Die Überraschung – Teil 1

Die Überraschung

by MR

“Gehst Du heute Blutspenden, Liebes?”
“Ja, ich bin schon etwas aufgeregt.”
“Keine Sorge, ist alles halb so schlimm. Ein kleiner Stich und dann läuft das Blut. Aber steh nicht sofort auf, sondern bleib noch etwas liegen und iss etwas nach der Blutabgabe.”
“Ja Mama”
Endlich ist es soweit und ich darf das erste Mal Blutspenden. Wenn mehr Menschen Blutspenden würden, könnte mein Vater noch leben. Nur weil zu wenige Blutkonserven zur Verfügung standen, konnten die Ärzte das Leben meines Vaters nicht retten. Durch einen unglücklichen Umstand ist bei dem Unfall eine Arterie gerissen. Die Ärzte konnten die Arterie nicht schließen, der Blutverlust wurde immer größer. Letztlich waren die Blutkonserven aufgebraucht. In nähere Umgebung gab es auch keine anderen Möglichkeiten diese rechtzeitig zu liefern. So ist mein Vater gestorben, obwohl dies bei einem ausreichenden Bestand an Blutkonserven hätte verhindert werden können.
Für mich steht damit fest, dass ich Blut spenden würden um anderen Menschen die auf Blutkonserven angewiesen sind helfen zu können.
“Melanie Telefon für dich” rief meine Mutter.
“Melanie Meier” meldete ich mich.
“Annemarie Bungert vom Roten Kreuz. Frau Meier ich komme gleich zur Sache. Die Blutgruppe die in ihrem Impfpass steht, stimmt nicht mit der Blutgruppe überein, die wir nach der Blutspende ermittelt haben überein.” kam Frau Bungert direkt auf den Punkt.
“Und was bedeutet das jetzt für die Blutspende und für mich? Können Sie die Blutspende nicht gebrauchen.” fragte ich verwirrt zurück.
” Natürlich können wir die Spende verwenden, es ist nur so, dass in Ihrem Impfpass eine falsche Blutgruppe eingetragen ist, was im Fall einer benötigten Bluttransfusion zu massiven Problemen führen kann.” erläuterte Frau Bungert.
” Haben Sie das auch genau geprüft?” frage ich zurück.
“Frau Meier, wir haben das 2 Mal analysiert. Nachdem wir diese Abweichung festgestellt hatten haben wir das Blut ein drittes Mal untersuchen lassen und auch die dritte Analyse ergab das gleiche Ergebnis. Die Blutgruppe in Ihrem Impfpass weicht von der festgestellten Blutgruppe ab. Ich vermute, dass im Krankenhaus bei der Geburt eine fehlerhafte Eintragung gemacht wurde. Dies sollte nicht passieren, aber offensichtlich ist es doch passiert. ” erklärte mir Frau Bungert.
“Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, die, wie ich hoffe, nicht zutreffend ist. Laut Impfpass haben Sie die Blutgruppe A, tatsächlich haben wir aber die Blutgruppe B festgestellt. Ihre Mutter hat unseren Unterlagen zu folge die Blutgruppe A. Von Ihrem Vater kenne ich die Blutgruppe nicht. Sie sollte aber B oder AB sein. Andernfalls kommt eine Abstammung von Ihren Eltern nicht in Betracht.” fügte Frau Bungert hinzu.
„Wie bitte?“ Die Worte hatte ich vernommen, aber ich konnte diese nicht sortieren. Das konnte nicht sein. Das muss ein Irrtum sein. Oder ein Fehler bei der Analyse.
“Aber wie soll das denn möglich sein, das ich verwechselt wurde. Und kann es nicht sein, dass die Analyse fehlerhaft war.” klammerte ich mich an den letzten Strohhalm.
“Leider nein. Die Analyse hat 3 Mal das gleiche Ergebnis geliefert. Tut mir leid.” hörte ich Frau Bungert noch sagen bevor ich auflegte. Dieses Telefonat hatte mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Alles was in den letzten 19 Jahren sicher war, stand plötzlich in Frage. Ich wusste nicht was real und was Fake war. Mir wurde schwarz vor Augen.
“Liebes geht es dir wieder besser? Was ist denn passiert, was hat Frau Bungert dir gesagt, ist irgendetwas nicht in Ordnung?” wollte meine Mutter von mir wissen.
” Nichts ist in Ordnung.” erwiderte ich nur kurz
” Was ist denn, was hat Frau Bungert gesagt” bohrte meine Mutter nach, oder ist sie gar nicht meine Mutter? Es ist alles so verwirrend.
” Was ist damals nach meiner Geburt passiert?” frage ich unvermittelt.
Meine Mutter schaute mich nur verständnislos an.
” Frau Bungert meinte ich kann nicht von Euch abstammen da die Blutgruppen nicht zueinander passen.” gab ich barsch zurück, da mein erster Gedanke war, dass ich adoptiert wurde und meine Eltern mir dies all die Jahre verheimlicht hatten.
” Wie bitte, was hat Sie gesagt?” war alles was meine Mutter stammeln konnte.
” Ich habe Blutgruppe B und nicht A wie es im Impfpass steht.” erwiderte ich.
” Ich verstehe kein Wort” sagte meine Mutter immer noch verständnislos.
“Du hast Blutgruppe A und Papa hatte Blutgruppe 0. Diese Kombination kann nie zu einer Blutgruppe B führen, die ich habe. Das ist vollkommen unmöglich. Damit ist klar, dass ich nicht von Euch abstamme. Habt ihr mich adoptiert? ” fragte ich unvermittelt
“Nein natürlich nicht. Du bist unser Kind und bist nicht adoptiert. Du kennst doch die ganzen alten Bilder auf denen ich Schwanger war. Und auch die ganzen Arztberichte, da du zu früh geboren warst. Meinst Du das wir das alles erfunden haben. ” ereiferte sich meine Mutter bevor sie in Tränen ausbrach.
” Entschuldige ich wollte dich nicht verletzen. Aber es ist alles so verwirrend. Ich weiß eigentlich gar nicht was ich glauben oder denken soll. Das kam so überraschend. Es ist unglaublich und doch nicht von der Hand zu weisen. Ich weiß das du mich nie anlügen würdest.” versuchte ich Sie zu beruhigen.
“Wir sollten in Ruhe überlegen, was wir nun tun wollen und überlegen was passiert sein könnte. Fest steht, das ich eine Blutgruppe habe, die eine Abstammung von Euch definitiv ausschließt. Wenn ihr mich nicht adoptiert habt, kommen eigentlich nur zwei Möglichkeiten in Betracht. Entweder ich wurde im Krankenhaus vertauscht oder du hattest eine Affäre. Entschuldige bitte wenn ich das so offen ausspreche, aber ich weiß im Moment nicht was ich denken soll.”
“Traust du mir wirklich zu deinen Vater betrogen zu haben.” fragte meine Mutter, der neuerlich Tränen in die Augen stiegen.
“Nein natürlich nicht. Es ist alles so verwirrend, alles was vorhin noch klar und eindeutig war, ist von einem Moment auf den anderen vollkommen anders und ich weiß nicht wo das alles enden wird. Ich habe nur die Alternativen analysiert. Da du Papa nicht betrogen hast, bleibt nur noch die Möglichkeit, dass ich im Krankenhaus vertauscht wurde, was die ganze Geschichte auch nicht besser macht. ”
Wir saßen beide zusammengesunken in der Sitzecke und schwiegen uns an. Keine wusste was sie sagen sollte. Alles was eben noch gewiss war, hatte sich in Luft aufgelöst. Wer waren meine Eltern, lebten sie noch und wenn ja wo. Und vor allem, wie konnte so etwas passieren und wer ist dafür verantwortlich. Fragen über Fragen und keine Antworten. Ich wusste nicht mal wo ich überhaupt ansetzen sollte.
” Schatz wir sollten zunächst alles was wir wissen zusammenstellen und dann überlegen wo wir anfangen zu recherchieren. ” Meine Mutter hatte sich wieder gefangen und begann das Problem sachlich zu analysieren.
In den nächsten Stunden haben wir alles notiert und analysiert was wir wissen. Es war nicht viel. Ich wurde zu früh geboren und kam auf eine Frühchenstation im Krankenhaus in der nächsten Großstadt. Meine Mutter erzählte mir wie das ganze abgelaufen ist. Aufgrund von Komplikationen hat der Frauenarzt sie in das Krankenhaus einliefern lassen. Da das Kreiskrankenhaus aber für eine solche Geburt nicht eingerichtet ist, wurde meine Mutter sofort in die Uniklinik in der Landeshauptstadt geflogen. Dort ist meine Mutter sofort in den OP gekommen und ich wurde mittels Kaiserschnitt geboren.
Mein Vater wurde zwar informiert und ist dann auch sofort in das Kreiskrankenhaus gefahren, kam allerdings zu spät und ist anschließend unter Übertretung so ziemlich aller Verkehrsregeln in die Uniklinik gerast.
Als er ankam, war bereits alles vorüber und meine Mutter lag auf der Intensivstation zur Beobachtung.
Ich lag auf der Frühchenstation und wurde dort versorgt. Mein Vater konnte so weder mich noch meine Mutter sehen.
Erst als meine Mutter wieder aufgewacht war und es keine Bedenken mehr gab wurde sie von der Intensivstation auf eine Normalstation verlegt und mein Vater konnte sie endlich sehen.
Keiner von beiden hatte zu dem Zeitpunkt Informationen über meinen Gesundheitszustand.
Kurze Zeit später kam der behandelnde Arzt und unterrichtete meine Eltern. Die Operation sei ohne Komplikationen verlaufen. Ich befand mich auch den Umständen entsprechend wohlauf, müsse jedoch zwingend eine Zeitlang auf der Frühchenstation verbleiben. Meine Eltern durften mich in der ersten Zeit nur durch ein Fenster sehen. Langsam aber sicher entwickelte ich mich und nach zwei Monaten konnte ich nach Haus.
Die Geburt war dramatisch, aber wie konnte es sein, das ich verwechselt wurde. Die Zeit auf der Frühchenstation lag vollständig im Dunkeln.
Ich habe Blutgruppe B, meine Mutter hat Blutgruppe A und mein Vater hatte Blutgruppe 0. In meinem Impfpass steht Blutgruppe A. Da ich aufgrund der Blutgruppenkonstellation nicht von meinen Eltern abstammen kann, kann es eigentlich nur im Krankenhaus zu dieser Verwechslung gekommen sein.
” Also was machen wir jetzt?” fragte ich meine Mutter.
” Als erstes sollten wir einen DNATest machen lassen um ganz sicher zu gehen. Anschließend sollten wir im Klinikum nach Informationen nachfragen. Vielleicht können wir auch im Geburtenregister oder ähnlichem nachforschen. Wichtig wäre es zunächst den Anfang eines Fadens zu folgen, dem wir folgen können. ” Meine Mutter wie immer prakmatisch.
2 Wochen später:
Das Ergebnis des DNA-Abgleichs hat die Vermutung bestätigt. Meine Eltern waren nicht meine leiblichen Eltern. Für mich war meine Mutter immer noch meine Mutter, obwohl sie biologisch nicht meine Mutter ist. Sie hat mich großgezogen, geliebt und immer unterstützt. Ich glaube auch für Sie ist es eine schwierige Situation. Irgendwo gibt es eventuell eine junge Frau, die ihre leibliche Tochter ist.
Die Nachforschungen in der Klinik waren allerdings nicht erfolgreich. Die Klinik hat total gemauert und keine Informationen herausgegeben. Wir standen vor einer Mauer des Schweigens. Wie konnten wir an Informationen kommen. Die nächste Alternative war einen Anwalt zu kontaktieren um vielleicht über diesen an Informationen zu kommen. Dies hat leider auch nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Wir standen also wieder am Anfang.
Eine Freundin hat mich dann auf die Idee gebracht.
” Das ist ja echt krass” meinte meine Freundin, nachdem ich ihr die Geschichte erzählt hatte.
“Und du bekommst von der Klinik keine Informationen?”
“Nein. Wir hatten auch schon mit einem Anwalt kontakt, der uns die rechtliche Situation beschrieben hat und auch die Schweigepflicht der Klinik bestätigt hat. Keine Chance. Ich weiß echt nicht wie ich noch an Informationen kommen soll. ”
Mir stiegen langsam die Tränen auf.
” Hey, ich werde dir helfen und wir werden einen Weg finden.” versuchte meine Freundin mich aufzumuntern.
” Hast du eigentlich schon versucht einen Aufruf auf Facebook zu posten. Diese Geschichte geht bestimmt viral. Und dann gibt es doch bestimmt jemanden der Informationen hat. ” meine Freundin war ganz begeistert von Ihrer Idee.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir die Idee auch. Also nichts wie ran und die Daten und Fakten zusammentragen, die Daten angeben und posten. Meine Freundin hat die Geschichte gleich weiter geteilt.
Wahnsinn, schon nach kurzer Zeit wurde die Geschichte tatsächlich mehr als 2000 mal geteilt. In mir stieg wieder die Hoffnung, doch noch Informationen zu finden.
Nachdem ich meiner Mutter davon erzählt hatte, war sie zunächst gar nicht begeistert.
“Du hast was?” fragte mich meine Mutter erschrocken.
“Ich habe die Fakten der Geschichte auf Facebook gepostet und um Hinweise gebeten. Die Geschichte ist bereits mehr als 2000 mal geteilt worden.” antwortete ich Ihr euphorisch.
“Ist dir eigentlich klar, dass du dich damit in das Glashaus gesetzt hast, und dich komplett ausgezogen hast. Jeder kann sich nun an deiner Geschichte ergötzen. Und bist du dir überhaut sicher an Informationen zu kommen. ”
Meine Mutter war ziemlich ärgerlich.
Es tat sich nichts. Der Post wurde zwar häufig geteilt, aber es kam keine Rückmeldung. Wieder eine Hoffnung die sich zerschlagen hat.
4 Wochen später
Endlich tat sich was. Ich hatte eine Mail von einer Krankenschwester aus dem Uniklinikum bekommen, die mir mitteilte, dass Sie damals auf der Frühchenstation Dienst getan hatte. Zwar war sie grade erst mit der Ausbildung fertig und durfte nur mit einer älteren erfahrenen Schwester die Frühchen betreuen, allerdings gab es damals auf der Station in dem fraglichen Zeitraum nur 2 Mädchen als Frühchen. Mich und das mit mir vertauschte Mädchen. Interessanterweise wurden wir am selben Tag geboren, was sonst äußerst selten passiert. Darum hat sie sich wieder an den Fall erinnert. Sie meinte, dass es vermutlich eine arabische Frau war, die das andere Mädchen zu Welt gebracht hat. Interessanter Weise wurden wir auch am gleichen Tag entlassen.
Arabische Frau. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. War meine Mutter, wenn sie es denn überhaupt ist auch eine Schleierträgerin wie man Sie aus dem Fernsehen kennt? Komisch wieso mein erster Gedanke an den Schleier ging. Vielleicht, weil die ganzen Umstände noch so nebulös waren und ich mir nichts weiter vorstellen konnte. Wenn ich tatsächlich einer arabischen Familie entstammen sollte, würde ich meine Familie hier in Deutschland überhaupt noch finden? Waren sie nur zur Entbindung nach Deutschland gekommen oder hat mein Vater hier gearbeitet bzw. arbeitet er hier noch?
So viele Gedanken schossen mir in den Kopf, dass ich die gar nicht alle sortieren konnte. Zeit meine Mutter zu fragen.
” Wusstest Du das zur gleichen Zeit, als ich auf der Station lag, ein weiteres Mädchen dort lag. Es wurde am gleichen Tag geboren wie ich und ist auch am gleichen Tag entlassen worden. Die Schwester sagte das es sich vermutlich um eine arabische Frau handelte die das Kind bekommen hatte. Kannst du dich noch an irgendetwas erinnern? ”
” Du sagtest eine arabische Frau, die am gleichen Tag wie ich entbunden hat?”
” Ja genau. Ihr habt beide am gleichen Tag und sogar fast gleichzeitig entbunden.”
” Jetzt erinnere ich mich wieder. Die Frau lag mit mir auf meinem Zimmer, ich wusste aber nicht, dass sie auch ein Mädchen auf der Frühchenstation hatte. Wir haben nicht viel miteinander geredet. Sie konnte kaum ein Wort Deutsch und nur ein wenig englisch. Sie hatte auch nur von Ihrem Mann Besuch. Das einzige was ich noch weiß, ist dass der Mann bei einem arabischen Unternehmen in der Großstadt gearbeitet hat. ”
” Kannst du dich noch an den Namen der Frau oder des Mannes oder der Firma erinnern?”
” Nein ich bin mir auch sicher das darüber nicht gesprochen wurde”
” Jetzt sind wir zwar einen Schritt weiter, aber stehen immer noch am Anfang”
Eine Recherche im Internet nach arabischen Unternehmen in der Großstadt hat mich nicht wirklich weitergebracht. Ich musste leider einsehen, dass die Firmen auch ganz normale Namen haben können. Und ich hatte keine Ahnung wie ich in Erfahrung bringen könnte, ob eine Gesellschaft einen arabischen Anteilseigner hat. Des Weiteren könnte die Firma schon längst wieder geschlossen sein, sie könnte Verkauft oder in eine andere Stadt gezogen sein. Aslo eine weitere Sackgasse.
Und wieder war einige Zeit Ruhe. Keine Hinweise nichts. Ich trat immer noch auf der Stelle. Nach weiteren 2 Wochen warten kam endlich ein weiterer vielversprechender Hinweis. Eine frühere Nachbarin der Familie meldete sich. Nach einem kurzen Telefonat hatte ich einen Termin mit ihr ausgemacht. Nach knapp einstündiger Fahrt, stand ich vor einem schmucken Reihenhaus. Nach dem Läuten öffnete mir eine etwas ältere Dame, älter als meine Mutter, die Tür und bat mich in das Wohnzimmer. Sie bat mir einen Kaffee an, welchen ich dankbar annahm.
Nachdem ich ihr meine Geschichte in allen Einzelheiten erzählt hatte und auch sämtliche Schritte die ich bisher unternommen hatte um meine leiblichen Eltern zu finden erzählte Sie mir an was sie sich noch erinnern konnte.
“Die Familie ist vor etwa 21 Jahren, also 2 Jahre vor der Geburt in das Nachbarhaus gezogen. Der Ehemann war Ingenieur und arbeitete bei einer großen Firma. Den Namen des Unternehmens weiß ich leider nicht mehr, aber er hatte dort eine ganz gute Position. Die Ehefrau war sehr zurückhaltend und sprach kaum Deutsch. Nachdem seine Frau die Frühgeburt erlitten hatte, hat mir Ihr Ehemann einiges erzählt. Es war nach der Geburt und den ganzen Befürchtungen ob seine Frau und das Kind alles überleben ganz allein. Die Familie lebt in Saudi-Arabien und er und seine Familie waren allein in Deutschland. Wir haben dann häufiger miteinander gesprochen. Er war sehr glücklich als sich dann alles zum Guten gewendet hat und es dem Kind und seiner Frau immer besser ging. Seine Frau hieß Fatima und er Mahmood. Mit Nachnahmen hießen sie Ahmadi. Die Familie stammt soweit ich mich noch erinnere aus Mekka oder Umgebung.
Die älteste Tochter hieß Safiya. Die Tochter die offensichtlich zeitgleich mit Dir geboren wurde heißt Soraya. Die Familie wohnte hier noch ca. 3 Jahre und ist dann wieder in ihr Heimatland zurückgegangen. ”
“Können Sie mir noch mehr über die Familie erzählen?”
“Außer, das in den 3 Jahren noch eine weitere Tochter geboren wurde und ein weiteres Kind unterwegs war. Mehr kann ich dir leider nicht erzählen, da die Familie sehr zurückgezogen gelebt hat.”
“Vielen Dank. Sie haben mir sehr geholfen. Ich hoffe, dass ich nun weiter komme. ”
“Das wünsche ich dir von ganzem Herzen. Aber vergiss die Frau, die dich aufgezogen hat, die dir all die Jahre ihre ganze Liebe gegeben hat nicht. Ich verstehe, dass du deine leiblichen Eltern kennen lernen möchtest. Aber vergiss deine Mutter nicht.”
“Danke. Nein die werde ich nicht vergessen. Sie möchte ja auch wissen was mit ihrer leiblichen Tochter geschehen ist. ”
Jetzt war ich einen Schritt weiter, ich hatte Namen und einen eventuellen Aufenthaltsort. Aber trotzdem war es noch ein weiter Weg.
Was würde mich erwarten, wenn ich meine Eltern finde. Es ist ein ganz anderer Kulturkreis, aus dem meine Eltern stammen. Obwohl, eigentlich stamme ich auch aus diesem Kulturkreis, ich bin nur durch eine Verwechslung in Deutschland und westlich aufgewachsen. Da kommt mir die Frage in den Sinn, bin ich nun überhaupt Deutsche oder Araberin? Ich habe einen deutschen Pass, aber ich bin verwechselt worden. Gilt mein Pass trotzdem oder ist der Pass ungültig. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt wenn ich an diese Fragen und die möglichen Konsequenzen denke. Wenn ich als deutsche Staatsbürgerin gelte, bin ich volljährig, gilt das aber auch in Saudi Arabien? Bin ich eventuell auch Saudi Arabische Staatsbürgerin? Und wenn ja, welche Konsequenzen hat das? Bin ich nach Saudi Arabischen Recht volljährig? Welche Rechte und Pflichten hätte ich? Gilt mein deutscher Pass noch, oder ist dieser hinfällig?
Die Fragen und Gedanken ratterten nur so durch meinen Kopf ohne das ich darauf eine Antwort wüsste. Also erstmal die Gedanken sortieren und nacheinander abarbeiten.
Nach einer Recherche im Internet, steht zumindest fest, dass ich deutsche Staatsangehörige bin. Zumindest nicht staatenlos. Aber wie sieht das mit Saudi Arabien aus?
Die Informationen waren deutlich schwieriger zu bekommen und ob diese richtig sind, weiß ich auch nicht aber möglicherweise. Zumindest kann es sein, dass ich auch Saudi Arabische Staatsbürgerin bin, da ich vermute, dass meine beiden Eltern Staatsbürger sind und ich vermutlich während der Ehe geboren wurde. Ob noch weitere Voraussetzungen gegeben sein müssen konnte ich nicht ermitteln. Jedenfalls ist es so, dass die Frauen einen männlichen Vormund aus dem nächsten Familienumfeld haben, der für viele Rechtshandlungen zuständig ist. Die Frau ist in Saudi Arabien Mensch 2. Klasse. Das kam mir zumindest so vor nach allem was ich gelesen hatte.
“Das ist alles was ich bisher herausgefunden habe. Es ist nicht viel aber zumindest bin ich mir ziemlich sicher, dass ich deutsche Staatsangehörige bin. ” erzählte ich meiner Mutter über meine ganzen Recherchen.
“Mit meinen Eltern bin ich noch nicht weiter. Aber ich habe über Facebook versucht einige arabische Studenten anzumailen um diese zu Bitten meine Story auch auf Arabisch in deren Kreisen zu teilen. Möglicherweise habe ich damit Erfolg.” Ich war mir allerdings nicht sicher ob die Geschichte auch bis zu meiner Familie durchdringt.
“Bist du dir sicher, dass du weiter suchen möchtest, schließlich hast du selbst gesehen, das die Frau in Saudi Arabien nicht die gleichen Rechte hat, wie hier in Deutschland? Was ist, wenn dein Vater verlangt, dass du in Zukunft in Saudi Arabien leben musst? Wenn du dich verschleiern musst? ” fragte mich meine Mutter und traf genau den wunden Punkt, der mir auch einiges an Kopfschmerzen bereitete. Ich hatte mir darüber natürlich auch schon Gedanken gemacht, aber kein befriedigendes Ergebnis erreicht. Ich beschloss, dies alles auf mich zukommen zu lassen. Im Moment hatte ich ja noch gar nichts in der Hand. Und ob die Sucher Erfolg haben wird, ist ja auch nicht sicher.
