Die Überraschung: Teil 4

Die Überraschung

MR

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Teil 3

Katie

Nach einem angenehm ruhigen Flug kamen wir endlich zum Stillstand auf der Parkposition. Nach einer weiteren halben Stunde hatte ich endlich mein Gepäck und ging durch die Einreisekontrolle. Nachdem ich meinen Reisepass und das Visum vorgezeigt hatte, kam eine verschleierte Frau auf mich zu und bat mich ihr zu folgen. Ich war etwas überrascht, da ich die Passkontrolle bereits passiert hatte. Sie bat mich in einen nah gelegenen Raum. Dort angekommen zeigte sie auf einen Haufen schwarzen Stoff.
“Frauen haben sich in Saudi-Arabien zu verschleiern. Dort liegt ihre Kleidung. Bitte ziehen sie diese über.”
Konsterniert schaute ich auf die Frau und dann auf die Kleidung.
“Sie müssen die Kleidung anlegen, ansonsten muss ich Sie zurückschicken.”
“Ich habe verstanden.”
Mit gemischten Gefühlen ging ich zu dem Haufen an schwarzer Kleidung.
“Können Sie mir helfen?”
“Ja. Ich würde Ihnen empfehlen die Kleidung bis zur Unterwäsche abzulegen.”
“OK”
“Nun nehmen Sie die Abaya und ziehen sie sie über.”
Nachdem ich einige Zeit gebraucht habe um die Abaya über den Kopf zu ziehen kam die Frau mit einem Kopftuch welches sie mir um den Kopf band. Abschließend gab sie mir noch einen Niqab mit einem Augenschlitz. Nachdem ich mir diesen umgebunden hatte, war mein Sichtfeld eingeschränkt. Um zu sehen wo ich hintrete musste ich meinen Kopf senken. Es war ungewohnt. Ich musste mich erst einmal orientieren um mich zurecht zu finden. Nachdem die Frau den Sitz des Niqab geprüft hatte, ließ sie mich gehen. Als ich die Ankunftshalle betrat, sah ich einen Mann mit einer vollverschleierten Frau der ein Schild mit meinem Namen hochhielt. Nach wenigen Schritten hatte ich die beiden erreicht.
“Bist du Katie Miller?” sprach mich der Mann an
“Ja. Und sie sind Sultan und du bist Soraya”
Soraya kam auf mich zu und umarmte mich sagte aber nichts.
“Soraya lebt in Purdah und trägt außerhalb des Hauses einen Knebel um zu verhindern, dass andere Männer ihre Stimme hören.”
Im ersten Moment dachte ich das ist nur ein Scherz, aber seinem Blick zu folge, war es sein Ernst.
“Ich freue mich dich in Natura kennen zu lernen, Soraya.”
“Dann wollen wir mal deine Sachen einpacken und nach Haus.” meinte Sultan und winkte einen Gepäckträger herbei. Nach kurzer Zeit war das Gepäck verladen und wir waren auf dem Weg zu Soraya und Sultans Haus.

Soraya

Endlich waren wir zu Haus und nach kurzer Zeit hatte Aisha uns Tee serviert. Katie hatte die Kleidung abgelegt und ihre eigenen Sachen angezogen.
“Ziehst du dich nicht um” frage mich Katie verwundert.
“Nein. Ich lebe in Purdah, das heißt, dass ich mich vollständig verschleiere und zwar immer und überall. Darum trage ich auch jetzt diese Kleidung. Ich weiß das du das nicht verstehen wirst. Der Koran wird hier sehr streng ausgelegt und alle Frauen, insbesondere in dieser Familie leben in Purdah. Dazu gehört auch, dass die Stimme der Frau als Awrah bezeichnet wird. Um zu verhindert, dass die Frau versehentlich zu fremden Männern spricht tragen viele Frauen und ich auch außerhalb des Hauses einen Knebel. Zu Beginn war es nicht einfach. Inzwischen habe ich mich mehr oder weniger daran gewöhnt. Ändern kann ich sowieso nichts daran.”
“Warum kannst du nichts daran ändern”
Ich habe ihr daraufhin die ganze Geschichte bis zum heutigen Tage erzählt.
