Petra (German version)

Bonvolu legi originan version de Petra (E) en Esperanto.

Petra

von Peter

Es ist

Freitag, der 14. Mai 2040

Hallo,

ich bin die Petra Škoda und studiere in Hamburg im sechsten Semester Zahnmedizin. Jetzt sitze ich im Zug nach Süden, nach Hause. Eigentlich ins Wochenende …

Gestern erhielt ich während der Radiologievorlesung eine Kurznachricht auf mein Telefon: Ich möge bitte ins Ausländerreferat des AStA [1] kommen. Das ist neben der Hauptmensa. Keine Ahnung, was man von mir wollte. Als ich in der Mittagszeit im von-Melle-Park antrabte, wurde ich schon von einer der beiden Angestellten des Referats erwartet.

Ob ich nicht die Tochter der Marburger Oberbürgermeisterin sei? Sie wollten mir eine Stelle als „wissenschaftliche Mitarbeiterin“ anbieten. Zum neuen „Frauenschutzgesetz“ wäre eine Sturzflut an Fragen hereingebrochen, mit denen sie nichts anzufangen wüßte. Aber sie hatte wenigstens eine Idee, wie ich das Problem angehen soll:

Einen Frage-Antwort-Katalog erstellen, zum Semesterbeginn zwei, drei Vorträge halten, Briefe aber nur in Ausnahmefällen beantworten. Ihre Sorgenkinder wären die Perserinnen, die hier im nächsten Semester europäisches Recht hören wollten. Die Justizsenatorin habe diesen Austausch voriges Jahr bei ihren Besuchen im Nahen Osten eingefädelt.

Mama litt schon in den Jahren vor meiner Geburt an der Lichtallergie. Deshalb kenne ich sie nicht ohne Gesichtsschleier. Für die Lehrer war schon von meinem ersten Schultag an klar, daß ich den auch tragen würde. Da gab es niemals Diskussionen, weder im Gymnasium noch bei der Ausbildung zur Zahnarztassistentin. Bis ich vor drei Jahren nach Hamburg an die Uni kam.

Zum Beginn des Wintersemesters sind hier immer die Wahlen zur Studentenvertretung. Man hatte sich in den Kopf gesetzt, daß ich als OB-Tochter unbedingt kandidieren müsse. Dagegen hatte ich ja nichts. Dagegen, daß man mich fotografieren wollte, aber eine Menge. Ständig wurden irgendwelche Handzettel in die Hörsäle geworfen, der Papiermüll lag auf den Bänken und dazwischen auf dem Fußboden herum. Meinetwegen sollten die Leute auf den Wahlprogrammen herumtrampeln, aber nicht auf meinem Gesicht.

Dazu kamen dann die Vorwürfe an die letzte Mannschaft: Die hätten es sogar fertiggebracht, die Verhandlungen mit Senat und Verkehrsverbund über das Semesterticket zu schwänzen. Ihre Parteifreunde im Rathaus dankten uns das mit einer deftigen Preiserhöhung.

Nun saß ich drei Jahre später wieder beim AStA und fragte mich, wieso man diese Stelle ausgerechnet mir, einer zukünftigen Zahnärztin, anbot. Und was Mama damit zu tun hätte. Die ausländischen Studentinnen brauchten alltagstaugliche Ratschläge, lautete die Antwort. Und ich brauche das Geld. Also unterschrieb ich, ohne mir weiter den Kopf zu zerbrechen.

„Frauenschutzgesetz“ ist nur der landläufige Spitzname des Konstrukts. Der offizielle kommt völlig unscheinbar und nichtssagend daher. Und wie immer schliefen die Leute tief und fest, solange es noch nicht in Kraft getreten war.

Im Wesentlichen geht es nur um drei Punkte: Die Entlastung der öffentlichen Haushalte, besondere Rechte der Frauen und die Bekämpfung von Gewalt.

Während man wegen Unterhaltsschulden im Amiland schon mal im Gefängnis landen kann, ging der deutsche Staat in Vorleistung und blieb meistens auf seinen Forderungen sitzen. Hier zahlen nur noch ein paar „ehrliche Dumme“, über die man sich überall lustig macht. Zwar bestreitet nun nicht einmal mehr die Bundesregierung, daß der Staat völlig pleite ist. Aber anstatt endlich den Herren der Schöpfung an die Taschen zu gehen, führte man lieber Schulgebühren für die Oberstufenklassen ein. Nur die ersten vier Jahre sind noch kostenlos. Und wenn es um die Gebühren geht, kräht nun auch kein Hahn mehr nach der Schulpflicht. Zahlen die Eltern nicht, dann bleiben die Sprößlinge eben zu Hause. Deshalb lernen Kinder aus ärmeren Familien nur noch ein bißchen Rechnen sowie halbwegs Schreiben und Lesen. Schon die deutsche Orthographie und Grammatik bleiben für sie ein böhmisches Dorf, von Naturwissenschaften und Fremdsprachen ganz zu schweigen. Damit ihnen die Verwandten nicht auf die Sprünge helfen, wurden kurzerhand die kaiserlichen Rechtschreibregeln wieder in Kraft gesetzt.

Ob die neue Regierung wirklich etwas ändert? Vor der Wahl wollten alle die Schulgebühren aufheben oder wenigstens senken. Jetzt, nur ein Vierteljahr später, werden die wieder bis auf’s Messer verteidigt. Schließlich hält man so die Armen von den einträglichen Posten fern. Für die Ausländerinnen ist das aber nichts von Belang. Bleibt also noch der zweite Punkt, von dem nichts in der Überschrift des Gesetzes steht.

Der Intercity fährt nun in den Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe ein, hier muß ich umsteigen. Wie überall, wurden auch hier die Stationsschilder ausgetauscht. Die neuen kann ich gut lesen, obwohl mein Kleid keine Augenöffnungen hat. Es ändert sich aber noch einiges mehr. Auch Behörden, Unternehmen und Religionsgemeinschaften müssen sich in ihrem Umgang mit Frauen umstellen. Egal, ob es dabei um ihre Angestellten oder um Besucherinnen geht. In den Zug nach Gießen steigt auch eine Polizeibeamtin ein, sie trägt schon die neue Uniform. Die sehe ich jetzt zum ersten Mal. Hier in Kassel seien die erst vor zwei Wochen ausgegeben worden, testweise für ein Jahr, erklärt die Beamtin.

Die Farben gab es ja früher schon einmal. Wirklich neu sei nur das Gesichtstuch für die Frauen. Solange das Wetter so mild und trocken sei wie jetzt, wäre es angenehm zu tragen. Das „Gesichtstuch“, wie sie das nennt, ist eigentlich ein Niqab aus mehreren Lagen grünem Chiffon, die alle unterhalb der Augen und am Stirnband zusammengenäht sind. Sie hebt kurz den Augenschleier an: Das ist ein schmaler Streifen, unten mit einer Seidenkante eingefaßt. Und an der Oberkante des Stirnbandes angenäht, so daß er nach oben geklappt werden kann. Ganz praktisch, meint sie, das sei wie eine dunkle Sonnenbrille.

Die plumpe Anmache auf der Straße ödete ja selbst die Männer an, mit denen sie früher als Streifenführerin unterwegs war. Damit sei von einen Tag auf den anderen Schluß gewesen. Von Kolleginnen in den Revieren habe sie schon dasselbe gehört.

Ob sie sich vorstellen könne, daß man den Test am Ende wieder abbläst, frage ich sie. Kaum, dazu sei der Druck viel zu groß. Es gäbe ohnehin zu wenig Frauen im Streifendienst. Und die könnten mit ihrer Ausbildung auch in jeder anderen Landesverwaltung arbeiten. Anstatt die Übergangsfristen bis zur letzten Minute auszureizen und das schon vorhandene Personal zu verärgern, sollte die Verwaltung lieber in die Offensive gehen und den Dienst für Bewerberinnen attraktiver machen.

Im Lautsprecher wird Stadtallendorf angekündigt. Wirklich schade, hier steigt sie schon aus. Sie gibt mir noch ihre Karte. Ich soll sie unbedingt anrufen, wenn ich noch Fragen habe.

Daheim gehe ich zuerst einmal in mein Zimmer und öffne den Kopfschleier meines Kleides. Ich brauche immer einen Moment, bis ich mich an ungedämpftes Licht gewöhnt habe. In der Zeit packe ich in Ruhe meine Tasche aus. Dann schaue ich mir die Karte der Beamtin an: Aha, das war die Frauenbeauftragte des Kasseler Polizeipräsidiums, im Rang einer Polizeihauptkommissarin. Mit ihren Locken, strohgelb wie die Uniformbluse, ist sie der Blickfang schlechthin. Die Mädels vom alten Werner sind ja auch keine Vogelscheuchen. Nur weiß das eben keiner.

Ich sollte mich nun ein bißchen beeilen, die Eltern warten ja schon mit dem Abendbrot. Den Korridor unterteilen zwei Türen, die sowohl zur Verbindung von Küche und Bad, als auch als Lichtschleuse für die Räume dienen. Bevor ich in der Wohnung irgendeine Tür öffnen darf, muß ich kräftig anklopfen und etwas warten. An der Küchentür lausche ich auf Mamas ‚Jaa‘. Dann fahre ich vor Schreck zusammen: Unsere Küche ist eine Dunkelkammer geworden. Nur noch zwei Lampen, und beide dunkelrot. Mama sitzt am Tisch, mit dem Rücken zur Tür. Ich lehne mich zu ihr, sie gibt mir einen Kuß. Wie lange das letzte Mal nun schon her ist …

Papa hat mein erschrockenes Gesicht gesehen. Die neuen Lampen taugen nichts, sagt er. Die veränderten mit der Zeit ihre Wellenlänge von Gelb ins Grünliche, ohne daß das auffalle. Mama zuckt dazu nur die Schultern: „Gut möglich, daß sich meine Werte verschlechtern.“ Schon bei dem Gedanken kommen mir die Tränen. Bitte, bitte, lieber Gott, nur das nicht. Mamas Toleranzschwelle war doch schon von Anfang an bescheiden genug.

Ich streiche ihr eine Weile übers Haar, um meine trüben Gedanken beiseite zu schieben. Papa hat einen Fischsalat angerichtet, das ist heutzutage eine rare und teure Delikatesse. Der industrielle Fischfang ist ja längst zum Erliegen gekommen. Die letzten Küstenfischer fahren Touristen spazieren und bringen bei der Gelegenheit auch eine Kiste Krabben mit. Auf dem Festland wird nun schon fast jede Pfütze zur Zucht genutzt, trotzdem ist echter Fisch unbezahlbar. Einmal im Vierteljahr fährt Papa an den Edersee. Die Fische werden stückchenweise eingefroren, so daß sie für alle hier im Haus die nächsten Wochen reichen. Die meisten Leute können sich das längst nicht mehr leisten. Wenn man ihnen noch nicht den Strom und das Wasser abgedreht hat, kaufen sie Universal-Nährpulver von Dr. Oetker. In handwarmem Wasser anrühren, in die Form gießen und in der Röhre fest werden lassen. Mit etwas Glück schmeckt das dann nicht nur wie Karpfen, Rindfleisch oder Erdbeeren, sondern sieht auch so aus.

Mama nimmt nach dem Essen ihre Vitamin-D-Tabletten. Und ich berichte, worauf ich mich in der Uni eingelassen habe. Papa ist gar nicht begeistert: Wir können es uns nicht leisten, mein Studium in die Länge zu ziehen, antwortet er darauf. Das stimmt zwar, aber die Studiengebühren, die Lehrbücher, meine Bude und die Futterage müssen ja auch in der Regelstudienzeit bezahlt werden. Dafür reicht das Geld schon nicht mehr, selbst wenn ich nachts kellnern, im Markt Regale füllen oder in der U-Bahn Fahrkarten kontrollieren würde. Um diese Jobs balgen sich ja schon die Kommilitonen, denen es schlechter geht als mir. Entsprechend mies werden die behandelt. Und da soll ich auf eine gut dotierte Stelle an der Uni verzichten?