“Ich bin deutsche Staatsbürgerin Mama. Ich habe hier Rechte und die lasse ich mir nicht nehmen.” versuchte ich die Sorgen meiner Mutter zu zerstreuen und auch meine eigenen Vorbehalte.
“Außerdem ist doch noch vollkommen unklar, ob diese Suche in Saudi Arabien überhaupt erfolgreich ist. Und dann ist da auch noch der DNA-Abgleich den ich vorher verlangen würde, um sicher zu sein, dass es tatsächlich meine Eltern sind. Es sind also noch einige Hürden zu überwinden. Und letztlich lebe ich mein Leben und lasse mir auch nichts vorschreiben.”
Es ist schon seltsam, ich suche nach meinen leiblichen Eltern und nenne die Frau die mich aufgezogen hat und die ich all die Jahre für meine Mutter gehalten hat, immer noch Mama.
” Eines möchte ich jedoch klar stellen: Du wirst immer meine Mutter bleiben. Du hast mich großgezogen, hast an meinem Bett gesessen wenn ich krank war und mich getröstet wenn ich schlechte Noten in der Schule geschrieben habe. Das werde ich nie vergessen. ”
Meiner Mutter standen die Tränen in den Augen. Wir umarmten uns und weinten beide.
In den nächsten Wochen tat sich nichts. Keine neuen Hinweise und auch meine eigenen Recherchen liefen ins Leere. Es war frustrierend. Meine Mutter hat mich immer wieder ermutigt weiter zu machen und auch selbst mit Ihren Möglichkeiten versucht mir zu helfen. Aber ich fürchtete das es aussichtslos sein wird. Auch die Hilfe eines befreundeten Studenten, der der arabischen Sprache mächtig war, führte zu nicht weiter. Ich war drauf und dran die Suche aufzugeben. Meine Mutter hatte sich schon früh damit abgefunden, Ihre leibliche Tochter nie zu sehen. Ich denke ihr half es, dass ich ihr gesagt habe, dass sie immer meine Mutter sein wird.
Es war nun ein halbes Jahr vergangen, ich hatte zwar einige Informationen zusammen getragen, wusste aber nicht ob alles den Tatsachen entspricht was ich an Informationen erhalten hatte. Ich hatte Namen, von denen ich nicht wusste, ob es die richtigen sind, ich hatte einen Ort, von dem ich nicht wusste ob es der richtige ist. Mit anderen Worten ich hatte wenig bis gar nichts. Und ich wusste nicht was ich noch tun sollte. Ich hatte schon überlegt, einen Detektiv ein zu schalten. Nur wo sollte der anfangen. Was konnte ich ihm an belastbaren Daten zur Verfügung stellen. Genau betrachtet eigentlich nichts.
” Ich habe mich entschlossen die Suche einzustellen. Ich glaube nicht, dass sich noch irgendetwas ergeben wird. Der Beitrag ist auf Facebook zigfach geteilt worden, auch im arabischen Raum, aber die Hinweise sind dürftig. Nichts mit dem ich die Suche vertiefen kann ”
“Ich verstehe, dass du Enttäuscht bist. Du hast alles getan, was du tun konntest. Eine solche Suche ist sehr schwierig und aufgrund der langen Zeit, die seit dem Tag vergangen ist, denken viele möglicherweise nicht mehr daran. Außerdem sind viele von denen, die damals in meinem Alter waren, und vielleicht noch Hinweise hätten geben können, nicht unbedingt die Facebook Generation. Also gräm dich nicht. Du hast einen tollen Job gemacht. Ich hätte nie so viel herausgefunden.” versuchte meine Mutter mich zu trösten. Und im Grunde hat sie Recht ich hatte alles getan was möglich war. Es hat leider nicht gereicht.
Ich hatte die Suche eingestellt und mich um mein Studium gekümmert, als ich völlig überraschend eine Mail von einem mir unbekannten Mann erhielt. Als ich anfing die Mail zu lesen, schoss mir das Adrenalin durch den Körper. Sollte die Mail tatsächlich von meinem Vater sein? Ich konnte es nicht glauben.
“Liebe Melanie,
Entschuldige bitte mein schlechtes Deutsch, aber ich habe es schon sehr lange nicht mehr gesprochen und geschrieben. Ich habe deine Geschichte auf Facebook gelesen und mir ist sofort klargeworden, dass du unsere Tochter bist. Meine Frau Fatima hat damals in dem von Dir genannten Krankenhaus per Kaiserschnitt entbunden. Es war eine Frühgeburt und wir konnten dich anschließend nur durch eine Glaswand betrachten. Wie sehr haben wir uns damals gefreut, als es dir besserging und du endlich nach Hause konntest. Wir haben immer gedacht, dass das Mädchen welches wir in den Armen hielten unsere leibliche Tochter ist. Wie sehr haben wir uns getäuscht. Wir lieben das Mädchen von dem wir dachten es ist unsere leibliche Tochter noch genauso wie vor dieser Entdeckung. Wir haben eine 2. Tochter hinzugewonnen. Genauso wie Deine Eltern auch eine Tochter hinzugewonnen haben. Ich denke, wir müssen das positiv sehen und nicht mit klagenden Blick zurückschauen. Was passiert ist, ist passiert und lässt sich nicht mehr ändern. Wir sollten positiv in die Zukunft sehen und das beste aus der Situation machen.
Deine Mutter und ich haben 4 Kinder, 3 Mädchen und einen Jungen. Alle sind wohlauf. Die älteste heißt Safiya und ist bereits glücklich verheiratet und erwartet bald ihr erstes Kind. Ich hoffe es verläuft alles ohne Komplikationen. Wir wohnen in Mekka und ich arbeite als Bauingenieur in einem großen Bauunternehmen. Ich bin inzwischen Abteilungsleiter und habe die Verantwortung für mehr als 150 Mitarbeiter.
Wir sind damals nach der Geburt unseres 3. Kindes zurück nach Saudi-Arabien gegangen, als deine Mutter Heimweh hatte. Für Sie war es in Deutschland nicht einfach.
Ich würde mich freuen wenn du mir mal schreiben könntest. Deine Mutter würde sich auch sehr freuen. Für Sie war es zunächst ein Schock als ihr davon erzählt habe. Aber inzwischen hat sich verstanden, dass Sie eine weitere Tochter bekommen hat. Sie möchte dich auch gern kennen lernen.
Bis Bald
Dein Vater.”
Ich konnte es nicht fassen. Sollte es mir tatsächlich gelungen, sein meine Eltern ausfindig zu machen. Ich konnte noch nicht so recht daran glauben. Ich hatte auf meiner Suche zu viele Enttäuschungen hinnehmen müssen, als das ich in Euphorie ausgebrochen wäre.
“Wie fühlst du dich” fragte meine Mutter.
“Ich bin mir nicht sicher. Einerseits bin ich glücklich das meine Suche möglicherweise erfolgreich war, andererseits habe ich Angst, dass das ganze wie eine Seifenblase zerplatzt. ”
“Hast du ihm schon geschrieben? ”
“Nein noch nicht. ”
“Vielleicht solltest Du ihn fragen, wie die damaligen Verhältnisse waren. Z.B. Ärzte, Krankenschwester, Klinik, etc. Seine Erzählungen können wir mit meinen Erinnerungen abgleichen und wir können feststellen, ob seine Geschichte dem entspricht was damals tatsächlich passiert ist. ”
“Das ist eine gute Idee. Ich wird Ihnen danach fragen. Dann sehe ich ja ob etwas dran ist. ”
“Lieber Papa,
Vielen Dank für Deine Nachricht. Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, euch jemals zu finden. Und aufgrund der vielen Fehlschläge bei der Suche in den letzten Monaten, möchte ich Dich bitten mir mehr Details aus der damaligen Zeit in der Klinik zu nennen. Versteh mich bitte nicht falsch, aber ich glaube ich könnte es nicht ertragen, wenn sich später herausstellen sollte, das Ihr nicht meine Eltern seid.
Ich freue mich auf Deine Antwort.
LG Melanie”
“Liebe Melanie,
Ich verstehe Deine Befürchtungen, darum will ich Dir einige Details nennen. Der Arzt der deine Mutter und die Frau mit der deine Mutter das Zimmer geteilt hat hieß Kranefuss. Die beiden wurden von 2 Krankenschwestern betreut. Eine ältere und recht korpulente “Schwester Olga” und eine junge Schwester Andrea. Beide Frauen wurden nach 5 Tagen entlassen.
Ihr beiden musstet noch auf der Frühchenstation verbleiben, da ihr noch zu klein wart.
Ich hoffe ich konnte Dir die notwendigen Details nennen. Es wäre schön wenn du unsere Tochter bist und du uns mehr von dir erzählst.
Bis Bald. Dein Vater”
” Mama kommst Du bitte mal. Ich habe eine Antwort erhalten. ”
” Es stimmt alles. Der Name des Arztes und der Schwestern. Schwester Olga war manchmal ein richtiges Biest. ”
Als meine Mutter mir alles bestätigte, war ich total euphorisiert. Ein Blick auf meine Mutter reichte aber um mich wieder herunter zu holen. Ihr Blick war von einer solchen Traurigkeit, dass ich sofort wusste woran sie dachte.
“Du wirst immer meine Mutter sein. Ich bin dir für alles dankbar was du für mich getan hast. ”
Uns kam beiden die Tränen und wir fielen uns in die Arme.
“Lieber Papa,
Vielen Dank für deine Nachricht. Es hat alles gestimmt. Um aber ganz sicher zu gehen, möchte ich Dich bitten einem DNA-Abgleich zuzustimmen. Ich hatte bereits einmal die böse Überraschung, dass meine Eltern nicht meine leiblichen Eltern sind. Ich möchte mir dies einfach ein 2. Mal ersparen. Ich denke es ist auch für euch wichtig sicher zu sein, dass ich eure leibliche Tochter bin.
Nun zu mir: Ich bin hier in Niedersachsen aufgewachsen, zunächst hier am Ort zur Schule gegangen und nach 4 Jahren in die nächste Kreisstadt auf das Gymnasium. Letztes Jahr habe ich mein Abitur mit einer Note von 1,8 gemacht. 1,0 ist die beste Note. Zurzeit studiere ich Biologie in Hannover im 2. Semester. Ich bin 165 cm groß, habe braune Augen und dunkelbraune Haare, die mir bis auf den Rücken reichen(ein Foto anbei). Ich bin sehr sportlich, trainiere mindestens 4 Mal die Woche und treffe mich gern mit Freundinnen zum Kaffee und zum Quatschen. Ich höre gern Musik und lese gern Krimis. Im August fahre ich mit 2 Freundinnen für 4 Wochen in die USA. New York, Boston etc. Wir wollen die Neu-England Staaten bereisen.
Vor 3 Jahren ist mein Vater gestorben. Er hatte einen Unfall, der gar nicht schlimm aussah. Allerdings war bei ihm eine Arterie gerissen, die zu einem hohen Blutverlust geführt hat. Leider hatte das Krankenhaus nicht ausreichend Blutkonserven um den Blutverlust auszugleichen und da auch die Blutung nicht gestillt werden konnte, ist mein Vater langsam verblutet.
Es war schrecklich. Ich habe mich daraufhin entschlossen selbst auch Blut zu spenden, damit anderen Menschen so etwas nicht passiert. Dabei ist festgestellt worden, dass meine Blutgruppe nicht mit der übereinstimmt, die in meinem Impfpass stand. Nach weiteren Test stand fest, dass meine Eltern nicht meine leiblichen Eltern waren. Das war ein ziemlicher Schock. Mit einem Mal ist alles anders. Es gibt plötzlich keine Gewissheit mehr. Ich habe mich dann auf die Suche begeben und nach einigen Irrungen und Wirrungen habe ich Euch gefunden.
Soviel für jetzt.
LG Melanie”
“Liebe Melanie,
Vielen Dank für Deine Mail und dein Foto. Du bist eine hübsche Frau geworden. Ich bin stolz auf Dich und was Du vollbracht hast. Ich würde Dich auch gern persönlich kennenlernen und auch gleichzeitig den von dir vorgeschlagenen DNA-Abgleich zu machen um endgültige Sicherheit zu bekommen. Es gibt so viel zu erzählen und ich bin auch neugierig auf Dich.
Ich könnte nach Deutschland kommen, wenn Du aus den USA zurück bist. Dann können wir den Abgleich machen und uns über alles unterhalten.
Bis Bald
Dein Papa”
Langsam kehrte wieder Normalität ein. Ich hatte meine Leiblichen Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit gefunden und die letzten Zweifel würden durch einen DNA-Test beseitigt werden. Was mich vor allem interessiert, ist, wie die Familie in Saudi-Arabien lebt. Das was ich über Saudi-Arabien weiß, habe ich aus dem Internet und Zeitungen. Aber wie leben die Menschen. Im Internet und den Zeitungen wird meist nur allgemein berichtet. Ich weiß das Frauen in Saudi-Arabien wenig Rechte haben.
Ich war gespannt wie mein Vater auf meine Fragen reagieren würde. Ist er auch so ein Macho, der die Frauen im Haus versteckt und nur wenig zulässt oder ist er ein liberaler Mensch was sicher nicht ausgeschlossen ist, da er einige Jahre in Deutschland gelebt hat und meine leibliche Mutter damals nicht verschleiert war, wir mit meine Mutter berichtet hat. Und vor allem was würde er von mir erwarten. Würde er wollen, dass ich mich nach seinen Wünschen richte, oder akzeptiert er, dass ich westlich erzogen wurde und meine eigenen Wünsche und Vorstellungen habe.
Je näher die Ankunft meines Vaters rückte, desto nervöser wurde ich. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir gar nicht darüber gesprochen haben, ob meine Mutter auch mitkommt oder nicht. Ich habe übrigens überhaupt noch nicht mit ihr gesprochen, immer nur mit meinem Vater. Was konnte das bedeuten. War mein Vater letztlich ein Macho, der seine Frau und Töchter “unterdrückt” oder hatte das andere Gründe? Lebt sich überhaupt noch? Was könnte es sonst für Gründe geben, warum ich bisher noch nicht mit Ihr gesprochen habe. Wobei ich mit meinem Vater bisher auch nur per Mail gesprochen habe. Also Abwarten und Tee trinken.
Die Tage zogen sich wie Kaugummi. Aber heute ist endlich der Tag an dem ich das erste Mal meinen Vater begegnen werde. Schade ist nur das meine Mutter nicht mitkommen konnte. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Auf ein paar Wochen früher oder später kommt es nicht an.
Endlich da ist er.
” Hallo meine schöne Tochter wie geht es dir. In Natura siehst du noch schöner aus, als auf dem Foto.” Trotzdem schien es mir, als ob ihn irgendetwas gestört hat. Ein Lächeln umspielte zwar seinen Mund, dieses lächeln konnte ich in seinen Augen aber nicht wiederfinden. Ich hatte angesichts der Hitze des Tages ein luftiges Sommerkleid mit Spagettiträgern und relativ kurzem Rock angezogen. Ob es wohl mit der Kleidung zusammenhing?
“Hallo Papa” war alles was ich erwidern konnte bevor mir die Tränen kamen. Endlich stand ich meinem Vater gegenüber. Nach einer Suche von mehr als einem Jahr. Was mich etwas irritierte, war das er mich nicht in die Arme nahm. Aber das hängt vielleicht mit der Kultur zusammen und ich wollte ihn nicht drängen.
Wir sind anschließend in sein Hotel gefahren, wo er sich zunächst frisch gemacht hat. Wir sind dann in ein Restaurant in der Nähe gegangen um uns in Ruhe unterhalten zu können. Meine Mutter wartete zu Hause gespannt auf einen Bericht. Auf die Frage ob sie nicht mitkommen möchte, meinte sie nur, dass sie den Moment an dem ich meinen Vater zum ersten Mal zu sehen bekommen nur für uns lassen möchte.
“Meinst du nicht, dass du etwas unpassend gekleidet bist?” fragte mich mein Vater direkt. Ich musste schlucken und mir war klar, warum er vorhin so seltsam geschaut hat.
“Was wäre den Deiner Meinung nach angemessen” fragte ich deutlich unterkühlter zurück, nachdem seine Frage meine Euphorie abrupt in den Keller hat sausen lassen.
“Du solltest dich mehr bedecken. Für eine unverheiratete Frau ist es besser, wenn sie sich nicht so freizügig in die Öffentlichkeit begibt. Du bist unter westlichen Einflüssen aufgewachsen, daher kann ich das verstehen, wenn du dich wie andere Altersgenossinnen kleidest. Ich wünsche mir, dass wenn wir zusammen sind, du dich mehr bedeckst.
Deine Mutter wäre vor Scham im Erdboden versunken, hätte sie dich so gesehen.“
Das war echt starker Tobak was er mir das aufgetischt hat.
„Soll ich mich etwa genauso verschleiern wie in Saudi Arabien” schoss ich zurück?
“Was wäre so schlimm daran. Jeder Mann würde erkennen, dass du eine ehrenhafte und zu respektierende Frau wärst”
“Und wenn ich mich so kleide, wie ich bin, gelte ich als Hure? Ist es das was du mir damit sagen willst?”
Ich wurde immer wütender. Das kann doch wohl nicht wahr sein, hat mich fast 20 Jahre nicht gesehen und jetzt erst oberflächlich kennen gelernt und meint mir Vorschriften machen zu müssen.
“Nein so war das nicht gemeint. Ich halte dich für eine ehrenhafte und respektable junge Frau. Und ich werde dir auch keine Vorschriften machen, da ich weiß, dass du in einer anderen Kultur aufgewachsen bist. Entschuldige bitte, ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich möchte dir auch keine Vorschriften machen. Ich bin es nicht gewohnt mit einer Frau außer deiner Mutter und deinen Schwestern zu reden. Hinzu kommt, dass deine Mutter und Schwestern sich entsprechend bedecken. Daher war ich im ersten Moment etwas geschockt, als ich dich so freizügig gesehen habe. Entschuldige bitte. Ich möchte nur dein bestes. ”
“Ist schon in Ordnung. Ich habe auch etwas überreagiert. Die ganze Situation ist halt so … ich weiß nicht wie ich es formulieren soll. So unwirklich. Ich hatte mich unglaublich darauf gefreut dich endlich in Natura zu sehen und stattdessen sprichst du mich auf die Kleidung an. Das war im ersten Moment wie ein Schlag in die Magengrube, aber nach einigem Überlegen muss ich mich bei dir entschuldigen. Da ich weiß, dass wir aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen hätte ich mehr Rücksicht nehmen müssen. Ich werde es für die Zukunft beherzigen. ”
“Danke das ist sehr nett. Ich bin mir sicher, dass wir sehr gut miteinander auskommen werden. Wie ist denn die weitere Planung. Wann ist der Test?”
“Der Test ist morgen früh um 9:00. Mit Ergebnissen, ist aber erst in frühestens einer Woche zu rechnen. ”
“Und was steht für die nächsten Tage sonst auf dem Programm?”
“Ich dachte mir, dass du meine Mama, entschuldige meine deutsche Mama kennenlernst und wir ansonsten die Zeit gemeinsam verbringen um uns gegenseitig besser kennen lernen zu können. So viel Zeit ist in den nächsten 3 Tagen bis zu deinem Rückflug ja auch nicht. ”
“Ja leider. Aber aus beruflichen Gründen konnte ich nicht länger weg.”
Nachdem das Essen serviert worden war, haben wir schweigend unser Essen zu uns genommen. Anschließend habe ich ihm noch die ein oder andere Anekdote aus meinem Leben erzählt. Nach fast 3 Stunden haben wir und bis zum nächsten Morgen verabschiedet.
Meine Mutter war neugierig zu erfahren, was denn so passiert ist und wie mein Vater so ist. Ich habe ihr alles erzählt. Auch die Episode mit der Kleidung. Meine Mutter war etwas skeptisch hinsichtlich meiner Kleidungswahl am nächsten Morgen.
“Melanie, meinst du wirklich, dass du dich so sehr bedecken musst? Schließlich sind wir hier in Westeuropa und nicht in Saudi-Arabien.”
“Das mag sein, aber ich möchte es mit meinem Vater nicht gleich verderben, nachdem wir uns eben erst kennen gelernt haben. Und was ist schon dabei, wenn ich mich etwas bedecke. Außerdem ist es auch nicht so warm wie gestern. Also fällt es sowieso kaum auf.” versuchte ich meine Mutter zu beruhigen. Dabei war ich mir selbst unsicher. Ist das nun meine freie Entscheidung, mich so zu bedecken oder ist insgeheim der Einfluß von meinem Vater? Letztlich bin ich zu dem Schluß gekommen, dass es meine eigene Entscheidung ist, da ich nur Kleidung trage, die ich sowieso schon besaß und ja auch kein Kopftuch trage. Der Rock ist zwar schon älter, aber er passt immer noch wie angegossen und er ist fast bodenlang Die Bluse ist Langärmlig. Beides habe ich früher auch schon getragen ohne dass es eine solche Aufregung darum gab. Naja ich habe die Sachen zwar erst im Herbst getragen, aber heute war auch ein kühler Tag also war es nichts Ungewöhnliches.
Pünktlich um 08:30 fuhr ich am Hotel vor um meinen Vater abzuholen. An seinem Lächeln konnte ich feststellen, das ihm gefiel was er sah.
Du siehst umwerfend aus mein Kind.” Alles richtig gemacht dachte ich bei mir.
“Danke Papa, bist du soweit? Dann lass uns starten”
Nach einer kurzen Fahrt, erreichten wir das Labor, welches den Test durchführen würde. Als wir das Labor betraten, schaute mich die Empfangsdame etwas seltsam an, sagte aber nichts weiter. Nach der Anmeldung wurden wir in den Wartebereich gebeten. Nach kurzer Zeit kam ein Arzt und begleitete uns in einen Behandlungsraum. Nachdem meinem Vater ein wenig Blut abgenommen worden war, konnten wir wieder gehen.
“Musst du denn kein Blut abgeben” fragte mich mein Vater erstaunt.
“Nein. Meine DNA liegt vor. Nachdem es zu Irritationen mit meiner Blutgruppe gekommen war, hatte ich zusammen mit meiner Mutter bereits einen Test machen lassen. ” erklärte ich ihm.
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Mein Vater hat meine Mutter kennengelernt. Nachdem sich beide gut verstanden haben ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Die ganzen Tage bis zum Abflug meines Vaters habe ich züchtige Kleidung getragen. Es hat mir nichts ausgemacht. Im Gegenteil ich war stolz, wenn mein Vater mir anerkennend zugeblinzelt hat.
Nachdem mein Vater abgeflogen war, habe ich über die Tage die wir zusammen verbracht haben, nachgedacht. Ich denke ich kann ihn liebhaben als Vater. Auch wenn unser Start etwas holprig war, so waren die letzten Tage sehr harmonisch. Im ersten Moment war ich zwar etwas aufgebracht, als er meine Kleidung kritisiert hatte, aber ich kann ihn auch verstehen. Zum einen kennt er aus Saudi-Arabien etwas anderes und zum anderen hat er nicht ganz unrecht. So wie ich gekleidet war, haben mir die Männer nachgeschaut und mich eher als Sexobjekt wahrgenommen, denn als Frau. In den Tagen als ich mir züchtiger gekleidet habe, bekam ich kaum noch anzügliche Kommentare zu hören, was eigentlich ganz angenehm war, da ich mich über diese Kommentare immer echt aufgeregt habe.