„Wenn du diese Geschichte als Drehbuch verfasst hättest, würde kein Produzent auf die Idee kommen die Geschichte zu verfilmen. Zu unglaublich ist die ganze Entwicklung. Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Entschuldige so meinte ich das nicht“
„Das ist schon in Ordnung. Ich habe den Stein ja selbst ins Rollen gebracht. Mein Leben hat diese Wendung genommen und es bleibt mir nichts anderes übrig als dies zu akzeptieren, auch wenn es schwer ist. Die ersten Tage und Wochen waren die Hölle. Aber was hätte ich tun sollen. Ich bin hier in einem Land in dem die Frau nicht viel wert ist. Würde ich meinen Mann verlassen, sofern dies überhaupt möglich ist, müsste meine ganze Familie darunter leiden. Außerdem wüsste ich auch gar nicht wohin ich sollte. Ich habe nur noch eine saudische Staatangehörigkeit und kann somit nicht in die deutsche Botschaft marschieren und um Hilfe bitten.
Inzwischen besuche ich eine Koranschule um den Koran zu lernen. Anfänglich hatte ich den Eindruck, dass ich dort indoktriniert werden sollte. Mir wurden zwei Frauen als Tutorinnen zugeordnet, die ständig versuchen mich davon zu überzeugen, dass ein Leben in Purdah das einzig wahre für eine richtige Muslima ist. Noor und Samira sind da echt nervig. Nach einer Woche hat es mir gereicht und ich habe den beiden mal meine Meinung gegeigt und gesagt sie sollen sich diese ständige Faselei von einem Leben in Purdah und wie toll das ist sonst wo hinstecken. Das hatten die beiden wohl nicht erwartet und ich hatte von da an die meiste Zeit meine Ruhe. Zwar versuchen beide mich immer mal wieder in eine Diskussion über Purdah zu verwickeln, aber das blocke ich einfach ab und dann ist auch wieder Rufe. Inzwischen verstehen wir uns richtig gut und beide helfen mir den Koran besser zu verstehen und auch mit meiner Schwangerschaft. Aber wir können uns inzwischen auch über alles andere gut unterhalten. Inzwischen freue ich mich immer auf den Besuch der Koranschule, da dann Abwechslung habe und ich mich mit anderen Frauen unterhalten kann. Es ist immer noch einiges Neu für mich und Noor und Samira und vor allem Alima sind mir eine große Hilfe. Einfach mit jemandem reden hilft ungemein die trüben Gedanken zu vertreiben. Ich habe auch noch weitere Frauen in der Koranschule kennen gelernt und ich hoffe, dass ich die Kontakte auch später noch aufrechterhalten kann. Was mir hilft, ist, dass alle das gleiche Schicksal haben. Alle leben wie ich in Purdah. Einige, wie Noor und Samira, weil sie es wollen, andere weil sie wie ich eher dazu gezwungen werden, entweder durch die Familie oder den Ehemann.
Außerdem bin ich schwanger und erwarte bald mein erstes Kind. Ein Mädchen. Ich weiß das Sultan sich einen Jungen wünscht als Stammfolger. Naja was nicht ist kann ja noch werden.“
„Ich kann dich verstehen und helfe dir wo ich nur kann. Ich werde immer für dich da sein.“
„Danke das weiß ich zu schätzen.“
„Sag mal gibt es hier eine Möglichkeit, dass ich mich in die Sonne lege. Aber nur wenn du nichts dagegen hast.“
„Ich habe nichts dagegen, nur kann ich dich nicht begleiten. Auf dem Dach sollte es möglich sein. Dort kann dich keiner sehen. Ich denke Sultan wird nichts dagegen haben. Ich möchte dich nur bitten, dir etwas über zu ziehen.“
„Danke dir. Und du hast wirklich nichts dagegen?“
„Nein das ist in Ordnung.“
„Also dann bis später.“
„Bis später und viel Spaß.“