Mama schüttelt den Kopf. Sie blickt zur Uhr auf dem Wandregal. „Schatz, bringst Du mir bitte den weinroten Schleier?“, bittet sie Papa.

Als die Eltern diese Etage bezogen, bestand Mama darauf, daß die gute Stube normal eingerichtet werde: Tageslicht, schöne weiße Gardinen, stimmungsvolle Lampen und einen großen Fernseher. Mama kam gerade aus der Klinik. Sie wußte, daß sie das Zimmer nicht unverhüllt betreten konnte. Sie wußte aber auch, daß sie Papa nicht überstrapazieren durfte. Auch sie brauche einen Ort, der nicht Krankenhaus sei, sagte sie damals zu ihm.

petra_astrid_9495web Papa kommt aus dem Schlafzimmer. Mama gibt ihm einen Kuß, dann bindet er ihr behutsam den Schleier vors Gesicht.

Dessen Sehschlitz ist so schmal, daß sie damit auch einmal eine Weile ohne Augenmaske auskommt. Das gute Stück war ursprünglich einmal weiß, dann hat es Tante Andrea gefärbt und die oberste Lage durch zwei Stücke jeweils doppelt vernähter Kunstseide ersetzt. Der Schleier hat also vier Lagen, die alle an der Unterkante des Stirnbandes angenäht sind.

Die erste sieht man auf dem Bild. Die zweite ist aus dünnem, von außen blickdichtem Chiffon. Die zieht sie sich über den Sehschlitz, bevor ihr die Nasenwurzel zu kribbeln anfängt. Mit der dritten schützt Mama ihr Gesicht vor den harten Kalibern, wie Bühnenstrahler und Kameraleuchten. Die läßt gar kein Licht durch, damit braucht sie eine Begleitung. Die vierte bedeckt ihr Scheitel, Nacken und Hinterkopf.

Mama zupft an dem Stoff herum, bis ihre Pupillen in dem schmalen Augenschlitz zum Vorschein kommen. Dann geht sie mit Papa ins Wohnzimmer. Ich öffne die Jalousie, lüfte die Küche und räume dabei das Geschirr in die Spülmaschine. Die beiden stehen jetzt im Wohnzimmer und schauen sich gemeinsam den Sonnenuntergang an. Die Zeit muß sein. Schließlich hole ich aus meiner Tasche die Blätter, die ich gestern im Referat bekam:

Zweites Gesetz zur weiteren Entlastung der öffentlichen Haushalte und zur Änderung familienrechtlicher Regelungen

vom 8. März 2040

Gesetzesbegründung:

Das Gesetz dämpft die beständig steigenden Belastungen der öffentlichen Haushalte durch die Ersatzvornahme für von ehemaligen bzw. getrennt lebenden Ehepartnern vorenthaltene Unterhaltszahlungen. Einschränkungen der sich aus Art. 2 GG ergebenden Vertragsfreiheit sind insofern gerechtfertigt, als sich vertragliche Unterhaltsbeschränkungen im Ergebnis immer häufiger als Vereinbarungen zu Lasten Dritter auswirken. Die Ungleichbehandlung der Geschlechter ist darin begründet, dass Unterhaltsausfälle weit überwiegend von Männern verursacht werden. Die Erfolgsquote der auf Grundlage bisher geltender Vorschriften getroffenen Maßnahmen blieb unbefriedigend.
Die Regelungen des Gesetzes zum Schutz vor häuslicher Gewalt und zum nachehelichen Unterhalt gelten für beide Geschlechter. Darüber hinaus stärkt das Gesetz den aktiven und passiven Schutz der Frauen vor Missbrauch und Belästigungen jeder Art.

Im Gesetzblatt füllt die Begründung ja mehr als eine ganze Seite. Das hier ist eine ziemlich knappe Zusammenfassung, sage ich dazu.

Mama schüttelt den Kopf: „Na, knapp ist gut. Was macht Ihr denn eigentlich so in Hamburg? Zu unserer Zeit hat sich am ersten Tag noch niemand für Unterhaltsforderungen interessiert. Und alles andere wird nur aufgezählt.“ Das hat mir die Referatsleiterin aus einer Broschüre des Jugendamtes kopiert. Dann frage ich Mama, was sie mit diesem Gesetz zu tun habe? „Schon einiges. Ich war zu den Expertenanhörungen in die Bundesministerien geladen. Meine Stellungnahmen sorgten nicht nur in der Fachpresse für Aufsehen“, antwortet sie. „Petra, natürlich werde ich Dir helfen. Du wirst aber Deine helle Freude daran haben, das Wesentliche verständlich in ein paar Sätzen zusammenzufassen. Das machst Du bitte allein. Ich finde, das ist eine gute Übung für Deine Abschlußarbeit. Von uns hat man in Frankfurt jedes Jahr so eine Ausarbeitung verlangt und natürlich nichts dafür bezahlt.“

Was ist denn mit der Formulierung, daß sich vertragliche Unterhaltsbeschränkungen häufig als Vereinbarungen zu Lasten Dritter ausgewirkt hätten, gemeint?

„Klaus und Anna vereinbaren miteinander, daß Max für etwas zahlen muß“, erklärt Papa. „Würdest Du nicht toll finden, wenn Du Max wärest, nicht wahr?“ Mama nickt: „So ungefähr. Nur daß Max eben keine Person, sondern die Staatskasse ist. Und von der will Anna haben, worauf sie gegenüber Klaus vorher verzichtet hat. Beispielsweise im Ehevertrag oder in einer Scheidungsvereinbarung“, fügt Mama hinzu. „Bisher war das legal. Aber die meisten weigerten sich oder tauchten ab. Damit werden sie nicht mehr weit kommen. Das wird wie Geldstrafen beigetrieben, notfalls mit Erzwingungshaft oder per internationaler Amtshilfe.“

Da haben wir von den Amis nun endlich mal etwas Vernünftiges gelernt. Lang genug hat‘s ja gedauert. Zum Inhalt des Gesetzes habe ich mir auf meinen Kopien einiges angestrichen:

1. Frauen haben das Recht, ihre Identität und körperliche Erscheinung zu verbergen.

Da steht „haben das Recht“. Eine Moralpolizei wie bei den Saudis wird es also nicht geben. Wer sich um gruppendynamische Prozesse sorgt, wird damit wohl nicht zufrieden gestellt. Ob es das ist, was die Perserinnen so aufregt? Und weshalb?

„Woher sollten wir das wissen?“, entgegnet mir Mama. „Solange das hier eine freiheitliche Demokratie sein soll, darf es keine Ansage geben, was man anzuziehen hat und was nicht. Das klassische Beispiel war damals der Nackte Jörg. Der galt als Sachsenhäuser Original. Er ging in der Stadt joggen, mit Schuhen, einem Musikplayer und einem Mützchen bekleidet. Das andere Extrem waren die Verbotsgesetze in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Für viele Leute ist es schön bequem, wenn Vater Staat ihnen immer sagt, wo es lang geht. Aber mit Vorsagen kann eine freiheitliche Demokratie nicht funktionieren. Das Dilemma läßt sich nur mit dem Spagat zwischen Zweckmäßigkeit und eigener Entscheidungsfreiheit lösen. Den werden diese Mädels schon alleine hinbekommen müssen.“ Hm. Ich lese weiter:

Es ist strafbar, einer Frau die Bekleidung zu öffnen oder abzunehmen.

Wurde die Formel „gegen ihren Willen“ etwa nur in dieser Zusammenfassung weggelassen, frage ich. „Nein, das ist der exakte Gesetzestext. Und das ist auch kein Zufall“, sagt Mama. „Damit kann sich ein Mann seine Ausflüchte schenken. Die einzige Ausnahme ist ein medizinischer Notfall.“ Der Ehemann und die Polizei nicht?, frage ich. Sie schüttelt den Kopf: „Zur Identifizierung muß die Polizei eine Frau in den Streifenwagen oder, wenn keine Beamtin dabei ist, auf’s Revier bitten.“

2. Wird eine Frau in ihren Rechten verletzt, so steht ihr zivilrechtlicher Schadenersatz zu, sofern sie eine minderschwere Rechtsverletzung nicht schuldhaft provoziert hat. Zivil- und strafrechtliche Würdigung stehen unabhängig nebeneinander.

Ich zucke ratlos die Schultern, ging es nicht konkreter? „Wozu? Soll man da das ganze Strafgesetzbuch einfügen?“, fragt Mama. „Bei Beleidigungsdelikten und Körperverletzung waren früher ja auch schon Schadenersatzforderungen möglich. Aber dafür mußten die Geschädigten einen Zivilprozeß anstrengen. Der dauerte Jahre. Und wenn sie Pech hatten, war beim Täter nichts zu holen. Dann blieben sie auch noch auf den Gerichtskosten sitzen. Der Schadenersatz wird jetzt mit der Anzeige bei der Polizei beantragt. Darüber wird dann gleich im Strafverfahren entschieden, das kostet nichts extra.“

Hm, und weshalb wird das dann gleich im letzten Teil des Satzes wieder eingeschränkt? Damit lädt man die Entscheidung doch wieder den Gerichten auf, frage ich.

„Ja, natürlich. Vorige Woche war eine Verhandlung hier am Amtsgericht. Anhand dieses Beispiels kannst Du ganz gut erläutern, daß der Gesetzgeber es den Geschädigten zwar einfacher machen, aber keine Lizenz zum Gelddrucken ausstellen wollte“, sagt Papa dazu.

Den Rest kann ich mit ein paar Sätzen abhandeln. Ich lege die Blätter beiseite. Mama zieht sich die zweite Lage ihres Schleiers über die Augen. Als Papa mit einer Flasche Apfelsaft aus der Küche wiederkommt, bitte ich sie, von diesem Prozeß zu berichten.

Droben am Schloßberg, in einer engen, krummen Stiege, hätten sich drei Mädels auf das horizontale Gewerbe verlegt, um ihr Studium zu finanzieren. Die Stadt braucht kein Bordell, in der Gegend schon gar nicht. Und illegal am allerwenigsten.

Die verhandelte Geschichte ereignete sich vor nunmehr sechs Wochen, an einem Sonntag. Eine Studentin, die im Erdgeschoß direkt unter dem Sündenbabel lebte, sei mit ein paar Brötchen von der Bäckerei an der Ecke gekommen und wollte geradewegs in ihre Wohnung. Auf den paar Metern sei sie einem Mann begegnet, der sie nach ihrem Preis gefragt habe. Das Mädel sei laut geworden, zwei Ordnungshüter in Zivil aufmerksam. Der Mann erwies sich als Student aus den Golfstaaten. Er habe einen Zettel mit Vornamen und einer Nummer dabeigehabt, die sich ohne weiteres diesem Künstlertrio im Obergeschoß zuordnen ließen. Bei der Polizei empfahl man dem Mädel, Anzeige zu erstatten. Vorige Woche sei nun der Gerichtstermin gewesen, der Saal proppenvoll bis zum allerletzten Platz. Mama schiebt sich das Saftglas unter ihren Schleier.