Auch wenn mein Vater inzwischen nach Saudi-Arabien zurückgekehrt ist, trage ich noch immer züchtige Kleidung. Ich kann das nicht begründen. Es ist ein Gefühl, das ich ihm das schuldig bin. Wobei das auch nicht das richtige Wort ist. Es gibt mir ein gutes Gefühl wenn ich mich so kleide und an meine Eltern in Saudi Arabien denke. Außerdem sind die Kommentare und die anmachen deutlich zurückgegangen.
Und noch etwas habe ich nach dem Besuch meines Vaters begonnen. Ich habe den Koran gelesen. Ich möchte meinen Vater und meine Familie besser verstehen lernen. Überrascht hat mich, dass viele Geschichten aus der Bibel auch im Koran enthalten sind. Das hat mich ziemlich verwundert. Die Geschichten kannte ich teilweise, aber andere Teile waren für mich nur schwer zu verstehen. Ich werde meinen Vater fragen, wenn wir uns das nächste Mal treffen.
Endlich. Das Testergebnis ist da. Es ist wie erwartet. Die Vaterschaft ist mit 99,9% Sicherheit bestätigt.
“Jetzt hast du deine Eltern gefunden. ” meinte meine Mutter mit Wehmut in der Stimme.
“Ja. Aber du wirst immer meine Mutter bleiben”
“Danke. Aber ich spüre bereits den Einfluss deines Vaters.”
“Was meinst du damit?” frage ich verwundert.
“Naja. Du kleidest dich sehr moderat, liest den Koran, gehst kaum noch aus und wenn, bist du ziemlich früh zurück”
“Das ist mir noch gar nicht so sehr aufgefallen. Hinsichtlich der Kleidung schon, da hatten wir drüber gesprochen. Aber die anderen Punkte waren mir bisher noch nicht so bewusst. Aber jetzt, wo du es sagst wird mir das auch bewusst. ”
“Du solltest dich nicht so sehr beeinflussen lassen. Du bist hier groß geworden. Deine Familie in Saudi-Arabien führt ein ganz anderes Leben als Du. Ich verstehe, dass du deinem Vater gefallen möchtest. Aber denke an die kulturellen Unterschiede. Du führst hier ein freies und ungebundenes Leben. Das könntest du in Saudi-Arabien nicht führen.”
“Wieso kommst du auf den Gedanken ich könnte nach Saudi-Arabien gehen?”
“Ich denke, dein Vater wird versuchen, dich davon zu überzeugen, da deine ganze Familie in Saudi-Arabien wohnt. Aber ich befürchte, wenn du das machen würdest, wirst du eingehen wie eine Primel. Auch wenn deine arabische Abstammung hast, bist du westlich erzogen worden. Du hattest alle Freiheiten zu tun und lassen was du möchtest. Das wird in Saudi-Arabien nicht möglich sein. Du brauchst deine Freiheit. Eine Freiheit, die dir in Saudi-Arabien niemand geben wird.”
“Aber was ist mit deiner Tochter. Möchtest du den gar nicht wissen was mit ihr ist. Möchtest du sie nicht wiedersehen.?”
“Ich möchte sie schon sehr gern wiedersehen. Aber sie ist in Saudi-Arabien erzogen worden, und ist inzwischen verheiratet. Dein Vater hat ihr bisher noch nichts erzählt und ich möchte keinen Unfrieden in die Familie bringen. Ich habe mich damit abgefunden, meine Tochter nie zu sehen. Ich denke, das ist besser so. Und genauso wie es für meine leibliche Tochter besser ist, in Saudi-Arabien zu leben, wird es für dich besser sein, hier in Deutschland zu leben. Ich weiß, dass momentan die Aufregung um deine neue Familie alles andere in den Schatten stellt und auch vieles in einem anderen Licht erscheinen lässt als es bei nüchterner Betrachtung aussieht. Darum möchte ich dich eindringlich warnen, sei nicht zu voreilig und überlege gut, ob es wirklich die richtige Entscheidung wäre nach Saudi-Arabien zu gehen.”
Ich war hin und hergerissen. Das was meine Mutter sagte hatte sicher Hand und Fuß. Auf der anderen Seite ist es meine lang vermisste Familie. Je länger ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich.
Die Mails mit meinem Vater waren in der letzten Zeit relativ kurzgehalten. Ich hatte ihm geschrieben, dass der Test bestätigt hat, dass er mein Vater ist. Die Reaktion war anders als ich es erwartet habe.
“Liebe Melanie,
Ich freue mich das der Test bestätigt hat, was ich in meinem Herzen bereits wusste. Du bist meine Tochter und eine Muslima. Ich möchte das du dich von nun an auch wie eine gute Muslima verhältst und die auch entsprechend kleidest. Ich werde dich den Koran lehren, damit du dich in unserer Religion zurechtfindest.
Ich werde in 2 Wochen nach Deutschland kommen und auch deine Mutter mitbringen.
Bis Bald
Dein Vater”
Ich habe die Mail wieder und wieder gelesen. Ich wusste nicht wie ich diese Mail deuten sollte. Sie war verstörend. So unpersönlich und fordernd wie bisher keine Mail. Einerseits freute ich mich meine Mutter endlich zu sehen, andererseits fürchtete ich mich vor dem Treffen mit meinem Vater. Sollte meine Mutter recht haben? In mir wuchsen die Zweifel. Was sollte ich tun? Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger wusste ich was ich machen sollte. Mal tendierte ich in die eine Richtung mal in die andere Richtung. Nach langem nachdenken habe ich mich entschlossen, alles auf mich zukommen zu lassen. Er konnte mich ja schlecht entführen und ist hatte eine deutsche Staatsbürgerschaft. Wenn er also fordern würde, dass ich mich verschleiern soll, oder mit nach Saudi-Arabien kommen soll, kann ich den Kontakt immer noch abbrechen. Ich bin all die vielen Jahre ohne meine leibliche Familie ausgekommen, also würde ich dies auch weiterhin können. Worüber sollte ich mir also Sorgen machen.
Endlich war der Tag da, an dem meine Eltern ankommen sollten. Leider konnte ich sie nicht vom Flughafen abholen, da ich eine Klausur schreiben musste. Endlich hatte ich Klausur beendet. Ich hoffe die ist halbwegs ordentlich gelaufen. Ich konnte mich nur schlecht konzentrieren, da ich immer wieder an das treffen mit meiner leiblichen Mutter denken musste.
Nichts wie raus und ins Hotel, in dem meine Familie abgestiegen ist.
Nachdem ich das eine oder andere Mal zu schnell war, bin ich endlich am Hotel angekommen. Mein Vater erwartete mich bereits in der Lobby.
“Hallo Papa, wo ist Mama?” bestürmte ich Ihn.
“Ich sehe du kleidest dich immer noch wie damals als wir uns das letzte Mal gesehen haben.”
“Ja. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Aber ich möchte jetzt gern meine Mutter sehen”
“Ok dann komm. Deine Mutter ist oben auf dem Zimmer. ”
Nach einer fast endlos erscheinenden Fahrstuhlfahrt kamen wir endlich an. Wow dachte ich beste Kategorie die mein Vater gewählt hatte. Wird eine ganz schöne Stange Geld kosten, hier zu residieren.
Nach einigen Metern ging mein Vater zu einer Tür und öffnete diese mit der Keycard und wir betraten eine Suite. Das Zimmer war riesig und es handelte sich anscheinend nur um den Wohnbereich. Aber von meiner Mutter war nichts zu sehen. Mein Vater zeigte auf eine weitere Tür auf die ich schnurstracks losstürmte und beim Öffnen fast aus den Angeln riss. Ich konnte es nicht mehr erwarten meine Mutter zu sehen.
Das was ich nach dem Öffnen der Tür sah traf mich völlig unvorbereitet. Dort saß auf dem Bett eine vollkommen schwarz verhüllte Person. Ich war geschockt. Das sollte meine Mutter sein?? Wie konnte das sein. Die Nachbarin hatte mir erzählt, dass meine Mutter eine sehr hübsche junge Frau mit einer tollen Figur war. Wieso sehe ich hier nur eine von schwarzen Stoff, Kleidung konnte man das eigentlich nicht nennen, vollständig eingehüllte Frau. Bevor ich mich umdrehen und meinem Vater fragen konnte, rührte sich dieses schwarze Gespenst.
“Meine Tochter, endlich darf ich dich in meine arme nehmen. ” kam sie mit offenen Armen auf mich zu.
Ich war so geschockt, dass ich mich weder bewegen noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Was ging hier ab?
Nachdem ich mich nicht gerührt hatte, umarmte mich meine Mutter. Es war ein komisches Gefühl. Sie war vollkommen verschleiert, nichts war zu erkennen und doch hatte ich das Gefühl sie direkt zu spüren. Ich hatte sie noch nie gesehen und doch wusste ich, dass es meine Mutter ist. Nachdem ich mich etwas gefangen hatte, und sie die Umarmung beendet hatte fasste sie mich an der Hand und zog mich in das Zimmer und schloss die Tür. Sie forderte mich mir einer Handbewegung auf mich zu setzen. Sie tat das gleiche und frage mich ob ich etwas trinken möchte.
“Nein danke. ”
“Ich weiß das du verwirrt und erschrocken bist. Entschuldige bitte. Ich hatte deinen Vater gebeten nichts zu sagen, da ich die Befürchtung hatte, du könntest davonlaufen.”
“Wieso sollte ich das Tun. Du bist meine Mutter. ”
“Ja aber ich hatte Angst. Und jetzt habe ich dich so erschrocken. Das wollte ich nicht.”
“Schon ok. Ich habe mich von dem ersten Schock erholt. Aber könntest du bitte den Schleier abnehmen”
“Ja aber nur heute für unser erstes Gespräch. Du musst wissen, die Frauen in unsere Familie leben alle in Purdah. Wir verschleiern uns vollständig, und vor allem jederzeit. Wir schlafen auch verschleiert. Deine Schwestern haben noch nie mein Gesicht gesehen. Bei dir mache ich eine Ausnahme, da du in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen bist.”
Zum Vorschein kam ein wunderbares ebenmäßiges Gesicht von einer in früheren Zeiten vornehmen Blässe. Meine Mutter schaute mich aus großen braunen Augen an. Es war ein wohlwollender Blick. Ich wusste sofort das ich meiner Mutter in die Augen blickte.
“Wieso bist du verschleiert. Eure frühere Nachbarin hat mir erzählt, dass du damals, als ihr hier gewohnt habt, dich nicht verschleiert hast. Was hat sich geändert. Verschleiern sich meine Schwestern auch?
“Es ist lange her das wir hier gewohnt haben. Es hat sich seitdem eine Menge geändert. Dein Vater hatte damals einen guten Posten hier in Deutschland. Mir gefiel es hier auch, da alles offener und ungezwungener war. Dann starb plötzlich und unerwartet dein Großvater, und dein Vater war von heute auf morgen als ältester Sohn das Oberhaupt der Familie. Es blieb uns nichts andere übrig, als nach Saudi-Arabien zurück zu kehren. Dein Vater musste den Job hier in Deutschland aufgeben. Wir kehrten also nach Saudi-Arabien zurück. Allerdings hatte dein Vater keinen Job und wir hatten 3 Kinder und das 4. war unterwegs. Sein Onkel hat deinem Vater dann einen Job besorgt, der gut bezahlt war. Allerdings war dieser Job bzw. ist es noch in Mekka in einem sehr konservativen Unternehmen. Der Inhaber ist ein sehr religiöser Mann und auch die ganze Familie des Arbeitgebers deines Vaters ist sehr religiös und auch einflussreich. Hätte dein Vater den Job nicht angenommen, hätte er vermutlich keinen anderen in Saudi-Arabien bekommen, vielleicht als Straßenkehrer, aber ohne Möglichkeit die Familie zu ernähren.
Wie gesagt es handelte sich um eine sehr religiöse Familie und das strahlte in das Unternehmen und natürlich auch auf die Angestellten aus. Wir bekamen ein Haus von der Firma in einer sehr vornehmen Gegend gestellt. Das bedeutete allerdings auch, dass wir uns dem leben anpassen mussten. Für deinen Vater waren die Anpassungen geringer. Es wurde erwartet, dass er regelmäßig in die Moschee ging. Für mich und die Kinder war die Änderung viel gravierender. Alle Frauen aus der Wohnsiedlung folgten Purdah. Und zwar in einer sehr strengen Form. Sie waren alle vollständig verschleiert und zwar rund um die Uhr Es war bei keiner einzigen auch nur ein kleines bisschen Haut zu sehen. Wenn dein Vater den Job behalten wollte, musste ich mich den Gepflogenheiten anpassen. Es blieb mir also nichts andere übrig als mich auch vollständig zu verschleiern. Und das tue ich seitdem.”
“Entschuldige ich wusste nicht was du durchgemacht hast. ”
“Ist schon gut. Ich weiß welche Reaktionen ich auf Menschen habe, die mich zum ersten Mal sehen. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt und ganz ehrlich, ich möchte auch nicht mehr ohne Schleier leben. Ich habe bevor wir hierher abgereist sind probiert wie es ist ohne Schleier und Kopftuch zu sein. Als ich mich im Spiegel sah war ich erschrocken und fühlte mich unwohl. Ich wollte dir nicht verschleiert gegenübertreten, aber ich konnte es nicht. Ich habe es vorhin nochmal probiert, aber ich fühlte mich unwohl und unsicher. ”
“Das ist schon ok. Und wenn es dir besser geht kannst du auch gern den Schleier wieder vor das Gesicht ziehen.”
“Das ist lieb von dir. Ich fühle mich in der Tat sicherer und wohler, wenn ich vollständig verschleiert bin. Ich weiß das du das nicht nachvollziehen kannst. Ich habe mich in den letzten 18 Jahren so sehr daran gewöhnt, dass ich gar nicht mehr anders kann.”
“Ich verstehe dich. Und da ich dich nun gesehen habe, ist es auch vollkommen ok das du den Schleier wieder vor das Gesicht gezogen hast. Wichtig ist das ich euch gefunden habe. Alles andere ist unwichtig.”
“Ja ich bin auch sehr glücklich, dass du uns gefunden hast. Es ist unglaublich, dass ihr damals vertauscht worden seid und niemand etwas gemerkt hat. Ich habe Soraya wie meine Tochter erzogen. Bis vor einiger Zeit, gab es ja auch überhaupt keinen Zweifel daran. Und nun habe ich noch eine zusätzliche Tochter. Wie wunderbar.”
“Mein Name wäre also Soraya und Sorayas Name wäre Melanie. Weiß Soraya eigentlich das wir vertauscht wurden?”
“Nein bisher nicht. Ich wollte dich erst sehen, bevor ich es ihr sage. Ich habe Angst davor wie Sie reagieren wird. Schließlich hat dieser Tausch für jeden von euch ein Leben eingerichtet, welches eigentlich nicht vorgesehen war. Soraya hat einen ziemlich starken Willen und ist manchmal auch einen Sturkopf.”
“Wie meine Schwester, pardon Ihre Schwester”
“Ich möchte sie langsam und vorsichtig darauf vorbereiten. Sie ist grade frisch verheiratet. Von daher möchte ich nicht, dass sie sich zu sehr aufregt. Sobald ich ihr das sage wird das noch anstrengend genug. Ich hoffe nur das Ihre Ehe nicht darunter leidet.”
“Ja es ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, und wenn sie so ist wie Ihre Schwester, dann beneide ich dich nicht um die Aufgabe. Sag mal, ist eigentlich nicht ziemlich warm unter dem Schleier?”
“Ja aber man gewöhnt sich an alles. Sei jetzt bitte nicht böse, aber ich habe für dich auch entsprechende Kleidung eingepackt. Dein Vater sagte zwar, ich solle das sein lassen, da du solche Kleidung sowieso nicht anziehen würdest. Aber ich konnte nicht wiederstehen. ”
“Du meinst, solche Kleidung wie du sie im Moment trägst?” fragte ich total entgeistert.
“Ja. Ich sehe aber das dein Vater recht hatte. Also am besten du vergisst was ich dir gesagt habe.”
“Aber warum hast du solche Sachen eingepackt.”
“Ich weiß das das eine blöde Idee war, aber ich dachte da du meine Tochter bist und alle meine Töchter wie ich auch in strikt Purdah leben und sich vollständig und rund um die Uhr verschleiern, würdest du das auch tun. Das war natürlich vollkommen naiv von mir so etwas zu denken.”
Meine Gefühle schlugen Purzelbaum. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte meine Mutter sofort liebgewonnen und sie hatte gehofft, dass ich mich so kleide, wie sie selbst und ihre anderen Töchter, auf der anderen Seite bin ich in Deutschland, im Westen groß geworden und kenne die Diskussionen um die Verschleierung der Frau. Und hier sitze ich nun, und weiß nicht was ich tun soll. Normalerweise hätte ich meinem gegenüber den Vogel gezeigt und gesagt sie spinnt und sie kann sich die Sachen sonst wohin stecken.
Auf der anderen Seite saß dort meine Mutter die ich heute zum ersten Mal sah und mit der ich sofort eine unsichtbare Verbindung hatte. Und ich wollte sie eigentlich nicht enttäuschen und auch mich nicht nachdem ich solange auf die Suche verwendet hatte und danach noch so lange waren musste bis ich sie endlich sehen und in meine Arme schließen konnte.
Es war total verrückt, aber ich wollte meine Mutter glücklich machen und ich wollte, dass sie mich so liebt wie ihre anderen Töchter.
“Weißt du was, wenn du die Sachen schon extra eingepackt hast, dann probiere ich die wenigsten aus.”
Das strahlen auf ihrem Gesicht konnte ich förmlich spüren.
“Ist das dein Ernst” fragte sich mich ganz aufgeregt
“Ja und ich trage die Sachen solange wir zusammen sind.”
“Das ist ja wunderbar. Ich liebe dich mein Kind. Komm mit, damit wir dich einkleiden können.”
Mir wurde etwas mulmig zu mute, aber was soll es, ich konnte meiner Mutter einen Gefallen tun. Nachdem ich mich vollständig entkleidet hatte, kam über die Unterwäsche die ich noch trug, zunächst schwarze langbeinige Schlüpfer und ein schwarzes Hemd mit langen Ärmeln. Anschließend kamen dicke schwarze Strümpfe die bis zum Knie gingen. Als nächstes band meine Mutter mir ein schwarzes Kopftuch um. Es waren nur noch mein Gesicht und die Hände zu sehen. Weiter ging es mit einer Überkopfabaya. Als ich die Arme ausbreitete stellte ich fest, dass die Ärmel an der Abaya mit zusätzlichem Stoff befestigt waren. Damit wurde meine Figur noch zusätzlich verdeckt. Nach den Handschuhen kam der Niqab. Meine Sicht wurde ziemlich stark eingeschränkt. Sehen konnte ich nicht mehr viel.
“Fertig” meinte meine Mutter. “Und wie fühlst du dich”
“Schwer zu sagen, auf alle Fälle aber warm” war meine Antwort.
“Komm stell dich mal vor den Spiegel”
Das was ich sah, war genau das gleiche wie vorhin, als ich meine Mutter das erste Mal sah. Nur schwarzen Stoff.
Mir schossen tausend Gedanken wild durcheinander durch den Kopf.
“Wenn ich dich so sehe, muss ich sagen, du wärst die ideale Frau für den Sohn des Chefs deines Vaters. ”
Ich stürzte in ein Gefühlschaos. Der Gedanke einen Mann zu heiraten und für immer so verschleiert zu leben, erregte mich in einer Art und Weise wie ich es noch nie erlebt habe. Mir wurde fast schwindelig als ich daran dachte. Und der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Ich versuchte an etwas anderes zudenken aber der Gedanke kam immer wieder zurück. Ich wankte etwas hin und her.
“Was ist mir dir. Ist dir nicht gut mein Schatz” fragte mich meine Mutter ganz aufgeregt.
“Nein ist alles ok” versuchte ich so normal wie möglich zu sagen. Aber ich denke meine Mutter hat meine Erregung aus meiner Stimme herausgehört.
“Komm lass uns setzen, nicht das du hier noch umkippst.”
Es war gut zu sitzen. Meine Beine waren schon ziemlich weich geworden. Viel länger hätte ich nicht mehr stehen bleiben können. Was war bloß los mit mir. Ich sitze hier in einem Hotelzimmer vollverschleiert, und die Aussage meiner Mutter über die Heirat eines streng gläubigen Moslems und ein Leben vollständiger Verschleierung lässt mich einen Orgasmus haben? Bin ich etwa masochistisch veranlagt? Oder was ist los? Meine Gedanken schwirrten mir nur so im Kopf umher. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Solch einen Zustand hatte ich noch nie.
“Was hältst du davon, wenn du die nächsten 3 Wochen auch hier im Hotel wohnst. Dann könnten wir uns besser kennenlernen und du könntest erfahren wie es ist in Purdah zu leben. Platz ist genug. ”
“Ja das wäre schön” hörte ich mich sagen. Ich konnte nicht anders, als zuzustimmen. Und wieder kam der Gedanke ein striktes vollverschleiertes Leben zu führen. Und wieder stieg die Erregung.
“Geht es dir wirklich gut” fragte meine Mutter besorgt. ” komm hier trink erstmal was. Es ist wichtig immer ausreichend zu trinken.”
“Danke”. Und tatsächlich nachdem ich einen großen Schluck getrunken hatte ging es langsam besser. Ich kam wieder mehr und mehr zu mir.
“Was war los mit dir”
“Ich weiß es nicht was los war” obwohl ich besser wusste was los war. Aber das wollte ich meiner Mutter nicht auf die Nase binden.
“Oh es ist an der Zeit zu beten. Möchtest du mitmachen, ich zeige dir gern wie wir beten?“
“Ja gern”. Ich bin eigentlich nicht religiös, aber ich wollte meine Mutter nicht enttäuschen.
Meine Mutter zeigte mir schritt für schritt wie Muslime beten und ich machte das ganze Schritt für Schritt nach. Es war ganz schön kompliziert. Das ganze Gebet war im Einzelnen vorgeschrieben. Nicht wie bei Christen, die immer und überall einfach die Hände falten und zu Gott beten können. Aber es war eine interessante Erfahrung.
“Meinst du nicht, dass du deine Mutter informieren solltest, dass du die nächsten 3 Wochen hier im Hotel wohnst.”
“Ja du hast recht. Ich rufe sie gleich mal an.”
Es dauerte keine Sekunde, nachdem es das erste Mal geklingelt hatte, dass meine Mutter den Hörer abgenommen hatte.
“Hallo Mama”
“Hallo Melli, und wie ist es gelaufen”
“Super, wir haben uns gleich sehr gut verstanden. Ich erzähle dir später alles. Ich wollte nur sagen, dass ich die nächsten 3 Wochen hier bei meiner leiblichen Mutter im Hotel wohne, damit wir uns besser kennenlernen.”
“Ist das dein ernst”
“Ja. Bitte sei nicht böse. Aber ich habe jetzt einfach das Bedürfnis meiner leiblichen Mutter nahe zu sein.”
“Entschuldige ich wollte dich nicht ärgern. Es kommt nur so überraschend.”
“Ich weiß. Als ich heute hierher gefahren bin, hatte ich auch nicht daran gedacht, aber meine Eltern haben hier eine große Suite so dass ich ein eigenes Zimmer habe. ”
“Oh. Ok. Melde dich dann mal zwischendurch. Ok?”
