatte.

Meine Begeisterung über die Gelegenheit hält sich allerdings in Grenzen: Die Klinik sucht einen Nachfolger für einen ziemlich jungen Kollegen, der mich vor seinem Abschied noch einarbeiten soll. Einen in Ehren ergrauten Rentner zu beerben, wäre ja akzeptabel gewesen. Zu allem Überfluß bestand Lisa auch noch darauf, daß der Mann heute seine Frau mitbringt. Ich stehe in der Küche und helfe Astrid, das Essen für die Gäste vorzubereiten. Astrid merkt natürlich, was mit mir los ist. Sie zieht sich eine Maske über, die Handschuhe an, öffnet dann die Jalousie am Küchenfenster und schaltet die gelb-rot bestückten Diodenlampen aus: „Andrea, bitte laß es. Das wird heute nichts. Geh‘ bitte in die Stube und schicke mir Lisa her. Die wird ja gleich kommen.“

Keine drei Minuten später klingelt es: Lisa. Lisa, Gott sei Dank. Sie schaut mich kurz an, dann wird es dunkel vor meinen Augen. Lisa zieht mir den Kragen meines Kleides über den Kopf, bindet die Kordel straff zu und stopft sie in das nicht einmal fingerdicke Loch, welches zwischen dem zusammengerafften Stoff am Hinterkopf bleibt. Ich frage sie, was das solle, der Professor sei doch im Anmarsch. „Eben deshalb“, damit verschwindet sie in der Küche. Ich setze mich in den Sessel am Fenster. Blicke durch den dichten Stoff auf die Dächer der Nachbarhäuser und merke, wie mich das leicht verschwommene Bild etwas entspannen läßt.

Nach einer Weile kommt Bernd ins Zimmer. „Astrid?“, fragt er. Nein, antworte ich. Astrid hat mich aus der Küche komplimentiert, sonst hätte es noch einen Unfall gegeben. Bernd lacht: „Lampenfieber? Völlig normal. Schau Dir nur an, wie schön der Schornstein dort drüben raucht. Das macht Deiner auch bald wieder.“

Ich schüttele den Kopf: Bernd, das hat mit Lampenfieber nichts zu tun. Ich will keine Stelle, die ich einem Kollegen wegnehmen muß! „Etwas anderes wird Dir aber nicht übrigbleiben. Was meinst Du, weshalb uns keiner von den Zahnärzten hier auch nur einen Pfennig geliehen hat? Die verzichteten lieber auf ein paar Tausender Zinsen, als sich die eigene Konkurrenz großzuziehen.“ Welche Konkurrenz denn, erwidere ich. „Na, welche schon. Die Kinder wurden ja auch behandelt, bevor wir hier waren“, antwortet Bernd. „Nur eben so, wie sehende Patienten. Dafür kriegten die Kollegen genauso viel wie wir, obwohl sie kaum die Hälfte der Zeit aufwandten.“

Die Tür geht auf, Lisa schiebt das Teewägelchen herein. Bernd hilft ihr beim Decken des Tisches. Die Kaffeekanne, eine Karaffe mit Orangensaft, fünf Tassen, fünf Gläser und ein Strohhalm. Fünf Teller und Kuchengabeln, dazu zwei Platten mit Obst- und Quarkkuchen. Für Astrid ist nicht gedeckt. Wir werden aber nicht sechs, sondern sieben Personen sein. Also soll auch mein Kleid geschlossen bleiben. Wir tragen dazu den gleichen Silberschmuck, die gleiche schwarze Hose. Nur Astrids Arme werden von dem schwarzen Kapuzenpulli und Lederhandschuhen bedeckt. So platziert uns Lisa direkt nebeneinander. Dann wirft sie sich noch ein transparentes Tuch über ihre silbergrauen Haare und setzt sich zu uns aufs Sofa.

Minuten später klingelt es. Es dauert eine Weile, bis die Gäste die Treppen erklommen haben und schließlich die Wohnzimmertür geöffnet wird. Bernd bittet zwei Herren im Anzug ins Zimmer, einer davon trägt einen weißen Turban. Hinter ihnen kommt noch eine kleine Frau. Von ihr sind nur die Hände zu sehen. Vermutlich überrascht von unserem Anblick, legt sie die Hand auf ihren Gesichtsschleier und läßt sie dann nur langsam nach unten gleiten. Der Turban verneigt sich vor uns Weibervolk, der andere Herr folgt ihm. Bernd bittet die Gäste, Platz zu nehmen. Die beiden stellen sich vor: Der Klinikchef der Unfallchirurgie und – mit dem Turban – der Handchirurg, den ich ablösen soll. Er nennt nur seinen Vornamen: Shantimay. Seine Frau: Dinata. Bernd wiederum stellt uns vor: Lisa, mich, Astrid. Er schenkt zunächst den Saft ein und gibt Dinata den Strohhalm. Sie wickelt ihn aus und schiebt dann das Glas unter ihren hüftlangen Schleier.

Lisa bricht das Eis, richtet auf Englisch einige Allgemeinplätze an Shantimay und seine Frau. Die waren eigentlich nur so als Höflichkeiten gedacht, der Mann nimmt aber kein Blatt vor den Mund. Das ist heute, nach einem halben Jahr, die erste Einladung für sie in dieser Stadt. In Indien sei die große Familie, die Gesellschaft der Nachbarn ganz selbstverständlicher Teil des Lebens. Hier müßten sie dazu nach Frankfurt fahren, eineinhalb Stunden mit dem Zug. Und stets, wenn er mit seiner Frau eine Wohnung besichtige, sei die soeben vergeben. Deshalb säßen sie jetzt immer noch im Hotel.

In Frankfurt finden die beiden Anschluß, das ist mir klar. Da haben sich Leute aus aller Herren Länder niedergelassen. Falls Shantimay demnächst an die Goethe-Uni wechseln will, wird er wahrscheinlich vom Regen in die Traufe kommen. Sechs Monate Wohnungssuche sind dort völlig normal, auch wenn die Ehefrau keinen Schleier trägt. Und was sagt sie dazu?

Dinata läßt sich nicht lange bitten. Schon der Urgroßvater sei in Srinagar für seine reich bestickten Kleider bekannt gewesen. Und natürlich trägt die ganze Verwandtschaft die Waren des Geschäfts zur Schau. Für eine Frau der Familie sei es unvorstellbar, mit barem Gesicht vor die Tür zu gehen. Die Mädchen liegen ihren Müttern jahrelang in den Ohren, bis sie endlich ihre erste eigene Burka bekommen. Und auch sie sei seit ihrem zwölften Geburtstag nur ein einziges Mal unverschleiert gewesen. Das war hier in Marburg, ein paar Tage nach der Ankunft. Sie wäre ihrem Ehemann als glücklich verheiratete Frau nach Deutschland gefolgt. Aber bei dieser Kerb in der Frankfurter Gegend habe sie erleben müssen, daß das hiesige Mannsvolk selbst die Bauern daheim an Dreistigkeit übertreffe. Schon zur Mittagszeit wären sie dort über Schnapsleichen gestolpert. Ansonsten seien die Städte hier wie leergefegt, so als wären die Leute im ganzen Land vor einem Erdbeben geflüchtet. Nur in der Drosselgasse, als sie den Ausflug ins Rheintal machten, habe sie einmal Menschen getroffen.

Und das waren offensichtlich Touristen. Dinatas Reaktion überrascht mich überhaupt nicht: Einerseits muß das Hotelzimmer für sie wie ein Vogelbauer sein. Selbst in Berlin kommen viele Migranten, vor allem Lateinamerikaner, mit der nordischen Lebensart nicht zurecht. Massive psychische Probleme, bis hin zu Suizidversuchen, sind immer wieder die Folge. Andererseits macht es der Konflikt zwischen den Erwartungen der Einheimischen, mit denen sie in Vereinen in Kontakt kommen könnte, und ihren Lebensgewohnheiten nicht einfacher. Die Bauchtanzgruppe in der Volkshochschule wäre eigentlich ein guter Ansatz, würde die nicht mangels hinreichendem Interesse immer mal wieder abgesagt. Aber bei der Dozentin, einer resoluten, sehr selbstbewußten Frau, würde Dinata mit dieser Kleidung nicht gerade auf Begeisterung stoßen. Außer endlosen Diskussionen käme dabei nicht viel heraus. Shantimay antwortet mir, daß er seiner Frau keine Vorschriften über ihre Kleidung zu machen habe. Nicht als Ehemann, als Muslim schon gar nicht. Und Dinata bestätigt mir das: Ein Mann dürfe seine Frau bitten, mehr nicht. Natürlich nicht darum, sich vor den Leuten auszuziehen. In Deutschland verlange man von ihr ständig, sie solle den Schleier ablegen. Dabei sind die Frauen der ersten Familie, die sie beide in dieser Stadt einlädt, noch tiefer verschleiert als sie selbst. Sie schüttelt darüber den Kopf. Wenn das Mädel nur wüßte, weshalb …

„Bernd, teilen wir uns doch mit Andrea die erste Etage“, schlägt Astrid vor. „Im nächsten Sommer werde ich hier oben in meinen Sachen zerfließen.“ Bernd schüttelt dazu den Kopf: „Astrid, das ist ein hausgemachtes Problem, das weißt Du ganz genau. Das Dachgeschoß durften wir nur unter der Bedingung ausbauen, an der Außenansicht nichts zu verändern, noch nicht einmal auf der Hofseite. All die Jahre hat uns die Wärme hier oben nicht gestört. Nur weil das jetzt anders ist, können wir das Problem nicht einfach an die Mieter delegieren. So eine Frau wie Dinata läuft doch auch in der eigenen Wohnung nicht im Bikini herum.“ Shantimay nickt: Gegenüber Männern, die mit ihr nicht ersten und zweiten Grades blutsverwandt seien und die sie demnach heiraten dürfe, solle sich eine Muslimah verhüllen. In Srinagar sei es im Sommer zwar wärmer als hier, aber da hätten sie auch keine Klimaanlage gebraucht. Wenn das also das einzige Problem sei, damit könnten sie leben.

Bernd schüttelt wieder den Kopf. Nein, da kommt noch etwas hinzu: Das gesamte Mobiliar des Dachgeschosses sei solide Tischlerarbeit, fest unter die Dachschrägen eingebaut. Anders wäre die Wohnung nicht vernünftig einzurichten gewesen. Natürlich war das beim Ausbau das Teuerste überhaupt. Also käme es nicht in Frage, die Möbel zu entfernen. Shantimay erwidert darauf, daß man in seiner Heimat gute Tischlerarbeit zu schätzen wisse. Die Leute würden ihr Möbel von Generation zu Generation weitergeben, mancher Schrank stände schon seit Jahrhunderten an seinem Platz. Astrid erinnert noch an den Mietspiegel, der stünde schon für eine unmöblierte Wohnung bei acht Euro fünfzig kalt.