„Das Mädel trug eines der neuen Kleider von p+q“, fährt sie fort. Etwa das Modell mit den kleinen Schmetterlingen, frage ich. Mama nickt: „Ja genau das, in weinrot. ‚Der Wind spielte in ihren langen blonden Haaren, sie trug die Kapuze des blutroten Kleides als Betonung ihrer Weiblichkeit auf der Brust.‘ Na, so in etwa beschrieb der Mann dem Gericht die Situation. Dazu beteuerte er, niemals im Leben sei er eine verschleierte Frau angegangen.“

Ich zucke die Schultern: Kann man ja glauben oder auch nicht. „Petra, darauf kam es aber gar nicht an. Eine nicht begangene Tat kann man weder anklagen noch verurteilen lassen. Die Richterin reagierte ziemlich ungehalten: Auch eine Unverschleierte dürfe er nicht dämlich anmachen. Und dann wusch sie auch dem Mädel den Kopf: Wäre sie so hübsch angezogen gewesen, wie sie jetzt da vor ihr sitze und es wäre ihr gar nichts passiert“, berichtet Mama. Die paar Handgriffe wären nicht unzumutbar gewesen.

Mit der pathetischen Einlassung hatte sich der Araber schon um Kopf und Kragen gebracht. Da brauchte es keine Zeugen. Die Richterin wertete die Tat als Beleidigung und brummte dem Angeklagten hundert Stunden gemeinnützige Arbeit auf. Die Schadenersatzforderung der Klägerin wies sie ab. Das Urteil sei rechtskräftig.

Eine nette kleine Geschichte. Könnte glatt vom ‚Königlich Bayrischen Amtsgericht‘ stammen. Früher hätte man dem Kerl einfach eine geklebt, heute bemüht man damit die Gerichte.

„Früher hatten wir einen Kaiser“, widerspricht mir Mama. „Und Ohrfeigen nur dann ausgeteilt, wenn man das Risiko für kalkulierbar hielt. Heute müßtest Du das Echo einfach mögen.“ Auch Papa schüttelt den Kopf: „Petra, den Arabern werden ja gute Reflexe nachgesagt. Und willst Du Dich wirklich auf das Niveau herablassen und Dir dafür eine Anzeige einhandeln? Deine Mutter hat nicht ohne Grund dafür gesorgt, daß aus dem Gesetzentwurf die üblichen Klischees verschwunden sind.“

Mama nickt: „Wenn die Polizei die Saufbolde nicht in die Ausnüchterung brachte, weil daheim die Frau mit der Teigrolle hinter der Türe stand, lachten alle darüber. Hatte einer irgendwann das Maß voll und flippte richtig aus, gab es bei der Beerdigung der Frau allseits verständnislose Gesichter. Petra, Gewalt geht gar nicht. Egal, wer gegen wen.“

Gut, da frage mich auch, weshalb sich jemand so ein Kleid kauft und es dann nicht schließt. Und das auch noch auf offener Straße.

Mama zuckt die Schultern: „Es kann sich schon lange niemand mehr leisten, am Saisonende fast ungetragene Sachen wegzuwerfen. Die meisten Frauen haben die Schränke voll mit konventionellen Schnitten. Da packt sich doch kein Händler solche Ladenhüter ins Regal.“ Die Uhr schlägt drei Mal. „Mein Gott, es ist bald Mitternacht, aber nun ab ins Bett“, sagt Mama zu mir. „Du hast morgen einen langen Tag. Und ich habe Papa etwas versprochen …“

Heute, am

Samstag, den 15. Mai 2040

haben wir ein dickes Programm. Mamas gestrigen Antworten ginge ich gerne auf den Grund. Natürlich, meint sie, ich arbeite ja nicht für eine Zeitung. Ein kleiner Spaziergang würde ja auch Papa und ihr nicht schaden. Sie müsse aber erstmal bei p+q anrufen, ob das klappt. Ich schüttele den Kopf: Terminvorbestellung im Textilkaufhaus? Sachen gibt’s …

Wir haben noch etwas Zeit, deshalb spazieren wir zunächst zum Schloßberg. Unterhalb des Schlosses weitet sich eine Straße zu einem rechteckigen Platz. An einer Längsseite geht eine schmale Gasse ab. Die Hausecke bildet ein runder Erker, darunter die Ladentüre einer Bäckerfiliale. Bis zum nächsten Hauseingang in dem Gässchen sind es etwa zehn, zwölf Meter – genug, um jemandem in die Arme zu laufen. Gutes Licht ist auch etwas anderes. Könnte die Richterin bei dem Urteil vielleicht etwas oberflächlich gewesen sein? Gute Frage. Hier gibt es nichts weiter zu sehen, also gehen wir also gleich auf die Wettergasse zu p+q.

petra_pq_9534 Ich war mit Mama nun schon seit Ewigkeiten nicht mehr einkaufen. Wir bleiben schon am ersten Schaufenster stehen.

Sagtest Du gestern nicht, es gäbe hier in der Stadt keine Klamotten ohne Kopfhülle mehr, frage ich. Sie nickt: „Du siehst doch, daß die Kleider nur Dekoration sind. Hier geht es um Tragevariationen dieses Gesichtsschleiers. Als in der Oberhessischen stand, daß bei uns der erste Prozeß zu dem neuen Gesetz anhängig ist, flogen sie die Dinger gleich palettenweise ein.“

Scheint sich ja zu rechnen, wenn man einem einzigen Accessoire das ganze Schaufenster widmen kann.

petra_pq_8816a

Auf der Straße grüßten alle Leute Mama freundlich. Die finanziell besser besaiteten Frauen hielten ihre Gesichter verborgen, aber keine von ihnen trug weiß. Deshalb wundere ich mich, daß man hier scheinbar keine anderen Farben im Angebot hat.

Als uns die Filialleiterin vor ihrem Kaufhaus empfängt, erweist sich das als Trugschluß. Sie trägt rot. Der Schleier verhüllt ihr das ganze Gesicht. So wie es aussieht, kann von den einzelnen Lagen keine nach hinten geschlagen werden. Ein in Seide gesäumter Streifen Chiffon bedeckt ihre Augen.

petra_pq_9583

Als ich sie auf die weißen im Schaufenster anspreche, schüttelt sie mit dem Kopf:

Die seien weder Fisch noch Fleisch. Stehe man nicht gerade in der prallen Sonne, zeichne sich der Augenschlitz selbst durch die obere Lage noch als Schatten ab. Dabei dämpfe sie die Kontraste so stark, das wirke wie dünnes Milchglas. Und der Nasensteg scheint auch noch durch. Die seien eben nur farblich neutral und gut für‘s Schaufenster.

Damit greift sie ins Regal und nimmt einen dieser Schleier mit in ihr Büro.

Mich bringt gleich die Neugier um: Die Chefin hat Recht, eine passable Sicht wäre etwas anderes.

petra_pq_9550

Sie steht vor dem Kleiderschrank in der Ecke ihres Zimmers. Nach einer Weile Suchens zieht sie einen kaffeebraunen Niqab heraus. „Tut mir leid, aber den hatten wir bei der Messe und er müßte aufgebügelt werden. Aber das ist tatsächlich das letzte Stück. Man hat uns die Dinger ja förmlich aus den Händen gerissen. Nehmen Sie ihn so mit. Als Studentin hatte ich damals ja auch nichts zwischen den Fingern. In diesem Schleier sehen Sie durch zwei Lagen noch besser, als unter dem weißen durch eine. Und solange man Ihnen zwei Schritte vom Leib bleibt, brauchen Sie die obere nicht einmal.“

Mit den Worten drückt sie mir das gute Stück in die Hand. Ich freue mich riesig, denn ich hatte sie nicht nur aus purer Neugier nach den weißen gefragt.

Inzwischen ist eine der Verkäuferinnen ins Büro gekommen. Das Personal des Kaufhauses trägt im Gegensatz zu seiner Chefin einfache, kaminrote Halbschleier, die mit einem Gummiband auf dem Nasenrücken gehalten werden. Deren Unterkante ist, wie heutzutage üblich, am Ausschnitt ihres Kittels angesetzt. Der trägt das Logo der Kette sowie eine individuelle Ziffer. Für Mama hat die Verkäuferin einen Stapel Sachen mitgebracht: ein paar Jeanshosen, zwei knöchellange schwarze Röcke und eine rote Bluse. Deren Kopfhüllle schließt an den Ausschnitt an, hat oben eine Kordel und kommt ohne Augenöffnungen.

Mama schaut sich in Ruhe die Kleidungsstücke an. Schließlich nickt sie der Filialleiterin zu. Darauf schaltet die Verkäuferin die rote Deckenbeleuchtung an und verriegelt die Bürotür. Die Filialleiterin läßt die Außenjalousie herab. Nicht nur, daß man Mama hier ein Séparée eingerichtet hat, die Truppe muß auch die Maße parat haben. Sonst würde nicht alles auf Anhieb passen. Mama guckt hier nicht einmal nach den Pflegeetiketten, obwohl sie nie etwas kauft, was sie nicht waschen darf. Auch ihren Geschmack trifft man auf den Punkt: Mama nimmt alles, was die Chefin ihr auf den Tisch legen ließ.

Als Mama wieder angezogen und Tageslicht im Büro ist, gibt es eine Überraschung für mich: Sie drückt mir eine ihrer Kopfmasken in die Hand, natürlich hat die keine Mundöffnung. Ohne Probiermaske läßt man auch hier keine Frau mehr in die Umkleide. Im Ausland ist das schon seit Jahrzehnten normal. Dort will man verhindern, daß die Sachen beim Anziehen mit Lippenstift beschmiert werden. Hier geht es auch wegen der Kopfhüllen aus hygienischen Gründen nicht anders. Ich bin also gespannt, was jetzt auf mich zukommt.

Die junge Verkäuferin nimmt einen der Kleidersäcke von der Wand und packt ihn aus: Das Modell, von dem wir gestern sprachen. In grün, auf dem Kopfschleier sitzen ein halbes Dutzend Schmetterlinge in der Farbe des Stoffes. Die sind industriell gewebt, auf einem Netz dünner Fäden hier und da ein paar geschlossene Flächen. Dahinter liegt ein transparenter Stoff. So sehen alle Schmetterlinge gleich aus und man kann in dem Teil gut atmen. Links und rechts der beiden Augengitter sind innen zwei Bänder angenäht. Die werden durch Schlaufen am Innenstoff gehalten, so daß man sie beim Anziehen nicht suchen muß.

Die Richterin lag mit ihrem Urteil also nicht daneben: Die Haube über den Kopf zu ziehen, die Bänder zu verknoten und die drei Knöpfe zu schließen, wäre kein Hexenwerk gewesen. Ich verschwinde mit dem Kleid in der Umkleide. Dabei muß ich an die Löcher in meiner afghanischen Burqa denken, die hat nun dreißig Jahre auf dem Buckel. Ihr Sichtfeld muß zwangsläufig größer sein, weil es lose vorm Kopf hängt. In beiden ist die Sicht im Unterschied zu einer geschlossenen Kopfhülle viel klarer, heller und auch ziemlich farbtreu.

Ich drehe mich vor dem Wandspiegel im Büro hin und her. Das Kleid sitzt perfekt, Mama ist begeistert. Am Fenster des Zimmers hängt eine blaue Gardine. Ich bitte die Chefin darum, die einmal zuzuziehen. Damit wird das Licht so dämmerig, wie in dieser engen Gasse am Schlossberg. In einem Kleid ohne Augenöffnungen hätte ich jetzt ein Problem, nicht aber in diesem hier. Soll ich es nun nehmen oder nicht?

Auf dem Tisch liegt inzwischen noch ein weißes Kleid mit einem ewig langen Tüllschleier. Durch die Fäden der Schmetterlinge sehe ich den Schalk in den Augen der Verkäuferin blitzen. Die tut sich hinter ihrem Schleier keinen Zwang an. Ich komme mir ein bißchen veräppelt vor. Was soll das Theater?

Sicher, ich bin verlobt. In unserem Fall ist das etwas speziell. Wir meinen damit schon mehr als eine feste Partnerschaft, ohne uns dabei auf die Eheschließung festgelegt zu haben. Michael arbeitet an der Uniklinik, ich habe jetzt noch reichliche vier Semester vor mir.