“Ja mach ich. Also tschüss bis demnächst”
“Tschüss Melli”
Nachdem ich das Telefonat beendet hatte, war ich wieder geerdet. Ich habe gemerkt wie schwer es für meine Mutter ist, mich mit meiner leiblichen Mutter zu teilen. Ich selbst hatte auch zwiespältige Gefühle. Ich freue mich überschwänglich meine leibliche Mutter gefunden zu haben und mit ihr Zeit verbringen zu können. Ich möchte aber auch meine Mutter nicht enttäuschen. Sie hat so viel für mich getan und war immer da, wenn ich sie gebraucht habe.
Vor allem wurde mir mit einem Mal bewusst, dass ich voll verschleiert telefoniert hatte. Ich fing an zu überlegen was ich tun sollte. Sollte ich wirklich die 3 Wochen hier im Hotel verbringen, vollverschleiert? Wollte ich das wirklich?
Ich hatte so viele Fragen aber keine Antworten. Meine Mutter merkte, dass mich etwas beschäftigte.
“Du machst dir Gedanken über deine 2. Mutter. Richtig?”
“Ja”
“Das ist vollkommen in Ordnung. Ich will dich ihr auch nicht wegnehmen. Sie hat dich aufgezogen und war immer für dich da, wenn du krank wars oder andere Probleme hattest. Ich möchte nicht das du dich zwischen uns entscheiden musst. Und wenn das für dich einfacher ist möchte ich einfach eine gute Freundin für dich sein. Ich würde mich freuen, wenn wir die 3 Wochen hier zusammen verbringen können. Wenn du dich anders entscheidest, würde ich mich freuen, wenn wir uns zumindest ab und an in diesen 3 Wochen sehen. Und wenn du dich so kleiden möchtest wie du es gewohnt bist ist das auch in Ordnung. Hauptsache ist, dass wir uns häufiger sehen können.”
Ich wusste nicht, was ich Sagen sollte. Meine leibliche Mutter spürte offensichtlich genau was in mir vorging.
“Ich möchte einen Moment allein sein. Ist das möglich.?”
“Ja natürlich” und ging in ein angrenzendes Zimmer.
Was wollte ich eigentlich. Auf alle Fälle wollte ich mit meiner leiblichen Mutter Zeit verbringen. Und zwar so viel Zeit wie möglich. Also werde ich die 3 Wochen hier im Hotel verbringen. Sollte ich wirklich die ganzen 3 Wochen verschleiert verbringen? Meiner leiblichen Mutter würde das sicherlich gefallen. Aber würde ich das wollen? Auf der einen Seite wollte ich meiner leiblichen Mutter einen Gefallen tun nachdem ich sie nun endlich in den Armen halten kann, auf der anderen Seite bin ich westlich erzogen und konnte nicht verstehen, wieso sich Frauen das gefallen ließen sich so den Männern zu unterwerfen und sich vollständig zu verschleiern. Ich war hin und hergerissen. Aber je mehr ich darüber nachdachte desto mehr gewann der Gedanke meine leibliche Mutter glücklich zu machen an Oberhand. Und dann kam mir der rettende Gedanke. Ich werde mich wie meine leibliche Mutter vollständig verschleiern und zwar solange wie ich es aushalte. Wenn es nicht mehr geht, werde ich wieder meine alte Kleidung anziehen. So kann ich meine leibliche Mutter glücklich machen ohne mich selbst zu sehr unter Druck zu setzen. Als ich mich dazu entschieden hatte, die Kleidung zu tragen, die meine Mutter mitgebracht hat, war ich seltsam erregt. Ich schob dieses Gefühl auf das Kennenlernen mit meiner Mutter, war mir aber nicht sicher, ob nicht doch auch etwas anderes die Ursache für dieses Gefühl sein konnte.
Ich ging zu meiner leiblichen Mutter und erzählte ihr welchen Entschluss ich gefasst hatte.
“Das ist eine sehr gute Entscheidung, die mich sehr glücklich macht. Ich danke Dir. Ich würde dir, in der Zeit in der wir hier sind, gern zeigen wie wir unseren Tag verbringen. Aber bitte sag gleich, wenn du das nicht möchtest.”
“Ich würde mich freuen, wenn du mir das zeigst.”
“Moment du weißt ja noch gar nicht wie der Tagesablauf ist. Der Tag beginnt morgens mit dem ersten Gebet. Dieses findet nach Sonnenaufgang statt. Das 2. Gebet findet etwa 1.5 Stunden später statt. Zwischen den beiden gebeten lese ich für gewöhnlich im Koran. Nach dem 2. Gebet gibt es Frühstück und anschließend verrichte ich eigentlich Hausarbeit. Da wir hier keine Hausarbeit zu verrichten haben, lesen wir im Koran. Das gleiche gilt für den Nachmittag nach dem Mittagsgebet bis zum Nachmittagsgebet. Nach dem Abendessen bis zum Nachtgebet beschäftige ich mich mit dem Koran. Das können wir hier auch machen. Und ich werde dir die unterschiedlichen Gebete beibringen.
Ist das für dich in Ordnung”
Tja was sollte ich sagen. Das wichtigste war für mich, mit meiner Mutter zusammen sein zu können. Von daher war es sicher nur ein kleines Opfer und darüber hinaus würde ich mehr von meiner Mutter und Ihren Lebensumständen erfahren. Ich stimmte also zu.
“Vielleicht wirst du ja noch eine gläubige Muslima”
Mir schoss der Gedanke von vorhin wieder durch den Kopf. Ich als streng gläubige Muslima vollständig verschleiert und mit einem strikten Mann verheiratet, die ihr Leben in strikt Purdah verbringt. Und wieder erregte mich dieser Gedanke. Aber wieso erregte mich dieser Gedanke. War ich etwa devot veranlagt? Ich konnte es mir nicht erklären. Diesmal konnte ich mich besser kontrollieren und rechtzeitig wieder abkühlen, so dass meine Mutter vermutlich nichts gemerkt hat.
“Wir sollten anfangen den Koran zu lesen. Ich werde dir zu allen Passagen die Bedeutung der aussagen erklären. Ist das ok?”
“Ja natürlich.”
Der Tag verging wie im Fluge. Nachdem wir begonnen hatten, die erste Sure zu lesen, kam zunächst das Mittagessen, anschließend das Mittagsgebet. Dann ging es wieder mit dem Koran weiter bis zum nachmittagsgebet. Zwischendurch hat mir meine leibliche Mutter gezeigt, wie ich das Gebet richtig verrichte und einiges dazu erklärt. Nach dem Nachmittagsgebet und einigen Gebetsübungen, kam das Abendessen, welches wir wie auch Mittag und Frühstück in der Suite zu uns nahmen. Es war anfänglich ungewohnt mit Schleier zu essen und zu trinken. Nach dem Abendessen haben wir noch im Koran gelesen und sind nach dem Abendgebet zu Bett gegangen.
Es war ein komisches und ungewohntes Gefühl mit einem Schleier zu schlafen. Einschlafen wollte mir eine ganze Zeit nicht gelingen. Anfangs gingen mir immer wieder die Ereignisse des Tages, aber vor allem mein Gefühlschaos, durch den Kopf. Ich war mir nicht sicher ob es das richtige ist, was ich tat, aber der Gedanke an meine leibliche Mutter und die Erregung die ich verspürt hatte ließ mich immer wieder denken, dass es das richtige ist. Der Gedanke, ein Leben in Purdah, voll verschleiert mit einem strengen Mann zu verbringen, erregte mich auch jetzt wieder. Ich konnte mir dies nicht erklären. Es widersprach so ziemlich allem wie ich aufgewachsen bin, was mir meine Mutter beigebracht hatte und wie ich in den letzten Jahren gelebt hatte.
Und letztlich ist es ja so, wenn ich das nicht mehr möchte, dann mache ich einfach Schluss und kehre wieder in mein gewohntes Leben zurück. Bis dahin will ich das Leben, welches meine leibliche Mutter lebt, kennenlernen und in ganzen Zügen auskosten.
Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Ich war eben erst eingeschlafen, als mich meine Mutter versucht mich zu wecken. Was soll das, ich bin noch müde. Ich versuchte die Augen aufzumachen und konnte nichts erkennen. Ich bekam Panik und sprang auf.
“Ruhig, es ist alles in Ordnung. Ich bin bei dir”
Die Stimme meiner Mutter. Aber wo bin ich und warum kann ich nichts sehen. Erst langsam kehrten die Erinnerungen zurück. Ich bin bei meiner leiblichen Mutter im Hotel und habe verschleiert geschlafen. Es ist also wie meine Mutter sagte tatsächlich möglich.
“Guten Morgen, ich war irritiert da ich nichts sehen konnte. ”
“Ist schon gut. Das ging mir damals auch so. es gibt sich aber sehr schnell. Du wirst sehen, in 2 bis 3 Tagen ist das ganz normal. Es ist Zeit für unser Morgengebet. ”
“Wirklich, es ist doch noch mitten in der Nacht.”
“Irrtum, die Sonne geht gleich auf. Du wirst dich ganz schnell daran gewöhnen. ”
Mein erster voller Tag als voll verschleierte “Muslima”. Naja Muslima war ich ja nicht, ich tat nur so. Dieser Tag verlief wie der letzte. Wieder Gebete und dazwischen haben wir im Koran gelesen. Meine Mutter hat mir viel erklärt und auch die Gebete weiter gelehrt.
Am Abend war ich doch ziemlich müde und war froh ins Bett gehen zu können, vor allem da es am nächsten Morgen wieder früh sein wird. Normalerweise würde ich zu der Zeit noch mit Freundinnen chatten oder in einem Cafe sitzen und mich unterhalten, heute aber war ich müde und wollte nur noch ins Bett.
Und wieder wurde ich leicht geschüttelt. Diesmal war ich aber relativ schnell wach und war auch nicht erschrocken als merkte das ich verschleiert war.
“Guten Morgen Liebes. Zeit zum Gebet.”
“Guten Morgen. Bin gleich soweit.”
Heute Morgen war es einfacher aus dem Bett zu kommen, da ich ausgeschlafen war. Ist ja auch kein Wunder wenn man so früh ins Bett geht. Die letzte Nacht gingen mir auch nicht so viele Gedanken durch den Kopf, daher war ich sehr schnell eingeschlafen. Also fertig gemacht für einen neuen Tag. Dieser lief wie gestern. Meine leibliche Mutter hat heute mit mir etwas umfangreicher die Gebete geübt und weniger im Koran gelesen.
Die Tage gingen dahin. Es wurde immer normaler verschleiert zu sein. Manchmal dachte ich eine ganze Zeit nicht daran. Erst als etwas trinken wollte und plötzlich den Schleier im Mund hatte habe ich gemerkt, dass ich den Schleier trug. Nach einer Woche fragte mich meine Mutter
“Wie geht es dir. Du hast eine Woche den Schleier getragen als hättest du nie etwas anderes getragen. Möchtest du den Schleier weitertragen, oder dir wieder deine alte Kleidung anziehen”
“Ich würde den Schleier gern weitertragen, ich habe mich erstaunlich schnell daran gewöhnt. Es ist ganz angenehm zu tragen.”
“Das freut mich und macht mich glücklich. Was meinst du wollen wir mal einen Ausflug machen, zusammen mit deinem Vater?”
“Wie bitte, du meinst auf die Straße? In dieser Aufmachung.”
“Ja natürlich. Dich erkennt doch keiner. Durch den Schleier kann keiner durchsehen. Alle würden dich für eine Muslima halten, die mit ihren Eltern hier zu Besuch ist.”
Ich war geschockt. Im Hotelzimmer in der Aufmachung ist ok. Aber auf die Straße ist dann noch eine ganz andere Stufe. Außerdem kam die Frage vollkommen überraschend.
Grundsätzlich hat meine Mutter ja recht, erkennen würde mich keiner. Und da in letzter Zeit immer häufiger Touristen vom Golf hier zur medizinischen Versorgung herkommen, fallen verschleierte Frauen auch nicht mehr so auf. Aber ich war unschlüssig und auch ängstlich. Es hatte schon seinen Reiz vollständig verschleiert raus auf die Straße zu gehen, die Grenzen auszutesten. Aber ich war immer noch unsicher. Was ist, wenn mich doch jemand erkennt. Wenn eine meiner Freundinnen das mitbekommen würde, dann bräuchte ich mich nirgendwo mehr sehen lassen. Das merkte auch meine leibliche Mutter und meinte, dass wir ja nicht heute rausgehen müssten. Wir können das auch die nächsten Tage immer noch tun. Ich war erleichtert.
Auch wenn die Tagesabläufe immer relativ ähnlich waren, wurde es mir doch nicht langweilig. Die Zeit verging wie im Fluge. Zwei Tage später war es dann soweit. Meine leibliche Mutter hatte mich überzeugt, dass wir unser Experiment auch außerhalb der Hotelsuite fortsetzen sollten.
Anfänglich war ich aufgeregt und ziemlich nervös. Außerdem überkam mich wieder diese unerklärliche Erregung. Überall dachte ich, Menschen zu sehen, die mich anstarren. Aber die konnten mich gar nicht erkennen und so wurde ich mit der Zeit immer ruhiger und entspannter. Gegen Mittag waren wir wieder im Hotel um zu beten.
“Und wie war es für dich?”
“Anfänglich war ich aufgeregt und nervös. Ich hatte das Gefühl überall Leute zu sehen, die mich anstarrten. Nach einiger Zeit habe ich mich entspannt und wurde ruhiger. Und je länger wir draußen waren, desto sicherer und geborgener fühlte ich mich. Ich fühlte mich immer wohler, so vollkommen verschleiert. Und gegen Ende unseres Spazierganges habe ich eine junge Frau gesehen, die sich nur knapp bedeckt hat, und dachte wie kann man nur so rumlaufen. Verrückt nicht wahr?”
“Nein das ist nicht verrückt. Es ist vielmehr so, dass du den für dich richtigen Weg entdeckt hast. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dich dein Weg, wie der meinige und der deiner Schwestern, zu einem Leben in Purdah führen wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dich davon überzeugen kann. Ich werde dich aber zu nichts zwingen. Du musst es für dich wollen.”
“Naja. Es sind ja man grade 2 Wochen die ich diese Kleidung trage und ob ich wirklich so leben möchte, kann ich mir im Augenblick beim besten Willen nicht vorstellen.” versuchte ich mit einer lässigen Aussage meine Unsicherheit zu überspielen, was mir aber offensichtlich nicht wirklich gelang. Meine Mutter hatte einen wunden Punkt getroffen. Wenn ich abends im Bett lag, hatte ich in den letzten Tagen immer öfter daran denken müssen, wie es wohl wäre für immer ein Leben in Purdah zu führen. Und jedes Mal landete ich in meinen Gedanken bei einem strenggläubigen Ehemann, der dafür sorgt, dass ich ein solches Leben führe. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, wurde ich erregter.
“Ich spüre, dass du versuchst dein Verlangen nicht offen zu zeigen. Aber ich merke im täglichen Umgang, dass du dich wohlfühlst und auch heute auf dem Spaziergang, bist du mit der Zeit immer selbstsicherer geworden. Du nimmst die Gebete sehr ernst, auch unsere gemeinsamen Koranlesungen verfolgst du sehr konzentriert. Ich bin deine Mutter und spüre das du dich immer wohler fühlst. Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, aber die geben mit der Zeit ein ganzes Bild ab. Und dieses Bild zeigt mir eine Tochter, die in strikt Purdah lebt und ihre Kinder ebenfalls zu gläubigen Muslimen erzieht. Oder sollte ich mich so sehr täuschen?”
“Ich weiß es nicht. Ich muss darüber nachdenken.”
“Gut, dann lass uns heute Nachmittag einfach nichts tun, dann kannst du nachdenken”
Nach dem Gebet und Mittagessen, bin ich in mein Zimmer um nachzudenken. Nachzudenken über die Situation, über mich, über das was ich will. Anfangs schossen mir so viele Gedanken durch meinen Kopf. Ich versuchte ruhiger zu werden. Aber die Aussagen meiner Mutter beschäftigen mich doch sehr. Konnte es sein, dass sie meine Zukunft vorhersah. Nein das konnte nicht sein.
Mit der Zeit wurde ich ruhiger und konnte meine Gedanken besser sortieren. Eines ist mir ziemlich schnell klargeworden, ich liebe meine Eltern. Auch wenn es eine gänzlich andere Kultur ist, aber trotzdem verstehen wir uns gut. Vor allem meine leibliche Mutter hat so etwas wie einen 7. Sinn für meine Gefühle und Empfindungen. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde für mich, dass meine Mutter die mich aufgezogen hat, genau dies nicht konnte. Sie konnte sich nicht, oder nur sehr eingeschränkt, in meine Gefühlswelt einfühlen. Das ist mir erst jetzt so richtig bewusst geworden. Meine Leibliche Mutter spürte, obwohl wir uns erst seit 2 Wochen kannten, wie ich denke und fühle. Es muss zwischen uns eine unsichtbare Verbindung bestehen.
Aber was wollte ich? Wollte ich wirklich mein Leben vollständig verschleiert in Purdah verbringen, das Haus nur verlassen, wenn mein Mann es mir erlaubt und dann auch nur in Begleitung eines nahen Angehörigen. Wollte ich vollkommen separiert von anderen Menschen leben. Wollte ich nur Hausfrau und Mutter sein, mit möglicherweise einem Haufen Kindern? Wollte ich so ein Leben, oder wollte ich studieren und einen Beruf ausüben, mich selbst verwirklichen? Vor 2 Wochen hätte ich ganz klar gesagt, dass für mich nur Studium und Beruf in Frage kommt. Später eventuell auch Familie, aber nicht an erster Stelle. Nach nur 2 Wochen leben wie meine Leibliche Mutter, stellte ich meine Überzeugungen in Frage?
Nein, das konnte nicht sein. Ich werde nach diesen 3 Wochen mit meinem Studium weitermachen und anschließend arbeiten. Auch wenn es schön wäre, mit meiner leiblichen Mutter mehr Zeit zu verbringen. Aber es ist besser, wenn ich mein Leben lebe. Diese Gedanken sind nur der Situation geschuldet. Ganz emotionslos betrachtet, kamen diese Gedanken, weil ich nach so langer Zeit und vor allem der nervenaufreibenden Suche meine leiblichen Eltern gefunden hatte. Auch das Zusammensein mit meinen Eltern und diese ungewohnte Lebensweise führt sicherlich zu diesen aufgewühlten Gedanken. Nüchtern betrachtet, wird es nie dazu kommen, dass ich ein Leben gleich dem meiner Mutter oder Schwestern führe. Ich bin westlich aufgewachsen und erzogen worden. Ich wurde hier sozialisiert.
Die Gedanken würden auch wieder vergehen, wenn ich in meine gewohnte Umgebung zurückkehre und meine Eltern wieder nach Saudi-Arabien zurückgekehrt sind.
“Ich habe über heute und die letzten 2 Wochen nachgedacht. Ich habe dich wirklich liebgewonnen und würde auch gern viel mehr Zeit mit dir verbringen. Und ja ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich so zu leben könnte, wie du lebst. Aber ich habe ein Leben, welches anders ist als dein Leben. Ich studiere und möchte das Studium zu Ende bringen und anschließend arbeiten. Das wäre bei einem Leben in Purdah nicht möglich. Sicher, es ist ein klar strukturiertes und vorgegebenes Leben, anders als das was ich bisher gelebt habe bzw. vorhabe zu leben. Die 3. Woche werde ich noch gemeinsam mit dir wie bisher verbringen, aber danach werde ich wieder mein Leben weiter leben. Ich hoffe, dass ich dich nicht verletzt habe mit meiner Aussage. ”
“Aber nein mein Kind. Ich war etwas voreilig mit meinen Aussagen. Und ich kann dich sehr gut verstehen. Es wäre ein riesiger Schritt für dich, wenn du sofort dein bisheriges Leben aufgeben würdest und ein Leben in Purdah führen wolltest. Lass die Eindrücke und Empfindungen der letzten 2 Wochen und dem, was noch kommt auf dich wirken, verarbeite alles und denke mit ein wenig Abstand darüber nach. Ich werde dir nie böse sein oder enttäuscht, wenn du dich für ein anderes Leben entscheidest. Du bist meine Tochter und wirst es immer bleiben.”
“Danke Mama, ich liebe dich. Ich bin froh, dass du meine Entscheidung akzeptierst.”
“Ich bin deine Mutter und dein Wohlergehen liegt mir am Herzen. Und wenn du noch etwas brauchst für deine Entscheidung ist das vollkommen ok.”
Seltsam, meine Mutter geht offensichtlich immer noch davon aus, dass ich mich für ein Leben wie das ihre entscheiden werde, nur halt nicht sofort. Ich denke sie versucht damit ihre Enttäuschung ab zu mildern. Aber es ist mein Leben und das muss ich leben und nicht meine Mutter.
Die nächsten Tage verliefen wie die letzten Tage auch. Wir haben noch 2 Spaziergänge unternommen und sonst die gleiche Routine gelebt. Nun waren die 3 Wochen um und der Abschied stand an. Es würde schwer werden. Meine Mutter die ich nach so vielen Jahren in denen ich nichts von ihr wusste endlich gefunden hatte würde wieder aus meinem Leben treten. Eigentlich war es ja andersherum. Ich trat aus ihrem Leben und lebte mein Leben weiter. In den letzten Tagen musste ich immer häufiger an den Abschied denken und das Herz wurde mir schwer. Meiner Mutter ging es ähnlich.
“Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Wir werden so schnell wie möglich wieder kommen um dich zu besuchen. ”
“Das wäre schön. Ich vermisse euch schon jetzt. Ich werde dir schreiben wie es mir geht ”
“Ja bitte. Ich möchte gern wissen wie es meiner Tochter geht. Sobald dein Vater seine Termine geklärt hat, kommen wir wieder zu Besuch. Ich werde mit deinem Vater sprechen ob wir deine kleine Schwester auch mitbringen”
“Wirklich. Das wäre super. Dann könnte ich sie endlich kennenlernen, nachdem du mir so viel von meinen Geschwistern erzählt hast.”
“Ich denke es ist besser, wenn wir uns jetzt verabschieden. Ich habe noch zu packen und unser Flieger geht bald.”
“Ja. Ich zieh mich schnell um, dann kannst du die Sachen mit einpacken.”
“Das ist nicht notwendig. Ich hatte die Sachen sowieso für dich mitgebracht und ich möchte das du sie behältst. Bitte”
Das kam überraschend. Ich konnte schlecht in der aktuellen Aufmachung bei meiner Mutter aufkreuzen.
“Du kannst dich umziehen. Für deine Sachen habe ich eine Tasche die kannst du nutzen.” erriet meine Mutter wieder meine Gedanken.
“Danke.”
Ich ging in mein Zimmer und zog die Kleidung, die ich die letzten 3 Wochen getragen hatte (natürlich nicht ständig die gleiche) aus und zog die Kleidung an mit der ich gekommen war.
Es war ein seltsamer Anblick im Spiegel. Nicht mehr ein schwarzes Gespenst, sondern ein weibliches Wesen, welches mir aus dem Spiegel entgegenblickte. Im Gegensatz zu den letzten 3 Wochen, kam ich mir nackt vor. Ich war aber froh, dass meine Haut wieder richtig atmen, dass ich die Welt wieder normal sehen konnte. Aber es war anfangs total ungewohnt. Und das Gefühl der Nacktheit blieb mir auch noch eine ganze Zeit erhalten.
Nach einem kurzen Abschied, meine Mutter hatte es so gewollt, stand ich außerhalb des Hotels wieder in meinem alten Leben. Wird das Leben weitergehen wie bisher? Vor allem wie würde ich meiner Mutter gegenübertreten. Wir haben uns 3 Wochen nicht gesehen und nur 2 mal telefonisch gesprochen. Und das auch nur sehr kurz. Ich wollte nicht viel erzählen. Unsicher machte ich mich auf den Weg nach Haus.hung

“Gehst Du heute Blutspenden, Liebes?”