„Verstehe. Sie haben hier Geld reingesteckt und dürfen wegen der tiefen Dachschrägen gerade für die Flächen nichts verlangen, die Sie sich damit so geschickt ausgebaut haben“, antwortet der Professor darauf. „Frau Dr. Škoda, im Mietspiegel kann man nicht wohnen. Reichen für die eingerichtete Wohnung tausendzweihundert warm? Damit sollte doch allen geholfen sein. Das Hotelzimmer ist für die beiden nun nicht mehr zu ertragen.“ Astrid nickt: „Soviel sollte es gar nicht kosten. Steigen die Heizölpreise allerdings weiter so wie bisher … Wir haben die Dachschrägen natürlich gedämmt, trotzdem geht da sehr viel Wärme weg.“ Der Kaschmir sei eine Gebirgsgegend, sagt Shantimay, Schnee und Eis wären für sie nichts Neues. Und eine Schneiderfamilie wisse sich auch im kalten Winter zu helfen, meint Dinata.

„Also dann mal auf, unsere Frauen wollen ihren Spaß haben“, sagt Bernd zu Shantimay.

Lisa hilft mir vom Sofa, sie und Bernd haken mich auf der Treppe unter. Es geht ins Erdgeschoß, in die Zahnarztpraxis. Bernd hat den kleinen Tisch aus der Küche in sein Sprechzimmer gestellt, so daß man den alten Lichtkasten an der Wand sehen kann.

Ich will nach der Kordel meines Kleides greifen, aber Lisa legt mir ihre Hand auf den Arm. „Frau Dr. Werner“, sagt der Professor, „wir haben nicht zufällig in der Ausschreibung darauf hingewiesen, daß Lichtbilder in den Bewerbungsunterlagen unerwünscht sind.“ Das hatte ich zwar gelesen, mir darüber aber keine Gedanken gemacht.

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Dr. med. Andrea Werner beim Vorstellungsgespräch
Bevor ich mich darüber wundern kann, beginnt Shantimay in recht gutem Deutsch, mir von seinem Werdegang zu erzählen:

Er habe in Srinagar die Hochschule besucht, in Riad Medizin studiert und sich dort nach einigen Jahren Praxis in einem Allgemeinkrankenhaus auf die Handchirurgie spezialisiert. Bei den Saudis beurteile man Bewerber nach ihren Fähigkeiten. Auch deshalb sei es dort nicht außergewöhnlich, daß eine Frau zur Vorstellung blickdicht verhüllt erscheine. Und weil es in der Chirurgie nun immer mehr Frauen gebe, habe er sich für das anonyme Auswahl-verfahren eingesetzt. Der Mann gefällt mir: Ist es nicht ein bißchen inkonsequent, in der Bewerbung Alter, Geschlecht und Lichtbild wegzulassen, wenn der Gegenüber dann beim Gespräch mit der Frisur oder den Piercings eines Kandidaten nicht klarkommt?

Das ist aber nicht einmal der entscheidende Punkt.

„Frau Dr. Werner“, sagt der Professor, „wir brauchen uns doch nichts vorzumachen, schließlich waren Sie in Berlin selbst als Chefärztin vorgesehen. Wir wissen jetzt noch nicht, was wir Ihnen anbieten können. In Ihrer Situation führt kein Weg an einem Anwalt vorbei. Und wir können es uns nicht leisten, dem Wasser auf die Mühle zu gießen, wie abwegig die landläufigen Argumente nach dem AGG auch sein mögen.“ Dem ist nicht zu widersprechen: Ich bin für die ausgeschriebene, aber wahrscheinlich gar nicht erst frei werdende Stelle nicht so völlig ungeeignet, daß eine Klage abzuweisen wäre, weiblich, dazu schwerbehindert und muß zwangsläufig bald pleite sein – für klar denkende Personaler ein 100%iges Infarktrisiko.

Die beiden haben sich auf das Gespräch gut vorbereitet. Shantimay kommt bald auf den Unfall des Staakener Bauern mit der Kreissäge zu sprechen, von dem ich Lisa berichtete. Dabei löchert er mich mit Einzelheiten, gerade so als wäre er bei dieser Operation selbst dabei gewesen. Das für ihren Erfolg Entscheidende läßt er dabei seltsamerweise aus. Danach fragt mich dann der Professor, ohne mit Details zu glänzen. Schließlich gibt er mir eine Fachzeitung vom Mai vergangenen Jahres: „Frau Dr. Werner, ich wollte schon immer wissen, wer die auf Seite zwölf so merkwürdig beschriebene Operation tatsächlich durchgeführt hat. Lesen Sie sich’s heute Abend einmal in Ruhe durch.“

Er macht eine Pause, schaut kurz zu Lisa und fragt mich dann: „Tja, das Handwerk beherrschen Sie, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Nur, was machen wir mit Ihnen?“ Ich zucke mit den Schultern: Nach Möglichkeit nicht länger als eine Viertelstunde am Stück herumstehen lassen, sonst flippe ich vor Schmerzen aus. Sitzen ist gar kein Problem, geradeaus laufen geht mal so. Ist immer noch besser, als lange am Fleck stehen zu bleiben.

„Möchten Sie uns Ihre Röntgenbilder zeigen?“ Warum nicht? Lügen hätten in meinem Fall ja nicht einmal kurze Beine. „Prothetik wird Ihnen ja wohl niemand vorgeschlagen haben“, meint der Professor, nachdem ihm Bernd die Bilder an den Lichtkasten gehängt hat. Ja, aber nicht ernsthaft, erwidere ich. Als die Schmerzen anfingen, haben wir das natürlich diskutiert. Woran soll man denn die Prothese festschrauben? Doch nicht etwa an dem Äppelwoiglas, in das sich das Oberteil des Femurs irgendwann verwandelt haben wird? Der Professor nickt: „Tja, so sieht das wohl aus. Ein Rollstuhl wäre bei Ihnen zwar jetzt noch nicht angezeigt. Aber so wie Sie mir Ihre Beschwerden schildern, kann ich Ihnen ja nicht einmal zumuten, mich zu Fuß bei der Visite zu begleiten. Dazu noch das latente Unfallrisiko. So marginal es auch sein mag, bei der Vorgeschichte wird uns das jede Versicherung auf’s Brot schmieren.“ Er setzt sich an den Tisch, nimmt die Brille ab und wischt sich mit der Hand über die Stirn. Eine Fliege fängt an, ihre Runden um die Kaffeetasse des Professors zu drehen. Der sitzt vor mir, reglos, geradeso als zähle er den Fliegenmarathon aus.

Nach schier endlosen Minuten kommt er plötzlich zur Sache. Er setzt seine Brille auf und blickt auf den schwarzen Stoff vor meinem Gesicht: „Frau Dr. Werner, bitte lernen Sie jetzt Rollstuhlfahren. Dann können Sie bei uns alles machen, was Sie auf der Station im Sitzen hinbekommen.“ Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. „Verstehe, Sie wollen operieren.“ Dazu schüttelt er den Kopf. „Leider, aber da sehe ich bei uns in der Unfallchirurgie schwarz. Der DaVinci geht hier erst nächstes Jahr in Betrieb. Da kommt als erste Klinik die HNO dran. Aber auch die Gefäß- und Thoraxchirurgen sind ganz versessen darauf. An dem Gerät wird zudem ausgebildet, so daß Sie die nötige Befähigung erwerben können.“

Ich frage mein Gegenüber, ob er Professor Grundmann von der Asklepios in Altona kenne. „Persönlich leider nicht, aber so etwas bleibt ja nun nicht geheim. Würden wir unsere Fälle halbwegs so gut vorhersehen können wie er, hätten wir auch mit Ihnen gar kein Problem.“ Ich hole tief Luft: Gerade dieser Vielfalt wegen hatte ich die Allgemeine Chirurgie gewählt. Aber für die Arbeit von Professor Grundmann muß niemand anders die Verantwortung übernehmen, denn er ist dort der Klinikchef. Über dieses Thema kann man nicht diskutieren. Also bleibt mir nichts als die Antwort, daß ich mir das Angebot gut überlegen werde.

„Ich verstehe Sie vollkommen. An Ihrer Stelle würde ich ja ganz genauso reagieren. Aber Frau Dr. Werner, es ist noch nicht aller Tage Abend. Helfen Sie erst einmal Ihrer Schwester wieder auf die Beine, die ist jetzt auf Ihre Unterstützung viel dringender angewiesen als wir. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall alles Gute.“ Der Professor gibt mir zum Abschied die Hand.

Bernd geht mit den beiden Männern in die Wohnung hinauf, Lisa bleibt mit mir noch im Sprechzimmer. Schreibtischarbeiten sind mir mehrfach angeboten worden. Dafür habe ich nach dem Abitur nicht volle elf Jahre gebüffelt. Auch wenn ich Lisa die Hilfe nicht abschlagen konnte: Daran, daß ich mir diesen Floh ins Ohr setzen lassen ließ, bin ich ganz allein schuld. Lisa steht jetzt auf und will mir den Schleier vom Kopf nehmen.

Ich schüttele den Kopf, lege meine Hand auf ihren Arm: Lisa, ich kann meine Röntgenbilder schon aus dem Gedächtnis zeichnen. Wenn Du Fragen hast, nur zu. „Ganz wie Du magst, Andrea. Ich hatte zum Schluß noch gehofft, daß Du wenigstens unterrichten kannst.“ Lisa, um Vorlesungen halten zu können, muß ich auch selbst im OP arbeiten. Die Studenten bekommen sonst bald den Eindruck, ich schreibe meine Weisheiten beim alten Scultetus ab. Schau Dir bitte die Bilder des linken Oberschenkels in der Zeitfolge an, den von Bild zu Bild immer größer und unschärfer werdenden Bereich am Femur. Ungefähr so sieht das Bild bei einer Osteogenesis imperfecta Typ I aus.

„Hm, sind Glasknochen nicht erblich bedingt?“, fragt Lisa. Ja, antworte ich. Aber für die Frage nach der Hüftprothese ist das zunächst egal. Ein Prothesenschenkel würde die Kräfte gerade dort einleiten, wo der Knochen zu zerbröseln droht. Prothetik hat für mich nur Sinn, wenn ich ohne Revision ins Rentenalter komme. Das ist nach jetzigem Stand eine Illusion. Chirurgie ist aber gerade so spannend, weil immer wieder etwas Neues entwickelt wird. Davon profitiert natürlich nur, wer sich nicht schon vorher alles verbaut hat. Mein Ex-Chef bot sich nur an, falls ich die Prothesen jetzt unbedingt gewollt hätte, gedrängt hat er mich nie. Der Gesetzgeber hat den Kliniken finanziell die Pistole auf die Brust gesetzt. Und nun schreit man Zeter und Mordio, weil die daraufhin ihre nackte Haut retten. Bei den Pflegeleistungen wird mittlerweile draufgezahlt. Also muß eine Klinik das Geld jetzt und heute mit Operationen verdienen und kann es sich gar nicht leisten, auf solche Gedanken Rücksicht zu nehmen.