Und die in Hamburg, vierhundert Kilometer, viereinhalb bis fünf Bahnstunden von hier. Mit dem neuen Gesetz sind auch für uns beide die Karten neu gemischt. Mama weiß genau, daß wir darüber noch nicht einmal gesprochen haben. Das geht die Leute hier natürlich nichts an.

Nach Preisen brauche ich nicht zu fragen. Der Wühltisch steht draußen neben der Ladentür. Mama bekommt die Privataudienz nicht nur aus purer Nächstenliebe. Aber eine Menge Geld für ein Kleid hinzublättern, das nur an einem Tag getragen wird, geht mir gegen den Strich.

petra_katalog3

Heute sind Brautkleider ja so gestaltet, daß die Braut darin nichts sehen kann. Damit zeigt sie ihr Vertrauen zu ihrem Bräutigam. Die Mädels der sogenannten besseren Gesellschaft tragen oft ein handgearbeitetes Kleid aus China, auf dem Kopf ein großes rotes Seidentuch. Dessen Vorder- und Rückseiten hält man hier mit kurzen Bändern unter den Achseln zusammen. Damit bleibt das Tuch immer dicht an der Brust und verhindert auch den Blick nach unten. So wie das in dem Katalog, der nicht zufällig aufgeschlagen auf dem Schreibtisch liegt.

Das leuchtende Rot der Chinesen würde mir schon ganz gut gefallen. Der Wunsch nach Glück ist ja auch naheliegender, als ein Gedanke an die „Unschuld“. Die nimmt einer Zwanzigjährigen doch sowieso keiner ab …

Aber mit diesem Schleier wäre ein chinesisches Kleid für mich auch nur eine Eintagsfliege. Das weiße vor mir soll dagegen universell sein. Wie soll das gehen? Was macht man nach der Hochzeit mit einem weißen Kleid?

Die Chefin ist erfahren genug, um den Gedanken zu erraten. Die Designer sorgen mit der Wahl der Stoffe heutzutage dafür, daß es gefärbt werden kann, sagt sie. Dafür kämen Naturfasern wie Baumwolle, Viskose, Leinen, Wolle oder eben reine Seide in Frage. Auch ein Mischgewebe, sofern es zu 50% aus Naturfasern bestehe. Zwar sollte man bei letzterem keinen zu kräftigen Farbton erwarten, aber zu schönen Pastellfarben komme man immer. Man könne in das Band zwar Augenöffnungen schneiden und die mit einem Stickmuster verschließen, aber sie halte das für Waldfrevel und würde das auf gar keinen Fall machen. Will die Frau mich auf den Arm nehmen? Auch wenn das unhöflich ist, frage ich sie direkt, wohin sie denn in so einem Kleid, also mit permanent verbundenen Augen, gehen würde.

„Ins Konzert, auf den Ball“, antwortet sie ohne Zögern. „Wo ich meinen Sinnen etwas gönnen kann. Führt der Mann beim Tanzen nicht, macht das der Frau freilich keinen Spaß.“

Papa schaut demonstrativ auf die Uhr, also verschwinde ich mit dem Kleid in der Kabine. Knielang, kurzärmlig, der Gesichtsschleier ist unten an dem weiten Ausschnitt von Schultern zu Schulter in Form eines schön gefalteten Kegelstumpfes angenäht, oben an einer breiten, doppelt liegenden Augenbinde. Am Nacken bleibt der Schleier offen.

Das ganze Kleid ist aus Naturseide. Dazu gibt es ellenbogenlange Handschuhe, über den Rücken diesen hüftlangen Tüllschleier. „Und“, fragt Mama. „Bis zum Geburtstag bist Du ja nicht mehr da. Willst Du die nun oder nicht?“ Na, wenn das so ist … Ich falle ihr und Papa um den Hals.

petra_pq_9548

Mama packt meinen Niqab in ihre Tasche und bindet mir den neuen um. Papa zupft mir ein paar Haarsträhnen unter dem Stirnband hervor und macht dann auch noch ein Foto von mir in dem Niqab. Ich muß ja mal sehen, wie ich so rumlaufe.

Wir gehen zur Kasse. Für mich gibt es die zwei Kleider und den weißen Gesichtsschleier. Es ist mir völlig klar, weshalb Mama mir jetzt meinen wegnahm: Der hat nur die eine Lage, damit wäre vor meinen Augen nichts sicher. Und die Rechnung ist natürlich nicht für mich bestimmt. Aber die Chefin hatte schon Recht: Dafür hätte Mama besser den weißen nehmen sollen.

Im Laden stehen zwei Schaufensterpuppen im Khimar. Dessen Gesichtsschleier kann mit einem Reißverschluß aufgezogen werden. Innen sind an den Seiten Bänder angenäht, die ihn straff vor dem Gesicht halten. So ungefähr sind auch die Praxiskittel für uns Frauen geschnitten. Die haben aber noch Ärmel und einen Gürtel, hängen also nicht wie ein Regencape lose herunter. Und da ist auch das Gesichtstuch nicht so lang.

Daheim angekommen, ist mein erster Griff der nach dem Bügeleisen. Der Braune ist einfach die Wucht, das ist das beste Pferd in meinem Stall. Und ich habe noch ein volles Programm. Ich bin nicht nur wegen der Vorträge gekommen. Heute Nacht haben wir Bereitschaftsdienst. Das Wochenende teilen sich immer drei Praxen, von Freitag zwölf bis Montag sechs Uhr. Also zweiundzwanzig Stunden für jede. Die Nacht von Samstag auf Sonntag wird oft lang. Die Leute kostet der Besuch in einer der zahlreichen Kneipen nicht nur eine Menge Geld, sondern mitunter auch die Schneidezähne. Mama steht jeden Morgen zwei Stunden am Stuhl, bevor sie ins Rathaus geht. Sie betreut die Vorschulkinder und macht in der Blista [2] die Reihenuntersuchungen. Dazu auch noch die Wochenenden – das wäre zu viel des Guten. Papa wird sich nachher aufs Ohr legen. Ich bin beim Dienst natürlich auch mit dran, aber mit meinen dreiundzwanzig Lenzen lange nicht so gestreßt wie er.

Am Nachmittag soll ich Mama zu einem Termin begleiten. Beim Essen frage ich sie, worum es geht. Vorstandswahl im Trägerverein der Blista, antwortet sie, Lokalpresse und auch der Kabelkanal seien mit von der Partie. Ich werde also heute als Blindenführhund gebraucht. Einmal abgesehen davon, daß Mama als OB selbstverständlich im Vorstand ist und auch bleiben wird, darf sie bei so etwas nicht durch Abwesenheit glänzen. Und wo sie auftaucht, muß sie leider auch immer einen Schwank zum Besten geben, ob sie das nun will oder nicht. Die Schreiberlinge wollen von ihr etwas in die Feder diktiert, die Kameraleute die Promi zum Senden haben. Offenbar ist es nicht etwa wichtig, daß gerade etwas Weltbewegendes stattfindet, sondern daß die OB da ist. Ob die Schweißerbrigade, die ihr die Augenlider auf Knollengröße aufblasen würde, von der ARD oder vom Ortenbergfunk kommt …

Ich finde, sage ich zu Papa, das Ereignis dieses Tages ist Dein Krauteintopf. Mama pflichtet mir bei. Es gibt reihum Küßchen für ihn, er geht ins Bett. Ich schicke ihm Mama hinterher, mit dem bißchen Geschirr komme ich schon alleine klar.

Eine Stunde später beratschlagen wir, was wir anziehen wollen. Der Star ist Mama, ich muß neben ihr die graue Maus bleiben. So sind nun mal die Spielregeln. Grau wird in dem Fall eine Mischung aus weiß und schwarz sein: Knöchellanger schwarzer Rock und weißer Pulli. Ein schwarzer, dreilagiger Schleier, der meine Augen völlig konturlos verdeckt. Na ja, ganz grau nun auch wieder nicht, Papas Idee mit der Locke auf dem Stirnband finde ich ganz toll. Mama ist sich dagegen nicht so sicher. Normalerweise kann sie die Abläufe vorhersehen. Auch heute sollte es eigentlich keine Überraschungen geben. Die Tagesordnung kennt sie, die Berichte natürlich auch – aber wie in jedem Verein gibt es da zwei, drei Figuren unter den Mitgliedern, die sich gerne mit recht abwegigen Anträgen produzieren. Natürlich immer dann, wenn das Fernsehen da ist. Man muß sich mit den Ergüssen befassen, egal was sie geschrieben haben. Also muß Mama auch lesen können.

Dein kaminrotes Kleid und den weinroten Niqab von gestern, schlage ich ihr vor: Mit verschiedenen Rottönen machst Du doch nichts falsch. Sie nickt, wir gehen in die schmale, fensterlose Kammer, durch die man vom Schlafzimmer direkt ins Bad kommt, ohne den Korridor betreten zu müssen. Drei Regale mit Vorhängen, vier Stangen mit Kleidersäcken, ein begehbarer Schrank. Die drei Räume haben kontrolliertes Licht. Die Fenster von Bad und Schlafzimmer sind dazu mit innenliegenden hölzernen Läden ausgestattet.

Als erstes zieht Mama die Handschuhe an, denn mit den Ärmeln des Kleides würde das eine ziemliche Friemelei. Ich drücke ihr danach das leuchtend rote Kleid in die Hand. Dessen Kragen reicht ihr vorn bis an die Augen, hinten auf halbe Halshöhe. Den Kragen und die Manschetten zuknöpfen, ihr die Bänder über die Ohren legen und zubinden. Es kommen die Stiefel dran und zum Schluß der weinrote Niqab. Fertig. Der Vereinsvorsitzende holt uns in zwanzig Minuten mit dem Auto ab.

Etliche Stunden später. Wir sitzen noch im Wohnzimmer und genießen die Ruhe vor dem Sturm des Bereitschaftsdienstes.

An der Wand mir gegenüber hängt ein Bild einer chinesischen Braut. Das hat Mama gekauft, nachdem sie wegen ihrer Allergie das erste Mal im Krankenhaus war. Dort hatte sie erfahren, daß ihr gelbes und rotes Licht ‚nicht wehtut‘. So hatte mir das Papa als Kleinkind eingetrichtert, damit ich Mamas Schleier akzeptiere und in der Wohnung stets die Türen geschlossen halte. Für mich hängt das Bild nun schon immer da. Jahrelang habe ich es kaum wahrgenommen, aber jetzt läßt es mich nicht mehr los …

petra_chinese-bride11

„Du hättest lieber ein rotes Kleid gehabt?“, fragt Mama. Hattest Du doch auch, entgegne ich. Sie wendet sich zu Papa und sagt mit spitzem Ton: „Tja, wenn man heiraten will, interessiert man sich auch für ein Brautkleid …“ Das Schlagwerk des Regulators läuft an, es gibt vier helle Schläge für die volle Stunde und dann neun tiefere für die Uhrzeit.

Mama streicht sich mit der Hand über den Stoff vor ihrem Gesicht, Papa lächelt nur. Irgendwas ist da im Busch.

Seit der Hochzeit der Eltern hat sich nun einiges geändert. Man geht auf’s Standesamt, legt die Ausweise vor, unterschreibt die Formulare (und neuerdings den Ehevertrag). Mit den Unterschriften ist man formell schon verheiratet. Damit beginnt für die Frau ihre Brautzeit. Später folgt die offizielle Zeremonie mit den Gästen. Wie bei einer traditionellen chinesischen oder orthodoxen jüdischen Hochzeit trägt eine Braut nun auch bei uns am offiziellen Hochzeitstag ein undurchsichtiges Tuch vor ihrem Gesicht.

petra_jewish_bride_b

Die jüdische Tradition führt man auf das Alte Testament zurück. Danach soll Rebekka sich gleich verhüllt haben, als sie Isaak der Karawane entgegenkommen sah.