“Ja, ich bin schon etwas aufgeregt.”
“Keine Sorge, ist alles halb so schlimm. Ein kleiner Stich und dann läuft das Blut. Aber steh nicht sofort auf, sondern bleib noch etwas liegen und iss etwas nach der Blutabgabe.”
“Ja Mama”
Endlich ist es soweit und ich darf das erste Mal Blutspenden. Wenn mehr Menschen Blutspenden würden, könnte mein Vater noch leben. Nur weil zu wenige Blutkonserven zur Verfügung standen, konnten die Ärzte das Leben meines Vaters nicht retten. Durch einen unglücklichen Umstand ist bei dem Unfall eine Arterie gerissen. Die Ärzte konnten die Arterie nicht schließen, der Blutverlust wurde immer größer. Letztlich waren die Blutkonserven aufgebraucht. In nähere Umgebung gab es auch keine anderen Möglichkeiten diese rechtzeitig zu liefern. So ist mein Vater gestorben, obwohl dies bei einem ausreichenden Bestand an Blutkonserven hätte verhindert werden können.
Für mich steht damit fest, dass ich Blut spenden würden um anderen Menschen die auf Blutkonserven angewiesen sind helfen zu können.
“Melanie Telefon für dich” rief meine Mutter.
“Melanie Meier” meldete ich mich.
“Annemarie Bungert vom Roten Kreuz. Frau Meier ich komme gleich zur Sache. Die Blutgruppe die in ihrem Impfpass steht, stimmt nicht mit der Blutgruppe überein, die wir nach der Blutspende ermittelt haben überein.” kam Frau Bungert direkt auf den Punkt.
“Und was bedeutet das jetzt für die Blutspende und für mich? Können Sie die Blutspende nicht gebrauchen.” fragte ich verwirrt zurück.
” Natürlich können wir die Spende verwenden, es ist nur so, dass in Ihrem Impfpass eine falsche Blutgruppe eingetragen ist, was im Fall einer benötigten Bluttransfusion zu massiven Problemen führen kann.” erläuterte Frau Bungert.
” Haben Sie das auch genau geprüft?” frage ich zurück.
“Frau Meier, wir haben das 2 Mal analysiert. Nachdem wir diese Abweichung festgestellt hatten haben wir das Blut ein drittes Mal untersuchen lassen und auch die dritte Analyse ergab das gleiche Ergebnis. Die Blutgruppe in Ihrem Impfpass weicht von der festgestellten Blutgruppe ab. Ich vermute, dass im Krankenhaus bei der Geburt eine fehlerhafte Eintragung gemacht wurde. Dies sollte nicht passieren, aber offensichtlich ist es doch passiert. ” erklärte mir Frau Bungert.
“Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, die, wie ich hoffe, nicht zutreffend ist. Laut Impfpass haben Sie die Blutgruppe A, tatsächlich haben wir aber die Blutgruppe B festgestellt. Ihre Mutter hat unseren Unterlagen zu folge die Blutgruppe A. Von Ihrem Vater kenne ich die Blutgruppe nicht. Sie sollte aber B oder AB sein. Andernfalls kommt eine Abstammung von Ihren Eltern nicht in Betracht.” fügte Frau Bungert hinzu.
„Wie bitte?“ Die Worte hatte ich vernommen, aber ich konnte diese nicht sortieren. Das konnte nicht sein. Das muss ein Irrtum sein. Oder ein Fehler bei der Analyse.
“Aber wie soll das denn möglich sein, das ich verwechselt wurde. Und kann es nicht sein, dass die Analyse fehlerhaft war.” klammerte ich mich an den letzten Strohhalm.
“Leider nein. Die Analyse hat 3 Mal das gleiche Ergebnis geliefert. Tut mir leid.” hörte ich Frau Bungert noch sagen bevor ich auflegte. Dieses Telefonat hatte mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Alles was in den letzten 19 Jahren sicher war, stand plötzlich in Frage. Ich wusste nicht was real und was Fake war. Mir wurde schwarz vor Augen.
“Liebes geht es dir wieder besser? Was ist denn passiert, was hat Frau Bungert dir gesagt, ist irgendetwas nicht in Ordnung?” wollte meine Mutter von mir wissen.
” Nichts ist in Ordnung.” erwiderte ich nur kurz
” Was ist denn, was hat Frau Bungert gesagt” bohrte meine Mutter nach, oder ist sie gar nicht meine Mutter? Es ist alles so verwirrend.
” Was ist damals nach meiner Geburt passiert?” frage ich unvermittelt.
Meine Mutter schaute mich nur verständnislos an.
” Frau Bungert meinte ich kann nicht von Euch abstammen da die Blutgruppen nicht zueinander passen.” gab ich barsch zurück, da mein erster Gedanke war, dass ich adoptiert wurde und meine Eltern mir dies all die Jahre verheimlicht hatten.
” Wie bitte, was hat Sie gesagt?” war alles was meine Mutter stammeln konnte.
” Ich habe Blutgruppe B und nicht A wie es im Impfpass steht.” erwiderte ich.
” Ich verstehe kein Wort” sagte meine Mutter immer noch verständnislos.
“Du hast Blutgruppe A und Papa hatte Blutgruppe 0. Diese Kombination kann nie zu einer Blutgruppe B führen, die ich habe. Das ist vollkommen unmöglich. Damit ist klar, dass ich nicht von Euch abstamme. Habt ihr mich adoptiert? ” fragte ich unvermittelt
“Nein natürlich nicht. Du bist unser Kind und bist nicht adoptiert. Du kennst doch die ganzen alten Bilder auf denen ich Schwanger war. Und auch die ganzen Arztberichte, da du zu früh geboren warst. Meinst Du das wir das alles erfunden haben. ” ereiferte sich meine Mutter bevor sie in Tränen ausbrach.
” Entschuldige ich wollte dich nicht verletzen. Aber es ist alles so verwirrend. Ich weiß eigentlich gar nicht was ich glauben oder denken soll. Das kam so überraschend. Es ist unglaublich und doch nicht von der Hand zu weisen. Ich weiß das du mich nie anlügen würdest.” versuchte ich Sie zu beruhigen.
“Wir sollten in Ruhe überlegen, was wir nun tun wollen und überlegen was passiert sein könnte. Fest steht, das ich eine Blutgruppe habe, die eine Abstammung von Euch definitiv ausschließt. Wenn ihr mich nicht adoptiert habt, kommen eigentlich nur zwei Möglichkeiten in Betracht. Entweder ich wurde im Krankenhaus vertauscht oder du hattest eine Affäre. Entschuldige bitte wenn ich das so offen ausspreche, aber ich weiß im Moment nicht was ich denken soll.”
“Traust du mir wirklich zu deinen Vater betrogen zu haben.” fragte meine Mutter, der neuerlich Tränen in die Augen stiegen.
“Nein natürlich nicht. Es ist alles so verwirrend, alles was vorhin noch klar und eindeutig war, ist von einem Moment auf den anderen vollkommen anders und ich weiß nicht wo das alles enden wird. Ich habe nur die Alternativen analysiert. Da du Papa nicht betrogen hast, bleibt nur noch die Möglichkeit, dass ich im Krankenhaus vertauscht wurde, was die ganze Geschichte auch nicht besser macht. ”
Wir saßen beide zusammengesunken in der Sitzecke und schwiegen uns an. Keine wusste was sie sagen sollte. Alles was eben noch gewiss war, hatte sich in Luft aufgelöst. Wer waren meine Eltern, lebten sie noch und wenn ja wo. Und vor allem, wie konnte so etwas passieren und wer ist dafür verantwortlich. Fragen über Fragen und keine Antworten. Ich wusste nicht mal wo ich überhaupt ansetzen sollte.
” Schatz wir sollten zunächst alles was wir wissen zusammenstellen und dann überlegen wo wir anfangen zu recherchieren. ” Meine Mutter hatte sich wieder gefangen und begann das Problem sachlich zu analysieren.
In den nächsten Stunden haben wir alles notiert und analysiert was wir wissen. Es war nicht viel. Ich wurde zu früh geboren und kam auf eine Frühchenstation im Krankenhaus in der nächsten Großstadt. Meine Mutter erzählte mir wie das ganze abgelaufen ist. Aufgrund von Komplikationen hat der Frauenarzt sie in das Krankenhaus einliefern lassen. Da das Kreiskrankenhaus aber für eine solche Geburt nicht eingerichtet ist, wurde meine Mutter sofort in die Uniklinik in der Landeshauptstadt geflogen. Dort ist meine Mutter sofort in den OP gekommen und ich wurde mittels Kaiserschnitt geboren.
Mein Vater wurde zwar informiert und ist dann auch sofort in das Kreiskrankenhaus gefahren, kam allerdings zu spät und ist anschließend unter Übertretung so ziemlich aller Verkehrsregeln in die Uniklinik gerast.
Als er ankam, war bereits alles vorüber und meine Mutter lag auf der Intensivstation zur Beobachtung.
Ich lag auf der Frühchenstation und wurde dort versorgt. Mein Vater konnte so weder mich noch meine Mutter sehen.
Erst als meine Mutter wieder aufgewacht war und es keine Bedenken mehr gab wurde sie von der Intensivstation auf eine Normalstation verlegt und mein Vater konnte sie endlich sehen.
Keiner von beiden hatte zu dem Zeitpunkt Informationen über meinen Gesundheitszustand.
Kurze Zeit später kam der behandelnde Arzt und unterrichtete meine Eltern. Die Operation sei ohne Komplikationen verlaufen. Ich befand mich auch den Umständen entsprechend wohlauf, müsse jedoch zwingend eine Zeitlang auf der Frühchenstation verbleiben. Meine Eltern durften mich in der ersten Zeit nur durch ein Fenster sehen. Langsam aber sicher entwickelte ich mich und nach zwei Monaten konnte ich nach Haus.
Die Geburt war dramatisch, aber wie konnte es sein, das ich verwechselt wurde. Die Zeit auf der Frühchenstation lag vollständig im Dunkeln.
Ich habe Blutgruppe B, meine Mutter hat Blutgruppe A und mein Vater hatte Blutgruppe 0. In meinem Impfpass steht Blutgruppe A. Da ich aufgrund der Blutgruppenkonstellation nicht von meinen Eltern abstammen kann, kann es eigentlich nur im Krankenhaus zu dieser Verwechslung gekommen sein.
” Also was machen wir jetzt?” fragte ich meine Mutter.
” Als erstes sollten wir einen DNATest machen lassen um ganz sicher zu gehen. Anschließend sollten wir im Klinikum nach Informationen nachfragen. Vielleicht können wir auch im Geburtenregister oder ähnlichem nachforschen. Wichtig wäre es zunächst den Anfang eines Fadens zu folgen, dem wir folgen können. ” Meine Mutter wie immer prakmatisch.
2 Wochen später:
Das Ergebnis des DNA-Abgleichs hat die Vermutung bestätigt. Meine Eltern waren nicht meine leiblichen Eltern. Für mich war meine Mutter immer noch meine Mutter, obwohl sie biologisch nicht meine Mutter ist. Sie hat mich großgezogen, geliebt und immer unterstützt. Ich glaube auch für Sie ist es eine schwierige Situation. Irgendwo gibt es eventuell eine junge Frau, die ihre leibliche Tochter ist.
Die Nachforschungen in der Klinik waren allerdings nicht erfolgreich. Die Klinik hat total gemauert und keine Informationen herausgegeben. Wir standen vor einer Mauer des Schweigens. Wie konnten wir an Informationen kommen. Die nächste Alternative war einen Anwalt zu kontaktieren um vielleicht über diesen an Informationen zu kommen. Dies hat leider auch nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Wir standen also wieder am Anfang.
Eine Freundin hat mich dann auf die Idee gebracht.
” Das ist ja echt krass” meinte meine Freundin, nachdem ich ihr die Geschichte erzählt hatte.
“Und du bekommst von der Klinik keine Informationen?”
“Nein. Wir hatten auch schon mit einem Anwalt kontakt, der uns die rechtliche Situation beschrieben hat und auch die Schweigepflicht der Klinik bestätigt hat. Keine Chance. Ich weiß echt nicht wie ich noch an Informationen kommen soll. ”
Mir stiegen langsam die Tränen auf.
” Hey, ich werde dir helfen und wir werden einen Weg finden.” versuchte meine Freundin mich aufzumuntern.
” Hast du eigentlich schon versucht einen Aufruf auf Facebook zu posten. Diese Geschichte geht bestimmt viral. Und dann gibt es doch bestimmt jemanden der Informationen hat. ” meine Freundin war ganz begeistert von Ihrer Idee.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir die Idee auch. Also nichts wie ran und die Daten und Fakten zusammentragen, die Daten angeben und posten. Meine Freundin hat die Geschichte gleich weiter geteilt.
Wahnsinn, schon nach kurzer Zeit wurde die Geschichte tatsächlich mehr als 2000 mal geteilt. In mir stieg wieder die Hoffnung, doch noch Informationen zu finden.
Nachdem ich meiner Mutter davon erzählt hatte, war sie zunächst gar nicht begeistert.
“Du hast was?” fragte mich meine Mutter erschrocken.
“Ich habe die Fakten der Geschichte auf Facebook gepostet und um Hinweise gebeten. Die Geschichte ist bereits mehr als 2000 mal geteilt worden.” antwortete ich Ihr euphorisch.
“Ist dir eigentlich klar, dass du dich damit in das Glashaus gesetzt hast, und dich komplett ausgezogen hast. Jeder kann sich nun an deiner Geschichte ergötzen. Und bist du dir überhaut sicher an Informationen zu kommen. ”
Meine Mutter war ziemlich ärgerlich.
Es tat sich nichts. Der Post wurde zwar häufig geteilt, aber es kam keine Rückmeldung. Wieder eine Hoffnung die sich zerschlagen hat.
4 Wochen später
Endlich tat sich was. Ich hatte eine Mail von einer Krankenschwester aus dem Uniklinikum bekommen, die mir mitteilte, dass Sie damals auf der Frühchenstation Dienst getan hatte. Zwar war sie grade erst mit der Ausbildung fertig und durfte nur mit einer älteren erfahrenen Schwester die Frühchen betreuen, allerdings gab es damals auf der Station in dem fraglichen Zeitraum nur 2 Mädchen als Frühchen. Mich und das mit mir vertauschte Mädchen. Interessanterweise wurden wir am selben Tag geboren, was sonst äußerst selten passiert. Darum hat sie sich wieder an den Fall erinnert. Sie meinte, dass es vermutlich eine arabische Frau war, die das andere Mädchen zu Welt gebracht hat. Interessanter Weise wurden wir auch am gleichen Tag entlassen.
Arabische Frau. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. War meine Mutter, wenn sie es denn überhaupt ist auch eine Schleierträgerin wie man Sie aus dem Fernsehen kennt? Komisch wieso mein erster Gedanke an den Schleier ging. Vielleicht, weil die ganzen Umstände noch so nebulös waren und ich mir nichts weiter vorstellen konnte. Wenn ich tatsächlich einer arabischen Familie entstammen sollte, würde ich meine Familie hier in Deutschland überhaupt noch finden? Waren sie nur zur Entbindung nach Deutschland gekommen oder hat mein Vater hier gearbeitet bzw. arbeitet er hier noch?
So viele Gedanken schossen mir in den Kopf, dass ich die gar nicht alle sortieren konnte. Zeit meine Mutter zu fragen.
” Wusstest Du das zur gleichen Zeit, als ich auf der Station lag, ein weiteres Mädchen dort lag. Es wurde am gleichen Tag geboren wie ich und ist auch am gleichen Tag entlassen worden. Die Schwester sagte das es sich vermutlich um eine arabische Frau handelte die das Kind bekommen hatte. Kannst du dich noch an irgendetwas erinnern? ”
” Du sagtest eine arabische Frau, die am gleichen Tag wie ich entbunden hat?”
” Ja genau. Ihr habt beide am gleichen Tag und sogar fast gleichzeitig entbunden.”
” Jetzt erinnere ich mich wieder. Die Frau lag mit mir auf meinem Zimmer, ich wusste aber nicht, dass sie auch ein Mädchen auf der Frühchenstation hatte. Wir haben nicht viel miteinander geredet. Sie konnte kaum ein Wort Deutsch und nur ein wenig englisch. Sie hatte auch nur von Ihrem Mann Besuch. Das einzige was ich noch weiß, ist dass der Mann bei einem arabischen Unternehmen in der Großstadt gearbeitet hat. ”
” Kannst du dich noch an den Namen der Frau oder des Mannes oder der Firma erinnern?”
” Nein ich bin mir auch sicher das darüber nicht gesprochen wurde”
” Jetzt sind wir zwar einen Schritt weiter, aber stehen immer noch am Anfang”
Eine Recherche im Internet nach arabischen Unternehmen in der Großstadt hat mich nicht wirklich weitergebracht. Ich musste leider einsehen, dass die Firmen auch ganz normale Namen haben können. Und ich hatte keine Ahnung wie ich in Erfahrung bringen könnte, ob eine Gesellschaft einen arabischen Anteilseigner hat. Des Weiteren könnte die Firma schon längst wieder geschlossen sein, sie könnte Verkauft oder in eine andere Stadt gezogen sein. Aslo eine weitere Sackgasse.
Und wieder war einige Zeit Ruhe. Keine Hinweise nichts. Ich trat immer noch auf der Stelle. Nach weiteren 2 Wochen warten kam endlich ein weiterer vielversprechender Hinweis. Eine frühere Nachbarin der Familie meldete sich. Nach einem kurzen Telefonat hatte ich einen Termin mit ihr ausgemacht. Nach knapp einstündiger Fahrt, stand ich vor einem schmucken Reihenhaus. Nach dem Läuten öffnete mir eine etwas ältere Dame, älter als meine Mutter, die Tür und bat mich in das Wohnzimmer. Sie bat mir einen Kaffee an, welchen ich dankbar annahm.
Nachdem ich ihr meine Geschichte in allen Einzelheiten erzählt hatte und auch sämtliche Schritte die ich bisher unternommen hatte um meine leiblichen Eltern zu finden erzählte Sie mir an was sie sich noch erinnern konnte.
“Die Familie ist vor etwa 21 Jahren, also 2 Jahre vor der Geburt in das Nachbarhaus gezogen. Der Ehemann war Ingenieur und arbeitete bei einer großen Firma. Den Namen des Unternehmens weiß ich leider nicht mehr, aber er hatte dort eine ganz gute Position. Die Ehefrau war sehr zurückhaltend und sprach kaum Deutsch. Nachdem seine Frau die Frühgeburt erlitten hatte, hat mir Ihr Ehemann einiges erzählt. Es war nach der Geburt und den ganzen Befürchtungen ob seine Frau und das Kind alles überleben ganz allein. Die Familie lebt in Saudi-Arabien und er und seine Familie waren allein in Deutschland. Wir haben dann häufiger miteinander gesprochen. Er war sehr glücklich als sich dann alles zum Guten gewendet hat und es dem Kind und seiner Frau immer besser ging. Seine Frau hieß Fatima und er Mahmood. Mit Nachnahmen hießen sie Ahmadi. Die Familie stammt soweit ich mich noch erinnere aus Mekka oder Umgebung.
Die älteste Tochter hieß Safiya. Die Tochter die offensichtlich zeitgleich mit Dir geboren wurde heißt Soraya. Die Familie wohnte hier noch ca. 3 Jahre und ist dann wieder in ihr Heimatland zurückgegangen. ”
“Können Sie mir noch mehr über die Familie erzählen?”
“Außer, das in den 3 Jahren noch eine weitere Tochter geboren wurde und ein weiteres Kind unterwegs war. Mehr kann ich dir leider nicht erzählen, da die Familie sehr zurückgezogen gelebt hat.”
“Vielen Dank. Sie haben mir sehr geholfen. Ich hoffe, dass ich nun weiter komme. ”
“Das wünsche ich dir von ganzem Herzen. Aber vergiss die Frau, die dich aufgezogen hat, die dir all die Jahre ihre ganze Liebe gegeben hat nicht. Ich verstehe, dass du deine leiblichen Eltern kennen lernen möchtest. Aber vergiss deine Mutter nicht.”
“Danke. Nein die werde ich nicht vergessen. Sie möchte ja auch wissen was mit ihrer leiblichen Tochter geschehen ist. ”
Jetzt war ich einen Schritt weiter, ich hatte Namen und einen eventuellen Aufenthaltsort. Aber trotzdem war es noch ein weiter Weg.
Was würde mich erwarten, wenn ich meine Eltern finde. Es ist ein ganz anderer Kulturkreis, aus dem meine Eltern stammen. Obwohl, eigentlich stamme ich auch aus diesem Kulturkreis, ich bin nur durch eine Verwechslung in Deutschland und westlich aufgewachsen. Da kommt mir die Frage in den Sinn, bin ich nun überhaupt Deutsche oder Araberin? Ich habe einen deutschen Pass, aber ich bin verwechselt worden. Gilt mein Pass trotzdem oder ist der Pass ungültig. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt wenn ich an diese Fragen und die möglichen Konsequenzen denke. Wenn ich als deutsche Staatsbürgerin gelte, bin ich volljährig, gilt das aber auch in Saudi Arabien? Bin ich eventuell auch Saudi Arabische Staatsbürgerin? Und wenn ja, welche Konsequenzen hat das? Bin ich nach Saudi Arabischen Recht volljährig? Welche Rechte und Pflichten hätte ich? Gilt mein deutscher Pass noch, oder ist dieser hinfällig?
Die Fragen und Gedanken ratterten nur so durch meinen Kopf ohne das ich darauf eine Antwort wüsste. Also erstmal die Gedanken sortieren und nacheinander abarbeiten.
Nach einer Recherche im Internet, steht zumindest fest, dass ich deutsche Staatsangehörige bin. Zumindest nicht staatenlos. Aber wie sieht das mit Saudi Arabien aus?
Die Informationen waren deutlich schwieriger zu bekommen und ob diese richtig sind, weiß ich auch nicht aber möglicherweise. Zumindest kann es sein, dass ich auch Saudi Arabische Staatsbürgerin bin, da ich vermute, dass meine beiden Eltern Staatsbürger sind und ich vermutlich während der Ehe geboren wurde. Ob noch weitere Voraussetzungen gegeben sein müssen konnte ich nicht ermitteln. Jedenfalls ist es so, dass die Frauen einen männlichen Vormund aus dem nächsten Familienumfeld haben, der für viele Rechtshandlungen zuständig ist. Die Frau ist in Saudi Arabien Mensch 2. Klasse. Das kam mir zumindest so vor nach allem was ich gelesen hatte.
“Das ist alles was ich bisher herausgefunden habe. Es ist nicht viel aber zumindest bin ich mir ziemlich sicher, dass ich deutsche Staatsangehörige bin. ” erzählte ich meiner Mutter über meine ganzen Recherchen.
“Mit meinen Eltern bin ich noch nicht weiter. Aber ich habe über Facebook versucht einige arabische Studenten anzumailen um diese zu Bitten meine Story auch auf Arabisch in deren Kreisen zu teilen. Möglicherweise habe ich damit Erfolg.” Ich war mir allerdings nicht sicher ob die Geschichte auch bis zu meiner Familie durchdringt.
“Bist du dir sicher, dass du weiter suchen möchtest, schließlich hast du selbst gesehen, das die Frau in Saudi Arabien nicht die gleichen Rechte hat, wie hier in Deutschland? Was ist, wenn dein Vater verlangt, dass du in Zukunft in Saudi Arabien leben musst? Wenn du dich verschleiern musst? ” fragte mich meine Mutter und traf genau den wunden Punkt, der mir auch einiges an Kopfschmerzen bereitete. Ich hatte mir darüber natürlich auch schon Gedanken gemacht, aber kein befriedigendes Ergebnis erreicht. Ich beschloss, dies alles auf mich zukommen zu lassen. Im Moment hatte ich ja noch gar nichts in der Hand. Und ob die Sucher Erfolg haben wird, ist ja auch nicht sicher.