Melanie

„Hast du heute was vor?“ fragte mich meine Mutter.
„Ich gehe heute Abend mit den Mädels ins Kino und anschließend noch ins Café.“
„Schön. Ich bin glücklich, dass die Freundinnen von Soraya dich voll akzeptiert haben.“
„Wir verstehen uns richtig gut. Insbesondere mit Nelly.“
„Ich bin froh, dass du dich so gut eingelebt hast. Ich hatte anfangs meine Bedenken. Aber es ging doch besser und einfacher als ich dachte. Wir sollten jetzt überlegen was du weitermachen willst. Deine Schulbildung wird hier als Realschulabschluss anerkannt. Für ein Studium müsstest du das Abitur machen.“
„Habe ich auch gelesen. Ich habe mich auch schon informiert. Ich könnte die Wirtschaftsschule besuchen und dort mein Abitur machen.“
„Das ist keine schlechte Idee.“
„Anschließend würde ich gern studieren. Am liebsten Journalismus. Dann würde ich über die Zustände für Frauen in den islamischen Staaten schreiben.“
“Ich habe dich bisher nie gefragt wie es dir Saudi-Arabien ergangen ist. Ich würde gern alles wissen. Aber nur wenn du das erzählen möchtest.”
“Was möchtest du denn wissen?”
“Wie bist du aufgewachsen, ab wann musstest du den Schleier tragen.”
“Ich denke in den Anfangsjahren unterscheidet sich das Leben nicht so sehr von dem Leben in den westlichen Staaten. Fatima und Mahmood haben je einige Jahre in Deutschland verbracht und hatten daher auch andere Eindrücke. Ich wuchs mit meinen Schwestern behütet, aber auch mit einer gewissen Freiheit auf. Wir sind auch normal zur Schule gegangen. Dies war für Fatima sehr wichtig. Wir sollten auch selbst eigenes Wissen erhalten. Das Ganze änderte sich schließlich, als Mahmood einen neuen Job in einer sehr fundamentalistischen Region annahm. Von da an mussten wir uns außerhalb des Hauses auch verschleiern. Glücklicherweise hat Fatima darauf bestanden, dass wir neben der Koranschule auch weiterhin eine normale Schule besuchen. Und wenn Fatima etwas will, dann muss Mahmood kuschen. Besonders glücklich war ich immer, wenn ich zu meiner “Tante” fahren konnte. Die wohnt in der Gegend in der wir früher auch gewohnt hatten. Alles war liberaler. Wir mussten uns dort zwar auch verschleiern, aber das war alles viel lockerer. Ein einfacher Schleier und eine einfache Abaya über der westlichen Kleidung war in Ordnung. Immer wenn ich zurückmusste, fing ich fürchterlich an zu weinen. Denn das was mich in der neuen Heimat erwartete, war für mich ein Graus. Angefangen von der Unterwäsche. Es handelte sich um Schlüpfer mit einem langen Bein, welches fast bis zu den Knöcheln ging. Dicke schwarze Strümpfe, ein Hemd mit langen Ärmeln und einem hohen Hals. Das Hemd und der Schlüpfer wurden mit Bändchen miteinander zusammengebunden. Für das Geschäft war ein Schlitz im Schlüpfer vorgesehen, damit man sich nicht vollständig ausziehen musste.
Anschließend kamen schwarze Handschuhe, eine Überkopfabaya ein dreilagiger Niqab und abschließend ein Khimar, welcher dafür sorgte, dass der Schleier nicht über den Kopf geweht wurde. Zum Essen oder trinken mussten wir die drei Lagen des Niqabs aus dem Khimar ziehen und vorsichtig anheben, damit niemand auch nur das kleinste bisschen Haut zu sehen bekam. Anschließend wurden die Lagen des Niqabs wieder unter den Khimar geschoben. Der Khimar ist im Grunde ein großes Tuch mit einem Loch in der Mitte, welches so über den Kopf gelegt wird, dass das Loch über dem Gesicht liegt, welches mit dem Niqab bedeckt ist. Zum Schlafen gab es ähnliche Kleidung, allerdings leichter.
Das Ganze war wie eine Sauna. Insbesondere wenn wir in der Sonne stehen mussten. Mit etwa 12 mussten Aisha, Safiya und ich Fatima im Haushalt helfen. Da blieb neben Schule und Hausarbeit nicht viel Zeit für andere Dinge. Wir wurden von unserer Mutter auf unsere spätere Rolle als Ehe- und Hausfrau und Mutter vorbereitet. Insbesondere, da auch die Gebete Vorrang hatten.
Weil Fatima und Mahmood einige Jahre im Westen verbracht hatten wurden wir, also Safiya und ich nicht mit 16 oder noch früher verheiratet, sondern erst mit 18. Ich war also etwa 1 Jahr mit Sultan verheiratet, als Fatima zu mir kam und mir von Soraya und allem erzählt hat. Ich hatte nicht damit gerechnet, das Sultan von mir sofort die Scheidung verlangen würde, nachdem er davon erfahren hat. Sultan ist ein liebenswürdiger Mensch. Er ist zwar strikt aber er würde nie etwas tun, was Soraya schaden würde. Ich mochte Ihn sehr gern.
Du wirst dich wahrscheinlich fragen, warum ich mich nicht aufgelehnt habe gegen die Behandlung als Mensch 2. Klasse. Ich bin so aufgewachsen. Auch wenn ich mich immer sehr darauf gefreut habe meine “Tante” besuchen zu können, war mir bewusst, dass ich irgendwann auch verheiratet sein werde und wie Fatima und Safiya sowie alle anderen Frauen in der Gegend für immer unter dem Schleier zu verschwinden. Und wenn man schon so eingeschränkt wird, ist es umso wichtiger einen Mann zu haben, der einen liebt und einen wie einen Menschen behandelt. Und das hat Sultan immer getan. Er hat sich zwar an die Traditionen gehalten, mir aber immer Respekt entgegengebracht. Es gibt auch Fälle, in denen die Frau nicht anders wie ein Lasttier behandelt wird. In manchen Familien werden die Pferde und Kamele deutlich besser behandelt als die Frau. Und als Sultan dann die Scheidung wollte, wusste ich nicht was mich dann erwartete. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Mahmood und Fatima mich mit nach Deutschland nehmen um dich kennen zu lernen. Ich hatte befürchtet, dass ich an einen anderen Mann verheiratet werde. Vor einem halben Jahr hätte ich nicht im Traum daran gedacht ein freies Leben zu führen, wie ich es nun kann.”
“Ich muss sagen, du hast Energie. Und ich bin mir sicher, dass du dich auch hier zurechtfinden wirst. Ich bin glücklich das du hier bist. ”
“Danke Mama, ich bin auch glücklich.”
Hoffentlich hält Sultan dicht und erzählt niemandem etwas davon wie es wirklich zur Scheidung gekommen ist. Wenn das rauskommt, sitze ich ganz schön in der Tinte. Aber warten wir es ab. Bisher hat Sultan dichtgehalten und alles läuft wie geplant.
“So ich muss mich jetzt fertigmachen, damit ich noch rechtzeitig komme.”
“Ok ich wünsche dir viel Spaß”
“Danke Mama”