Die Schrift spricht von einem „Schleier“, manche reden von einem „Taschentuch“ – und setzen das dann manchmal so um wie die Braut auf dem Bild links, manchmal auch so wie eine chinesische Braut mit dem roten Seidentuch. Im Übrigen schweigt sich die Schrift über die Einzelheiten aus.

Nach dem Vorbild heiratet ein orthodoxer jüdischer Mann, ohne dabei das Gesicht der Frau zu sehen – erklärtermaßen nicht ihrer Schönheit wegen. Der weiße Schleier muß also das Gesicht seiner Trägerin auch noch auf einen Schritt vollständig verbergen. Dazu kommt, daß der Bräutigam seiner Braut den Ring schon vor der Zeremonie an den rechten Zeigefinger steckt. Und damit sie ihr Einverständnis nicht vom Wohlstand des Mannes abhängig machte, durfte sie bis dahin den Ring nicht sehen. Zum Ende der Zeremonie unter der Chuppa nimmt der Bräutigam schließlich seiner Braut den Schleier ab.

Das läuft bei uns nun ein bißchen anders ab. Zwar beziehen sich die jüdischen Paare mit dem 1. Buch Mose auf eine Schrift, die ebenso zu den Quellen der Christen gehört.

Aber darum geht es bei uns nicht. Es ist allein Sache der Braut, ihren Schleier abzulegen. Die Brautzeit endet, wenn der Bräutigam nach der Hochzeitsnacht das Frühstück serviert. Und in den letzten vierundzwanzig Stunden ist ihr Gesichtsschleier nicht nur für alle anderen, sondern auch für sie selbst undurchsichtig. Das verlangt von ihr jede Menge Vertrauen, vom Bräutigam ständige Aufmerksamkeit, Mitdenken und Empathie.

Zum Hochzeitsschmaus bekommt das Brautpaar einen gemeinsamen Teller. Der Bräutigam muß höllisch aufpassen, daß er nicht die Speisekarte auf den Sachen der Braut hinterläßt. Ein Gaudi für die Gäste, die dabei im Halbkreis um das Paar sitzen. Erst danach deckt die Braut ihnen mit Hilfe des Bräutigams den Tisch. Und auch später ist für sie keinesfalls Rumsitzen angesagt.

Die Idee für diese Mischung aus prophylaktischer Paartherapie und Gesellschaftsspiel brachte Stefan Raab vor fünf, sechs Jahren mit seiner Hochzeitsshow unter die Massen. Seitdem gibt es etwas weniger Eheschließungen, mit dem Konzept kommt nicht jede klar. Manche scheinen in der Kindheit schlechte Erfahrungen gemacht zu haben und wollen sich jetzt nicht schräg angucken lassen. Aber von den jungvermählten Paaren trennt sich in den ersten zwei Ehejahren jetzt ein deutlich geringerer Anteil als in der Zeit davor.

„Hattet ihr vorhin Ärger in der Blista?“, Papa reißt mich plötzlich aus meinen Gedanken. Nein, wie kommst Du denn darauf? „Da fuhren doch zwei Streifenwagen mit Blaulicht hoch.“ Na ja, da fiel einem Fotografen sein Blitz von der Kamera. Der war darüber wohl etwas ungehalten, antworte ich. Dabei kann ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Der Reißverschluß am Mundschutz meines Kittels steht offen, die Eltern wissen also Bescheid.

„Petra, an dem Fotoapparat blieb doch ein großes Stück von diesem Blitzgerät dran“, wendet Mama offenbar beunruhigt ein. Während der Versammlungspause stand sie inmitten eines Pulks von Journalisten. Sie wollte in dem schlechten Licht sehen, wer ihr die Fragen stellt.

Deshalb schlug sie die oberen Lagen ihres Schleiers zurück und ließ ihren Sehschlitz offen. Vorher bat sie darum, sie jetzt nicht zu fotografieren. Da hielten sich auch alle daran, bis auf einen. Davon hat sie inmitten der Meute nichts mitbekommen, denn der lugte über die Schultern seiner Vordermänner.

„Der kleine dicke Choleriker, der mit seiner Funzel immer den Basketballmädels ins Gesicht hämmert?“, fragt Papa.

Mama nickt: „Ja, genau. Immer unpünktlich, die Vorbesprechungen interessieren ihn nicht. Wo er reinplatzt, geht er auf die Leute los wie die Axt im Walde. Die anderen waren sauer, das habe ich schon gemerkt“, sagt Mama dazu. „Sonst halten die zusammen wie Pech und Schwefel. Diesmal sagte keiner ein einziges Wort. Die Redakteurin von der Oberhessischen schrieb einfach ungerührt weiter. Die mußte bis vorhin auch noch etwas über den Ortstermin mit der Bauamtsleiterin abliefern, zu dem sie am Vormittag nicht kommen konnte.“

„Und dann?“, fragt Papa. Der Dicke hat laut und unflätig den Vereinsvorstand beschimpft, bis die Polizeiautos zu hören waren. In der Saaltür ist er dann gegen die vier Beamten gerannt. Die erklärten, daß gegen ihn eine Strafanzeige vorliege, er solle mit aufs Revier kommen. Der Vorstand legte nach diesen Tiraden gleich noch eine wegen Beleidigung oben drauf.

Papa feixt: „Das war lange fällig. Und weshalb hast Du die Polizei gerufen?“

Sag mal Papa, da fragst Du noch? Versuchte Körperverletzung gegen die OB natürlich. „Aha. Deshalb hatten die es so eilig. Petra, im allgemeinen Strafrecht gehen die Uhren anders als in der Medizin. Da ist Vorsatz nicht gegeben, sondern muß bewiesen werden. Und das würde im Klartext bedeuten, daß der Dicke gar kein Foto haben, sondern Deiner Mutter eins auswischen wollte. Dabei kann noch nicht mal die Geschädigte etwas bezeugen. An der Geschichte wird der Staatsanwalt nicht viel Freude haben.“ Ich schüttele den Kopf: Nein Papa, das wird durchgezogen. Daß der Mama vollblitzen wollte, weiß jeder im Saal. Mamas Allergie ist seit zwanzig Jahren bekannt. Sie mußte eigentlich um gar nichts bitten. Der Mann ist doch kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wer sagt denn, daß er nicht sowohl fotografieren, als auch Mama verletzen wollte?

In diesem Moment klingelt es dreimal. Ich ziehe den Reißverschluß am Mundschutz meines Kittels zu und laufe die Treppe hinunter. Mitten in der Nacht steht ein riesiger Strauß Rosen vor unserer Tür. Natürlich muß ich den hereinlassen, wenn er so dolle Zahnschmerzen hat …

 

Wir haben

Sonntag, den 16. Mai 2040

Es klopft an die Tür: „Petra, Aufstehen!“ Das ist Mama. Um Gottes Willen, schon um zehn! Seit einer halben Stunde läuft unten schon die Sprechstunde und ich liege hier noch im Bett. Aber ich bin wie erschlagen. Schon die Nächte vorher habe ich nicht besonders geschlafen. Immer wieder gingen mir diese Vorträge im Kopf herum. Und vorhin wurde es auch um drei, bis der letzte Patient endlich aus der Praxis war.

Auf dem Schreibtisch liegen zwei Blatt Papier, daneben steht eine Vase mit Michaels Rosen. Eine Notiz von Papa, daß die Helferinnen meinen Dienst machen, jede kommt drei Stunden. Na Gott sei Dank. Also ist klar, warum der Wecker nicht schellte. Das andere ist von Michael. Kurz nach ihm kam gestern der erste Patient, eine vereiterte Zahnwurzel. Und als schließlich nach Mitternacht die Polizei mit ein paar lädierten Typen anrückte, sah der arme Kerl wohl ein, daß es in dieser Nacht nun nichts mehr wird mit uns zwei. Ich lege den Brief beiseite. Jetzt erstmal unter die Dusche, dann frühstücken. Dann werde ich mir den in aller Ruhe ansehen.

Auf dem Küchentisch liegen die Schlüssel der Dachgeschoßwohnung. Mama sagt mir, daß Shantimay und Dinata vorigen Monat gekündigt hätten. Die beiden zogen am Ende des Jahres ein, in dem Mama an der Allergie erkrankte. Als ich noch klein war, paßte Dinata auf mich auf, wenn Mama in der Praxis arbeitete. „Sie haben sich im Altkönigstift eingekauft, dort ist eine Dreizimmerwohnung frei geworden. Shantimay will in Königstein noch für ein paar Jahre in eine Praxis eintreten, bevor er sich zur Ruhe setzt.“

Hm, der wird den Streß im Krankenhaus leid sein, denke ich mir. Dinata kann endlich das schweineteure Büro in Frankfurt aufgeben. Von Königstein ist es ja nicht weit zum Flughafen, wo sie meistens dolmetscht. Die Übersetzungen hat sie schon immer zu Hause gemacht. Mama sagt, daß sie nicht auf der Kündigungsfrist besteht. Die beiden haben ein gutes Vierteljahrhundert bei uns gewohnt. Nachdem die „Christlichen“ die Mietrechtsreform von 2001 wieder zurückdrehten, müßten Dinata und Shantimay noch für ein Jahr Miete zahlen.

Ich räume den Tisch ab und nehme Michaels Brief zur Hand. Schöön hat er das gemacht: Ein paar Blumen, ein paar Herzchen und mittendrin die so gar nicht lapidare Feststellung, daß er nun gerne Nägel mit Köpfen hätte. Darunter kurz und knapp die Frage aller Fragen. Mama, frage ich, haben wir noch einen Bilderrahmen über? Sie nickt und verläßt die Küche. Klar, Astrid Škoda wird nicht aus heiterem Himmel Schwiegermama. Ich kann fast froh sein, daß das nicht schon in der Oberhessischen stand, bevor wir gestern in dem Laden waren. Vor dem ganzen Rummel graut mir jetzt schon.

Mama kommt zurück, aber anstelle eines Rahmens hat sie ihren Laptop, einen Datenstick und ein paar Blätter Papier in der Hand. Die Blätter erweisen sich als ihr neuer Ehevertrag. Also ist klar, was jetzt auf mich wartet. Was stand dazu in der Broschüre?

Zur Eheschließung bedarf es eines Ehevertrages nach Anlage B dieses Gesetzes. Die zukünftige Ehefrau kann einen Teil ihrer Rechte einschränken, abweichend verfassen oder abbedingen. Davon sind die Regelungen zum nachehelichen Unterhalt ausgenommen. Änderungen des Standardtextes sind ohne notarielle Beurkundung unwirksam.

Und dieser Standardtext hat es in sich. Die Ehefrau soll sich über jeden Aspekt ihres zukünftigen Daseins Gedanken machen. Schaffe ich das bis zum Mittag? Mama winkt ab.

Ich lese mir die Erläuterungen durch: Die Brautleute müssen unabhängig voneinander ihre Eintragungen in die Formulare machen. Dann werden die vom Programm abgeglichen. Sofern man vom Standardumfang abweichen will, muß man mit dem Ding also zum Notar. Sonst kann man gleich zum Standesamt. Die Standesbeamtin nimmt eine Kurzauswertung zur Akte. Daraus geht nur hervor, ob die Pflichtfelder ausgefüllt wurden und die Entwürfe voneinander abweichen. Erst wenn sich die Brautleute einig sind, sind die übrigen Formalitäten dran. Die Leute sollen nicht so tun als ob und sich tags darauf über der „Geschäftsgrundlage“ in den Haaren liegen.