“Ich bin deutsche Staatsbürgerin Mama. Ich habe hier Rechte und die lasse ich mir nicht nehmen.” versuchte ich die Sorgen meiner Mutter zu zerstreuen und auch meine eigenen Vorbehalte.
“Außerdem ist doch noch vollkommen unklar, ob diese Suche in Saudi Arabien überhaupt erfolgreich ist. Und dann ist da auch noch der DNA-Abgleich den ich vorher verlangen würde, um sicher zu sein, dass es tatsächlich meine Eltern sind. Es sind also noch einige Hürden zu überwinden. Und letztlich lebe ich mein Leben und lasse mir auch nichts vorschreiben.”
Es ist schon seltsam, ich suche nach meinen leiblichen Eltern und nenne die Frau die mich aufgezogen hat und die ich all die Jahre für meine Mutter gehalten hat, immer noch Mama.
” Eines möchte ich jedoch klar stellen: Du wirst immer meine Mutter bleiben. Du hast mich großgezogen, hast an meinem Bett gesessen wenn ich krank war und mich getröstet wenn ich schlechte Noten in der Schule geschrieben habe. Das werde ich nie vergessen. ”
Meiner Mutter standen die Tränen in den Augen. Wir umarmten uns und weinten beide.
In den nächsten Wochen tat sich nichts. Keine neuen Hinweise und auch meine eigenen Recherchen liefen ins Leere. Es war frustrierend. Meine Mutter hat mich immer wieder ermutigt weiter zu machen und auch selbst mit Ihren Möglichkeiten versucht mir zu helfen. Aber ich fürchtete das es aussichtslos sein wird. Auch die Hilfe eines befreundeten Studenten, der der arabischen Sprache mächtig war, führte zu nicht weiter. Ich war drauf und dran die Suche aufzugeben. Meine Mutter hatte sich schon früh damit abgefunden, Ihre leibliche Tochter nie zu sehen. Ich denke ihr half es, dass ich ihr gesagt habe, dass sie immer meine Mutter sein wird.
Es war nun ein halbes Jahr vergangen, ich hatte zwar einige Informationen zusammen getragen, wusste aber nicht ob alles den Tatsachen entspricht was ich an Informationen erhalten hatte. Ich hatte Namen, von denen ich nicht wusste, ob es die richtigen sind, ich hatte einen Ort, von dem ich nicht wusste ob es der richtige ist. Mit anderen Worten ich hatte wenig bis gar nichts. Und ich wusste nicht was ich noch tun sollte. Ich hatte schon überlegt, einen Detektiv ein zu schalten. Nur wo sollte der anfangen. Was konnte ich ihm an belastbaren Daten zur Verfügung stellen. Genau betrachtet eigentlich nichts.
” Ich habe mich entschlossen die Suche einzustellen. Ich glaube nicht, dass sich noch irgendetwas ergeben wird. Der Beitrag ist auf Facebook zigfach geteilt worden, auch im arabischen Raum, aber die Hinweise sind dürftig. Nichts mit dem ich die Suche vertiefen kann ”
“Ich verstehe, dass du Enttäuscht bist. Du hast alles getan, was du tun konntest. Eine solche Suche ist sehr schwierig und aufgrund der langen Zeit, die seit dem Tag vergangen ist, denken viele möglicherweise nicht mehr daran. Außerdem sind viele von denen, die damals in meinem Alter waren, und vielleicht noch Hinweise hätten geben können, nicht unbedingt die Facebook Generation. Also gräm dich nicht. Du hast einen tollen Job gemacht. Ich hätte nie so viel herausgefunden.” versuchte meine Mutter mich zu trösten. Und im Grunde hat sie Recht ich hatte alles getan was möglich war. Es hat leider nicht gereicht.
Ich hatte die Suche eingestellt und mich um mein Studium gekümmert, als ich völlig überraschend eine Mail von einem mir unbekannten Mann erhielt. Als ich anfing die Mail zu lesen, schoss mir das Adrenalin durch den Körper. Sollte die Mail tatsächlich von meinem Vater sein? Ich konnte es nicht glauben.
“Liebe Melanie,
Entschuldige bitte mein schlechtes Deutsch, aber ich habe es schon sehr lange nicht mehr gesprochen und geschrieben. Ich habe deine Geschichte auf Facebook gelesen und mir ist sofort klargeworden, dass du unsere Tochter bist. Meine Frau Fatima hat damals in dem von Dir genannten Krankenhaus per Kaiserschnitt entbunden. Es war eine Frühgeburt und wir konnten dich anschließend nur durch eine Glaswand betrachten. Wie sehr haben wir uns damals gefreut, als es dir besserging und du endlich nach Hause konntest. Wir haben immer gedacht, dass das Mädchen welches wir in den Armen hielten unsere leibliche Tochter ist. Wie sehr haben wir uns getäuscht. Wir lieben das Mädchen von dem wir dachten es ist unsere leibliche Tochter noch genauso wie vor dieser Entdeckung. Wir haben eine 2. Tochter hinzugewonnen. Genauso wie Deine Eltern auch eine Tochter hinzugewonnen haben. Ich denke, wir müssen das positiv sehen und nicht mit klagenden Blick zurückschauen. Was passiert ist, ist passiert und lässt sich nicht mehr ändern. Wir sollten positiv in die Zukunft sehen und das beste aus der Situation machen.
Deine Mutter und ich haben 4 Kinder, 3 Mädchen und einen Jungen. Alle sind wohlauf. Die älteste heißt Safiya und ist bereits glücklich verheiratet und erwartet bald ihr erstes Kind. Ich hoffe es verläuft alles ohne Komplikationen. Wir wohnen in Mekka und ich arbeite als Bauingenieur in einem großen Bauunternehmen. Ich bin inzwischen Abteilungsleiter und habe die Verantwortung für mehr als 150 Mitarbeiter.
Wir sind damals nach der Geburt unseres 3. Kindes zurück nach Saudi-Arabien gegangen, als deine Mutter Heimweh hatte. Für Sie war es in Deutschland nicht einfach.
Ich würde mich freuen wenn du mir mal schreiben könntest. Deine Mutter würde sich auch sehr freuen. Für Sie war es zunächst ein Schock als ihr davon erzählt habe. Aber inzwischen hat sich verstanden, dass Sie eine weitere Tochter bekommen hat. Sie möchte dich auch gern kennen lernen.
Bis Bald
Dein Vater.”
Ich konnte es nicht fassen. Sollte es mir tatsächlich gelungen, sein meine Eltern ausfindig zu machen. Ich konnte noch nicht so recht daran glauben. Ich hatte auf meiner Suche zu viele Enttäuschungen hinnehmen müssen, als das ich in Euphorie ausgebrochen wäre.
“Wie fühlst du dich” fragte meine Mutter.
“Ich bin mir nicht sicher. Einerseits bin ich glücklich das meine Suche möglicherweise erfolgreich war, andererseits habe ich Angst, dass das ganze wie eine Seifenblase zerplatzt. ”
“Hast du ihm schon geschrieben? ”
“Nein noch nicht. ”
“Vielleicht solltest Du ihn fragen, wie die damaligen Verhältnisse waren. Z.B. Ärzte, Krankenschwester, Klinik, etc. Seine Erzählungen können wir mit meinen Erinnerungen abgleichen und wir können feststellen, ob seine Geschichte dem entspricht was damals tatsächlich passiert ist. ”
“Das ist eine gute Idee. Ich wird Ihnen danach fragen. Dann sehe ich ja ob etwas dran ist. ”
“Lieber Papa,
Vielen Dank für Deine Nachricht. Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, euch jemals zu finden. Und aufgrund der vielen Fehlschläge bei der Suche in den letzten Monaten, möchte ich Dich bitten mir mehr Details aus der damaligen Zeit in der Klinik zu nennen. Versteh mich bitte nicht falsch, aber ich glaube ich könnte es nicht ertragen, wenn sich später herausstellen sollte, das Ihr nicht meine Eltern seid.
Ich freue mich auf Deine Antwort.
LG Melanie”
“Liebe Melanie,
Ich verstehe Deine Befürchtungen, darum will ich Dir einige Details nennen. Der Arzt der deine Mutter und die Frau mit der deine Mutter das Zimmer geteilt hat hieß Kranefuss. Die beiden wurden von 2 Krankenschwestern betreut. Eine ältere und recht korpulente “Schwester Olga” und eine junge Schwester Andrea. Beide Frauen wurden nach 5 Tagen entlassen.
Ihr beiden musstet noch auf der Frühchenstation verbleiben, da ihr noch zu klein wart.
Ich hoffe ich konnte Dir die notwendigen Details nennen. Es wäre schön wenn du unsere Tochter bist und du uns mehr von dir erzählst.
Bis Bald. Dein Vater”
” Mama kommst Du bitte mal. Ich habe eine Antwort erhalten. ”
” Es stimmt alles. Der Name des Arztes und der Schwestern. Schwester Olga war manchmal ein richtiges Biest. ”
Als meine Mutter mir alles bestätigte, war ich total euphorisiert. Ein Blick auf meine Mutter reichte aber um mich wieder herunter zu holen. Ihr Blick war von einer solchen Traurigkeit, dass ich sofort wusste woran sie dachte.
“Du wirst immer meine Mutter sein. Ich bin dir für alles dankbar was du für mich getan hast. ”
Uns kam beiden die Tränen und wir fielen uns in die Arme.
“Lieber Papa,
Vielen Dank für deine Nachricht. Es hat alles gestimmt. Um aber ganz sicher zu gehen, möchte ich Dich bitten einem DNA-Abgleich zuzustimmen. Ich hatte bereits einmal die böse Überraschung, dass meine Eltern nicht meine leiblichen Eltern sind. Ich möchte mir dies einfach ein 2. Mal ersparen. Ich denke es ist auch für euch wichtig sicher zu sein, dass ich eure leibliche Tochter bin.
Nun zu mir: Ich bin hier in Niedersachsen aufgewachsen, zunächst hier am Ort zur Schule gegangen und nach 4 Jahren in die nächste Kreisstadt auf das Gymnasium. Letztes Jahr habe ich mein Abitur mit einer Note von 1,8 gemacht. 1,0 ist die beste Note. Zurzeit studiere ich Biologie in Hannover im 2. Semester. Ich bin 165 cm groß, habe braune Augen und dunkelbraune Haare, die mir bis auf den Rücken reichen(ein Foto anbei). Ich bin sehr sportlich, trainiere mindestens 4 Mal die Woche und treffe mich gern mit Freundinnen zum Kaffee und zum Quatschen. Ich höre gern Musik und lese gern Krimis. Im August fahre ich mit 2 Freundinnen für 4 Wochen in die USA. New York, Boston etc. Wir wollen die Neu-England Staaten bereisen.
Vor 3 Jahren ist mein Vater gestorben. Er hatte einen Unfall, der gar nicht schlimm aussah. Allerdings war bei ihm eine Arterie gerissen, die zu einem hohen Blutverlust geführt hat. Leider hatte das Krankenhaus nicht ausreichend Blutkonserven um den Blutverlust auszugleichen und da auch die Blutung nicht gestillt werden konnte, ist mein Vater langsam verblutet.
Es war schrecklich. Ich habe mich daraufhin entschlossen selbst auch Blut zu spenden, damit anderen Menschen so etwas nicht passiert. Dabei ist festgestellt worden, dass meine Blutgruppe nicht mit der übereinstimmt, die in meinem Impfpass stand. Nach weiteren Test stand fest, dass meine Eltern nicht meine leiblichen Eltern waren. Das war ein ziemlicher Schock. Mit einem Mal ist alles anders. Es gibt plötzlich keine Gewissheit mehr. Ich habe mich dann auf die Suche begeben und nach einigen Irrungen und Wirrungen habe ich Euch gefunden.
Soviel für jetzt.
LG Melanie”
“Liebe Melanie,
Vielen Dank für Deine Mail und dein Foto. Du bist eine hübsche Frau geworden. Ich bin stolz auf Dich und was Du vollbracht hast. Ich würde Dich auch gern persönlich kennenlernen und auch gleichzeitig den von dir vorgeschlagenen DNA-Abgleich zu machen um endgültige Sicherheit zu bekommen. Es gibt so viel zu erzählen und ich bin auch neugierig auf Dich.
Ich könnte nach Deutschland kommen, wenn Du aus den USA zurück bist. Dann können wir den Abgleich machen und uns über alles unterhalten.
Bis Bald
Dein Papa”
Langsam kehrte wieder Normalität ein. Ich hatte meine Leiblichen Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit gefunden und die letzten Zweifel würden durch einen DNA-Test beseitigt werden. Was mich vor allem interessiert, ist, wie die Familie in Saudi-Arabien lebt. Das was ich über Saudi-Arabien weiß, habe ich aus dem Internet und Zeitungen. Aber wie leben die Menschen. Im Internet und den Zeitungen wird meist nur allgemein berichtet. Ich weiß das Frauen in Saudi-Arabien wenig Rechte haben.
Ich war gespannt wie mein Vater auf meine Fragen reagieren würde. Ist er auch so ein Macho, der die Frauen im Haus versteckt und nur wenig zulässt oder ist er ein liberaler Mensch was sicher nicht ausgeschlossen ist, da er einige Jahre in Deutschland gelebt hat und meine leibliche Mutter damals nicht verschleiert war, wir mit meine Mutter berichtet hat. Und vor allem was würde er von mir erwarten. Würde er wollen, dass ich mich nach seinen Wünschen richte, oder akzeptiert er, dass ich westlich erzogen wurde und meine eigenen Wünsche und Vorstellungen habe.
Je näher die Ankunft meines Vaters rückte, desto nervöser wurde ich. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir gar nicht darüber gesprochen haben, ob meine Mutter auch mitkommt oder nicht. Ich habe übrigens überhaupt noch nicht mit ihr gesprochen, immer nur mit meinem Vater. Was konnte das bedeuten. War mein Vater letztlich ein Macho, der seine Frau und Töchter “unterdrückt” oder hatte das andere Gründe? Lebt sich überhaupt noch? Was könnte es sonst für Gründe geben, warum ich bisher noch nicht mit Ihr gesprochen habe. Wobei ich mit meinem Vater bisher auch nur per Mail gesprochen habe. Also Abwarten und Tee trinken.
Die Tage zogen sich wie Kaugummi. Aber heute ist endlich der Tag an dem ich das erste Mal meinen Vater begegnen werde. Schade ist nur das meine Mutter nicht mitkommen konnte. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Auf ein paar Wochen früher oder später kommt es nicht an.
Endlich da ist er.
” Hallo meine schöne Tochter wie geht es dir. In Natura siehst du noch schöner aus, als auf dem Foto.” Trotzdem schien es mir, als ob ihn irgendetwas gestört hat. Ein Lächeln umspielte zwar seinen Mund, dieses lächeln konnte ich in seinen Augen aber nicht wiederfinden. Ich hatte angesichts der Hitze des Tages ein luftiges Sommerkleid mit Spagettiträgern und relativ kurzem Rock angezogen. Ob es wohl mit der Kleidung zusammenhing?
“Hallo Papa” war alles was ich erwidern konnte bevor mir die Tränen kamen. Endlich stand ich meinem Vater gegenüber. Nach einer Suche von mehr als einem Jahr. Was mich etwas irritierte, war das er mich nicht in die Arme nahm. Aber das hängt vielleicht mit der Kultur zusammen und ich wollte ihn nicht drängen.
Wir sind anschließend in sein Hotel gefahren, wo er sich zunächst frisch gemacht hat. Wir sind dann in ein Restaurant in der Nähe gegangen um uns in Ruhe unterhalten zu können. Meine Mutter wartete zu Hause gespannt auf einen Bericht. Auf die Frage ob sie nicht mitkommen möchte, meinte sie nur, dass sie den Moment an dem ich meinen Vater zum ersten Mal zu sehen bekommen nur für uns lassen möchte.
“Meinst du nicht, dass du etwas unpassend gekleidet bist?” fragte mich mein Vater direkt. Ich musste schlucken und mir war klar, warum er vorhin so seltsam geschaut hat.
“Was wäre den Deiner Meinung nach angemessen” fragte ich deutlich unterkühlter zurück, nachdem seine Frage meine Euphorie abrupt in den Keller hat sausen lassen.
“Du solltest dich mehr bedecken. Für eine unverheiratete Frau ist es besser, wenn sie sich nicht so freizügig in die Öffentlichkeit begibt. Du bist unter westlichen Einflüssen aufgewachsen, daher kann ich das verstehen, wenn du dich wie andere Altersgenossinnen kleidest. Ich wünsche mir, dass wenn wir zusammen sind, du dich mehr bedeckst.
Deine Mutter wäre vor Scham im Erdboden versunken, hätte sie dich so gesehen.“
Das war echt starker Tobak was er mir das aufgetischt hat.
„Soll ich mich etwa genauso verschleiern wie in Saudi Arabien” schoss ich zurück?
“Was wäre so schlimm daran. Jeder Mann würde erkennen, dass du eine ehrenhafte und zu respektierende Frau wärst”
“Und wenn ich mich so kleide, wie ich bin, gelte ich als Hure? Ist es das was du mir damit sagen willst?”
Ich wurde immer wütender. Das kann doch wohl nicht wahr sein, hat mich fast 20 Jahre nicht gesehen und jetzt erst oberflächlich kennen gelernt und meint mir Vorschriften machen zu müssen.
“Nein so war das nicht gemeint. Ich halte dich für eine ehrenhafte und respektable junge Frau. Und ich werde dir auch keine Vorschriften machen, da ich weiß, dass du in einer anderen Kultur aufgewachsen bist. Entschuldige bitte, ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich möchte dir auch keine Vorschriften machen. Ich bin es nicht gewohnt mit einer Frau außer deiner Mutter und deinen Schwestern zu reden. Hinzu kommt, dass deine Mutter und Schwestern sich entsprechend bedecken. Daher war ich im ersten Moment etwas geschockt, als ich dich so freizügig gesehen habe. Entschuldige bitte. Ich möchte nur dein bestes. ”
“Ist schon in Ordnung. Ich habe auch etwas überreagiert. Die ganze Situation ist halt so … ich weiß nicht wie ich es formulieren soll. So unwirklich. Ich hatte mich unglaublich darauf gefreut dich endlich in Natura zu sehen und stattdessen sprichst du mich auf die Kleidung an. Das war im ersten Moment wie ein Schlag in die Magengrube, aber nach einigem Überlegen muss ich mich bei dir entschuldigen. Da ich weiß, dass wir aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen hätte ich mehr Rücksicht nehmen müssen. Ich werde es für die Zukunft beherzigen. ”
“Danke das ist sehr nett. Ich bin mir sicher, dass wir sehr gut miteinander auskommen werden. Wie ist denn die weitere Planung. Wann ist der Test?”
“Der Test ist morgen früh um 9:00. Mit Ergebnissen, ist aber erst in frühestens einer Woche zu rechnen. ”
“Und was steht für die nächsten Tage sonst auf dem Programm?”
“Ich dachte mir, dass du meine Mama, entschuldige meine deutsche Mama kennenlernst und wir ansonsten die Zeit gemeinsam verbringen um uns gegenseitig besser kennen lernen zu können. So viel Zeit ist in den nächsten 3 Tagen bis zu deinem Rückflug ja auch nicht. ”
“Ja leider. Aber aus beruflichen Gründen konnte ich nicht länger weg.”
Nachdem das Essen serviert worden war, haben wir schweigend unser Essen zu uns genommen. Anschließend habe ich ihm noch die ein oder andere Anekdote aus meinem Leben erzählt. Nach fast 3 Stunden haben wir und bis zum nächsten Morgen verabschiedet.
Meine Mutter war neugierig zu erfahren, was denn so passiert ist und wie mein Vater so ist. Ich habe ihr alles erzählt. Auch die Episode mit der Kleidung. Meine Mutter war etwas skeptisch hinsichtlich meiner Kleidungswahl am nächsten Morgen.
“Melanie, meinst du wirklich, dass du dich so sehr bedecken musst? Schließlich sind wir hier in Westeuropa und nicht in Saudi-Arabien.”
“Das mag sein, aber ich möchte es mit meinem Vater nicht gleich verderben, nachdem wir uns eben erst kennen gelernt haben. Und was ist schon dabei, wenn ich mich etwas bedecke. Außerdem ist es auch nicht so warm wie gestern. Also fällt es sowieso kaum auf.” versuchte ich meine Mutter zu beruhigen. Dabei war ich mir selbst unsicher. Ist das nun meine freie Entscheidung, mich so zu bedecken oder ist insgeheim der Einfluß von meinem Vater? Letztlich bin ich zu dem Schluß gekommen, dass es meine eigene Entscheidung ist, da ich nur Kleidung trage, die ich sowieso schon besaß und ja auch kein Kopftuch trage. Der Rock ist zwar schon älter, aber er passt immer noch wie angegossen und er ist fast bodenlang Die Bluse ist Langärmlig. Beides habe ich früher auch schon getragen ohne dass es eine solche Aufregung darum gab. Naja ich habe die Sachen zwar erst im Herbst getragen, aber heute war auch ein kühler Tag also war es nichts Ungewöhnliches.
Pünktlich um 08:30 fuhr ich am Hotel vor um meinen Vater abzuholen. An seinem Lächeln konnte ich feststellen, das ihm gefiel was er sah.
Du siehst umwerfend aus mein Kind.” Alles richtig gemacht dachte ich bei mir.
“Danke Papa, bist du soweit? Dann lass uns starten”
Nach einer kurzen Fahrt, erreichten wir das Labor, welches den Test durchführen würde. Als wir das Labor betraten, schaute mich die Empfangsdame etwas seltsam an, sagte aber nichts weiter. Nach der Anmeldung wurden wir in den Wartebereich gebeten. Nach kurzer Zeit kam ein Arzt und begleitete uns in einen Behandlungsraum. Nachdem meinem Vater ein wenig Blut abgenommen worden war, konnten wir wieder gehen.
“Musst du denn kein Blut abgeben” fragte mich mein Vater erstaunt.
“Nein. Meine DNA liegt vor. Nachdem es zu Irritationen mit meiner Blutgruppe gekommen war, hatte ich zusammen mit meiner Mutter bereits einen Test machen lassen. ” erklärte ich ihm.
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Mein Vater hat meine Mutter kennengelernt. Nachdem sich beide gut verstanden haben ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Die ganzen Tage bis zum Abflug meines Vaters habe ich züchtige Kleidung getragen. Es hat mir nichts ausgemacht. Im Gegenteil ich war stolz, wenn mein Vater mir anerkennend zugeblinzelt hat.
Nachdem mein Vater abgeflogen war, habe ich über die Tage die wir zusammen verbracht haben, nachgedacht. Ich denke ich kann ihn liebhaben als Vater. Auch wenn unser Start etwas holprig war, so waren die letzten Tage sehr harmonisch. Im ersten Moment war ich zwar etwas aufgebracht, als er meine Kleidung kritisiert hatte, aber ich kann ihn auch verstehen. Zum einen kennt er aus Saudi-Arabien etwas anderes und zum anderen hat er nicht ganz unrecht. So wie ich gekleidet war, haben mir die Männer nachgeschaut und mich eher als Sexobjekt wahrgenommen, denn als Frau. In den Tagen als ich mir züchtiger gekleidet habe, bekam ich kaum noch anzügliche Kommentare zu hören, was eigentlich ganz angenehm war, da ich mich über diese Kommentare immer echt aufgeregt habe.