Soraya

Es war gut das Katie da war. Der regelmäßige Besuch der Koranschule wurde trotzdem nicht ausgesetzt. Katie musste sich in der Zeit selbst beschäftigen. Meist hat sie sich dann auf dem Dach gesonnt.
Noor und Samira sind mir inzwischen auch gute Freundinnen geworden, auch wenn sie weiterhin ständig versuchen mich von einem Leben in Purdah zu überzeugen. Sie unterstützen mich während meiner Schwangerschaft wo sie nur können. Ich bin ihnen dafür auch sehr dankbar. Auch Alima ist mir eine sehr gute Freundin geworden, wie es Nelly früher in Deutschland war. Ich kann mit ihr über alles reden und sie kann gut zuhören. Aber das Katie gekommen ist war für mich der größte Lichtblick.
Nachdem Sultan mich von der Koranschule abgeholt hatte, saß ich mit Katie beim Tee und wir unterhielten und grad über Ihre Probleme mit ihrem Professor, als Sultan überraschend in mein Quartier kam. Dies passierte sonst nur am Abend nach dem Nachtgebet. Es musste also etwas passiert sein, was kein Aufschub duldet.
In seinem Gefolge Polizei.
“Haben Sie sich gestern auf dem Dach dieses Hauses aufgehalten?” wurde Katie von dem Polizisten gefragt.
“Ja ich war auf dem Dach und habe mich gesonnt. Ist das etwa verboten?” war die Antwort von Katie.
“Dann muss ich sie festnehmen wegen der Störung der öffentlichen Ordnung.”
“Wie bitte? Warum das denn”
” Ein Nachbar hat Sie angezeigt, er fühlt sich durch die von Ihnen gezeigte Nacktheit in seiner Ehre verletzt.”
“Sultan was soll das. Tu doch was. Katie ist doch unschuldig.” versuchte ich Sultan zum Handeln zu überreden.
“Katie, ich werde tun was ich kann. Die Verhaftung kann ich nicht verhindern. Ich werde aber gleich unseren Anwalt anrufen und ihn bitte dich zu vertreten. Ich bin mir sicher, dass wir das schnell gelöst bekommen.”
“Können Sie mir bitte sagen welcher Nachbar sich beschwert hat?” fragte Sultan nun den Polizisten.
“Tut mir leid, solange die Ermittlungen laufen, dürfen wir keine Auskunft geben.” war die Antwort.
“Würden Sie sich bitte ankleiden” forderte der Polizist Katie auf.
Ich ging mit Katie, die total geschockt und sprachlos dasaß, in mein Ankleidezimmer um Sie entsprechend der Vorschriften anzukleiden.
“Es wird alles gut werden. Sultan und der Anwalt werden alles tun um dich so schnell wie möglich wieder frei zu bekommen. Das ist bestimmt ein Missverständnis.”
“Ich hoffe das es so ist. Bitte versucht alles was möglich ist. Ich habe Angst vor dem was kommt. Ich habe einiges im Internet gelesen und die Strafen sind heftig. ”
“Ich verspreche dir, alles in meiner Macht stehende zu tun und werde auch Sultan zu bitten alles in seiner Macht stehende zu tun. Ich lasse dich nicht im Stich”
“Danke. ”
Nachdem Katie vollständig verschleiert war, gingen wir zurück. Die Polizisten nahmen Katie in die Mitte und führten Sie zum Polizeiwagen und fuhren zur Polizeistation.
“Bitte Sultan tu alles was möglich ist damit Katie wieder frei wird. Ich könnte mir das nicht verzeihen, wenn sie für eine solche Lappalie bestraft wird. ”
” Es ist leider keine solche Lappalie wie du denkst. In Europa und Amerika ist das vielleicht so. Aber hier ist das ein ernstes Verbrechen. Aber ich verspreche dir alles zu tun was in meiner Macht steht. Wenn ich nur wüsste welcher Nachbar diese Anzeige erstattet hat, dann würde ich direkt mit Ihm verhandeln. Aber das wird vermutlich erst der Anwalt in Erfahrung bringen können. ”
“Danke”
Sultan verschwand in sein Büro um alles Weitere in die Wege zu leiten.
Da saß ich nun und wusste nicht was ich tun sollte. Ich machte mir Vorwürfe, das Katie durch meine Schuld nun eingesperrt war. Nur weil ich sie eingeladen hatte, musste sie in einer Zelle übernachten. Ich hoffte inständig, dass sie nicht länger im Gefängnis bleiben muss. Das einzige was ich für Katie tun konnte, war beten. Ich fing an zu beten. Ich betete zu Allah um Hilfe für Katie, ich betete darum ihr einen Weg aus dem Dunkel zu zeigen. Ich wusste Allah hat die Macht dies zu tun.
Ich weiß nicht wie lange ich gebetet habe, plötzlich stand Sultan in meinem Zimmer.
“Ich habe mit dem Anwalt gesprochen. Er hat sich sofort mit dem Gericht in Verbindung gesetzt und eine Kaution ausgehandelt Ich fahre jetzt los und hinterlege die Kaution und hole Katie ab.”
“Ich danke dir. Ich liebe dich.” sagte ich während ich mich langsam ob meiner Schwangerschaft erhob und mein Arme um Sultans Hals schlang. Er küsste mich auf meinen Schleier.
Sultan ließ mich los und ging um Katie abzuholen. Ich wusste jetzt endgültig, dass ich Sultan liebe. Er ist ein wunderbarer Mann. Nach langem Zweifeln und sehnsüchtigem Heimweh wusste ich mit einem Mal wo ich hingehöre. Ich gehöre zu Sultan und niemandem sonst. Allah hat mich auf den rechten Weg geführt. Ich werde immer für ihn da sein.

Nach einiger Zeit kam Sultan zusammen mit Katie zurück.
“Katie ist zunächst auf Kaution frei, darf das Land aber nicht verlassen. Der Anwalt wird nun Akteneinsicht beantragen und dann weiß ich auch wer dich angezeigt hat. Sobald ich dies weiß, werde ich mich mit demjenigen zusammen setzen um eine Lösung zu finden. Wenn es mir gelingt ihn davon zu überzeugen die Anzeige zurück zu ziehen, dann bist du frei. Möglicherweise wirst du dann des Landes verwiesen und wird nie wieder einreisen dürfen. Aber du kannst dann dein bisheriges Leben weiterführen. Und wenn ihr euch dann wiedersehen wollt, können wir immer noch zu dir kommen oder uns in einem anderen Land treffen.”
Mir kamen die Tränen vor Glück. Sultan ist ein wunderbarer Mensch. Das hat er wieder bewiesen. Und für Katie freute es mich das sie erstmal frei ist und ich bin mir sicher, dass Sultan auch die Anzeige vom Tisch bekommt. Ich hätte nie damit gerechnet, dass Sultan es in Erwägung zieht mit mir in ein anderes Land zu fahren, damit ich Katie treffen kann. Sultan ist immer wieder für Überraschungen gut.