Lisa nickt. „Was ist denn an dem DaVinci so Besonderes?“, fragt sie weiter. „Seit Monaten reden hier alle über dieses Ding, gerade so, als hätte die klassische Chirurgie ausgedient.“ Das hat sie mitnichten, antworte ich. Es eignet sich ja bei weitem noch nicht jeder Fall dazu. Ich finde es jedoch fahrlässig, bei dem DaVinci von einem Roboter zu sprechen. Das ist nur ein Werkzeug, wenn auch ein sehr komplexes. Die Patienten bekommen so den Eindruck, sie würden von einem Automaten operiert und wir säßen nur noch als Zuschauer im Parkett. Der Operateur sitzt da an einem Bildschirm mit vergrößerter, dreidimensionaler Sicht und hat Hebel anstelle der Instrumente in der Hand. Seine Bewegungen werden um das Zehnfache untersetzt. Der Apparat rechnet dabei auch noch den Tremor heraus, den ja mehr oder weniger jeder hat. Für den Patienten bedeutet das mehr Sicherheit, kleinere Wunden und damit kürzere Genesungszeiten.

Das Bedienpult steht in einer Ecke des Saales, der Operateur müßte nicht einmal steril sein. Beim Patienten bleiben nur noch die Anästhesisten und OP-Schwestern. Intuitive Surgical ist mit dem DaVinci den Mitbewerbern zehn Jahre voraus. Das lassen sich die Kalifornier dem Vernehmen nach vergolden. Immer wieder hörte ich von Kollegen, daß die Ersatzteilpolitik des Alleinherstellers so manche Operation zum Verlustgeschäft für ihre Klinik werden lasse.

„Ist ja interessant. Aber was ist denn, wenn es Komplikationen gäbe? Muß der Operateur dann nicht wieder selbst am Tisch stehen?“ Tja, genau da liegt für mich der Hase im Pfeffer: Mit dem gemütlichen Sitzen könnte es jederzeit ein Ende haben. Und was mache ich dann?

„Gestern hatte übrigens Maria Geburtstag, da ist sicher noch etwas anderes als Kaffee in der Praxisküche. Magst Du nicht für ein paar Minuten Deinen Schleier vom Gesicht nehmen?“ Ich schüttele wieder den Kopf: Nein, danke Lisa. Heute nicht.

II. Astrid: Die Spannergemeinde läßt grüßen

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Als Andrea dieses Bild gestern im Internet fand, traf mich fast der Schlag. Da wurde mir sofort klar, weshalb sich Dinata so strikt weigert, ohne das lange, schwere Tuch vor ihrem Gesicht einen Schritt vor die Türe zu setzen. Aber nun langsam und der Reihe nach.

Sobald feststeht, daß sich ein Krankheitsbild nach dem aktuellen Stand der Medizin nicht therapieren läßt, wird den Patienten beigebracht, wie sie damit leben können. Das nennt man Rehabilitation, ebenso wie die Wiederherstellung des Ansehens unschuldig Verurteilter. Genau genommen begannen Ewa und Carla bei mir damit schon am ersten Tag. Carla bemerkte erst später, daß Ewa sie dabei nicht nur als angehende Fachärztin, sondern auch als Patientin mit einbezog.

Gleich nachdem sich Carlas Bräutigam so fulminant aus dem Staube gemacht hatte, bestand Ewa darauf, daß auch Carla ein Minikleid anzog. So kutschierte Bernd uns drei schwarze Katzen zum Tanztee. Ewas Tonfall nach zu urteilen, müssen einige Klubmitglieder die Backen ziemlich aufgeblasen haben. Wir wichen schon vom ersten Stück nicht mehr von der Tanzfläche, nach Ewas deutlicher Ansprache blieb auch Carla nicht lange allein sitzen.

Zu ihrer Feier trug ich den Kapuzenpulli und einen der hüftlangen Gesichtsschleier, die Andrea mir nach dem Bild aus dem Kaschmir genäht hatte. Bei der Gelegenheit lernte ich bei Tageslicht zu essen. Das geht erheblich gesitteter, als es einschlägige Videos bei Youtube vermuten lassen. Carla schaute mir dabei immer wieder interessiert zu.

Nach dem Festmahl haben wir sie, das hatte sie ja so gewollt, im Beisein aller Gäste verhüllt. Sie eröffnete daraufhin mit dem Psychologen, der beim Festmahl neben ihr saß, den Tanz. Die beiden blieben so auch den ganzen Abend über zusammen.

Ewa nahm sich die Tage danach frei. Am Montag war es zwar bewölkt, aber es sollten achtzehn Grad werden. Also noch warm genug, um sich in der ersten Oktoberhälfte zum Frühstück auf die Terrasse zu setzen. Wir hatten mit Wurst und Käse belegte Semmeln, im Gegensatz zu dem Schnitzel vom Samstag eine sehr leichte Übung. Carla trug nichts als Pulli und Röckchen, wie in der Woche zuvor. Beim Frühstück sagte Ewa noch nichts dazu. Nur als es in die Stadt zum Einkaufen gehen sollte, wurde Ewa ungehalten. Ob sie uns denn auf den Arm nehmen wolle, fragte sie Carla und schickte sie in ihr Zimmer zum Umziehen. An den nächsten zwei Tagen war es kühler, es gab auch Regenschauer. Da trug Ewa dieses Tuch, in dem sie auf dem Bild zu sehen ist. Vermutlich, um in meinem Beisein keine weiteren Diskussionen aufkommen zu lassen. Wir fuhren immer zuerst zur Post. Am ersten Tag bat sie mich, einen Einschreibebrief aufzugeben und dann das Postfach zu leeren, wobei sie selbst mit Carla draußen auf dem Trottoir stehen blieb. Am nächsten Tag schickte sie Carla hinein und ich blieb mit ihr draußen. In den paar Minuten muß dieses Bild entstanden sein, denn Carla trug stets einen weißen Pullover unter dem geschlossenen Minikleid.

Tja, mehr gibt es dazu jetzt nicht zu berichten. Ob Bernd das Bild gut findet, möchte ich bezweifeln. Ich habe es auf einen USB-Stick gezogen und vorhin im Drogeriemarkt im Format DIN A4 ausdrucken lassen. Diese Auflösung hätte auch ein Plakat hergegeben.

Das Telefon klingelt. Carla und Michael, der Psychologe, sind gerade in Herborn von der Autobahn abgebogen. Sie kommen übers Wochenende zu Besuch. Mal sehen, was Michael dazu sagt.

III. Carla: Gehen die Pollen auf die Walz, …

Mein Elternhaus ist ein alter Bauernhof im Bayerischen Wald. Mit Kartoffeln, Roggen und Hafer belieferten wir die Raiffeisengenossenschaft. Das Gemüse aus dem Garten verkauften wir dagegen selbst in unserem Hofladen. Darum kümmern sich schon seit jeher die Frauen und nach der Schule auch die älteren Kinder. Zwar wurde ich schon als Kleinkind vom Heuschnupfen geplagt, aber der gehört zum Landleben so wie Schnecken ins Erdbeerbeet. In der Regel wächst sich das aus, der Körper wird durch Abhärtung gegen die Allergene irgendwann immun. Nur: Keine Regel ohne Ausnahme. Und die war ich.

Meine Heulperiode begann von Jahr zu Jahr früher und zog sich immer weiter in den Sommer hinein. Der Hausarzt zuckte immer heftiger mit den Schultern und die Stirnfalten meiner Mutter wurden immer tiefer. Dann wurde ich sechs. Bei Licht betrachtet war ich damals ganz klar schulunfähig. In den ersten drei Jahren überbrückte mir meine Mutter anhand der Lehrbücher die Fehlzeiten noch problemlos. Im vierten und fünften Schuljahr half mir der Nachbarjunge. Dann ging er zum Priesterseminar. Kamen die Lehrer zum Hofladen, ließen sie mich die anstehenden Klausuren schreiben und gut war’s. Obwohl ich die Schule eigentlich nur vom Herbst bis zum Frühjahrsbeginn besuchte, beendete ich die Schuljahre bis zum fünften als Klassenbeste. Und dann kam das sechste – da wurde ich zurückgestellt, so eine Art freiwilliges Sitzenbleiben aus Einsicht in die Macht der Tatsachen. So etwas gibt es heute kaum noch, Sitzenbleiben gilt als Stigmatisierung. Daß die Kinder dann loslassen, im Unterricht nur noch die Zeit absitzen und dann gerade mal die Grundschule abschließen, ist den Bildungspolitikern offenbar vollkommen egal.

Damals, Mitte der achtziger, war das noch anders. Mein Karrieresturz ließ beim Lehrkörper sämtliche Alarmglocken schrillen. Selbst die Kirchgemeinde nahm sich meiner Sache an. Man erinnerte sich, daß mein bisheriger Nachhilfelehrer zum Priesterseminar gegangen war. Und weil auch die Honoratioren des Dorfes mit ein paar Problemkindern aufwarteten, wurde unter dem Namen der Diözese eine Ersatzschule gegründet. Die gab den Rahmen, damit wir pro forma der Schulpflicht nachkamen, unterrichtet wurden wir zu Hause. Die Klausuren der Realschule schrieben wir weiterhin als Externe mit. Damit waren wir gegenüber den anderen scheinbar im Nachteil, die von den Lehrern natürlich Hinweise zum Stoff bekamen. Scheinbar, schließlich geht man nicht zur Schule, nur um dort die Klausuren zu bestehen. Wir büffelten den gesamten Stoff, denn Mut zur Lücke konnte jederzeit in die Hose gehen. So brachten es vier von uns fünf ehemals versetzungsgefährdeten Sechstklässlern zu einer realistischen Gymnasialempfehlung, der fünfte kam ohne größere Probleme zu einem guten Realschulabschluß.

Nun wollten die Eltern natürlich, daß die Priester uns auch noch zur Reifeprüfung verhalfen. Und das Priesterseminar wollte gern Novizen. Also ging es für die drei Buben ins Internat. Mit mir als potentiellem Sündenpfuhl konnten sie dort natürlich nichts anfangen. Der Unterricht lief von morgens acht bis abends fünf, dazu gab es täglich noch Hausaufgaben. Als Externe (und auch als Einzige des gesamten Gymnasialjahrgangs der Stadt) knackte ich den Numerus Clausus. Damit bin ich bis heute noch das Aushängeschild der Ersatzschule. Erst sehr viel später erfuhr ich, daß die Kirchgemeinde daheim im Winter mehrfach Kollekten veranstaltete, damit meine Eltern die Zimmermiete bezahlen konnten.