Auch wenn mein Vater inzwischen nach Saudi-Arabien zurückgekehrt ist, trage ich noch immer züchtige Kleidung. Ich kann das nicht begründen. Es ist ein Gefühl, das ich ihm das schuldig bin. Wobei das auch nicht das richtige Wort ist. Es gibt mir ein gutes Gefühl wenn ich mich so kleide und an meine Eltern in Saudi Arabien denke. Außerdem sind die Kommentare und die anmachen deutlich zurückgegangen.
Und noch etwas habe ich nach dem Besuch meines Vaters begonnen. Ich habe den Koran gelesen. Ich möchte meinen Vater und meine Familie besser verstehen lernen. Überrascht hat mich, dass viele Geschichten aus der Bibel auch im Koran enthalten sind. Das hat mich ziemlich verwundert. Die Geschichten kannte ich teilweise, aber andere Teile waren für mich nur schwer zu verstehen. Ich werde meinen Vater fragen, wenn wir uns das nächste Mal treffen.
Endlich. Das Testergebnis ist da. Es ist wie erwartet. Die Vaterschaft ist mit 99,9% Sicherheit bestätigt.
“Jetzt hast du deine Eltern gefunden. ” meinte meine Mutter mit Wehmut in der Stimme.
“Ja. Aber du wirst immer meine Mutter bleiben”
“Danke. Aber ich spüre bereits den Einfluss deines Vaters.”
“Was meinst du damit?” frage ich verwundert.
“Naja. Du kleidest dich sehr moderat, liest den Koran, gehst kaum noch aus und wenn, bist du ziemlich früh zurück”
“Das ist mir noch gar nicht so sehr aufgefallen. Hinsichtlich der Kleidung schon, da hatten wir drüber gesprochen. Aber die anderen Punkte waren mir bisher noch nicht so bewusst. Aber jetzt, wo du es sagst wird mir das auch bewusst. ”
“Du solltest dich nicht so sehr beeinflussen lassen. Du bist hier groß geworden. Deine Familie in Saudi-Arabien führt ein ganz anderes Leben als Du. Ich verstehe, dass du deinem Vater gefallen möchtest. Aber denke an die kulturellen Unterschiede. Du führst hier ein freies und ungebundenes Leben. Das könntest du in Saudi-Arabien nicht führen.”
“Wieso kommst du auf den Gedanken ich könnte nach Saudi-Arabien gehen?”
“Ich denke, dein Vater wird versuchen, dich davon zu überzeugen, da deine ganze Familie in Saudi-Arabien wohnt. Aber ich befürchte, wenn du das machen würdest, wirst du eingehen wie eine Primel. Auch wenn deine arabische Abstammung hast, bist du westlich erzogen worden. Du hattest alle Freiheiten zu tun und lassen was du möchtest. Das wird in Saudi-Arabien nicht möglich sein. Du brauchst deine Freiheit. Eine Freiheit, die dir in Saudi-Arabien niemand geben wird.”
“Aber was ist mit deiner Tochter. Möchtest du den gar nicht wissen was mit ihr ist. Möchtest du sie nicht wiedersehen.?”
“Ich möchte sie schon sehr gern wiedersehen. Aber sie ist in Saudi-Arabien erzogen worden, und ist inzwischen verheiratet. Dein Vater hat ihr bisher noch nichts erzählt und ich möchte keinen Unfrieden in die Familie bringen. Ich habe mich damit abgefunden, meine Tochter nie zu sehen. Ich denke, das ist besser so. Und genauso wie es für meine leibliche Tochter besser ist, in Saudi-Arabien zu leben, wird es für dich besser sein, hier in Deutschland zu leben. Ich weiß, dass momentan die Aufregung um deine neue Familie alles andere in den Schatten stellt und auch vieles in einem anderen Licht erscheinen lässt als es bei nüchterner Betrachtung aussieht. Darum möchte ich dich eindringlich warnen, sei nicht zu voreilig und überlege gut, ob es wirklich die richtige Entscheidung wäre nach Saudi-Arabien zu gehen.”
Ich war hin und hergerissen. Das was meine Mutter sagte hatte sicher Hand und Fuß. Auf der anderen Seite ist es meine lang vermisste Familie. Je länger ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich.
Die Mails mit meinem Vater waren in der letzten Zeit relativ kurzgehalten. Ich hatte ihm geschrieben, dass der Test bestätigt hat, dass er mein Vater ist. Die Reaktion war anders als ich es erwartet habe.
“Liebe Melanie,
Ich freue mich das der Test bestätigt hat, was ich in meinem Herzen bereits wusste. Du bist meine Tochter und eine Muslima. Ich möchte das du dich von nun an auch wie eine gute Muslima verhältst und die auch entsprechend kleidest. Ich werde dich den Koran lehren, damit du dich in unserer Religion zurechtfindest.
Ich werde in 2 Wochen nach Deutschland kommen und auch deine Mutter mitbringen.
Bis Bald
Dein Vater”
Ich habe die Mail wieder und wieder gelesen. Ich wusste nicht wie ich diese Mail deuten sollte. Sie war verstörend. So unpersönlich und fordernd wie bisher keine Mail. Einerseits freute ich mich meine Mutter endlich zu sehen, andererseits fürchtete ich mich vor dem Treffen mit meinem Vater. Sollte meine Mutter recht haben? In mir wuchsen die Zweifel. Was sollte ich tun? Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger wusste ich was ich machen sollte. Mal tendierte ich in die eine Richtung mal in die andere Richtung. Nach langem nachdenken habe ich mich entschlossen, alles auf mich zukommen zu lassen. Er konnte mich ja schlecht entführen und ist hatte eine deutsche Staatsbürgerschaft. Wenn er also fordern würde, dass ich mich verschleiern soll, oder mit nach Saudi-Arabien kommen soll, kann ich den Kontakt immer noch abbrechen. Ich bin all die vielen Jahre ohne meine leibliche Familie ausgekommen, also würde ich dies auch weiterhin können. Worüber sollte ich mir also Sorgen machen.
Endlich war der Tag da, an dem meine Eltern ankommen sollten. Leider konnte ich sie nicht vom Flughafen abholen, da ich eine Klausur schreiben musste. Endlich hatte ich Klausur beendet. Ich hoffe die ist halbwegs ordentlich gelaufen. Ich konnte mich nur schlecht konzentrieren, da ich immer wieder an das treffen mit meiner leiblichen Mutter denken musste.
Nichts wie raus und ins Hotel, in dem meine Familie abgestiegen ist.
Nachdem ich das eine oder andere Mal zu schnell war, bin ich endlich am Hotel angekommen. Mein Vater erwartete mich bereits in der Lobby.
“Hallo Papa, wo ist Mama?” bestürmte ich Ihn.
“Ich sehe du kleidest dich immer noch wie damals als wir uns das letzte Mal gesehen haben.”
“Ja. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Aber ich möchte jetzt gern meine Mutter sehen”
“Ok dann komm. Deine Mutter ist oben auf dem Zimmer. ”
Nach einer fast endlos erscheinenden Fahrstuhlfahrt kamen wir endlich an. Wow dachte ich beste Kategorie die mein Vater gewählt hatte. Wird eine ganz schöne Stange Geld kosten, hier zu residieren.
Nach einigen Metern ging mein Vater zu einer Tür und öffnete diese mit der Keycard und wir betraten eine Suite. Das Zimmer war riesig und es handelte sich anscheinend nur um den Wohnbereich. Aber von meiner Mutter war nichts zu sehen. Mein Vater zeigte auf eine weitere Tür auf die ich schnurstracks losstürmte und beim Öffnen fast aus den Angeln riss. Ich konnte es nicht mehr erwarten meine Mutter zu sehen.
Das was ich nach dem Öffnen der Tür sah traf mich völlig unvorbereitet. Dort saß auf dem Bett eine vollkommen schwarz verhüllte Person. Ich war geschockt. Das sollte meine Mutter sein?? Wie konnte das sein. Die Nachbarin hatte mir erzählt, dass meine Mutter eine sehr hübsche junge Frau mit einer tollen Figur war. Wieso sehe ich hier nur eine von schwarzen Stoff, Kleidung konnte man das eigentlich nicht nennen, vollständig eingehüllte Frau. Bevor ich mich umdrehen und meinem Vater fragen konnte, rührte sich dieses schwarze Gespenst.
“Meine Tochter, endlich darf ich dich in meine arme nehmen. ” kam sie mit offenen Armen auf mich zu.
Ich war so geschockt, dass ich mich weder bewegen noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Was ging hier ab?
Nachdem ich mich nicht gerührt hatte, umarmte mich meine Mutter. Es war ein komisches Gefühl. Sie war vollkommen verschleiert, nichts war zu erkennen und doch hatte ich das Gefühl sie direkt zu spüren. Ich hatte sie noch nie gesehen und doch wusste ich, dass es meine Mutter ist. Nachdem ich mich etwas gefangen hatte, und sie die Umarmung beendet hatte fasste sie mich an der Hand und zog mich in das Zimmer und schloss die Tür. Sie forderte mich mir einer Handbewegung auf mich zu setzen. Sie tat das gleiche und frage mich ob ich etwas trinken möchte.
“Nein danke. ”
“Ich weiß das du verwirrt und erschrocken bist. Entschuldige bitte. Ich hatte deinen Vater gebeten nichts zu sagen, da ich die Befürchtung hatte, du könntest davonlaufen.”
“Wieso sollte ich das Tun. Du bist meine Mutter. ”
“Ja aber ich hatte Angst. Und jetzt habe ich dich so erschrocken. Das wollte ich nicht.”
“Schon ok. Ich habe mich von dem ersten Schock erholt. Aber könntest du bitte den Schleier abnehmen”
“Ja aber nur heute für unser erstes Gespräch. Du musst wissen, die Frauen in unsere Familie leben alle in Purdah. Wir verschleiern uns vollständig, und vor allem jederzeit. Wir schlafen auch verschleiert. Deine Schwestern haben noch nie mein Gesicht gesehen. Bei dir mache ich eine Ausnahme, da du in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen bist.”
Zum Vorschein kam ein wunderbares ebenmäßiges Gesicht von einer in früheren Zeiten vornehmen Blässe. Meine Mutter schaute mich aus großen braunen Augen an. Es war ein wohlwollender Blick. Ich wusste sofort das ich meiner Mutter in die Augen blickte.
“Wieso bist du verschleiert. Eure frühere Nachbarin hat mir erzählt, dass du damals, als ihr hier gewohnt habt, dich nicht verschleiert hast. Was hat sich geändert. Verschleiern sich meine Schwestern auch?
“Es ist lange her das wir hier gewohnt haben. Es hat sich seitdem eine Menge geändert. Dein Vater hatte damals einen guten Posten hier in Deutschland. Mir gefiel es hier auch, da alles offener und ungezwungener war. Dann starb plötzlich und unerwartet dein Großvater, und dein Vater war von heute auf morgen als ältester Sohn das Oberhaupt der Familie. Es blieb uns nichts andere übrig, als nach Saudi-Arabien zurück zu kehren. Dein Vater musste den Job hier in Deutschland aufgeben. Wir kehrten also nach Saudi-Arabien zurück. Allerdings hatte dein Vater keinen Job und wir hatten 3 Kinder und das 4. war unterwegs. Sein Onkel hat deinem Vater dann einen Job besorgt, der gut bezahlt war. Allerdings war dieser Job bzw. ist es noch in Mekka in einem sehr konservativen Unternehmen. Der Inhaber ist ein sehr religiöser Mann und auch die ganze Familie des Arbeitgebers deines Vaters ist sehr religiös und auch einflussreich. Hätte dein Vater den Job nicht angenommen, hätte er vermutlich keinen anderen in Saudi-Arabien bekommen, vielleicht als Straßenkehrer, aber ohne Möglichkeit die Familie zu ernähren.
Wie gesagt es handelte sich um eine sehr religiöse Familie und das strahlte in das Unternehmen und natürlich auch auf die Angestellten aus. Wir bekamen ein Haus von der Firma in einer sehr vornehmen Gegend gestellt. Das bedeutete allerdings auch, dass wir uns dem leben anpassen mussten. Für deinen Vater waren die Anpassungen geringer. Es wurde erwartet, dass er regelmäßig in die Moschee ging. Für mich und die Kinder war die Änderung viel gravierender. Alle Frauen aus der Wohnsiedlung folgten Purdah. Und zwar in einer sehr strengen Form. Sie waren alle vollständig verschleiert und zwar rund um die Uhr Es war bei keiner einzigen auch nur ein kleines bisschen Haut zu sehen. Wenn dein Vater den Job behalten wollte, musste ich mich den Gepflogenheiten anpassen. Es blieb mir also nichts andere übrig als mich auch vollständig zu verschleiern. Und das tue ich seitdem.”
“Entschuldige ich wusste nicht was du durchgemacht hast. ”
“Ist schon gut. Ich weiß welche Reaktionen ich auf Menschen habe, die mich zum ersten Mal sehen. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt und ganz ehrlich, ich möchte auch nicht mehr ohne Schleier leben. Ich habe bevor wir hierher abgereist sind probiert wie es ist ohne Schleier und Kopftuch zu sein. Als ich mich im Spiegel sah war ich erschrocken und fühlte mich unwohl. Ich wollte dir nicht verschleiert gegenübertreten, aber ich konnte es nicht. Ich habe es vorhin nochmal probiert, aber ich fühlte mich unwohl und unsicher. ”
“Das ist schon ok. Und wenn es dir besser geht kannst du auch gern den Schleier wieder vor das Gesicht ziehen.”
“Das ist lieb von dir. Ich fühle mich in der Tat sicherer und wohler, wenn ich vollständig verschleiert bin. Ich weiß das du das nicht nachvollziehen kannst. Ich habe mich in den letzten 18 Jahren so sehr daran gewöhnt, dass ich gar nicht mehr anders kann.”
“Ich verstehe dich. Und da ich dich nun gesehen habe, ist es auch vollkommen ok das du den Schleier wieder vor das Gesicht gezogen hast. Wichtig ist das ich euch gefunden habe. Alles andere ist unwichtig.”
“Ja ich bin auch sehr glücklich, dass du uns gefunden hast. Es ist unglaublich, dass ihr damals vertauscht worden seid und niemand etwas gemerkt hat. Ich habe Soraya wie meine Tochter erzogen. Bis vor einiger Zeit, gab es ja auch überhaupt keinen Zweifel daran. Und nun habe ich noch eine zusätzliche Tochter. Wie wunderbar.”
“Mein Name wäre also Soraya und Sorayas Name wäre Melanie. Weiß Soraya eigentlich das wir vertauscht wurden?”
“Nein bisher nicht. Ich wollte dich erst sehen, bevor ich es ihr sage. Ich habe Angst davor wie Sie reagieren wird. Schließlich hat dieser Tausch für jeden von euch ein Leben eingerichtet, welches eigentlich nicht vorgesehen war. Soraya hat einen ziemlich starken Willen und ist manchmal auch einen Sturkopf.”
“Wie meine Schwester, pardon Ihre Schwester”
“Ich möchte sie langsam und vorsichtig darauf vorbereiten. Sie ist grade frisch verheiratet. Von daher möchte ich nicht, dass sie sich zu sehr aufregt. Sobald ich ihr das sage wird das noch anstrengend genug. Ich hoffe nur das Ihre Ehe nicht darunter leidet.”
“Ja es ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, und wenn sie so ist wie Ihre Schwester, dann beneide ich dich nicht um die Aufgabe. Sag mal, ist eigentlich nicht ziemlich warm unter dem Schleier?”
“Ja aber man gewöhnt sich an alles. Sei jetzt bitte nicht böse, aber ich habe für dich auch entsprechende Kleidung eingepackt. Dein Vater sagte zwar, ich solle das sein lassen, da du solche Kleidung sowieso nicht anziehen würdest. Aber ich konnte nicht wiederstehen. ”
“Du meinst, solche Kleidung wie du sie im Moment trägst?” fragte ich total entgeistert.
“Ja. Ich sehe aber das dein Vater recht hatte. Also am besten du vergisst was ich dir gesagt habe.”
“Aber warum hast du solche Sachen eingepackt.”
“Ich weiß das das eine blöde Idee war, aber ich dachte da du meine Tochter bist und alle meine Töchter wie ich auch in strikt Purdah leben und sich vollständig und rund um die Uhr verschleiern, würdest du das auch tun. Das war natürlich vollkommen naiv von mir so etwas zu denken.”
Meine Gefühle schlugen Purzelbaum. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte meine Mutter sofort liebgewonnen und sie hatte gehofft, dass ich mich so kleide, wie sie selbst und ihre anderen Töchter, auf der anderen Seite bin ich in Deutschland, im Westen groß geworden und kenne die Diskussionen um die Verschleierung der Frau. Und hier sitze ich nun, und weiß nicht was ich tun soll. Normalerweise hätte ich meinem gegenüber den Vogel gezeigt und gesagt sie spinnt und sie kann sich die Sachen sonst wohin stecken.
Auf der anderen Seite saß dort meine Mutter die ich heute zum ersten Mal sah und mit der ich sofort eine unsichtbare Verbindung hatte. Und ich wollte sie eigentlich nicht enttäuschen und auch mich nicht nachdem ich solange auf die Suche verwendet hatte und danach noch so lange waren musste bis ich sie endlich sehen und in meine Arme schließen konnte.
Es war total verrückt, aber ich wollte meine Mutter glücklich machen und ich wollte, dass sie mich so liebt wie ihre anderen Töchter.
“Weißt du was, wenn du die Sachen schon extra eingepackt hast, dann probiere ich die wenigsten aus.”
Das strahlen auf ihrem Gesicht konnte ich förmlich spüren.
“Ist das dein Ernst” fragte sich mich ganz aufgeregt
“Ja und ich trage die Sachen solange wir zusammen sind.”
“Das ist ja wunderbar. Ich liebe dich mein Kind. Komm mit, damit wir dich einkleiden können.”
Mir wurde etwas mulmig zu mute, aber was soll es, ich konnte meiner Mutter einen Gefallen tun. Nachdem ich mich vollständig entkleidet hatte, kam über die Unterwäsche die ich noch trug, zunächst schwarze langbeinige Schlüpfer und ein schwarzes Hemd mit langen Ärmeln. Anschließend kamen dicke schwarze Strümpfe die bis zum Knie gingen. Als nächstes band meine Mutter mir ein schwarzes Kopftuch um. Es waren nur noch mein Gesicht und die Hände zu sehen. Weiter ging es mit einer Überkopfabaya. Als ich die Arme ausbreitete stellte ich fest, dass die Ärmel an der Abaya mit zusätzlichem Stoff befestigt waren. Damit wurde meine Figur noch zusätzlich verdeckt. Nach den Handschuhen kam der Niqab. Meine Sicht wurde ziemlich stark eingeschränkt. Sehen konnte ich nicht mehr viel.
“Fertig” meinte meine Mutter. “Und wie fühlst du dich”
“Schwer zu sagen, auf alle Fälle aber warm” war meine Antwort.
“Komm stell dich mal vor den Spiegel”
Das was ich sah, war genau das gleiche wie vorhin, als ich meine Mutter das erste Mal sah. Nur schwarzen Stoff.
Mir schossen tausend Gedanken wild durcheinander durch den Kopf.
“Wenn ich dich so sehe, muss ich sagen, du wärst die ideale Frau für den Sohn des Chefs deines Vaters. ”
Ich stürzte in ein Gefühlschaos. Der Gedanke einen Mann zu heiraten und für immer so verschleiert zu leben, erregte mich in einer Art und Weise wie ich es noch nie erlebt habe. Mir wurde fast schwindelig als ich daran dachte. Und der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Ich versuchte an etwas anderes zudenken aber der Gedanke kam immer wieder zurück. Ich wankte etwas hin und her.
“Was ist mir dir. Ist dir nicht gut mein Schatz” fragte mich meine Mutter ganz aufgeregt.
“Nein ist alles ok” versuchte ich so normal wie möglich zu sagen. Aber ich denke meine Mutter hat meine Erregung aus meiner Stimme herausgehört.
“Komm lass uns setzen, nicht das du hier noch umkippst.”
Es war gut zu sitzen. Meine Beine waren schon ziemlich weich geworden. Viel länger hätte ich nicht mehr stehen bleiben können. Was war bloß los mit mir. Ich sitze hier in einem Hotelzimmer vollverschleiert, und die Aussage meiner Mutter über die Heirat eines streng gläubigen Moslems und ein Leben vollständiger Verschleierung lässt mich einen Orgasmus haben? Bin ich etwa masochistisch veranlagt? Oder was ist los? Meine Gedanken schwirrten mir nur so im Kopf umher. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Solch einen Zustand hatte ich noch nie.
“Was hältst du davon, wenn du die nächsten 3 Wochen auch hier im Hotel wohnst. Dann könnten wir uns besser kennenlernen und du könntest erfahren wie es ist in Purdah zu leben. Platz ist genug. ”
“Ja das wäre schön” hörte ich mich sagen. Ich konnte nicht anders, als zuzustimmen. Und wieder kam der Gedanke ein striktes vollverschleiertes Leben zu führen. Und wieder stieg die Erregung.
“Geht es dir wirklich gut” fragte meine Mutter besorgt. ” komm hier trink erstmal was. Es ist wichtig immer ausreichend zu trinken.”
“Danke”. Und tatsächlich nachdem ich einen großen Schluck getrunken hatte ging es langsam besser. Ich kam wieder mehr und mehr zu mir.
“Was war los mit dir”
“Ich weiß es nicht was los war” obwohl ich besser wusste was los war. Aber das wollte ich meiner Mutter nicht auf die Nase binden.
“Oh es ist an der Zeit zu beten. Möchtest du mitmachen, ich zeige dir gern wie wir beten?“
“Ja gern”. Ich bin eigentlich nicht religiös, aber ich wollte meine Mutter nicht enttäuschen.
Meine Mutter zeigte mir schritt für schritt wie Muslime beten und ich machte das ganze Schritt für Schritt nach. Es war ganz schön kompliziert. Das ganze Gebet war im Einzelnen vorgeschrieben. Nicht wie bei Christen, die immer und überall einfach die Hände falten und zu Gott beten können. Aber es war eine interessante Erfahrung.
“Meinst du nicht, dass du deine Mutter informieren solltest, dass du die nächsten 3 Wochen hier im Hotel wohnst.”
“Ja du hast recht. Ich rufe sie gleich mal an.”
Es dauerte keine Sekunde, nachdem es das erste Mal geklingelt hatte, dass meine Mutter den Hörer abgenommen hatte.
“Hallo Mama”
“Hallo Melli, und wie ist es gelaufen”
“Super, wir haben uns gleich sehr gut verstanden. Ich erzähle dir später alles. Ich wollte nur sagen, dass ich die nächsten 3 Wochen hier bei meiner leiblichen Mutter im Hotel wohne, damit wir uns besser kennenlernen.”
“Ist das dein ernst”
“Ja. Bitte sei nicht böse. Aber ich habe jetzt einfach das Bedürfnis meiner leiblichen Mutter nahe zu sein.”
“Entschuldige ich wollte dich nicht ärgern. Es kommt nur so überraschend.”
“Ich weiß. Als ich heute hierher gefahren bin, hatte ich auch nicht daran gedacht, aber meine Eltern haben hier eine große Suite so dass ich ein eigenes Zimmer habe. ”
“Oh. Ok. Melde dich dann mal zwischendurch. Ok?”