Die kann man im Wesentlichen in eine Handvoll Blöcke aufgliedern: Berufstätigkeit und gemeinsamer Wohnort, gemeinsames Eigentum und Familienbudget, Kinderwunsch und -erziehung, die Rechte der Ehefrau und der nacheheliche Unterhalt. Klingt nach einem abendfüllenden Programm, aber das Korsett bildet das BGB. Solange man sich in dessen Rahmen bewegt, ist die Sache wohl in maximal zwei Stunden erledigt.

Ich schaue mir Mamas Ehevertrag an. Bei den Rechten der Ehefrau ist in der Tabelle zur Präsentation des Gesichts eine Spalte „Altersbegrenzung“ enthalten. Ich frage Mama, was es damit auf sich habe. „Ganz einfach: Das Alter, bis zu dem das Angekreuzte gelten soll. Früher ließen sich manche Anfang fünfzig wegen der Krähenfüße mit Botox zu einer Mumie aufblasen. Danach hätte ihnen nur noch die Vollzeitverschleierung geholfen.“ Aha, so ist das.

„Petra, die Filialleiterin schickte mir gestern abend eine Nachricht. Sie hat ein Hochzeitskleid in beige für Dich, falls Dir das lieber wäre.“ Die Farbe schon, wenn es etwas Vernünftiges ist. Wozu muß ich unbedingt ein Seidenkleid ausführen. Aber auch dann habe ich eines, in dem ich später nur noch zum Konzert und zum Tanz gehen kann. Die Frau trägt die Dinger doch nicht, ohne sie geändert zu haben?

Mama lacht. „Da irrst Du aber gewaltig, die flunkert nicht. Sie hat schon einige Kleider umgefärbt, die ihr die Kundinnen nach der Hochzeit zurückgaben. Heuer war sie damit beim Neujahrsempfang im Rathaus. Sie vertraut ihrem Mann eben auch noch nach der Hochzeit. Die meisten verschenkt sie aber an Tanzschülerinnen aus armen Familien. Petra, überlege Dir das bitte, wir könnten ja auch morgen nochmal hingehen. Aber jetzt wäre es nett von Dir, wenn Du das buntflackernde Licht da mitnimmst.“ Mit den Worten schaltet Mama die rote Deckenbeleuchtung ein und schließt die Jalousie am Fenster.

Ich nehme den Laptop und gehe auf mein Zimmer, damit sie in Ruhe das Mittagessen fertig machen kann. Nach einer reichlichen Stunde bin ich mit dem Ehevertrag durch. Das Programm zeigt aber eine rote Ampel, es erscheint ein Hinweisfenster.

Hm, stimmt ja, Michael will meinen Namen übernehmen. Und in der Tabelle zu meinem Gesicht hat er von den Punkten Haushalt, Freizeit, Tisch und Bett nicht wie ich die letzten zwei angekreuzt, sondern – gar nichts. Das heißt nicht, er findet mich häßlich. Sondern er überläßt es mir, wann und wo ich mein Gesicht zeige oder auch nicht. Das Programm fragt, ob ich meinen Entwurf entsprechend ändern will. Ich setze die Haken und klicke auf „Ja“. Auf den Datenstick wird daraufhin ein Protokoll meiner Eingaben geschrieben. Das enthält den Vermerk, daß die beiden Vertragsentwürfe vollständig übereinstimmen. Ich stöpsele den Tintenspritzer in den Laptop ein und drucke es aus. Mit den Blättern gehe ich in die Küche.

Mama schaut sich das Protokoll an und lächelt: „So, so. Im Ehebett bist Du verhüllt? Warum eigentlich nicht. Ihr geht morgen gleich früh zum Standesamt. Für den nächsten Samstag haben die noch Termine frei.“ Dann sagt sie, so als wäre das die pure Selbstverständlichkeit: „Danach räumst Du bitte gleich Deine ganzen Klamotten in die Dachgeschoßwohnung. Wir müssen Dein Zimmer bis zu Eurer Feier noch vorrichten lassen.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ich falle Mama um den Hals. Das Dachgeschoß ist komplett mit Einbaumöbeln ausgebaut. Also kann Michael endlich das Zimmer in der nervigen Wohngemeinschaft aufgeben.
Mama schickt mich ins Schlafzimmer. In ihrem Vertiko liegen ein paar Leotards aus Lycra. Geschlossene Kopfhauben, die Arme komplett mit Handschuhen und im Schritt zwei Haken – also ohne Reißverschlüsse.

Nach zehn Minuten bin ich damit zurück in der Küche. „Sieht ja gut aus. Such Dir drei davon aus, das werden Deine Nachthemden. Es dauert ein paar Tage, bis Du durchschlafen kannst. Aber Du wirst dann im Bett mehr Spaß haben.“ Mama nimmt ihr Telefon und knipst. Die beiden Bilder habe ich für Euch zusammengeschoben, damit Ihr auch meinen Rücken sehen könnt.

Eine halbe Stunde später kommt Papa, wir setzen uns zu Tisch. Mama hat Krautrouladen, Kartoffeln und ein Mischgemüse gemacht. Zur Feier des Tages gibt es ein Gläschen Wein. Ich frage sie, was es mit dem Brautkleid auf sich habe, welches ihr die Chefin von p+q gestern angeboten hat. Wartet da ein Mädel drauf, die zum Tanzen nichts anzuziehen hat? Mama schüttelt den Kopf: „Nein, nein. Das ist wegen meines Kindergartens. Da ist die Komplettsanierung nicht mehr zu vermeiden. Aus dem Rest von dem Designerkleid würde ein Fenster für den Aufenthaltsraum der kleinen Gruppe, wenn Du damit einverstanden bist.“

Was für eine Frage! Der Kindergarten in der Innenstadt. Der damalige Betreiber war pleite, die Stadt kaufte das denkmalgeschützte Haus für ein Butterbrot aus der Insolvenzmasse. Aber sie hatte kein Budget für die Erzieherinnengehälter. Zu der Zeit stand gerade die Wahl des Oberbürgermeisters an. Kurzerhand bewarb sich Mama als Unabhängige und stach schon in der ersten Runde sämtliche Kontrahenten aus. Und dann wies sie den Kämmerer an, ihr OB-Gehalt in den Sozialetat umzubuchen und davon die Erzieherinnen zu bezahlen.

Ich räume den Tisch ab, Mama tippt derweil eine Kurznachricht in ihr Telefon. Schon eine halbe Stunde später ist die Filialchefin von p+q unten an der Tür.

Sie bringt ein Fotoalbum mit. Und im Kleidersack hat sie ein ärmelloses Kleid aus dicht gewebtem Leinenstoff, eher Mini als Knie. Das wird am Rücken vom Hals bis zur Taille mit neun goldenen Knöpfen in engen Dreiergruppen geschlossen. Anstelle von Knopflöchern sind da Schlaufen angenäht. Die Kopfhülle hat eine große Mundöffnung. Die wird von einem dreieckigen Gesichtstuch verdeckt, welches unterhalb der Augen mit Druckknöpfen am Kopfteil zu befestigen ist. Nach dem Vorbild eines algerischen Aadjars ist es am Rand mit einer feinen weißen Spitze besetzt. Nicht ganz ohne Grund gibt es drei Stück davon. Außerdem gehören zu dem Kleid noch eine breite rote Augenbinde, eine dazu passende Schleife und ein großes, weißes Leinentuch für die Hochzeitsnacht.

Ich streife mir das Kleid über, die Chefin von p+q knöpft es hinten zu und zieht mir die Kopfhülle übers Gesicht. Augenöffnungen hat die nicht, wozu auch. Durch den straffen Leinenstoff sehe ich nur ein helles Nichts. Die Druckknöpfe auf meinen Wangen klicken. Dann wird das Nichts rot. Ein breites Band zieht sich über meine Augen und durch die Schlaufen, jemand setzt es mir am Hinterkopf zusammen und steckt dort etwas an. Ich drehe mich vor dem Fenster hin und her und höre dabei den Verschluß von Papas Kamera. Nach einer Weile öffnet mir Mama die Augenbinde wieder und nimmt das Kopfteil von meinem Gesicht.

Inzwischen lädt Papa diese Bilder auf den Laptop: Das Kleid sitzt paßt mir wie angegossen. Die Designerin wollte, daß man es nicht ohne Augenbinde tragen kann. Die hält die Kopfhülle zusammen wie der Gürtel eine Hose, deren Knopf fehlt. Sie verdeckt auch die Oberkante des dreieckigen Mundschleiers. Darauf ist eine große zusammengenähte Schleife gesteckt. Deren Enden sind spitz geschnitten und fallen mir bis weit über die Schultern.

Die Kopfhülle endet knapp über der Augenbinde, so daß meine Haare oben herausschauen.

„Und, welches der beiden nimmst Du nun?“, fragt Mama.

Was für eine Frage. Wer läßt denn freiwillig den Hochzeitsschmaus weg, wenn es auch anders geht?

Die meisten Modedesignerinnen machen es sich ziemlich einfach:

Am Ausschnitt wird ein von innen durchsichtiger Stoff angenäht und oben am Kopf gehalten. Zum Essen muß man sich irgendwohin verkrümeln, wo man sich ungestört entblößen kann. Das ist für eine Braut natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. In dem Seidenkleid hätte ich den ganzen Tag Kohldampf geschoben, unsere Gäste wären sicher auch enttäuscht gewesen. Da blätterten die Eltern ein Vermögen hin. Für den Namen einer Modezarin. Für echte Seide, die in so lausigen Zeiten eigentlich gar nicht mehr in die Landschaft paßt.

Ein Spaziergang am Lahnufer

Michael wurde in der Klinik aufgehalten, wir warten auf einer Bank am Lahnufer auf ihn. Etwas weiter flußabwärts steht an der Uferstraße das langgezogene, monumentale Gebäude der Sophie-von-Brabant-Schule. Mit der Sophie von Brabant fing ja alles an, hier in Hessen. Und für Mama mit der Bank, auf der wir gerade sitzen. Ich sehe durch den Augenschlitz meines braunen Schleiers Michael über die Wiese heranschlendern, greife mir hinter den Kopf und ziehe mir die restlichen zwei Lagen über das Gesicht. So kann Michael die freche Locke auf dem Stirnband, nicht aber meine Augen sehen.

Er küßt Mama die Hand und nimmt mich dann fest in seine Arme. Ich sage ihm, was ich im Ehevertrag anders ausfüllen wollte und daß ich dann doch seinen Vorschlag übernahm. „Schätzchen, ich heirate Dich nicht wegen Deiner Schönheit. Die Zeit geht an niemandem spurlos vorbei, aber der Charakter bleibt.“

So sehen das auch die Männer in orthodoxen jüdischen Gemeinden, antworte ich darauf. „Na, eigentlich nur symbolisch. Petra, ich meine das aber wirklich ernst. Bevor Du irgendwann zum Chirurgen läufst, nimmst Du bitte Deinen Schleier überhaupt nicht mehr ab. Möchtest Du mir das versprechen?“, bittet mich Michael. Die Plastik ginge eben immer mal wieder schief. Er wolle mich unbedingt haben, nur bitte nicht als Patientin auf seiner Station. Ich zögere einen Moment. Wer macht sich in meinem Alter schon Gedanken um Falten und Runzeln. Aber er muß es ja wissen. Also gebe ich ihm darauf die Hand und streichle ihm dann dafür dankbar über sein Haar.

Wir setzen uns zu Mama. Sie schaut kurz in die Sonne, dann zieht sie sich noch die doppelt genähte Seidenlage über ihr schon vollständig verhülltes Gesicht und beginnt zu erzählen:

Hier saß sie im Herbst 2011, die Sonne schien ebenso kräftig wie heute. Sie habe ein Buch gelesen. Schon bald wären ihre Arme rot gewesen. Und als sie zu Hause ankam, hatte sie den vermeintlichen Sonnenbrand überall, selbst unter der Unterwäsche. Und sie habe kaum noch die Augen öffnen können.