Das Medizinstudium trat ich mit der klaren Ansage an, Dermatologin werden zu wollen. Das stieß teils auf Unverständnis, teils auf große Bewunderung beim Lehrkörper der Universität. Man hatte einerseits Zweifel, ob ich das Studium überhaupt schaffen würde. Aber seitdem ich von zu Hause weg war, blieb ich beschwerdefrei. Meine Befürworter argumentierten, daß ich als selbst Betroffene doch eine besondere Portion Empathie für meine Patienten und Leidensgenossen aufbringen sollte. Das sieht Ewa ja auch so. Allerdings war es voriges Jahr ein Akt der Verzweiflung, von ihr das Zimmer anzunehmen. Ohne nennenswerte Einkünfte gab es für mich nach dem Abschluß des Studiums keine Chance auf eine reguläre Bleibe. Für mich hieß es aber, auch noch die fünf Jahre Facharztausbildung zu absolvieren. Linksalternative hatten am Rand des Hafengeländes ein abbruchreifes Haus instandbesetzt. Bei ihnen kam ich mit unter. Das ging eine Weile gut, wir brachten die Stadtwerke dazu, uns in dieser Ruine Wasser und Strom zu liefern. Aber dann sollte der Containerterminal am Hafen erweitert und das Haus geschliffen werden. Die Mitbewohner verbarrikadierten sich, letztlich wurde von der Polizei gestürmt. Zu dem Zeitpunkt war ich schon zu Ewa geflüchtet. Als katholischer Waldbauerntochter fehlte es mir einfach an Zivilcourage.

Diese Schwäche fällt mir jetzt schmerzlich auf die Füße: Im vergangenen Herbst zog ich hier ein, in ein Blockhaus mitten im Wald. Das war ein Spiel mit dem Feuer. Schon im zeitigen Frühjahr schlug die Allergie, die mich seit der Gymnasialzeit verschonte, wieder mit voller Wucht zu. Ewa schenkte mir ihren Laptop. Auf der Festplatte fand sich, gerade als hätte Ewa die vergessen, eine Reihe Bilder verschleierter muslimischer Frauen. Dieser Wink war wirklich nicht schwer zu verstehen. Aber mein Mumm reichte nicht weiter, als die daraufhin gekauften Sachen über Ostern und Pfingsten zu Hause anzuprobieren. Damit verlor ich ein ganzes Jahr. Und die Prüfungskommission lehnte es schon vorweg ab, mehr als einmal zu verlängern.

Ewa wollte Astrid eigentlich abblitzen lassen, die Betten der Klinik sind auf Monate belegt. Aber daß ich Astrids Hausärztin binnen einer Stunde dreimal an der Strippe hatte, konnte kein Zufall sein. Irgendwann muß man die Hinweise des Herrn endlich einmal akzeptieren. Also drängte ich Ewa, Astrid und ihren Mann im Souterrain des Waldhauses einzuquartieren. Die beiden liegen vermutlich längst im Bett. Was sollen sie auch anderes machen, Astrid hat in der Zeit bei uns striktes Fernsehverbot. Ich sitze derweil noch mit Ewa im Arbeitszimmer. Auf ihrem Schreibtisch liegt eine Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts von diesem Jahr. Darin die Übersichtsarbeit „Lichtdermatosen: Diagnostik und Therapie“, verfaßt von Prof. Lehmann und Prof. Schwarz. Obwohl ich die nun fast auswendig kenne, läßt mich Ewa die einzelnen Punkte wieder durchgehen:

So wie die beiden Autoren die Symptome einer Lichturtikaria (Urticaria solaris) beschreiben, zeigten sie sich auch bei Astrid. Und so nehmen wir bei ihr auch die Diagnostik vor. Andererseits steht aber ein medikamentöser Auslöser in Verdacht. Astrids Fall wäre nach dem Schema also auch anders einzuordnen. Ewa nickt: „Und weiter?“ Hm, zur Diagnostik, antworte ich, zur Testreihe wäre ein in Verdacht stehender Sensibilisator zu verabreichen. Aber ein Antibiotikum wird ohne konkrete Indikation nicht gegeben, wir sind eine Klinik und kein Mastbetrieb. In dieser Arbeit wird bei einer schweren Urtikaria auf eine Chemotherapie mit Psoralen gesetzt. Das verstärkt aber die Abhärtungswirkung einer Lichtbestrahlung. Wärest Du überzeugt, daß phototoxische und Kontaktreaktionen nicht auch diese Symptome zeigen können, hättest Du das Aufnahmegespräch heute Vormittag ganz anders verlaufen lassen, antworte ich ihr.

„Mag sein. Vielleicht hatte ich auch nur gute Gründe, der Patientin eine normalerweise angezeigte Therapie nicht zuzumuten?“, erwidert Ewa schmunzelnd. Ich kratze mich am Hinterkopf: Und was nun?

„Carla, Rumeiern kommt ganz schlecht an, bei den Patienten noch übler als bei den Prüfern. Bist Du der Meinung, daß etwas kontraindiziert ist oder sein könnte, dann sag das auch so. Laß Dich nur nicht ins Bockshorn jagen: Hier spricht doch wirklich alles dafür, daß dieses Antibiotikum der Auslöser ist. Du hast den Widerspruch richtig erkannt und stehst nicht unter dem Zeitdruck lebensrettender Maßnahmen. Also kannst Du die Literatur zu Rate ziehen. Darin sind einige solcher Fälle dokumentiert. Die zeigen zwar unterschiedliche Symptome, haben aber gemeinsam, daß die einmal erfolgte Sensibilisierung weiterhin bestehen bleibt. Allergische Reaktionen passieren dann unabhängig davon, ob die Patientin gerade mit dem ursprünglichen Auslöser in Kontakt gerät.“ Damit läuft die Abhärtung ins Leere, antworte ich. Ewa nickt: „Plötzlich löst ein Medium Reaktionen aus, welches bisher soweit toleriert wurde, daß die Patientin keine Probleme haben mußte. Dieser Übergang ist meistens irreversibel. Falls Du später einmal die Ursachen entdeckst, wird man Dich vielleicht für den Nobelpreis vorschlagen.“ Hm, erstmal die Prüfung bestehen, grummele ich. Kommt sich denn die Kommission nicht veräppelt vor, wenn ich auf die Fachliteratur verweise, frage ich Ewa. „Weshalb? Dann wissen die, daß Du das nicht unbesehen als Urtikaria therapieren würdest. Darauf wollen die hinaus. Schließlich dauert es Jahre, bis man als Arzt auf einen fundierten Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Sieh Dir bitte noch die Laborergebnisse genau an. Morgen früh wirst Du die mit Astrid auswerten.“

Damit wechselt Ewa das Thema. Sie fragt, ob Felix morgen kommen werde. Ich denke schon, antworte ich. „Und zu welchen Erkenntnissen bist Du heute gelangt?“, fragt sie weiter. Mir an Astrid ein Beispiel und mein Schicksal nun endlich selbst in die Hand zu nehmen? „Sehr gute Idee. Und wann wirst Du dem Partyprinzen darüber reinen Wein einschenken?“ Ich beiße mir auf die Lippen und bleibe ihr die Antwort schuldig.

Ewa ruft Google auf und zeigt mir einen Artikel der ‚Daily Mail Online‘ vom 19. Mai 2008, der ist also drei Jahre alt. Dieser Artikel berichtet über eine Frau in Saudi Arabien, die plötzlich nach dreißig Ehejahren die Scheidung verlangt: Ihr Ehemann habe hinterrücks ihren Gesichtsschleier gelüftet, während sie schlief. Es sei in einer Gegend etwa hundert Kilometer südlich von Riad gängige Sitte, daß sich die Frauen ab dem vierzehnten Lebensjahr gegenüber anderen konsequent verhüllen. Selbst gegenüber ihren Eltern, Kindern und Ehemännern. Die überwiegende Mehrheit der Frauen hält sich offenbar daran. Für einen ortsansässigen Bräutigam kann das also keine Überraschung, sondern muß eine einvernehmliche Vereinbarung mit seiner zukünftigen Ehepartnerin sein. Und eine solche Vereinbarung wird nicht einfach nach Lust und Laune gebrochen. Das zu begreifen sind die Leute im Westen, die sich über diese Frau in ihren Foren lustig machten, natürlich zu dumm. Sie kehrte zwar zu ihm zurück, nachdem er sie inständig um Vergebung bat. Aber seitdem verbirgt sie vor ihm auch noch ihre Augen. Ich ziehe innerlich meinen Hut vor dieser Frau. Wenn sich eine von uns beide unterdrücken läßt, dann ist das mit Sicherheit nicht sie.

Ewa zeigt mir die Seite jetzt nicht von ungefähr. Nach den Untersuchungsergebnissen von heute dürften Astrid und Bernd wohl in einer ähnlichen Situation sein. Nur haben die beiden das bei ihrer Hochzeit noch nicht einmal geahnt. Und anstelle der Ehefrau setzt in dem Fall die Natur ihren Willen durch.

Bei mir ist das im Prinzip nicht anders. Dennoch stürze ich mich in die Ehe mit einem Mann, mit dem darüber nicht zu reden ist. Noch vor ein paar Wochen machte der mir eine Szene, weil ich mit meinen zugeschwollenen, tränenden Augen und permanent triefender Nase keine Lust auf Sex verspürte. So fällt mein Hochzeitskleid recht schlicht aus: Zu einem weißen Kaftan noch ein dreilagiger, weißer Niqab, beides zusammen keine fünfzig Euro. Ewa seufzt. Sie schaltet den Rechner aus und bittet mich, es nicht erst auf einen Eklat am Hochzeitstag ankommen zu lassen.

Der ist heute. Wir sind im Saal des Waldgasthauses. Ich trage zwar meinen weißen Kaftan, aber nach dem Mittagessen hat mir Astrid den dunkelgrünen Niqab mit dem Netz angelegt. Als Zeichen der Hoffnung, sozusagen. Den weißen werde ich mir noch einmal aufheben. Danach eröffnete ich mit Michael den Tanz. Michael ist einer der Psychologen unserer Klinik, ich habe ihn mir zu meiner Feier eingeladen. Die Musiker spielen jetzt einen langen, langsamen Walzer. Das ist der letzte dieses Abends. Dabei frage ich Michael, ob wir uns wieder sehen werden. „Immer, wenn Du mich brauchst“, höre ich seine Stimme neben meinem Ohr.

IV. Astrid: Ein netter Besuch

Andrea war gerade hier und hat mir den indonesischen Khimar gebracht, den sie bei einem Internetshop bestellt hatte. Wir haben die Frauenkittel in der Praxis bunt eingefärbt, damit uns die Patienten unterscheiden können. Denn die meisten leben nicht völlig im Dunklen. Nur gibt bei ihnen der zentrale Teil der Netzhaut, der für die Sehschärfe verantwortlich ist, leider nicht viel her. Sie wissen: Der weiße Fleck ist Bernd, der gelbe Fleck bin ich. Jeder hat bei uns eine eigene Farbe, die sie den Namen zuordnen können. Davon abgesehen trug ich stets die gleichen Sachen wie die Helferinnen auch. Zu meiner Überraschung bestand vorgestern vor allem Maria darauf, daß wir auch weiterhin einheitliche Kittel haben. Ausgerechnet Maria, die trägt ihren Mundschutz keine Sekunde länger als unbedingt nötig. Aber es ist ja ganz klar: Meine Maske bedeckt den gesamten Kopf. Damit müssen zwangsläufig die Gummis obsolet werden, die Maria an ihren Ohren so lästig findet. Unsere Neue, von der ich die Diskussion eigentlich erwartet hatte, hielt sich dagegen eisern zurück.