Nachdem Sultan uns verlassen hatte saßen wir zunächst einige Zeit schweigend vor unserem Tee.
“Ich habe echt Angst vor dem was kommt. Wenn Sultan denjenigen der die Anzeige erstattet hat nun nicht überzeugen kann, was passiert dann mit mir.”
“Ehrlich gesagt ich weiß es nicht. Es tut mir unglaublich leid. Hätte ich dich doch bloß nicht eingeladen, dann würdest du jetzt sicher zu Hause sein und wir könnten chatten.”
“Soraya bitte, du bist absolut schuldlos an der Sache. Du bist meine beste Freundin, auch wenn wir uns noch nie in die Augen gesehen haben. Ich hätte um nichts in der Welt diesen Besuch missen wollen. Ich habe nur Angst davor ausgepeitscht zu werden oder schlimmeres. ”
“Du hast recht, wir haben uns noch nie in die Augen geblickt. Aber das holen wir nun nach. Sultan wird nichts dagegen haben, und Allah sicher auch nicht. ”
Ich hob meinen Schleier und blickte Katie direkt in ihre blauen Augen.
“Oh Soraya, endlich sehe ich dein Gesicht. Auch wenn es nur dieses eine Mal sein wird. Ich danke dir. Ich würde gern häufiger mit dir zusammen sein. Ich hatte nie eine solche Freundin wie dich.”
“Ok Katie, bisher warst du doch immer für mich da. Ich konnte dir bisher noch nie helfen. Ich würde dir gern helfen aus diesem Schlamassel heraus zu kommen.”
“Auch wenn du mir nie geholfen hast, das ist absolut unwichtig, weil ich immer wusste, dass ich mich auf dich immer verlassen würde können. Du hast mich so genommen wie ich bin. Auf andere wirke ich mit meiner manchmal schroffen Art abstoßend. Du hast mir immer zugehört auch wenn ich mal schroffer war hast du nie den Kontakt beendet. Und das mag ich so an dir. Und dafür möchte ich dir unendlich danken. ”
“Wenn wir zusammenhalten, dann schaffen wir auch diese Krise. Und ich würde alles tun um dir zu helfen.”
“Danke. Ich denke ich lege mich jetzt schlafen, es war ein anstrengender Tag und ich bin ziemlich müde.”
“Ja ich werde noch mein Gebet verrichten und mich dann auch hinlegen.”
“Gute Nacht Soraya.”
“Gute Nacht Katie.”

Am nächsten Morgen hat mich Sultan wie in den letzten Wochen zur Koranschule gefahren. Am Eingang empfingen mich wie immer Noor und Samira. Nach einer inzwischen sehr herzlichen Begrüßung gingen wir wie immer in unseren Raum und fingen an zu lernen. Nach der Aufregung des letzten Tages, war es sehr beruhigend mit Noor und Samira zusammen zu sitzen und uns auf das Lesen des Koran zu konzentrieren.
Nachdem ich den beiden hinsichtlich ihrer ständigen Versuche mich davon zu überzeugen, dass ein Leben in Purdah das einzig wahre für eine Muslima ist, gehörig Kontra gegeben habe, wurde es in den letzten Wochen ruhiger diesbezüglich und wir verstanden uns immer besser. Sie konnten es zwar immer noch nicht lassen zu versuchen mich davon zu überzeugen, dass es für eine Muslima einzig erstrebenswert ist in Purdah zu leben, aber diese Versuche hatten deutlich nachgelassen und wir haben uns besser kennengelernt.
Für mich war es immer eine schöne Abwechslung. Endlich konnte ich mich mit anderen Menschen austauschen. Auch wenn die beiden sehr fundamentalistisch sind. Mit zunehmender Kenntnis des Korans und der Sunnah konnte ich auch Noors und Samiras Standpunkt zumindest etwas besser verstehen. Ich bin zwar immer noch nicht der Meinung, dass ein Leben in Purdah für eine Muslima ein erstrebenswertes Ziel darstellt, aber andererseits lebe ich selbst bereits in Purdah und mir ist auch bewusst, dass ich für den Rest meines Lebens so leben werde.

Bisher war ich auch nicht vollkommen sicher wie ich Sultan einschätzen soll. Er ist zuvorkommend und sehr liebevoll, aber andererseits gelang es ihm immer wieder mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. In diesen Momenten zweifelte ich manchmal ob er mich wirklich liebt oder ob er mich geheiratet hat, weil er und mein Vater das auch gemacht hatten. Nach allem was er gestern für Katie getan hat, wusste ich, dass er mich liebt, denn sonst hätte er sich nicht so sehr für Katie eingesetzt. Allein schon die Möglichkeit, dass Katie mich besuchen darf, hätte meine Zweifel längst vertreiben müssen. Aber aufgrund der Erfahrungen die ich über die Monate die wir uns kennen gemacht habe, hatte ich damit gerechnet, dass wieder irgendetwas eintritt, was mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Nachdem Sultan mich abgeholt hatte ging ich sofort zu Katie. Sie hatte trotz der Situation gut geschlafen und war sehr gefasst. Der Anwalt hatte sich inzwischen auch gemeldet und Sultan den Namen des Nachbarn mitgeteilt. Sultan ist, nachdem er mich von der Koranschule abgeholt hatte zu dem besagten Nachbarn gegangen um mit Ihm zu sprechen. Ich hoffte inständig, dass es Sultan gelingen mag sich mit dem Nachbarn zu einigen, damit dieser die Anzeige zurückzieht. Wir mussten abwarten, was Sultan erreichen konnte.
“Wie ist es dir heute in der Koranschule ergangen?”
“Wie sonst auch. Immer das gleiche. Noor und Samira haben mal wieder einen Versuch gestartet mich von ihren Vorstellungen zu überzeugen, aber nach einer kurzen Diskussion war das beendet und wir haben uns wieder dem Koran gewidmet. Sie sind echt nette Freundinnen, aber manchmal nerven die Beiden mich mit ihren Vorstellungen. Wenn ich dann allerdings meinen Unmut darüber zum Ausdruck bringe ist auch schon wieder Schluss. Ansonsten ist der Besuch immer eine wunderbare Abwechslung für mich. Aber im Moment freue ich mich wieder hier zu sein und dich zu sehen. Wie geht es dir?”
“Naja es geht so. Zum Glück muss ich nicht im Gefängnis sitzen, aber ich weiß nicht was auf mich zukommt und das macht mich nervös.”
“Ich verspreche Dir wir werden alles tun was in unserer Macht steht um dich da rauszuholen. Ich hoffe Sultan kann den Nachbarn besänftigen, damit der die Anzeige zurücknimmt.”