Sie hatte von ihrer Ärztin wegen eines Infektes Penicillin bekommen. Das bescherte ihr eine Photoallergie. Nach der Anamnese leuchtete jedem verständigen Menschen ein, daß die sich nicht auf die Wellenbereiche ultravioletten Lichtes beschränkte. Laboruntersuchungen ergaben, daß ihre Haut nicht nur auf ultraviolettes, sondern auch auf einen erheblichen Teil der Bestandteile sichtbaren Lichtes reagierte. Und das mehr oder weniger am ganzen Körper, aber am empfindlichsten im Gesicht und da insbesondere um die Augenpartie.

Michael kratzt sich am Hinterkopf und fragt, wie man das habe diagnostizieren können. Schließlich brauche es dazu doch beschwerdefreie Hautstellen. „Stimmt“, antwortet Mama. „Die Hausärztin hatte mir aufgetragen, mich ordentlich anzuziehen. Ist ja kein Hexenwerk. Nur gab es damals so eine islamophobe Grundstimmung in der Gesellschaft. Durch den starken Juckreiz kam ich schon von alleine drauf, daß ich mein Gesicht bedecken sollte. Damit sorgte ich für Verblüffung bei den Ärzten. Keiner hätte sich getraut, das zu empfehlen. Nach einem reichlichen Tag in lichtundurchlässiger Bekleidung war dieser Ausschlag weg. Und für mich der letzte Zweifel – meinetwegen auch die letzte Hoffnung – beseitigt.“

Michael wird merklich kleinlaut: „Das heißt doch, Sie müssen die ganze Zeit vollblind sein?“ Mama schüttelt den Kopf: „Nein, nein. Die Augenschlitze meiner Masken sind schmal genug, um mir die Lider abzudecken. So kann ich mich um meine kleinen Patienten kümmern. Aber unter dieser dicken Seide bin ich es, das stimmt. Bei Bühnenauftritten oder vor laufenden Kameras geht das eben nicht anders.“ Mama erhebt sich und legt die Hand auf ihre Brust. Keine Chance für sie, etwas vor ihren Füßen zu sehen. Michael greift ihr unter den Arm.

Sie sagt, sie hätte sehr viel Glück im Unglück gehabt. Ohne das große Verständnis und die grenzenlose Hilfsbereitschaft wäre sie psychisch recht schnell vor die Hunde gegangen. „Dann könnten Sie jetzt Petra nicht heiraten“, sagt sie zu Michael, „denn das Jahr fünfzehn hätte ich auf keinen Fall mehr erlebt.“ Ich frage Mama, wer ihr am meisten geholfen habe. Nun, Tante Andrea, Lisa Haufe und ein paar Leute im Stadtrat hätten ihretwegen persönlich sehr weit zurückgesteckt. Papa, er ertrage das alles mit einem beispiellosen Gleichmut. Und der Gewerbeverein, der ihr bei p+q das Séparée einrichtete. „Daß eine Frau ihr Gesicht verbirgt, war damals ein Sakrileg. Heute so selbstverständlich, daß man sich diese Probleme gar nicht mehr vorstellen, geschweige denn erklären kann.“

Und daß das so wurde, schiebt man nun Dir in die Schuhe, antworte ich darauf. Mama wiegt den Kopf hin und her und meint dann, daß sie nicht ganz unschuldig sei. Aber man tue damit sehr vielen Leuten Unrecht. Und das liege ihr schwer im Magen. „Petra, man kann es drehen wie man will, ich bin nun einmal unheilbar krank. Im besten Falle hilft man einer Patientin und nimmt auf sie Rücksicht. Wer ändert deshalb schon sein Leben? Aber genau das ist damals hier passiert. Angefangen bei Tante Andrea: Wir sind Zwillinge. Exakt die gleichen Klamotten zu tragen, ist eine Marotte aus der Jugendzeit, nichts weiter. Sie nahm das als Vorwand, um mich moralisch aufzubauen. Denn ich durfte ja auf gar keinen Fall daheim im Kämmerlein hocken bleiben. Und dann kam es nach Neujahr zu dem Eklat im Stadtparlament …“

Was war denn da, frage ich. „Eigentlich nichts weiter. Ich kam nach meiner Genesungspause ganz normal zur Sitzung, denn ich war zu der Zeit ja schon ein paar Jahre Stadtverordnete. Da verlangte die Handvoll gutbürgerlicher Rechtsradikaler, man solle mir das Mandat entziehen. Der Vorsteher ist aus Protest stehenden Fußes zurückgetreten.“

Hm, damit hat Mama Recht: Vor diesem Mann muß man den Hut ziehen. Und der schlug sie bei seinem Rücktritt gleich für die Nachfolge vor. Bei der darauf folgenden Sitzung lehnten alle anderen die Kandidatur ab. „Petra, der Vorsteherposten kann knochenhart werden, wenn man plötzlich für längere Zeit den hauptamtlichen Bürgermeister vertreten muß“, erklärt sie. „Neben der normalen Arbeit, schließlich ist das Mandat ein Ehrenamt.“

Ach was, da wollte sich nur keiner vorhalten lassen, aus der Beleidigung einer Kranken Honig zu saugen. Mama mußte die Wahl annehmen, wollte sie sich nicht unmöglich machen. Und ich vermute, daß sie den Einfluß für ihre sozialen Projekte gut einzusetzen wußte. „Gestaltungsmöglichkeiten muß man sich erarbeiten, die stehen nicht im Gesetz. Auch in der Stadtverwaltung sitzen Menschen mit ihren Sorgen und Problemen. Wenn man auf die zugeht, kommt auch etwas zurück. Als Vorsteher hat man viele repräsentative Aufgaben. So festigte sich hier die Überzeugung, daß hinter der Stirn einer Frau nicht zwangsläufig pure Grütze sein muß, nur weil sich davor ein Stück Stoff befindet.“ Das einzige Verdienst, welches sie für sich gelten lasse, fügt Mama hinzu.

Nach der bodenlosen Frechheit dieser Nappsülzen war es doch nicht allzu schwierig, die anderen Stadtverordneten von Deiner Wahl zu überzeugen, meine ich darauf.

„Der Clou ist nicht, das Amt zu ergattern, sondern es dann auch so auszufüllen, daß man dafür wiedergewählt wird. Dazu mußte ich ja auch erstmal von den Bürgern wieder ein Mandat erhalten. Das ist nun beileibe kein Selbstläufer. Damals hat beispielsweise in Schleswig-Holstein der alte Landtagspräsident seinen Wiedereinzug ins Parlament verpaßt.“ Ich schlucke, ja auch so kann es gehen.

Dann frage ich sie, wie denn die Bürger darauf reagiert hätten, plötzlich eine verschleierte Stadtverordnetenvorsteherin zu haben. „Unterschiedlich, das ist ja völlig normal. Aber mir kam schon zugute, daß Marburg eine lange und feste Tradition im Umgang mit Behinderten hat und daß in einer Stadt, die so von ihrer Universität geprägt ist, die Uhren anders gehen. Eine Revolte war da schon ziemlich unwahrscheinlich. Als ich die Wahl zur OB bei einer Wahlbeteiligung von vierundsiebzig Prozent im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewann, gab es darüber längst keine Diskussionen mehr.“ Wie kam das denn ins Rollen, frage ich. Außer Tante Andrea hatte doch niemand einen Grund, Gesichtsschleier zu tragen?

Mama lacht: „Nun, das dauerte nicht einmal lange. Zuerst griff die Inhaberin der Tanzschule die Idee auf. Für die Solisten unter den Tanzschülern hatte sie Studentinnen unter Vertrag genommen, die den Herren aber nicht gleichermaßen attraktiv erschienen. Deren Quengeleien waren ihr zuwider, außerdem fand sie die Führungsarbeit ziemlich bescheiden. Deshalb gab sie den Mädels einheitliche Tanzkleidung mit dicken, undurchsichtigen Gesichtstüchern. Die Befürchtungen, die Kunden würden deshalb reihenweise wegbleiben, wurden herb enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Die Chefin brauchte sogar mehr Tänzerinnen. Die alten kannten ihre Chefin und hatten kein Problem damit, sich den ganzen Abend die Augen zu verbinden. Für die Novizinnen war das aber eine Hemmschwelle.“

Ich zucke die Schultern: Des Rätsels Lösung liegt exakt zwischen Daumen und Zeigefinger. Sagte sie nicht, zur Studienzeit hätte sie auch nichts gehabt?

„Traf auf die Tanzschüler genauso zu. Nein, ihren Mädels zahlte sie gut und stets pünktlich. Schließlich nahm sie einlagige Niqabs und nähte noch zwei Stücke Kunstseide an die Oberkante des Stirnbandes. Weil die Jungs aber nicht locker ließen, trugen die Studentinnen diese Schleier auch auf dem Weg zur Tanzschule.“ Mama macht eine Pause.

„Tja, aber das war ja noch nicht der Anfang. Es ging erst so richtig los, als Du gerade zur Schule kamst. Der EZB lief die Inflation aus dem Ruder, die sie seit langem angeheizt hatte. Dazu führte die Regierung die Luxussteuer auf Kosmetika ein, am Anfang waren das nur hundertfünfzig Prozent. Natürlich wurden dann nicht mehr nur Zigaretten geschmuggelt.“ Und dieses Teufelszeug verursachte schon nach kurzer Zeit schmerzhafte Ausschläge, fügt Michael hinzu. Die heilten nicht ab, ohne einen Stoppelacker voller Narben zu hinterlassen.

petra_Passantin24

Mama nickt: „Schließlich teilten sich hier ganze Studentengruppen in einen einzigen echten Schminkkasten. Lidschatten und Glitzer, dazu unter die Augen ein schönes Seidentuch. So gingen die Mädels erst zum Tanz, bald aber auch in die Uni oder zur Arbeit. Wer sich mit Schmuggelware verbrannt hatte, warf sich ein dunkles Tuch über den Kopf.

Die Modedesigner mußten darauf natürlich reagieren. Die verbargen ja immer mal die Gesichter der Models, um nicht von ihren tollen Klamotten abzulenken. Das war zwar schick, aber so gut wie nie alltagstauglich. Also griff man nach dem Einfachsten, was es gab: den Wasserfall. Den brauchte man ja nur noch über dem Scheitel zubinden. Das wurde Standard wie ein Hosenbund.“

Dann war das anfangs ja nur eine Mode, die kommt und wieder geht, antworte ich darauf. Gerade in dem Moment bleibt Michael stehen.

Vor uns liegt jetzt die Enge Gasse mit ihrer langen, steilen Treppe hoch zur Stadt. Michael fragt Mama, ob sie den Stadtaufzug nehmen oder vielleicht doch lieber im Tal bleiben möchte. Sie lacht und schüttelt dazu energisch den Kopf: „Nein, Michael, wir gehen zu Fuß. Es gibt keinen Fahrstuhl zum Erfolg. Der Stadtaufzug ist etwas für alte Leute und Touristen. Komm, auf geht’s.“ Alle Achtung, Mama. Demonstrativ legt sie die Hand auf ihr Seidentuch. Also hakt Michael uns beide unter und führt uns Stufe für Stufe diese Himmelsleiter hinauf.