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Andrea reichte der Khimar so tief in die Stirn, daß nicht einmal ihre Augen zu sehen waren. Sie sagte aber, daß ihr Gesichtsfeld durchaus nicht so drastisch eingeschränkt und das gute Stück komfortabel zu tragen sei. Das klingt schon mal gut. Also schaue ich mir diesen Khimar genauer an. Im Großen und Ganzen sieht das Teil aus wie ein Regencape. An dem steifen Teil, welches die Stirn abgedeckt, sind innen zwei Bänder angenäht. Die werden hinter dem Kopf verknotet. In den Gesichtsausschnitt ist ein Gummizug eingenäht, der wird unter das Kinn gezogen und gibt dem Umhang zusätzlichen Halt. Und darüber ist so weit oben ein Gesichtsschleier angenäht, daß dessen Kante zwangsläufig auf Andreas Nasenwurzel sitzen mußte. An einer Seite läuft die Naht über die volle Länge. An der anderen nimmt sie nur das untere Drittel ein, darüber sitzt ein Reißverschluß. Der Gesichtsschleier ist an der unteren Schmalseite offen, aber für unsere Zwecke viel zu lang. Aber immerhin: ein Kittel mit fest integriertem Mundschutz, in dem man auf die Schnelle auch mal einen Happen essen kann. Mal sehen, was Bernd und die Mädels dazu meinen. Als ersten Entwurf ist das schon akzeptabel. Die Maße noch angepaßt, dazu ellbogenlange Ärmel und ein Gürtelband, dann könnte das so gehen. Auf keinen Fall sollen unsere Kleinen meinethalben auf den Slogan „Wer hat Angst vor der schwarzen Frau?“ verfallen.

Vor dem Haus hält ein Auto, der Motor wird abgestellt. Ich höre, wie die Türen zuschlagen. Ich gehe in den Korridor, schaue in den Spiegel. Andrea nähte mir in Bochum aus dem schwarzen Futterstoff ein Dutzend Kopfhauben, die wirklich nichts weiter als funktional sind. Zwei nur drei Millimeter breite und keine zwei Zentimeter lange Augenschlitze. Die Nase ist freigeschnitten, darüber eine Dachgaube aus Stoff. Diese Maske hier hat eine Mundöffnung, bedeckt von einer Art Taschenklappe. Das Ganze am Hals mit zwei Bändern verschlossen. Das Ding hat den Sexappeal eines verrußten Kachelofens, der klassische „Liebestöter“. Auch Bernd mute ich diesen Anblick nicht zu, denn das ist schlimmer als Kittelschürze und Lockenwickler am sonntäglichen Kaffeetisch. Deshalb trage ich darüber stets noch einen der Schleier, die Andrea nach dem Vorbild einer kashmirischen Burka geschneidert hat. Nur wenn ich allein bin, ist der auch mal nach hinten geschlagen. Dann zieren die Innenseiten der Augengitter meine Stirn.

Bei Dinata ist der Rand mit Stickereien besetzt. Und an der einen Seite des Kopfbandes ist bei ihr innen ein großes Tuch angenäht, welches sie sich über Mund und Nase legt und an der anderen Seite mit einer Schmucknadel feststeckt. Sie war inzwischen nun schon ein paarmal hier, aber ich habe von ihr stets nur die Augen gesehen. Und sobald Bernd auf der Treppe zu hören war, zog sie sich sofort noch den langen Gesichtsschleier mit den bei ihr engmaschig gestickten Sichtgittern über das Tuch vor ihrem Mund. So wie ich jetzt über meine Maske, während die alte Holztreppe unter den Schritten unserer Gäste knarrt.

Es klingelt. So wie Carla mit ihrem Michael jetzt vor mir steht, schlug sie vor zwei Monaten diesen Felix in die Flucht. Die beiden legen ihre Mäntel ab. Ich bitte sie ins Wohnzimmer und bringe ihnen Getränke. Dann kommt auch schon Bernd die Treppe herauf.

„Eine schöne Wohnung habt Ihr“, sagt Michael. „Der Charme eines Dachgeschosses ist doch durch nichts zu übertreffen.“ Aber nicht mehr lange, antworte ich. Die Wohnung werden wir an einen Arzt aus Srinagar vermieten. Der kriegt hier in der Gegend nichts anderes, seine Frau trägt genauso einen Schleier wie ich jetzt. Für mich ist die Wohnung unpraktisch geworden. Letztlich können wir auch auf die Miete nicht verzichten. „Und Ihr?“, fragt Carla. Wir gehen ins erste Geschoß, das teilen wir uns dann mit meiner Schwester. Michael nickt, er lernte Andrea kennen, als sie mich vor einem Monat in Bochum abholte.

Carla will wissen, was mich an der Wohnung störe. Ich zeige ihr die bodenlangen, schwarzen Vorhänge am Fenster. Wenn die zugezogen sind, kann man natürlich nicht lüften. Und das Schlafzimmer ist zu klein, um zu zweit bei geschlossenem Fenster durchzuschlafen. Ein paar Meter neben dem Haus steht eine Straßenlaterne. Bernd übersah einmal, daß ich mich im Schlaf aufgedeckt hatte. Am Morgen waren meine Arme dann rot wie eine Tomate. Damit ich ohne Umstände nachts auf die Toilette und früh unter die Dusche komme, müßten wir das Dachgeschoß quasi entkernen und neu ausbauen. Und im Sommer ist das hier oben ein Backofen, da braucht man nicht viel mehr als einen Bikini.

Das erste Geschoß ist merklich kühler. Dort reicht es auch schon, eine zweite Türöffnung in das Bad zu brechen. Daneben liegt das ehemalige herrschaftliche Wohnzimmer. Die zwei Räume, mehr wird nicht verdunkelt. Auch ich will Tageslicht. Für Andrea bauen wir eine ebenerdige Duschkabine in die Gästetoilette ein. Das wird alles an den nächsten zwei Wochenenden erledigt, dann können die beiden Kashmiris noch vor Weihnachten einziehen.

Carla nickt. Ich schaue in ihre blauen Augen, die sie mit ihrem weißen Schleier unterstreicht. Was hatte sie für einen Tanz aufgeführt, als Ewa sie nach der Beinahe-Hochzeitsfeier beim Wort nahm. Deshalb kann ich es mir nicht verkneifen, daß sie sich gar nicht verändert habe. Michael schmunzelt dazu nur. „Astrid, was bleibt mir denn anderes übrig?“, gibt Carla zurück. „Schließlich bekam ich nach der Feier von allen Seiten Pfeffer, auch von der Personalchefin. Die kennst Du ja nun selbst.“ So, frage ich, woher denn? „Na die saß doch den ganzen Tag neben Dir.“

Da schau an: Die Personalchefin der Klinik hat mir beigebracht, wie man unfallfrei unter einer kashmirischen Burka ein Schnitzel mit Kartoffeln, Gemüse und Soße essen kann. Nach erfolgreichem Umschiffen der Rotweinklippen überreichte sie mir den „Schleierführerschein“. Eine ganz patente Frau, Wie kann man denn bloß mit der aneinander geraten? „Gar nicht“, antwortet Michael. „Sie hat Carla nur deutlich die Richtung gewiesen, so wie Ewa ja auch.“ Du solltest Dich doch speziell um die Lichtallergiker und die Vorträge kümmern, sage ich. „Das war Ewas Idee, wird aber nicht funktionieren“, antwortet Carla. „Es gab vor sechs Wochen eine Sitzung der Klinikleitung mit dem Betriebsrat und mir. Ewa und die Oberärzte wollen mich gerade wegen meiner Allergie behalten, seit diesem Frühjahr ist die Stelle eines Assistenzarztes frei. Die soll intern besetzt werden, für eine Extrastelle gibt es gar kein Geld. Alles oder nichts, das ist für mich die Ausgangslage.“

So schlecht ist das ja nun nicht, antworte ich. „Nur, solange ich nicht mitten in der Saison die Schreibtischseite wechseln will“, erwidert Carla. „Dann nützen die besten Argumente nichts.“ Es soll also eine nichtallergische Allergikerin sein, frage ich. Carla lacht: „So etwas in der Art. Jetzt muß ich liefern: Den Facharzt und den Beleg dafür, daß ich meine Probleme in den Griff bekommen werde. Ein dichter Mundschutz, bei den Untersuchungen dazu eine Schutzbrille – das Ganze optisch möglichst nicht so aufregend wie auf einer Isolierstation.“ Und das ist jetzt wirklich Konsens, frage ich weiter, noch immer zweifelnd. Michael nickt: „Beim medizinischen Personal sowieso. Denen sind pragmatische Lösungen ja die liebsten. Und die Personalchefin meinte dazu nur, daß wir kein Modehaus seien.“

Und Du, frage ich Michael. „Was hat das mit mir zu tun?“, antwortet er. „Was Carla braucht, muß sie haben, ohne wenn und aber. Solange ich noch ihre Augen sehen kann, habe ich damit kein Problem. Das Netz dieses grünen Schleiers war ja nun nicht mehr als ein Witz.“ Und wie kommst Du mit mir klar? „Frag Deinen Mann, das ist nicht meine Baustelle.“ Michael, antworte ich ihm, Du irrst. Carlas Ansage an den Ex war: Bis zum Februar noch die Augen frei, dann komplett zu, so wie ich in meinem Kleid daneben saß. Der war erst etwas begriffsstutzig und dann plötzlich nicht mehr da.

Carla schaut jetzt gespannt auf Michael, legt ihm ihre Hand auf den Arm: „Michael, das war kein Witz. Bei dem grünen ersetzt mir Andrea morgen dieses seltsame Netz durch ein Stück von dem dunklen Chiffon. Daß ich nächstes Jahr Augenschleier tragen werde, sagte ich Dir an dem Samstag schon. Da war wohl die Musik etwas zu laut.“

Michael schüttelt den Kopf: „Mir ist nicht ganz klar, wozu das Ding überhaupt gut sein soll.“ Ich zitiere aus dem 31. Vers der 24. Sure und frage dabei mehr rhetorisch, was seiner Meinung nach unter dem Bild ‚Schmuck einer Frau‘ zu verstehen sei. Michael zuckt die Schultern: „Carla ist, soweit ich weiß, keine Muslimah.“ Ich muß mich schon beherrschen: Michael, wenn Du mir eine Frage stellst, dann höre bitte auch zu. Schau in die Foren, was die Konvertitinnen schätzen. Sie sind die Fleischbeschau leid geworden und haben keine Lust mehr, ihre Zeit und ihr Geld für Männer zu vergeuden, die ihnen vollkommen egal sind. Das hat zwar mit Carlas Situation nichts zu tun, aber danach hast Du auch nicht gefragt. „Gut, das mag sein. Ist aber für Carla kein Grund, blind herumzulaufen“, erwidert Michael. „Sag mal, wie kommst Du darauf?“, antwortet sie. Dabei nickt sie mir zu.