Melanie und Anna

“Darf ich reinkommen?”
“Ja bitte. ”
“Ich möchte dich gern etwas fragen”
“Na dann schieß los”
“Du hast mir viel von deinem Leben in Saudi-Arabien erzählt, aber ich habe dich bisher nie gefragt wie es war sich so vollständig zu verschleiern. Kannst du mir darüber etwas erzählen, wie du dich gefühlt hast?”
“Ja gern, wobei du aber bedenken musst, dass es individuelle Gefühle sind. Nicht jede Frau empfindet die gleichen Gefühle. Eines ist zumindest für alle gleich, es ist warm unter dem Schleier, insbesondere wenn du in der Region in die Sonne musst. Es gab Tage an denen habe ich mich wohlgefühlt in meinem Kokon, an anderen Tagen hätte ich alles am liebsten in den Müll geschmissen. Es sind wie gesagt individuelle Gefühle, die für jede Frau anders sind. Wenn du wirklich wissen willst wie es ist einen Schleier zu tragen, dann solltest du es selbst probieren. Es ist natürlich auch ein großer Unterschied, ob man sich freiwillig oder gezwungenermaßen verschleiert. Und es kommt auf die Länge der Zeit an, die du verschleiert bist, wenn nicht für immer. Also um die Gefühle wirklich empfinden zu können, solltest du dich für eine längere Zeit verschleiern und nicht nur für kurze Zeit.”
“Du meinst ich soll längere Zeit verschleiert rumlaufen.”
“Wenn du wirklich erfahren willst wie ich gelebt habe, dann ist es notwendig dies über einen längeren Zeitraum zu tun. Und zwar genauso wie ich gelebt habe. Das heißt, dass die Gebetszeiten den Tagesrahmen bilden. Dazwischen liegen Hausarbeit, Essen und Koranstudium. Das Haus darfst du grundsätzlich nur mit Zustimmung deines Mannes und nur in Begleitung eines Mahram Mannes verlassen.”
“Was bedeutet Mahram?”
“Das bedeutet, dass der Mann, der dich begleitet ein naher Angehöriger sein muss, also entweder Blutsverwandte oder aber angeheiratete Männer wie der Schwiegervater oder der Bruder des Ehemannes und natürlich auch dein Ehemann.”
“Das bedeutet, dass die Frau vollständig von den Männern abhängig ist und nur das Haus mit Erlaubnis ihres Ehemannes verlassen darf.”
“Das ist richtig. Es ist eine sehr traditionelle Lebensweise. Sie ihre Vor- und Nachteile. Je nachdem ob du eine fromme Muslima oder eher nicht so fromm bist. Es gibt in Saudi-Arabien Männer, die ihre Frauen nie ohne Schleier gesehen haben. Sultan, also Sorayas Ehemann hat mich und auch Soraya bisher nie ohne Schleier gesehen und ich denke das wird zumindest im Fall von Soraya so bleiben.”
“Das wird doch auf dich auch zu treffen, oder hat er dich schon gesehen.”
“Nein. Nachdem er die Scheidung eingereicht hat, bin ich zu Sorayas Eltern und habe Sultans Haus verschleiert verlassen. Hier in Deutschland war ich schon hier als Sultan auftauchte. Aber wenn ich berühmt werde und im Fernsehen auftrete, kann es sein, dass er mich unverschleiert sieht.”
“HaHa sehr lustig.”
“War nur ein Spaß. Also was meinst du willst du es mal probieren?”
“Ich weiß nicht so recht. Ich muss mir das noch mal überlegen. ”
“Kann es sein das du Angst davor hast, dich für einen längeren Zeitraum zu verschleiern und wie eine fromme Muslima zu leben?”
“So ein Quatsch. Wieso sollte ich Angst haben. Das sind doch auch nur Kleider.”
“Du hast Angst so zu leben. Das merke ich. Und ganz davon abgesehen ob du dich traust oder nicht bin ich mir absolut sicher, dass du keine Woche aushalten würdest wie eine Muslima in Purdah zu leben.”
“Natürlich würde ich das schaffen, und wenn’s sein muss auch länger.”
“Um was wollen wir wetten, dass du es nicht schaffst 2 Monate so zu leben?”
“Ich wette nicht.”
“Also hast du doch Angst davor.”
“Nein habe ich nicht.”
“Wenn du keine Angst hast warum wettest du dann nicht mit mir? Weil du dich nicht traust.”
“OK um was wetten wir. Was tust du, wenn ich gewinne?”
“Das darfst du bestimmen. Wenn ich gewinne, wirst du für ein Jahr sämtliche Hausarbeit von mir übernehmen und meine Wäsche waschen.”
“Das meinst du nicht ernst.”
“Doch. Wenn du schon so große Töne spuckts, dann muss das auch Konsequenzen haben, wenn du vorzeitig aufgibst.”
“Ich überleg mir das noch.”
“Also doch. Du bist ein Feigling.”
“Nenn mich nicht Feigling. Ich werde dir beweisen, dass ich das durchhalten.”
“Ok. Was verlangst du dann von mir, wenn du die Wette gewinnst.?
“Wenn ich gewinne wirst du für ein Jahr meine persönliche Zofe sein. Natürlich stilecht als French Maid mit einer schönen Uniform.”
“Gut. Deal”
“Deal. Wann sollen wir beginnen?”
“Sobald wir alle Sachen zusammen haben und du das Beten gelernt hast.”
“Wieso beten lernen. Versteh ich nicht”
“Die Muslimen haben einen bestimmten Ablauf des Gebets mit bestimmten Gebeten und Suren die zu rezitieren sind. Und das ist es was du zunächst lernen musst.”
“Ok, und wo bekommen wir die Kleidung?”
“In Online Shops. Es gibt genügend davon. Ich bestelle in den nächsten Tagen einiges. Und den Beginn sollten wir auf den nächsten Monatsersten legen. Dann hast du noch fast 3 Wochen Zeit dich darauf vorzubereiten und wir können alles absprechen.”