„Eine Mode? Das wäre sehr oberflächlich betrachtet“, nimmt Mama den Faden wieder auf, als wir endlich oben in die Wettergasse einbiegen. „Die Initiative verstand sich am Anfang als Protest gegen die neue Steuer und die Habgier der Händler. Natürlich ging es auch um Solidarität mit den Gelackmeierten.“ Hm, und die Arbeitslosigkeit explodierte, ebenso wie die Steuern. Von besseren Zeiten träumt schon lange keiner mehr. Das weiß ich ja nun selbst. „Sagten Sie nicht, es wäre für eine Frau ein Sakrileg gewesen, ihr Gesicht zu verbergen?“, fragt Michael. Mama nickt. Aber das änderte sich schnell, als es schließlich genug Betroffene gab. Schließlich reden wir über drei Jahrzehnte, seitdem sie sich die Lichtallergie einfing. „Dieser Protest kam nie irgendwo auf die Tagesordnung. Die Regierung blieb einfach stur. Der harte Kern der Frauen diesmal eben auch. Für die überschritt der Staat die letzte rote Linie, als er mit dem Steuergesetz ihre Morgentoilette als überflüssigen Luxus abstempelte. Darin fühlten sie sich ja auch durch die Diskussionen um die Hochzeitsshow bestätigt.“

Die Große Hochzeitsshow. Mit siebzig landete Stefan Raab damit noch mal einen Volltreffer, auch wenn die nur zwei Jahre lief.

Am Anfang verband er einfach der Braut mit einem gefalteten Tuch die Augen. Das sah ziemlich bescheiden aus. Und auch sonst fehlte da der Sendung das Salz in der Suppe. Dann verdeckte sich die erste Frau das ganze Gesicht mit einem brustlangen Seidentuch, welches farblich zum Stoff ihres Kleides paßte. Und schon zappte da niemand mehr weg. Die Leute waren heiß drauf, die Braut am Ende unverschleiert im Bett frühstücken zu sehen. Wer die Sendung freiwillig verpaßt hatte, bekam sie am nächsten Tag haarklein von den Zeitungen auf‘s Frühstücksbrot gestrichen.

Michael bleibt kurz stehen: „Zwei der letzten Folgen wurden ja hier in der Gegend gedreht. Wir waren mit einem RTW zur Absicherung dabei. Da rückten immer noch Leute in der Hoffnung an, man werde ihre Hochzeit bezahlen. Tatsächlich kriegten die Paare gar nichts. Nicht einmal eine Kosmetikerin für die Braut.“

Mama zuckt die Schultern: „Michael, für die Leute war der Höhepunkt das Frühstück im Bett. Wer hätte dem Raab denn eine ausgehfertig geschminkte und frisierte Frau abgenommen?“ An der Show sei ja gar nichts echt gewesen, antwortet Michael darauf. Die in Münchhausen und Geismar gefilmten Paare seien schon verheiratet gewesen. Für die Frühstücksszene brachten sie sich fesche Laienmodels mit, die Blöße wollte sich keine der Ehefrauen geben. Sie suchten sich im Dorf Hochzeitsgäste und mieteten die Kneipe. Auf eigene Rechnung. Raab brachte nur eine ‚Standesbeamtin‘ von der Schauspielschule mit und drehte ab, was ihm die Leute vorsetzten.

Auch das regt Mama nicht auf: „Na, und? Eine Fernsehshow ist doch keine Berichterstattung und der Raab kein unbeschriebenes Blatt. Die Zuschauer sollten ihren Spaß und der Sender Werbeeinnahmen haben. Das war sein Job. Von den zwei Göttergatten hatte sich damals einer gerade als Hochzeitsmanager selbständig gemacht, der andere kandidierte im Spessart [3] für ein Bürgermeisteramt. Also, wo ist da das Problem?“

Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Mama zuckt wieder die Schultern: „Mag ja sein, daß diese Bayern nicht die hellsten Leuchten an der Straße waren. Aber Raabs Konzept wurde langsam alltäglich. Da kam ihm der schöne Skandal gerade recht.“

Mir fällt dazu gerade noch der Kurzfilm ‚Zehn Stunden als Frau durch New York‘ [4] ein, der als Vorprogramm in der Filmkunst am Steinweg lief. Als der vor fünfundzwanzig Jahren bei Youtube erschien, hatte der binnen Tagen eine Million Klicks und tausende Kommentare. „Petra, damals galt das Recht der Männer auf Fleischbeschau als ungeschriebenes Gesetz“, antwortet Mama. „Eine Berliner Zeitung berichtete zu der Zeit über eine Allergikerin, die ihren Job aufgab, nur um nicht mit einem Tuch vor dem Mund auf die Straße gehen zu müssen. Glaubst Du wirklich, es hätte sich jemand Gedanken um die blöden Bemerkungen gemacht? Die Reaktionen gegenüber einer Verschleierten reichten damals von Freundlichkeit bis hin zu tätlichen Angriffen. Also ließen wir unser Geld lieber bei den Händlern hier in der Stadt.“ Ich denke an den Familienurlaub in meiner Kindheit zurück. Die Besuche bei Ewa und Carla, Mamas Dermatologinnen, in ihrem Blockhaus am See. Wir blieben da noch eine Woche, wenn sie zu den Untersuchungen mußte. Dort ging sie tatsächlich nie allein aus dem Haus. Aber wir waren ja zu Besuch, also dachte ich mir nichts dabei.

Mama reißt sie mich aus meinen Gedanken: „Petra, Deine Antwort vorhin hat mich doch etwas schockiert. Ich hatte eigentlich gehofft, daß Du in Deiner Ausbildung ein Gefühl für wirtschaftliche Zusammenhänge entwickelst. So wirst Du an unserer Zahnarztpraxis keine Freude haben. Wer kann sich denn Ausgaben aufhalsen, die noch nicht erwirtschaftet sind? Hätte sich die illustre Theatertruppe des ‚Hosenanzugs‘ an diese Binsenweisheiten gehalten, säßen wir jetzt nicht in diesem Schlamassel. Und da kommen wir auch nicht mehr raus.“ Mama, ich soll Vorträge über das Gesetz halten. Du schweifst ein bißchen ab, wende ich ein.

„Mitnichten. Als Du geboren wurdest, hatte man gerade die Hasardeure aus den Risiken freigekauft, die sie mit Staatsanleihen eingegangen waren. Deutschlands Steuerzahler bürgten zu der Zeit mit mehr als fünfzig Prozent des Bundeshaushalts für Staatsschulden anderer Länder – mindestens. Die Steuerzahler der übrigen Euro-Länder ebenso. Der helle Wahnsinn. Denn selbst von Griechenland waren dafür zwanzig Milliarden einkalkuliert, obwohl man den Staat ständig mit Krediten vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren mußte. Die Verpflichtungen der Länder, die daran zu verbluten drohten, gedachte man den anderen auf die Füße fallen zu lassen.“

Sie schüttelt darüber, offenbar bis heute noch fassungslos, den Kopf: „Petra, das war das größte Kartenhaus aller Zeiten. Als die Euro-Länder schließlich umfielen wie Dominosteine, waren die feinen Herren verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Was meinst Du, warum sich das Geschlechterverhältnis in Parlamenten, Wirtschaftsgremien und Behörden urplötzlich ins Gegenteil verkehrte? Die Dreckarbeit hat man schon immer gerne Frauen überlassen. Den Trümmerfrauen eines weltweiten Finanzkriegs, wenn Du so willst.“

Meinst Du etwa, wir verdanken den Gesichtsschleier in Deutschland letztendlich Merkel? Mama schüttelt den Kopf: „Nein, nicht wirklich. Der Politik, die sie vertrat. Sie war ja nur eine Marionette, nichts weiter. Aber anstatt die Puppenspieler anzugreifen, nahmen man die Muslime auf’s Korn.“

Jetzt schüttele ich den Kopf: Und heute begeht man im Einzelhandel das Fastenbrechen so begeistert wie Weihnachten. Dafür wird nun erst im September ‚Oh Tannenbaum‘ gesungen. „Petra, es ist doch völlig egal, wann und weshalb: Hauptsache, es gibt Sonderangebote. Schließlich ging es auch noch nie wirklich um die Juden, die Muslime oder die Arbeitslosen. Man hat immer nur die Leute beschäftigt, um ihnen ungestört das Fell abziehen zu können. Das funktioniert auch heute noch bestens. Selbst wenn sie das irgendwann mal begreifen – es ist ja schon lange zu spät.“

Die Elisabethkirche ist schon in Sicht. Noch gute zweihundert Meter die Straße hinunter, dann sind wir zu Hause. Vor der Haustür hebt Mama das erste Mal das dicke Seidentuch vor ihrem Gesicht an. Sie gibt mir den Schlüssel. Dann hilft Michael ihr mit seiner Engelsgeduld die Treppe hinauf, geleitet sie in die Küche und setzt sie behutsam auf einen Stuhl.

Am kommenden Wochenende blüht ihm dasselbe mit mir, bis zum Rathaus und hinauf zum Schloß sind es aber noch etliche Schritte mehr.

Was wird nun von dem Gespräch in meinen Vortrag passen?

Was braucht man unbedingt zum Verständnis, wofür interessiert sich das Publikum?

Die ‚Trümmerfrauen‘ verbergen ihr Gesicht, weil sie keinen anderen Personenschutz haben. Ihre Töchter und Enkel, weil sie es von Kindesbeinen an von der Mutter nicht anders kennen. Die Töchter der Nachbarn, weil man das in ihren Kreisen heute so macht, weil sie sich mit billigen Giftcocktails die Haut zerstört haben, weil sie heimlich ihren Freund treffen wollen, weil sie die Fleischbeschau leid sind, weil … was weiß denn ich.

Schließlich erließ ein Parlament voller Frauen dieses Gesetz. Bald wird es irgendwo den nächsten Prozeß geben. Bei dem die Richterin dann der Klägerin vor allen Zuschauern sagt: ‚Auch Sie trifft eine Mitschuld, warum haben Sie nicht einfach Ihr Kleid geschlossen‘. Spätestens dann wird man auch dort keine Frau mehr unverschleiert auf der Straße sehen, die nicht diesem Gewerbe nachgeht. Dann ist das immer noch ihre eigene Entscheidung. Was sagte Mama gestern dazu?

Für viele Leute ist es schön bequem, wenn Vater Staat ihnen immer sagt, wo es lang geht. Aber mit Vorsagen kann eine freiheitliche Demokratie nicht funktionieren. Das Dilemma läßt sich nur mit dem Spagat zwischen Zweckmäßigkeit und eigener Entscheidungsfreiheit lösen. Den werden diese Mädels schon alleine hinbekommen müssen.‘

Mama hat sich im Bad frisch gemacht, bevor wir nachher zusammen zur Tanzstunde gehen. Jetzt kocht sie für Michael und mich einen Tee. Über ihren Ohren liegt das Band des Gesichtsschleiers, der sich vom Kragen ihres Kleides bis zu ihren Augen erhebt. Das rote Licht läßt die Haut ihrer Stirn angestrengt erscheinen. Es sieht so aus, als wäre sie einen Marathon gelaufen.

Nein, es sieht nicht nur so aus. Mamas Leben ist ein Marathonlauf. Und sie ist glücklich dabei.

Falls Sie sich näher für Petras Familie interessieren, so lesen Sie bitte die Trilogie. Sie beginnt mit “Astrid und Bernd” und spielt im Herbst 2011.

[1] AStA: „Allgemeiner Studierendenausschuß“. Betreut die Studenten in allen Belangen, die nicht die universitäre Lehre betreffen

[2] Blista: Landläufiges Kürzel für die Blindenstudienanstalt in Marburg (gegründet 1916)

[3] Spessart: Land- und forstwirtschaftlich geprägtes Mittelgebirge mit überwiegend streng katholischer Bevölkerung

[4] „10 Hours of Walking in NYC as a woman” mit Shoshana B. Roberts (24, Schauspielerin)

Die genannten Institutionen existieren tatsächlich.
Handelnde Personen sind dagegen frei erfunden, Ähnlichkeiten mit real existierenden rein zufällig.

© Peter, geschrieben für TOTV 2015

Back to tales in non-English languages…


One thought on “Petra (German version)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s