Ich gehe ins Schlafzimmer, hole eines meiner Minikleider und drücke es Michael in die Hand. Der guckt mich nur groß an. Du brauchst keine Angst haben, das wird jetzt keine Travestie-Show, sage ich zu ihm. Schließlich zieht er es über sein Hemd, ich binde ihm den Kragen über dem Kopf zu. Michael schaut zu Bernd: „Ob Du weinst oder lachst, kann ich durch den Stoff nicht sehen.“ Carla gibt ihm die Oberhessische in die Hand, die auf dem Tisch liegt. „Toll. Bild Dir Deine Meinung: Zwischen Fotos und fetten Überschriften nur glattweißes Papier“, sagt er dazu. Ich nehme ihm den Kragen wieder ab, er zieht das Kleid aus.

Carla dreht den Kragen um, so daß Michael die Ausschnitte in der Innenlage sehen kann. „Von den Kleidern haben Ewa und ich ein paar im Schrank. Nicht das Du Dich wunderst, wenn Du im Frühjahr bei uns einziehst. Darunter kann ich neben dem Mundschutz auch noch eine Schwimmbrille tragen, ohne daß man davon etwas sieht. Wir sind Frauen und wollen nicht wie Bauarbeiter durch die Gegend laufen. Herunter gezogen ist der Kragen einfach ein modischer Wasserfall, das Teil ein schönes kurzärmliges Kleid für den Sommer.“

Michael, sage ich dazu, mit dem Teil habe ich angefangen und dabei will ich auch bleiben. Darin bleibt mir zwar Bernds Mimik verborgen, aber auch meine ist für ihn tagsüber tabu. Schleier mit Augenlöchern ziehe ich nur zum Arbeiten an, das ist jetzt die Ausnahme. Denn darin kann ich ziemlich alles sehen, Bernd dagegen gar nichts. Das ist aber nicht das, was ich unter einer ebenbürtigen Partnerschaft verstehe.

„Nonverbale Kommunikation in verbale umzusetzen, ist aber nicht so einfach, wie Ihr Euch das vorstellt. Ich glaube, daß Du Deinen Mann damit überforderst, Astrid. Du hast den Schleier stets vorm Gesicht, wirst Dir also bewußt sein, daß er von Dir nichts sehen kann.“ Gut, sage ich, ich kann natürlich etwas derber auftreten, um so eine fehlende Botschaft rüberzubringen. Was im normalen Umgang miteinander als ungehobelt empfunden würde. Das will ich natürlich auf gar keinen Fall. Michael schüttelt den Kopf: „Im normalen Umgang unterstellt ungehobeltes Verhalten, wie Du das nennst, Ignoranz nonverbaler Botschaften. Von Dir kommt da aber außer dem Tonfall Deiner Stimme nichts. Man sieht ja nicht einmal, wer jetzt gerade spricht. Bei Carla bebt wenigstens noch der Stoff vor ihrem Mund. Mit nachdrücklicher Gestik oder verbal bekommt man von Dir jede Information auch nur einmal, nur von der Mimik in eine andere Sprache übersetzt. Ich sehe größere Probleme auf Euch zukommen, wenn Du Deinem Mann gegenüber etwas verschweigst.“

Da ist was dran. Daß Bernd mein Gesicht auch vor der Hochzeit nicht sehen durfte, spielt jetzt keine Rolle. Wir sind nicht mehr in den Flitterwochen, Michaels Ratschläge sollen uns gut über unsere nächsten Jahrzehnte bringen.

Nach den Mittagessen wollen wir ein Stück durch die Stadt gehen. Ende November ist es nun schon kalt. Ich bekomme ein Küßchen von Bernd, dann legt er mir eine Kopfmaske ohne Mundöffnung an, zieht ein Minikleid über meinen Pullover. Er nimmt den Mantel mit der weiten Kapuze aus dem Schrank und schließt den Kragen des Kleides über meinem Kopf. Dann hilft er mir in den Mantel und die Treppe hinunter.

Wir kommen am Dom vorbei. Ich zeige Carla und Michael das Modell, welches an dessen Längsseite aufgestellt ist, damit die Blinden daran die Architektur ertasten können. Auf einer Tafel daneben ist die Geschichte des Domes in Brailleschrift erklärt. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Stadt in der fast hundertjährigen Geschichte der Blindenstudienanstalt ihrer Mitbürger angenommen hat. Auf unserem Spaziergang treffen wir eine Reihe von ihnen. Michael sagt, er habe noch nie im Leben in so kurzer Zeit soviele Sehbehinderte getroffen. Und auch nicht solche Hilfsbereitschaft ihnen gegenüber erlebt. Wieder zu Hause angekommen, ziehe ich nur den Mantel und die Stiefel aus, den Kragen auf meinem Kopf lasse ich geschlossen.

Wir setzen uns wieder ins Wohnzimmer, Bernd bringt den beiden Saft. Ich habe den Eindruck, daß Michael mir gegenüber jetzt reservierter ist als am Vormittag und spreche ihn darauf an. „Der glattschwarze Stoff vor Deinen Augen ist so was von desillusionierend“, antwortet er mir, „die zwei Sichtgitter in Deinem indischen Schleier gaben mir heute Vormittag noch irgendwie Hoffnung.“ Ich bin etwas verwirrt: Bitte Michael, Hoffnung worauf?

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„Na, irgendwann einmal einen Blick auf Deine Augen zu erwischen.“ Dabei nimmt Michael eine Zeitung aus seiner Aktentasche, gibt sie Bernd: „Schau Dir doch bitte einmal die algerische Frau auf dem Bild an.“

Ich kann mich nur wundern, auch Bernd schüttelt den Kopf: „Weißt Du, Michael, ich mußte mir schon mehrmals ansehen, was unkontrolliertes Licht meiner Frau jetzt antut. Erst vorgestern saßen wir mit den Helferinnen zusammen. Astrid ließ sie zuschauen, wie ihr selbst bei bedecktem Himmel im Zimmer die Arme rot wurden. Damit sie später nicht etwa die Gardinen ungefragt aufziehen.

Man kann da ja viel erzählen, der eigene Eindruck ist immer noch der Beste. Für mich war das wie eine Folter. Gerade rund um ihre Augen ist Astrid so sehr empfindlich. Deshalb finde ich die Sichtgitter nicht so toll, auch wenn ich um die Maske weiß, die sie stets darunter trägt. Der glattschwarze Stoff vor ihrem Gesicht vermittelt mir die Botschaft, daß es ihr gut geht.“

„Aber die Kehrseite der Medaille ist, daß dieses Kleid auch Dich in die Bringschuld versetzt“, antwortet Michael. „Bittest Du Astrid darum, dann schränkst Du ihre Sicht ein. Da kannst Du ihr gegenüber nicht so tun, als wäre alles noch wie früher. Nachdem mir Astrid vorhin das Kleid gezeigt hat, stand ich nicht ohne Grund so oft hinter Deinem Rücken. Ich habe immer wieder auf verbalen Ersatz für Deine Mimik gewartet. Aber von Dir kam überhaupt nichts.“ Gar nichts ist etwas übertrieben, erwidere ich. Nach acht Jahren Ehe kann ich mit Bernds Tonfall schon etwas anfangen. „Wenn er denn mal etwas sagt. Bernd ist ja nun nicht gerade schwatzhaft. Astrid, ich glaube, Ihr solltet Eure Präferenzen noch einmal überdenken.“

Mir widerstrebt es, Michaels Rat einfach in den Wind zu schlagen. Aber schließlich schüttele ich doch den Kopf: Michael, die meisten Frauen denken auch darüber nach, wie sie sich gegenüber anderen präsentieren. Und in einer intakten Ehe reden die Männer da auch ein gehöriges Wörtchen mit. Wir standen Anfang Oktober urplötzlich vor der Situation, daß mein Gesicht zum Intimbereich wird. Und wir kamen letztlich zu dem Schluß, möglichst wenig wird am meisten sein. Für das Publikum wird es nicht durch modischen Schnickschnack ersetzt. Das bin nicht ich, das paßt nicht zu mir.

„Dann haben wir alle zusammen noch eine Menge Arbeit vor uns“, sagt Michael und nimmt Carla fest in den Arm. „Wenn man sich darüber erst einmal klar ist, hat man schon ein gutes Stück des Weges hinter sich. Wie kommen eigentlich Eure Helferinnen damit klar?“

Für die ist das das kleinere Problem, antworte ich. Mundschutz tragen wir ja sowieso alle. Mehr Sorgen macht mir dagegen, daß ich fast nur noch bei Kunstlicht arbeiten werde. Eine unserer Helferinnen tendiert gelegentlich zu Depressionen. Der kann man das nicht antun, sie wird bald in die Uniklinik wechseln. Eine andere geht nächstes Jahr in Rente und hat jetzt schon Probleme, am Stuhl zu stehen. Wäre mir im Zug nach Bochum nicht die Tochter meiner früheren Nachbarn über den Weg gelaufen und hätten wir für ihren Mann hier nicht eine Hausmeisterstelle gefunden, dann säßen wir jetzt ganz schön in der Tinte.

„Als die sich nach ihrer Hochzeit mit einem Marokkaner vollkommen verschleierte, warf sie ein Offenbacher Kollege kurzerhand raus“, erklärt ihm Bernd. „Dafür sollten wir dem eigentlich mal einen Blumenstrauß schicken. Die Frau überrascht mich wirklich jeden Tag auf’s Neue. Am Stuhl komme ich gar nicht dazu, ihr etwas zu sagen. Es ist, als würden wir schon seit Jahren zusammenarbeiten. Und in der Pause steht sie nicht etwa draußen und qualmt, sondern setzt sich an die Braillezeile und macht Leseübungen. Ich hab‘ sie schon gefragt, ob sie sich nächstes Jahr um unsere erste Auszubildende kümmern will. Da ist sie mir beinahe um den Hals gefallen.“

V. Lisa: Was kriegt man auf die alten Tage noch?

Der Chef der Unfallchirurgie und Shantimay waren gerade mit Bernd die Treppe hinaufgegangen, da war mir schon klar, daß ich so ziemlich das erste Mal in meinem Leben richtig daneben gehauen hatte. Die Handchirurgie bietet an der Klinik offenbar kein abendfüllendes Programm. Wie Astrid später anklingen ließ, muß Andrea noch Tage danach hart an der Niederlage geknabbert haben, die ich ihr da eingebrockt hatte. Mit ihrer strikten Weigerung, sich den Schleier vom Gesicht zu nehmen, hatte sie mich damit verschont. Aber was nun? Das Mädel kann doch nicht ewig daheim sitzen bleiben.