Soraya und Katie

Nachdem Sultan von seinem Besuch beim Nachbarn zurück war, kam er direkt zu uns um uns über den Besuch zu berichten.
“Mein Besuch hatte leider keinen Erfolg gezeigt. Ich habe versucht ihn davon zu überzeugen, die Anzeige zurückzunehmen, aber im Moment wird er es nicht tun. Wir haben vereinbart in den nächsten Tagen nochmals zu sprechen. Tut mir leid, dass es nicht besser gelaufen ist. Ich werde jetzt den Anwalt anrufen um zu hören was er ausrichten konnte.”

Wir saßen beide konsterniert auf unseren Plätzen und waren sprachlos. Die Betroffenheit von Katie war mit den Händen zu greifen. Sie hatte große Hoffnungen auf dieses Gespräch gesetzt und war nun als diese Hoffnung wie eine Seifenblase geplatzt ist fürchterlich betrübt. Nachdem das was Sultan gesagt hatte bei ihr so richtig ins Bewusstsein gedrungen war fing sie an bitterlich zu weinen. Ich setzte mich zu ihr und nahm sie in den Arm. Was sollte ich sagen. Alles wäre nur der Versuch gewesen etwas besser aussehen zu lassen als es tatsächlich ist.
So lange der Nachbar die Anzeige nicht zurück zieht, würde Katie in dieser Ungewissheit schweben. Ich hoffte, dass Sultan mit dem Anruf beim Rechtsanwalt mehr Erfolg haben wird.

Nach einer halben Stunde kam Sultan zurück und berichtete uns vom Telefonat mit dem Anwalt.
“Der Anwalt hat die Akten studiert. Die Anklage geht auf die Anzeige unseres Nachbarn zurück. Er ist offenbar der einzige der Katie unbekleidet gesehen hat. Da aber nach der Scharia die Aussage des Mannes mehr zählt als die der Frau, haben wir schlechte Karten. Die Richter werden, wenn es uns nicht gelingt den Mann zur Vernunft zu bringen Katie verurteilen. Als mögliches Strafmaß kommen zwischen einem und 5 Jahren Gefängnis oder aber zwischen 50 und 150 Stockhiebe in Betracht. Der Anwalt meint, dass angesichts dessen, das Katie Amerikanische Staatsbürgerin ist, die Richter vermutlich auf 1 Jahr Gefängnis entscheiden. Es kommt aber darauf an, was der Zeuge aussagt. Es tut mir leid keine besseren Aussagen treffen zu können.”
“Oh mein Gott. Was soll ich bloß tun.”
“Der Anwalt wird morgen mit dem Staatsanwalt und dem Richter sprechen um zu prüfen, ob eventuell eine andere Lösung möglich ist oder aber zumindest in Erfahrung zu bringen, in welche Richtung der Richter und der Staatsanwalt tendieren.”
“Es gibt also keine Hoffnung?”
“Die einzige Hoffnung die wir haben ist, dass unser Nachbar die Anzeige zurückzieht. Und danach sieht es im Moment nicht aus.”
“Danke für deine Hilfe. ”
“Du bist eine sehr gute Freundin von Soraya und daher tue ich das gern. Ich werde auch weiterhin alles in meiner Macht stehende versuchen um dich Heil aus dieser Sache rauszubekommen. ”

Danach ging Sultan und ließ uns schweigend zurück. Wir hingen beide unseren Gedanken nach. Für mich war insbesondere der Eifer den Sultan an den Tag legte ungewohnt. Was mich überraschte war das Verhalten von Sultan im Vergleich zu der Zeit als ich Sultan kennen gelernt hatte. Damals war er schroff und gab sich überlegen, behandelte mich wie eine Art Ware, die er gedenkt zu erstehen bzw. einzutauschen. In den letzten Wochen hat er sich irgendwie verändert, ohne dass ich genau sagen kann was und wie. Der Sultan den ich kennengelernt hatte, hätte mir vermutlich nie erlaubt Katie einzuladen, geschweige denn er hätte sich in der Weise für Katie eingesetzt wie er es nun getan hat. Hat Sultan sich aufgrund meiner Schwangerschaft verändert oder gibt es dafür einen anderen Grund. Ich wurde aus ihm nicht richtig schlau. Wenn wir Katies Problem gelöst haben, dann werde ich mit ihr darüber sprechen. Im Moment bleibt mir nur weiter zu beobachten.
“Ich hoffe Sultan kann bei dem Nachbarn etwas erreichen. Ich glaube, wenn ich ein Jahr ins Gefängnis müsste, würde ich verrückt werden.”
“Ich vertraue Sultan, dass es ihm gelingt. Vielleicht gelingt es auch dem Anwalt morgen etwas Positives zu erzielen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich werde dir mit allem was mir möglich ist helfen.”
“Ich danke dir.”