“Ja mach ich. Also tschüss bis demnächst”
“Tschüss Melli”
Nachdem ich das Telefonat beendet hatte, war ich wieder geerdet. Ich habe gemerkt wie schwer es für meine Mutter ist, mich mit meiner leiblichen Mutter zu teilen. Ich selbst hatte auch zwiespältige Gefühle. Ich freue mich überschwänglich meine leibliche Mutter gefunden zu haben und mit ihr Zeit verbringen zu können. Ich möchte aber auch meine Mutter nicht enttäuschen. Sie hat so viel für mich getan und war immer da, wenn ich sie gebraucht habe.
Vor allem wurde mir mit einem Mal bewusst, dass ich voll verschleiert telefoniert hatte. Ich fing an zu überlegen was ich tun sollte. Sollte ich wirklich die 3 Wochen hier im Hotel verbringen, vollverschleiert? Wollte ich das wirklich?
Ich hatte so viele Fragen aber keine Antworten. Meine Mutter merkte, dass mich etwas beschäftigte.
“Du machst dir Gedanken über deine 2. Mutter. Richtig?”
“Ja”
“Das ist vollkommen in Ordnung. Ich will dich ihr auch nicht wegnehmen. Sie hat dich aufgezogen und war immer für dich da, wenn du krank wars oder andere Probleme hattest. Ich möchte nicht das du dich zwischen uns entscheiden musst. Und wenn das für dich einfacher ist möchte ich einfach eine gute Freundin für dich sein. Ich würde mich freuen, wenn wir die 3 Wochen hier zusammen verbringen können. Wenn du dich anders entscheidest, würde ich mich freuen, wenn wir uns zumindest ab und an in diesen 3 Wochen sehen. Und wenn du dich so kleiden möchtest wie du es gewohnt bist ist das auch in Ordnung. Hauptsache ist, dass wir uns häufiger sehen können.”
Ich wusste nicht, was ich Sagen sollte. Meine leibliche Mutter spürte offensichtlich genau was in mir vorging.
“Ich möchte einen Moment allein sein. Ist das möglich.?”
“Ja natürlich” und ging in ein angrenzendes Zimmer.
Was wollte ich eigentlich. Auf alle Fälle wollte ich mit meiner leiblichen Mutter Zeit verbringen. Und zwar so viel Zeit wie möglich. Also werde ich die 3 Wochen hier im Hotel verbringen. Sollte ich wirklich die ganzen 3 Wochen verschleiert verbringen? Meiner leiblichen Mutter würde das sicherlich gefallen. Aber würde ich das wollen? Auf der einen Seite wollte ich meiner leiblichen Mutter einen Gefallen tun nachdem ich sie nun endlich in den Armen halten kann, auf der anderen Seite bin ich westlich erzogen und konnte nicht verstehen, wieso sich Frauen das gefallen ließen sich so den Männern zu unterwerfen und sich vollständig zu verschleiern. Ich war hin und hergerissen. Aber je mehr ich darüber nachdachte desto mehr gewann der Gedanke meine leibliche Mutter glücklich zu machen an Oberhand. Und dann kam mir der rettende Gedanke. Ich werde mich wie meine leibliche Mutter vollständig verschleiern und zwar solange wie ich es aushalte. Wenn es nicht mehr geht, werde ich wieder meine alte Kleidung anziehen. So kann ich meine leibliche Mutter glücklich machen ohne mich selbst zu sehr unter Druck zu setzen. Als ich mich dazu entschieden hatte, die Kleidung zu tragen, die meine Mutter mitgebracht hat, war ich seltsam erregt. Ich schob dieses Gefühl auf das Kennenlernen mit meiner Mutter, war mir aber nicht sicher, ob nicht doch auch etwas anderes die Ursache für dieses Gefühl sein konnte.
Ich ging zu meiner leiblichen Mutter und erzählte ihr welchen Entschluss ich gefasst hatte.
“Das ist eine sehr gute Entscheidung, die mich sehr glücklich macht. Ich danke Dir. Ich würde dir, in der Zeit in der wir hier sind, gern zeigen wie wir unseren Tag verbringen. Aber bitte sag gleich, wenn du das nicht möchtest.”
“Ich würde mich freuen, wenn du mir das zeigst.”
“Moment du weißt ja noch gar nicht wie der Tagesablauf ist. Der Tag beginnt morgens mit dem ersten Gebet. Dieses findet nach Sonnenaufgang statt. Das 2. Gebet findet etwa 1.5 Stunden später statt. Zwischen den beiden gebeten lese ich für gewöhnlich im Koran. Nach dem 2. Gebet gibt es Frühstück und anschließend verrichte ich eigentlich Hausarbeit. Da wir hier keine Hausarbeit zu verrichten haben, lesen wir im Koran. Das gleiche gilt für den Nachmittag nach dem Mittagsgebet bis zum Nachmittagsgebet. Nach dem Abendessen bis zum Nachtgebet beschäftige ich mich mit dem Koran. Das können wir hier auch machen. Und ich werde dir die unterschiedlichen Gebete beibringen.
Ist das für dich in Ordnung”
Tja was sollte ich sagen. Das wichtigste war für mich, mit meiner Mutter zusammen sein zu können. Von daher war es sicher nur ein kleines Opfer und darüber hinaus würde ich mehr von meiner Mutter und Ihren Lebensumständen erfahren. Ich stimmte also zu.
“Vielleicht wirst du ja noch eine gläubige Muslima”
Mir schoss der Gedanke von vorhin wieder durch den Kopf. Ich als streng gläubige Muslima vollständig verschleiert und mit einem strikten Mann verheiratet, die ihr Leben in strikt Purdah verbringt. Und wieder erregte mich dieser Gedanke. Aber wieso erregte mich dieser Gedanke. War ich etwa devot veranlagt? Ich konnte es mir nicht erklären. Diesmal konnte ich mich besser kontrollieren und rechtzeitig wieder abkühlen, so dass meine Mutter vermutlich nichts gemerkt hat.
“Wir sollten anfangen den Koran zu lesen. Ich werde dir zu allen Passagen die Bedeutung der aussagen erklären. Ist das ok?”
“Ja natürlich.”
Der Tag verging wie im Fluge. Nachdem wir begonnen hatten, die erste Sure zu lesen, kam zunächst das Mittagessen, anschließend das Mittagsgebet. Dann ging es wieder mit dem Koran weiter bis zum nachmittagsgebet. Zwischendurch hat mir meine leibliche Mutter gezeigt, wie ich das Gebet richtig verrichte und einiges dazu erklärt. Nach dem Nachmittagsgebet und einigen Gebetsübungen, kam das Abendessen, welches wir wie auch Mittag und Frühstück in der Suite zu uns nahmen. Es war anfänglich ungewohnt mit Schleier zu essen und zu trinken. Nach dem Abendessen haben wir noch im Koran gelesen und sind nach dem Abendgebet zu Bett gegangen.
Es war ein komisches und ungewohntes Gefühl mit einem Schleier zu schlafen. Einschlafen wollte mir eine ganze Zeit nicht gelingen. Anfangs gingen mir immer wieder die Ereignisse des Tages, aber vor allem mein Gefühlschaos, durch den Kopf. Ich war mir nicht sicher ob es das richtige ist, was ich tat, aber der Gedanke an meine leibliche Mutter und die Erregung die ich verspürt hatte ließ mich immer wieder denken, dass es das richtige ist. Der Gedanke, ein Leben in Purdah, voll verschleiert mit einem strengen Mann zu verbringen, erregte mich auch jetzt wieder. Ich konnte mir dies nicht erklären. Es widersprach so ziemlich allem wie ich aufgewachsen bin, was mir meine Mutter beigebracht hatte und wie ich in den letzten Jahren gelebt hatte.
Und letztlich ist es ja so, wenn ich das nicht mehr möchte, dann mache ich einfach Schluss und kehre wieder in mein gewohntes Leben zurück. Bis dahin will ich das Leben, welches meine leibliche Mutter lebt, kennenlernen und in ganzen Zügen auskosten.
Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Ich war eben erst eingeschlafen, als mich meine Mutter versucht mich zu wecken. Was soll das, ich bin noch müde. Ich versuchte die Augen aufzumachen und konnte nichts erkennen. Ich bekam Panik und sprang auf.
“Ruhig, es ist alles in Ordnung. Ich bin bei dir”
Die Stimme meiner Mutter. Aber wo bin ich und warum kann ich nichts sehen. Erst langsam kehrten die Erinnerungen zurück. Ich bin bei meiner leiblichen Mutter im Hotel und habe verschleiert geschlafen. Es ist also wie meine Mutter sagte tatsächlich möglich.
“Guten Morgen, ich war irritiert da ich nichts sehen konnte. ”
“Ist schon gut. Das ging mir damals auch so. es gibt sich aber sehr schnell. Du wirst sehen, in 2 bis 3 Tagen ist das ganz normal. Es ist Zeit für unser Morgengebet. ”
“Wirklich, es ist doch noch mitten in der Nacht.”
“Irrtum, die Sonne geht gleich auf. Du wirst dich ganz schnell daran gewöhnen. ”
Mein erster voller Tag als voll verschleierte “Muslima”. Naja Muslima war ich ja nicht, ich tat nur so. Dieser Tag verlief wie der letzte. Wieder Gebete und dazwischen haben wir im Koran gelesen. Meine Mutter hat mir viel erklärt und auch die Gebete weiter gelehrt.
Am Abend war ich doch ziemlich müde und war froh ins Bett gehen zu können, vor allem da es am nächsten Morgen wieder früh sein wird. Normalerweise würde ich zu der Zeit noch mit Freundinnen chatten oder in einem Cafe sitzen und mich unterhalten, heute aber war ich müde und wollte nur noch ins Bett.
Und wieder wurde ich leicht geschüttelt. Diesmal war ich aber relativ schnell wach und war auch nicht erschrocken als merkte das ich verschleiert war.
“Guten Morgen Liebes. Zeit zum Gebet.”
“Guten Morgen. Bin gleich soweit.”
Heute Morgen war es einfacher aus dem Bett zu kommen, da ich ausgeschlafen war. Ist ja auch kein Wunder wenn man so früh ins Bett geht. Die letzte Nacht gingen mir auch nicht so viele Gedanken durch den Kopf, daher war ich sehr schnell eingeschlafen. Also fertig gemacht für einen neuen Tag. Dieser lief wie gestern. Meine leibliche Mutter hat heute mit mir etwas umfangreicher die Gebete geübt und weniger im Koran gelesen.
Die Tage gingen dahin. Es wurde immer normaler verschleiert zu sein. Manchmal dachte ich eine ganze Zeit nicht daran. Erst als etwas trinken wollte und plötzlich den Schleier im Mund hatte habe ich gemerkt, dass ich den Schleier trug. Nach einer Woche fragte mich meine Mutter
“Wie geht es dir. Du hast eine Woche den Schleier getragen als hättest du nie etwas anderes getragen. Möchtest du den Schleier weitertragen, oder dir wieder deine alte Kleidung anziehen”
“Ich würde den Schleier gern weitertragen, ich habe mich erstaunlich schnell daran gewöhnt. Es ist ganz angenehm zu tragen.”
“Das freut mich und macht mich glücklich. Was meinst du wollen wir mal einen Ausflug machen, zusammen mit deinem Vater?”
“Wie bitte, du meinst auf die Straße? In dieser Aufmachung.”
“Ja natürlich. Dich erkennt doch keiner. Durch den Schleier kann keiner durchsehen. Alle würden dich für eine Muslima halten, die mit ihren Eltern hier zu Besuch ist.”
Ich war geschockt. Im Hotelzimmer in der Aufmachung ist ok. Aber auf die Straße ist dann noch eine ganz andere Stufe. Außerdem kam die Frage vollkommen überraschend.
Grundsätzlich hat meine Mutter ja recht, erkennen würde mich keiner. Und da in letzter Zeit immer häufiger Touristen vom Golf hier zur medizinischen Versorgung herkommen, fallen verschleierte Frauen auch nicht mehr so auf. Aber ich war unschlüssig und auch ängstlich. Es hatte schon seinen Reiz vollständig verschleiert raus auf die Straße zu gehen, die Grenzen auszutesten. Aber ich war immer noch unsicher. Was ist, wenn mich doch jemand erkennt. Wenn eine meiner Freundinnen das mitbekommen würde, dann bräuchte ich mich nirgendwo mehr sehen lassen. Das merkte auch meine leibliche Mutter und meinte, dass wir ja nicht heute rausgehen müssten. Wir können das auch die nächsten Tage immer noch tun. Ich war erleichtert.
Auch wenn die Tagesabläufe immer relativ ähnlich waren, wurde es mir doch nicht langweilig. Die Zeit verging wie im Fluge. Zwei Tage später war es dann soweit. Meine leibliche Mutter hatte mich überzeugt, dass wir unser Experiment auch außerhalb der Hotelsuite fortsetzen sollten.
Anfänglich war ich aufgeregt und ziemlich nervös. Außerdem überkam mich wieder diese unerklärliche Erregung. Überall dachte ich, Menschen zu sehen, die mich anstarren. Aber die konnten mich gar nicht erkennen und so wurde ich mit der Zeit immer ruhiger und entspannter. Gegen Mittag waren wir wieder im Hotel um zu beten.
“Und wie war es für dich?”
“Anfänglich war ich aufgeregt und nervös. Ich hatte das Gefühl überall Leute zu sehen, die mich anstarrten. Nach einiger Zeit habe ich mich entspannt und wurde ruhiger. Und je länger wir draußen waren, desto sicherer und geborgener fühlte ich mich. Ich fühlte mich immer wohler, so vollkommen verschleiert. Und gegen Ende unseres Spazierganges habe ich eine junge Frau gesehen, die sich nur knapp bedeckt hat, und dachte wie kann man nur so rumlaufen. Verrückt nicht wahr?”
“Nein das ist nicht verrückt. Es ist vielmehr so, dass du den für dich richtigen Weg entdeckt hast. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dich dein Weg, wie der meinige und der deiner Schwestern, zu einem Leben in Purdah führen wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dich davon überzeugen kann. Ich werde dich aber zu nichts zwingen. Du musst es für dich wollen.”
“Naja. Es sind ja man grade 2 Wochen die ich diese Kleidung trage und ob ich wirklich so leben möchte, kann ich mir im Augenblick beim besten Willen nicht vorstellen.” versuchte ich mit einer lässigen Aussage meine Unsicherheit zu überspielen, was mir aber offensichtlich nicht wirklich gelang. Meine Mutter hatte einen wunden Punkt getroffen. Wenn ich abends im Bett lag, hatte ich in den letzten Tagen immer öfter daran denken müssen, wie es wohl wäre für immer ein Leben in Purdah zu führen. Und jedes Mal landete ich in meinen Gedanken bei einem strenggläubigen Ehemann, der dafür sorgt, dass ich ein solches Leben führe. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, wurde ich erregter.
“Ich spüre, dass du versuchst dein Verlangen nicht offen zu zeigen. Aber ich merke im täglichen Umgang, dass du dich wohlfühlst und auch heute auf dem Spaziergang, bist du mit der Zeit immer selbstsicherer geworden. Du nimmst die Gebete sehr ernst, auch unsere gemeinsamen Koranlesungen verfolgst du sehr konzentriert. Ich bin deine Mutter und spüre das du dich immer wohler fühlst. Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, aber die geben mit der Zeit ein ganzes Bild ab. Und dieses Bild zeigt mir eine Tochter, die in strikt Purdah lebt und ihre Kinder ebenfalls zu gläubigen Muslimen erzieht. Oder sollte ich mich so sehr täuschen?”
“Ich weiß es nicht. Ich muss darüber nachdenken.”
“Gut, dann lass uns heute Nachmittag einfach nichts tun, dann kannst du nachdenken”
Nach dem Gebet und Mittagessen, bin ich in mein Zimmer um nachzudenken. Nachzudenken über die Situation, über mich, über das was ich will. Anfangs schossen mir so viele Gedanken durch meinen Kopf. Ich versuchte ruhiger zu werden. Aber die Aussagen meiner Mutter beschäftigen mich doch sehr. Konnte es sein, dass sie meine Zukunft vorhersah. Nein das konnte nicht sein.
Mit der Zeit wurde ich ruhiger und konnte meine Gedanken besser sortieren. Eines ist mir ziemlich schnell klargeworden, ich liebe meine Eltern. Auch wenn es eine gänzlich andere Kultur ist, aber trotzdem verstehen wir uns gut. Vor allem meine leibliche Mutter hat so etwas wie einen 7. Sinn für meine Gefühle und Empfindungen. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde für mich, dass meine Mutter die mich aufgezogen hat, genau dies nicht konnte. Sie konnte sich nicht, oder nur sehr eingeschränkt, in meine Gefühlswelt einfühlen. Das ist mir erst jetzt so richtig bewusst geworden. Meine Leibliche Mutter spürte, obwohl wir uns erst seit 2 Wochen kannten, wie ich denke und fühle. Es muss zwischen uns eine unsichtbare Verbindung bestehen.
Aber was wollte ich? Wollte ich wirklich mein Leben vollständig verschleiert in Purdah verbringen, das Haus nur verlassen, wenn mein Mann es mir erlaubt und dann auch nur in Begleitung eines nahen Angehörigen. Wollte ich vollkommen separiert von anderen Menschen leben. Wollte ich nur Hausfrau und Mutter sein, mit möglicherweise einem Haufen Kindern? Wollte ich so ein Leben, oder wollte ich studieren und einen Beruf ausüben, mich selbst verwirklichen? Vor 2 Wochen hätte ich ganz klar gesagt, dass für mich nur Studium und Beruf in Frage kommt. Später eventuell auch Familie, aber nicht an erster Stelle. Nach nur 2 Wochen leben wie meine Leibliche Mutter, stellte ich meine Überzeugungen in Frage?
Nein, das konnte nicht sein. Ich werde nach diesen 3 Wochen mit meinem Studium weitermachen und anschließend arbeiten. Auch wenn es schön wäre, mit meiner leiblichen Mutter mehr Zeit zu verbringen. Aber es ist besser, wenn ich mein Leben lebe. Diese Gedanken sind nur der Situation geschuldet. Ganz emotionslos betrachtet, kamen diese Gedanken, weil ich nach so langer Zeit und vor allem der nervenaufreibenden Suche meine leiblichen Eltern gefunden hatte. Auch das Zusammensein mit meinen Eltern und diese ungewohnte Lebensweise führt sicherlich zu diesen aufgewühlten Gedanken. Nüchtern betrachtet, wird es nie dazu kommen, dass ich ein Leben gleich dem meiner Mutter oder Schwestern führe. Ich bin westlich aufgewachsen und erzogen worden. Ich wurde hier sozialisiert.
Die Gedanken würden auch wieder vergehen, wenn ich in meine gewohnte Umgebung zurückkehre und meine Eltern wieder nach Saudi-Arabien zurückgekehrt sind.
“Ich habe über heute und die letzten 2 Wochen nachgedacht. Ich habe dich wirklich liebgewonnen und würde auch gern viel mehr Zeit mit dir verbringen. Und ja ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich so zu leben könnte, wie du lebst. Aber ich habe ein Leben, welches anders ist als dein Leben. Ich studiere und möchte das Studium zu Ende bringen und anschließend arbeiten. Das wäre bei einem Leben in Purdah nicht möglich. Sicher, es ist ein klar strukturiertes und vorgegebenes Leben, anders als das was ich bisher gelebt habe bzw. vorhabe zu leben. Die 3. Woche werde ich noch gemeinsam mit dir wie bisher verbringen, aber danach werde ich wieder mein Leben weiter leben. Ich hoffe, dass ich dich nicht verletzt habe mit meiner Aussage. ”
“Aber nein mein Kind. Ich war etwas voreilig mit meinen Aussagen. Und ich kann dich sehr gut verstehen. Es wäre ein riesiger Schritt für dich, wenn du sofort dein bisheriges Leben aufgeben würdest und ein Leben in Purdah führen wolltest. Lass die Eindrücke und Empfindungen der letzten 2 Wochen und dem, was noch kommt auf dich wirken, verarbeite alles und denke mit ein wenig Abstand darüber nach. Ich werde dir nie böse sein oder enttäuscht, wenn du dich für ein anderes Leben entscheidest. Du bist meine Tochter und wirst es immer bleiben.”
“Danke Mama, ich liebe dich. Ich bin froh, dass du meine Entscheidung akzeptierst.”
“Ich bin deine Mutter und dein Wohlergehen liegt mir am Herzen. Und wenn du noch etwas brauchst für deine Entscheidung ist das vollkommen ok.”
Seltsam, meine Mutter geht offensichtlich immer noch davon aus, dass ich mich für ein Leben wie das ihre entscheiden werde, nur halt nicht sofort. Ich denke sie versucht damit ihre Enttäuschung ab zu mildern. Aber es ist mein Leben und das muss ich leben und nicht meine Mutter.
Die nächsten Tage verliefen wie die letzten Tage auch. Wir haben noch 2 Spaziergänge unternommen und sonst die gleiche Routine gelebt. Nun waren die 3 Wochen um und der Abschied stand an. Es würde schwer werden. Meine Mutter die ich nach so vielen Jahren in denen ich nichts von ihr wusste endlich gefunden hatte würde wieder aus meinem Leben treten. Eigentlich war es ja andersherum. Ich trat aus ihrem Leben und lebte mein Leben weiter. In den letzten Tagen musste ich immer häufiger an den Abschied denken und das Herz wurde mir schwer. Meiner Mutter ging es ähnlich.
“Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Wir werden so schnell wie möglich wieder kommen um dich zu besuchen. ”
“Das wäre schön. Ich vermisse euch schon jetzt. Ich werde dir schreiben wie es mir geht ”
“Ja bitte. Ich möchte gern wissen wie es meiner Tochter geht. Sobald dein Vater seine Termine geklärt hat, kommen wir wieder zu Besuch. Ich werde mit deinem Vater sprechen ob wir deine kleine Schwester auch mitbringen”
“Wirklich. Das wäre super. Dann könnte ich sie endlich kennenlernen, nachdem du mir so viel von meinen Geschwistern erzählt hast.”
“Ich denke es ist besser, wenn wir uns jetzt verabschieden. Ich habe noch zu packen und unser Flieger geht bald.”
“Ja. Ich zieh mich schnell um, dann kannst du die Sachen mit einpacken.”
“Das ist nicht notwendig. Ich hatte die Sachen sowieso für dich mitgebracht und ich möchte das du sie behältst. Bitte”
Das kam überraschend. Ich konnte schlecht in der aktuellen Aufmachung bei meiner Mutter aufkreuzen.
“Du kannst dich umziehen. Für deine Sachen habe ich eine Tasche die kannst du nutzen.” erriet meine Mutter wieder meine Gedanken.
“Danke.”
Ich ging in mein Zimmer und zog die Kleidung, die ich die letzten 3 Wochen getragen hatte (natürlich nicht ständig die gleiche) aus und zog die Kleidung an mit der ich gekommen war.
Es war ein seltsamer Anblick im Spiegel. Nicht mehr ein schwarzes Gespenst, sondern ein weibliches Wesen, welches mir aus dem Spiegel entgegenblickte. Im Gegensatz zu den letzten 3 Wochen, kam ich mir nackt vor. Ich war aber froh, dass meine Haut wieder richtig atmen, dass ich die Welt wieder normal sehen konnte. Aber es war anfangs total ungewohnt. Und das Gefühl der Nacktheit blieb mir auch noch eine ganze Zeit erhalten.
Nach einem kurzen Abschied, meine Mutter hatte es so gewollt, stand ich außerhalb des Hotels wieder in meinem alten Leben. Wird das Leben weitergehen wie bisher? Vor allem wie würde ich meiner Mutter gegenübertreten. Wir haben uns 3 Wochen nicht gesehen und nur 2 mal telefonisch gesprochen. Und das auch nur sehr kurz. Ich wollte nicht viel erzählen. Unsicher machte ich mich auf den Weg nach Haus.

Teil 2

Die Überraschung
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