Für meine Praxis findet sich kein Nachfolger mehr, der Zug ist lange weg. Der Bank des letzten Interessenten war schon vor fünf Jahren mein Patientenstamm zu alt. Länger als drei, vier Jahre halte ich das alleine nicht mehr durch. Andrea könnte meine Praxis übernehmen. Freilich wird sie fragen, wovon sie die bezahlen soll. Fürs Zuschließen kriege ich aber auch nichts. Also kann ich ihr die auch gegen eine kleine Rente lassen. Wenn wir das für die KV, die Kassenärztliche Vereinigung, als Gemeinschaftspraxis von zwei Halbtagszulassungen deklarieren, dann können die uns da nicht dreinreden. Jetzt nicht und in Zukunft auch nicht. Es würde einfach der Stempel geändert und das war’s dann schon. Wie wir uns die Arbeit und das Geld im Innenverhältnis aufteilen, wäre ganz allein unser Problem. Am Ende könnte ich für meine alten Leutchen noch die Hausbesuche machen, denn in deren Wohnungen käme sie mit einem Rolli natürlich nicht rein.

Damals, das war 1993, hat Seehofer als Bundesgesundheitsminister den angehenden Medizinern ihre Zukunftsaussichten so gründlich vermasselt, wie es überhaupt nur geht. Da zählte ich jugendliche 48 Lenze. In vielen Landregionen lag der Altersdurchschnitt der Hausärzte schon weit darüber. Trotzdem feierte der Herr Bundesminister jeden einzelnen Gymnasiasten, den er vom Medizinstudium abhielt. Meinem Sohn Stefan erklärte man rundheraus, daß er es sich glatt abschminken könne, die Praxis der Mutter zu übernehmen. Über Nachfolger oder zwangsweise Praxisschließung gegen Entschädigung entscheide die KV, niemand anders. Das bekamen nicht nur wir schriftlich. Daraufhin gab er die Zulassung zum Medizinstudium zurück und wechselte auf Wirtschaftswissenschaften.

Politiker denken hierzulande nicht von zwölf Uhr bis Mittag, berufsständige gleich gar nicht. Damals brauchte man vom Abitur bis zum Abschluß einer Facharztausbildung zwölfeinhalb Jahre. Heute, achtzehn Jahre später, feiert man Leute in meinem Alter dafür, daß sie auf ihren Ruhestand verzichten. Von zwangsweiser Praxisschließung ist natürlich schon lange keine Rede mehr. Die KV hätte kraft der geistigen Wassersuppe der damaligen Funktionäre überall im Land die Arztpraxen aufkaufen müssen. Kein Mensch weiß, woher die das Geld nehmen wollten. Schließlich verteilt die Truppe nur das an ihre Mitglieder, was die Krankenkassen ihnen für die Behandlung der Versicherten schulden. Ihre Verwaltungskosten deckt sie durch Umlagen, die sie uns obendrein abverlangt. Da bleibt nirgendwo ein Pfennig für solcherlei Hirngespinste.

Stefan wäre heute gerade mal so weit, daß er die Praxis eigenverantwortlich führen könnte. Stattdessen ist er jetzt in Zürich. Was für ein Segen für die Bundesrepublik: Die bleibt von seinen Steuern verschont und wartet nur noch sehnsüchtig darauf, daß meine Praxis endlich geschlossen werden kann. Wie tausende andere in der Bundesrepublik ja auch. In den meisten der verbleibenden schüttelt man den Kopf, wenn neue Patienten auf der Matte stehen. Und in Anbetracht dieser Fakten wurde der Seehofer mit dem Posten des bayerischen Ministerpräsidenten geadelt.

Der Professor hat Andrea empfohlen, sich mit dem Rollstuhl anzufreunden, falls sie bei ihm arbeiten wolle. Nur: Unter der Handvoll rollstuhlfahrender Ärzte, von denen die Presse berichtet, ist kein einziger Allgemeinmediziner. Und keiner mit eigener Praxis, alle haben die Infrastruktur einer großen Klinik im Rücken. Das wird ihr die Entscheidung nicht gerade erleichtern. Schließlich sollte sie, will sie von den Patienten ernst genommen werden, auch noch mindestens drei Jahre in eine weitere Facharztausbildung investieren. Möglicherweise auch mehr. Dabei kann ich vollkommen verstehen, daß sie sich an ihr Fachgebiet klammert. Dessen Zauber hat Peter Bamm in seiner „Unsichtbaren Flagge“ schon vor sechzig Jahren mit treffenden Worten beschrieben. Ein Buch, welches ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

Ein Blick auf die Uhr: Es ist sechs durch, draußen ist es schon dunkel. In einer halben Stunde erwartet mich Astrid, die braucht ihre Grippeschutzimpfung. In der Zeit, in der ich das Sprechzimmer für sie präpariere, bin ich dreimal bei ihr drüben. So ist das: Wenn hier eines Tages mal Feierabend ist, wird sie ein Problem haben. Andrea könnte ihr ja noch nicht einmal ein erstattungsfähiges Rezept für den Impfstoff ausstellen. Und Astrid wird auch kaum jemanden finden, der wegen derartiger Kleinigkeiten einen Hausbesuch macht …

VI. Ein Interview mit Dinata

Wir schreiben 2014, vor fünf Jahren wurde das Zuwanderungsgesetz auf alle akademischen Berufe ausgedehnt. Die Gewerkschaften sahen das als Einfallstor für Lohndumping an. Was meinen die Einwanderer selbst? Eine Berliner Nachrichtenagentur hat mich gebeten, mit einigen Gespräche zu führen. Dinata kam im Frühjahr 2011 zusammen mit ihrem Ehemann, einem Spezialisten für Handchirurgie, nach Marburg. Ich traf sie in Hamburg, als sie dort wieder einmal zu tun hatte. Sie wohnte im Hafenhotel, wir bummelten am Abend die Landungsbrücken entlang.

Dinata Guten Tag, Peter. Ich freue mich, daß es nun doch einmal geklappt hat. Bitte entschuldigen Sie, daß ich mein Gesicht nicht zeige.

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NAKein Problem, auf Ihre Gründe dafür werden wir vielleicht noch eingehen. Mich interessiert besonders, weshalb Sie und Ihr Mann von Indien nach Deutschland gekommen sind, während die meisten Ihrer Landsleute doch lieber in die Vereinigten Staaten gehen.

DinataNun, das ist so nicht ganz richtig. Shantimay war ja schon in Riad, als meine Eltern die Hochzeit eingefädelt haben. Auf der Internetseite eines Headhunters fand er erst später das Angebot der hiesigen Uniklinik. Die suchte einen Spezialisten für Handchirurgie mit Interesse für Lehre und Forschung. Wir wußten kaum etwas von Europa und gar nichts von Deutschland. Shantimay fand die Aufgabe sehr interessant, als Ehefrau folgte ich ihm. Die meisten unserer Landsleute gehen in die Staaten, weil Englisch ohnehin die wichtigste der 22 Amtssprachen Indiens ist.

NAIhre Eltern haben Sie verheiratet?

DinataJa. Das ist zwar für Muslime nichts Ungewöhnliches, weniger konservative Eltern halten sich da aber mittlerweile heraus. Man kann sich auch in der Universität oder mittels Internetportalen kennenlernen. Als mein Bruder verschwand, sahen sie keine andere Möglichkeit. Zum Leid über den Verlust des Angehörigen kommt für die Betroffenen ja noch dazu, daß außerhalb des Verbandes kaum noch jemand etwas mit ihnen zu tun haben will. Die Partnerinnen der Verschwundenen sind weder Ehefrauen noch Witwen, sie werden weder von jemandem versorgt noch können sie wieder heiraten.

NAKönnen Sie mir das bitte erklären?

DinataDer Kashmir-Konflikt hat seinen Ursprung in der Unabhängigkeit des Subkontinents von den Briten. Die teilten ihn 1947 in einen hinduistischen und einen muslimischen Teil auf. Den Herrschern der Fürstentümer ließen sie dagegen die Wahl, sich Indien oder Pakistan anzuschließen oder selbstständig zu bleiben. Die Bevölkerung Jammu und Kashmirs war zu drei Vierteln muslimisch, der Maharaja dagegen Hindu. Zunächst blieb der unentschlossen, aber als ihn muslimische Truppen stürzen wollten, holte er sich die indische Armee zu Hilfe.

Die sitzt da bis heute und kämpft gegen imaginäre Widerstandsnester. Inzwischen wurden 8.000 ungekennzeichnete Gräber gefunden. Die Armee behauptet, daß das pakistantische Paramilitärs seien. Mehr als 500 Tote sind aber als vermißte Bewohner der umliegenden Dörfer identifiziert. Die Anzeigen der Angehörigen werden nie verfolgt, man behauptet einfach nur, die gesuchte Person sei nach Pakistan geflohen. Auch wenn die Angehörigen sie schon in einem der Gräber gefunden haben und man die Soldaten, die in den Fall verwickelt sind, namentlich kennt. Bislang verliefen alle Prozesse gegen Armeeangehörige im Sande, bestraft wurde von denen keiner.

Von den Angehörigen erfährt niemand Gerechtigkeit, deshalb bleibt an ihnen doch irgendwie etwas hängen. Nur der Verband der Angehörigen Verschwundener und eine Handvoll Anwälte helfen den Betroffenen. In den letzten zwanzig Jahren teilten dieses Schicksal im Kashmir viermal mehr Menschen als in Chile unter Pinochet.

NAWas meinen Sie, weshalb gerade Ihr Bruder verschwand?

DinataWir glauben nicht an einen Zufall. Mein Bruder hat sich an den Recherchen über Verschwundene beteiligt. Er beschäftigte sich mit den Menschenrechtsverletzungen in den Verwaltungshaftverfahren nach dem „Public Safety Act“ von Jammu und Kashmir. Dieses Gesetz wird selbst von indischen Richtern als „Lawless law“ bezeichnet. In keinem anderen Bundesstaat brüskiert man das Oberste Gericht so wie bei uns. Heben die Richter einen Haftbefehl auf und ordnen die Freilassung an, wird der Betroffene stattdessen direkt am Gefängnistor von der Polizei in Empfang genommen und zwei Wochen später gegen ihn der nächste Haftbefehl ausgestellt.

NA Die Frage ist jetzt naiv, aber muß man einen Haftbefehl nicht begründen?

Dinata (lacht) Das wäre eine gute Idee. Beispielsweise schreibt man, es sei zu befürchten, daß der Delinquent im laufenden Strafprozeß freigesprochen werde. Man begründet auch gerne damit, daß der letzte Haftbefehl vom Gericht aufgehoben wurde. Oder man will den Delinquenten in der Nähe einer Demonstration gesehen haben, bei der Steine auf die Polizei geworfen wurden. Die hat sich ihren Ruf so hart erarbeitet, daß es da fast immer zur Sache geht. Deshalb spart man es sich auch anzugeben, wann und wo das gewesen sein soll.