Melanie

Wer hätte das gedacht, das Anna auf eine solche Wette eingeht. Mal sehen wo das hinführt. Ich hoffe nur, dass sie nicht noch kneift.
“Ich wollte jetzt die Kleidung für dich bestellen. Die Wette steht doch noch oder?”
“Ich weiß nicht.”
“Wusste ich doch das du kneifst. Also ein echter Feigling.”
“Ich bin kein Feigling”
“Wie würdest du dich denn dann bezeichnen, erst eine Wette eingehen und dann kneifen. Das ist für mich ein Feigling.”
“Nein bin ich nicht und ich werde es dir beweisen. Nicht nur dass ich die Wette durchziehe, ich werde die Zeit verdoppeln, wenn du deinen Einsatz ebenfalls verdoppelst.”
“Deal. Also vielleicht doch kein Feigling.”
“Hör auf mich einen Feigling zu nennen.”
“Ok, ich hör schon auf. Also ich bestelle jetzt die Kleidung. Hast du dich schon mit dem Gebet beschäftigt?”
“Ja ich übe.”
“Ok. Wenn du Fragen hast dann sag Bescheid, dann helfe ich dir.”
“OK.”

Ich hätte nicht gedacht das Anna tatsächlich den Mumm hat das durchzuziehen. Die Bezeichnung als Feigling hatte doch tatsächlich ihren Ehrgeiz angestachelt. Also stimmte was Nelly mir erzählt hat, dass Anna immer die Draufgängerin war, sich aber leicht aus der Fassung bringen ließ, wenn man sie Feigling nannte. Das hatte Soraya offensichtlich auch das ein oder andere Mal gemacht um zu erreichen was sie wollte. Es ist mir unbegreiflich, wie sich Anna so sehr über etwas aufregen kann, das sie sich sogar ins eigene Knie schießt. Naja mir solls recht sein.

Anna

So ein Mist, immer wieder tappe ich in die dümmsten Fallen, nur weil ich mich nicht beherrschen kann. Wie komme ich aus dieser Wette nur wieder raus? Wie kann man nur so blöd sein. Immer wieder muss mir so etwas passieren. Ich dachte, dass das vorbei ist nachdem Soraya sich nach Saudi-Arabien verschwunden ist, aber Melanie steht ihr in nichts nach.

Soraya und Katie

Am nächsten Tag blieb ich zu Haus um Katie beizustehen. Die Ablehnung des Nachbarn die Anzeige zurück zu ziehen und die mögliche Strafe hatten sie ganz schön getroffen. Eine Strafe für etwas zu erwarten, für das man sonst nirgends auf der Welt bestraft wird, ist sicherlich schwer zu verstehen.
“Wie geht es dir heute?”
“Naja wie soll es mir gehen. Schlecht. Ich habe nicht gut geschlafen angesichts dessen was mich erwartet. ”
“Das verstehe ich. Wenn ich könnte würde ich die Strafe für dich übernehmen. Schließlich bist du meinetwegen hier.”
“Bitte Soraya. Dich trifft überhaupt keine Schuld. Ich hätte mich vorher besser informieren sollen. Und ich wäre trotzdem gekommen, weil du mir sehr ans Herz gewachsen bist. ”
“Ich danke Dir. Du bist mir auch ans Herz gewachsen. Wenn ich mir was wünschen könnte, würde ich mir wünschen, das du hierbleiben würdest, aber das ist illusorisch. Aber man kann ja mal träumen.”
“Wenn die Vorschriften bezüglich der Kleidung und der Lebensweise nicht so streng wären, würde ich auch hierbleiben. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich so leben soll. Ich bin frei und ungezwungen aufgewachsen, ich konnte bisher immer tun und lassen was ich wollte. Niemand hat mir gesagt was ich darf und was nicht.”
“Ich weiß, mir ging es auch so. Und plötzlich war ich in einer Situation, die ich nicht mehr beeinflussen konnte. Ich hatte nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Das ist echt beschissen.”
“Ich bin echt beeindruckt wie du damit umgehst. Die meisten hätten ihr eigenes Wohlergehen in den Vordergrund gestellt und die der anderen hinten an. Und du kanntest deine Familie nicht mal richtig. Das war eine unglaublich mutige Entscheidung.”
“Danke, aber ich denke die meisten hätte so entschieden.”
“Da täuscht du dich aber gewaltig. Mit Sicherheit hätten die meisten anders entschieden. Aber hast du die Entscheidung schon mal bereut?”
“Natürlich habe ich schon so manches mal darüber nachgedacht was wäre, wenn ich anders entschieden hätte. Aber das ich mir sage das war eine falsche Entscheidung, nein das nicht. Dafür ist mir meine Familie zu wichtig. Übrigens wirst du meine Familie später noch kennenlernen. Meine Eltern kommen mit meinen beiden Schwestern und ihren Enkeln vorbei.”
“Das ist mal eine tolle Nachricht, ich freue mich deine Familie kennen zu lernen. Vielleicht verstehe ich dann deine Entscheidung besser.”

Teil 5

Es gibt auch eine alternative Version von Part 5 von Vulcan hier.

 


5 thoughts on “Die Überraschung: Teil 4

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