Es ist ja völlig egal, was die Polizei dem Distriktpräsidenten in die Feder diktiert, damit der ihr den Haftbefehl unterschreibt. Bis der Oberste Gerichtshof des Bundesstaats den dann aufhebt, vergeht ein halbes Jahr. Für die Zeit ist ihr die Haft sicher. Im Anschluß daran wird gleich die nächste angeschoben. Oder zur Abwechslung Untersuchungshaft wegen einer zwanzig Jahre alten Strafanzeige. Freilich, im Strafverfahren kann der Beschuldigte auf einem Verteidiger bestehen und man muß das Gericht mit echten Beweisen überzeugen. Geständnisse vor der Polizei sind im Strafprozeß nicht zugelassen, weil allgemein bekannt ist, wie die zustande kommen.

Mit der Verwaltungshaft haben die den Streß nicht: Polizeiliche Ermittlungen sind überflüssig, denn es gibt keinen Prozeß. Wenn man den Gefangenen zum Reden bringt, hat man alles, was man braucht. Die Polizei von Jammu und Kashmir ist auch nicht wählerisch: Vom Zwölfjährigen bis zum Parlamentsabgeordneten haben die alles schon eingelocht. Für die Gefangenen gibt es kein Recht auf einen Anwalt. Die Angehörigen können noch von Glück reden, wenn die Verhaftung wenigstens von den Nachbarn beobachtet wurde. Sonst laufen sie sich wochenlang die Hacken ab.

Wenn Sie fragen, wozu das gut ist: Die meisten Oppositionspolitiker kommen auf zehn Jahre Haft, bei Shabir Ahmad Shah von der „Jammu and Kashmir Freedom Democratic Party“ sind es mittlerweile fünfundzwanzig. Auch Journalisten und Strafverteidiger stehen auf der Wunschliste weit oben. Amnesty International hat vor drei Jahren einen Bericht mit dem Titel „A ‚lawless law‘“ veröffentlicht, für den hunderte Fälle ausgewertet wurden. Bitte, lesen Sie dort selbst nach. Was wir seit Ende der achtziger Jahre im Kashmir erleben, war zu der Zeit auch in Deutschland nicht ausgeschlossen. Die Baupläne für die Lager gab es ja schon.

(Das war zwar im Osten, aber die Bundesrepublik stand nach ihrem Selbstverständnis ja stets für ganz Deutschland. Eine andere Entwicklung in Ungarn und für Honecker ein paar Monate mehr Zeit, der noch im Herbst 1989 den Schulterschluß mit Ceauşescu suchte … Eine Selbstverständlichkeit ist etwas völlig anderes. Das muß jetzt nur nicht vertieft werden.)

NA Die meisten Europäer träumen von Arabien, von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Und Sie waren dort und sind wieder weg …

Dinata Die Leute wissen eben von diesen Ländern auch nicht mehr, als wir damals von Deutschland. An Ort und Stelle sieht vieles anders aus. Der Spiegel brachte im Sommer ein Interview mit einem deutschen Rettungssanitäter, der ein Jahr lang für den Roten Halbmond gearbeitet hat. Bei der Lektüre wurde mir einiges klar, mein Mann hat mich mit Geschichten von seiner Arbeit ja stets verschont. Ich merkte nur, daß er oft unglücklich war.

NAUnd Sie?

Dinata (zuckt die Schultern) Es kostete meinen Mann mehr als zwei Jahrzehnte seines Lebens, bis eine Klinik nach ihm sucht und ihn vernünftig bezahlt. Da lasse ich ihm bei der Entscheidung den Vortritt. Von Saudi Arabien habe ich selbst kaum etwas gesehen, mit den Nachbarn kaum einmal Kontakt gehabt. Ich erinnere mich an ein paar Konsumtempel, sonst weiter nichts. Mein Mann war ja die meiste Zeit in der Klinik. Will eine Frau aus dem Haus gehen, muß sie ein Auto rufen. Den Fahrern traute ich aber nicht über den Weg.

NAWie verliefen denn Ihre Tage so in Riad?

DinataArabisch lernen, ein bißchen Hausarbeit, Seifenopern im Fernsehen, auf den Ehemann warten – alles nichts Aufregendes. Ich kam, um Shantimay zu heiraten, das war mir vorweg bewußt. Am Ende haben wir es beide nicht bedauert, Riad zu verlassen.

NASie baten vorhin um Entschuldigung dafür, daß Sie uns Ihr Gesicht verbergen. In Riad hätten Sie darüber nicht viel Worte verloren?

DinataSie hätten dort keine Frau um eine Einladung gebeten. Das sind zwei Seiten derselben Medaille: Im Islam gibt es keinen Zwang; was ich anziehe, ist meine Sache. Weil die Saudis ganz konkrete Vorstellungen davon hatten, was ich bitteschön anzuziehen habe, schimpft Ihr sie Fundamentalisten. Dabei hat man im Westen ganz konkrete Vorstellungen davon, was ich bitteschön nicht anzuziehen habe. Ich sehe da aber keinen Unterschied. Gäbe es noch die Freiheit, auf die Ihr immer so stolz seid, dann dürften überall auf dem alten Kontinent Frauen ihr Gesicht so selbstverständlich bekleiden, wie ihre Brust.

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(Während sie sprach, griff Dinata in ihre Tasche und holte einen Zeitungsausschnitt mit dieser Karikatur von Tom Fonder heraus. Aber als Journalist reitet mich natürlich der Teufel.)

NAAber nicht jede Muslimah trägt Gesichtsschleier.

DinataUnd nicht jeder, der getauft ist, geht auch zum Gottesdienst in die Kirche. Der Glaube ist stets eine persönliche Angelegenheit, das ist überall auf der Welt so. Sehen Sie hier eine verschleierte Frau, dann ist es fast immer eine deutschstämmige Konvertitin, so wie Astrids Sprechstundenhilfe. Selten mal eine Touristin. Shantimay und ich, wir sind Kashmiris. Und wir sind Muslime. Wir kleiden uns so, wie die meisten Muslime in Srinagar.

Niemals hatte hier jemand ein Problem mit der Kleidung meines Mannes. Aber wegen meiner war Shantimay kurz davor, den Vertrag zu kündigen und Deutschland zu verlassen. Können Sie mir das bitte erklären?

(Jetzt ist es an mir, die Schultern zu zucken. Wenigstens ist man hierzulande noch nicht schizophren genug, um jemanden wie Frau Dr. Škoda wegen ihrer Hautkrankheit mit Geldstrafen zu belegen und den behandelnden Ärzten als vermeintlichen Anstiftern Haft anzudrohen. Das könnte sich natürlich auch bei uns irgendwann einmal ändern: Schließlich liebäugelten heuer die in Thüringen abgewählten Christdemokraten schon ganz offen mit der Rechtsaußen-Position. In Frankreich, Belgien und den Niederlanden hätte Frau Dr. Škoda wohl seit Jahren nur noch die Wahl zwischen Exil und lebenslangem Hausarrest.)

NANa ja, Sie leben jetzt fast vier Jahre hier …

DinataPeter, bitte: Es war doch nicht mehr als ein Zufall, so offenherzige Leute zu finden. Bei den Wohnungsbesichtigungen sind wir ziemlich kurz abgefertigt worden. Nach einem halben Jahr in dem Hotel hatte ich schließlich genug von Deutschland. Schließlich suchte die Klinik einen Nachfolger für meinen Mann. Andrea bewarb sich. Anstelle des Arbeitsvertrages bekam sie uns als Nachbarn.

NAFrau Dr. Werner ist immer noch arbeitslos?

Dinata Andrea sitzt im Rollstuhl, das war damals schon abzusehen. Als Behinderte bekam sie keine ihrer Qualifikation entsprechende Stelle. Auch nicht, als ihre Schwester noch gesund war und sie noch keinen Schleier trug. Jetzt ist sie unsere Hausärztin. Sie teilt sich die Praxis mit Lisa Haufe, die bald in Rente geht. Mit Astrid und Bernd haben wir auch unsere Zahnärzte im eigenen Haus. Besser hätten wir es gar nicht treffen können, jedenfalls in der Beziehung. Andrea sagte mir einmal, daß eineiige Zwillinge hier gerne die gleichen Sachen tragen. Das mag sein, auf jeden Fall ist das für ihre Schwester eine große Unterstützung. Ich empfände es als sehr unfair gegenüber der Familie, wenn ich meinen Schleier ablegen würde.

NASie zahlen ihnen die Miete …

DinataJa, natürlich, wie jedem anderen auch, der sie nur hätte haben wollen. Es wollte aber niemand. Astrid kommt jedes Jahr und zeigt uns die Rechnungen: Grundsteuer, Müllabfuhr, Heizung, Hauslicht, usw. Wir glauben ihr, aber wie sie sagt, soll sie gesetzlich dazu verpflichtet sein. Astrid wird nicht reich von den paar Euros, die wir ihr für das Dachgeschoß geben. Sie unterrichtete mich ein Jahr in Deutsch. Schließlich fand sie eine Studentin, die das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ belegt. Den beiden verdanke ich es, jetzt eine beeidigte Dolmetscherin und Übersetzerin zu sein.

Kashmiri ist meine Muttersprache, also mußte ich beim Landesschulamt in Darmstadt die Prüfungen in Deutsch und Englisch ablegen. Die waren beide kein Spaziergang.

NAHerzlichen Glückwunsch! Das stimmt, diese Prüfungen sind tatsächlich ein hartes Stück Arbeit. Und bei Gericht und der Polizei hat man als Dolmetscher auch kein leichtes Brot. Darf ich fragen, ob Sie viele Aufträge in Ihrer Muttersprache haben?

DinataEs war mir klar, daß ich mit Kashmiri in Deutschland kaum einmal Geld verdiene, selbst wenn ich die Einzige wäre. Aber ich konnte damit Landsleuten am Flughafen einmal aus einem richtigen Schlamassel helfen. Das allein machte mir die Mühe wieder wett. Und ein paar Textilimporteure bitten mich gelegentlich nach Hamburg zu Verhandlungen mit Lieferanten aus dem Kaschmirtal. Das ist eine nette Abwechslung, viel mehr aber auch nicht.

NAUnd die akzeptieren Ihren Schleier?

DinataSelbstverständlich, sonst komme ich nicht.

Zum meiner Überraschung bleibt Dinata jetzt an einem Eisstand stehen. Die Verkäuferin ist ganz perplex, als Dinata in akzentfreiem Deutsch um eine Kugel Erdbeereis bittet. Natürlich liftet sie ihren Schleier an der mir abgewandten Seite, um das Eis darunter verschwinden zu lassen. Dann setzen wir uns auf eine Barkasse und machen eine Lichterfahrt durch den Hafen und die Speicherstadt. Eine Karte kostet achtzehn Euro. Das gäbe man in Indien einer Frau, damit sie sich sterilisieren lasse, bemerkt Dinata dazu.

Ich wollte von ihr wissen, was nicht in den Touristenführern steht. Damit hatte ich sie zu dem Interview geködert. Da muß ich mich jetzt nicht beschweren, daß sie mich beim Wort nimmt.

Ende der Trilogie

Die genannten Institutionen existieren tatsächlich.

Handelnde Personen sind dagegen frei erfunden, Ähnlichkeiten mit real existierenden rein zufällig.

© Peter, geschrieben für TOTV 2015

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One thought on “Das Kolloquium

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