Die Überraschung – Teil 6

Die Überraschung – Teil 6

by MR

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Teil 5

 

Katie und Soraya

Endlich war die Koranschule beendet und Sultan holte mich ab. Heute lief die Frist für Katie ab. Sie musste sich entscheiden. Ich beneide sie nicht eine solch schwierige Entscheidung zu treffen. Sultan hatte alles versucht, sämtliche Beziehungen spielen lassen, aber er hatte keinen Erfolg. Vielmehr hatte sich der Staatsanwalt entschieden den Prozess unter allen Umständen durch zu ziehen und die schärfste mögliche Strafe zu erreichen. Er wollte zeigen, dass er und der Staat ein solches Verhalten nicht tolerieren würde. Die Aussichten für Katie mit einer niedrigen Strafe davon zu kommen waren nahezu nicht vorhanden.

“Ich habe mich entschieden Suleimans Frau zu werden.” empfing mich Katie.

“Hast du dir das gut überlegt? Schließlich ändert sich dadurch dein Leben für immer. Es gibt kein Zurück mehr. Selbst wenn Suleiman sterben sollte, wirst du die Familie nicht verlassen können. ”

“Ich weiß, aber der Gedanke ausgepeitscht zu werden ist für mich unendlich viel schlimmer. Es war ein blöder Fehler, aber ich kann ihn nicht mehr ändern. Es hilft nichts meinem früheren Leben nachzutrauern, ich bekomme es doch nicht zurück. Ich habe lange darüber nachgedacht was ich tun soll und alle Eventualitäten durchgespielt. Aber ich bin immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass das geringste Übel für mich die Ehe ist. ”

“Ich helfe dir wo ich kann. ”

“Danke. Es wird Zeit für mich, dass ich mich auf mein zukünftiges Leben einstelle. Ich hatte Sultan vorhin gebeten Suleiman die Nachricht zu überbringen, dass ich ihn heiraten werde. Er wird die Anzeige unmittelbar nach der Hochzeit zurückziehen. Bis dahin verlangt er, dass ich in strikt Purdah lebe. Er hat sogar schon Kleidung bringen lassen. Ich hatte aber bisher noch nicht den Nerv mich anzukleiden. Kannst du mir helfen?”

“Ja natürlich. Du ziehst dich bitte erstmal aus.”

Nachdem Katie sich vollständig entkleidet hatte, reichte Soraya ihr einen schwarzen Schlüpfer, der bis zu den Waden und über den Bauchnabel reichte. Anschließen kam ein Hemd, ebenfalls schwarz, mit langen Ärmeln, welches vom Hals bis über die Hüften reichte. Weiter ging es mit einem schwarzen Kopftuch, welches nur noch das Gesicht von Katie übrigließ. Soraya reichte Katie anschließend schwarze blickdichte Socken und Armstulpen, welche sie über die Ärmel des Hemdes zog. Die Handschuhe wurden über die Stulpen gezogen, so dass Katie bis auf das Gesicht vollkommen schwarz gekleidet war.

Das nächste Kleidungsstück war eine Überkopfabaya mit Butterflyärmeln. Damit die Ärmel nicht hochrutschen, musste Katie die am Ärmel der Abaya befestigten Schlaufen über den jeweiligen Mittelfinger ziehen. Ein hochrutschen der Ärmel wurde so effektiv verhindert.

Nun kam das schlimmste Kleidungsstück, der Knebel. Katie standen die Tränen in den Augen, als sie den Knebel sah.

“Steh mir bitte bei. Ich weiß nicht wie ich das aushalten soll. ”

“Aber natürlich. Ich helfe dir wo ich kann. Ich werde immer für dich da sein. Sollen wir mit dem Niqab fortfahren?” fragte ich Katie nachdem ich ihr den Knebel umgebunden hatte.

Ein leises Nicken zeigte mir, das sie “bereit” ist für den Niqab. Nach wenigen Augenblicken verschwanden Katies blaue Augen für immer hinter einem schwarzen Schleier. Die Tränen, die ihr die Wangen hinunterliefen konnte ich nunmehr nur noch erahnen.

“Nun nur noch den Khimar und wir sind fertig. ”

Nachdem Katie eingekleidet war, teilte ich dies Sultan mit, damit er Suleiman Bescheid geben kann.

“Nachdem Katie nun in strikt Purdah leben wird, wirst auch du von nun an wieder ebenso leben. Es ist also Zeit, dass du den Knebel wieder trägst.”

Die Worte von Sultan trafen mir mit voller Wucht. Die ganze Zeit in der Katie bei uns zu Besuch war, hatte Sultan mir gestattet mich ohne Knebel im Haus zu bewegen. Nun da Katie ebenfalls in Purdah leben muss, musste auch ich den Knebel wieder tragen.

Was mich aber gänzlich überraschte war nicht das, was Sultan gesagt hat, sondern der Ton wie er es gesagt hatte. Es war irgendwie kalt und hart, als ob er einem seiner Angestellten eine Anweisung erteilte und erwartete, dass dieser die Anweisung ohne Widerrede und unverzüglich ausführte.

“Brauchst du eine Extraeinladung?” fragte mich Sultan ziemlich barsch.

Ich beeilte mich den Knebel umzulegen. Was ist nur mit Sultan los. In den letzten Wochen hatte ich mich langsam zu ihm hingezogen gefühlt. Er hatte sich sehr um Katie gekümmert und nun dieser Stimmungswandel. Was hatte das zu bedeuten?

Ich ging wieder zu Katie. Nachdem ich ihr einen Notizblock und einen Stift gegeben hatte konnten wir uns zumindest schriftlich unterhalten.

“Trägst du auch einen Knebel”

“Ja”

“Hast du vor meinem Besuch auch einen Knebel getragen?”

“Ja die ganze Zeit und sicherlich von nun auch wieder den ganzen Tag”

“Ich weiß nicht wie lange ich das aushalte.”

“ich weiß. Mir ging und geht es auch so. Ich habe aber jegliche Hoffnung auf Besserung aufgegeben.”

“Es muss doch eine Möglichkeit geben das zu ändern”

“Glaub mir es gibt keine. Uns bleibt nur die Möglichkeit uns bestmöglich damit zu arrangieren.”

“Ich werde mich nie damit abfinden können.”

 

Anna

“Hier ist dein Knebel. Diesen legst du dir jetzt bitte um. Hier hast du noch einen Block und einen Stift. Damit kommunizieren wir von nun an.”

Warum sollte ich mir dies noch länger antun. Das ist der absolute Horror. Wenn ich jetzt aufgebe, wird mir Melanie dies ewig vorhalten, und sie wird das sicher auch in meinem Freundeskreis breittreten.

So langsam wird Anna klar, in welche Falle Melanie sie gelockt hat.

“Kommst du bitte, das nächste Gebet steht auf dem Programm”

Anna nickte und folgte Khadija und Salima in den Gebetsraum. Sie war noch zu sehr mit den plötzlichen und unerwarteten Veränderungen beschäftigt und führte das Gebet nur oberflächlich und unkonzentriert aus.

Nach dem Gebet wurde sie von Ahmet, dem dies nicht verborgen geblieben war, darauf angesprochen.

“Solange du unter meinem Dach lebst, wirst du dich genauso wie Salima und Khadija an die Regeln halten. Ich erwarte, dass du die Gebete und alle anderen Aufgaben immer sorgfältig ausführst. Wenn nicht, wirst du die Konsequenzen zu spüren bekommen. Ist das klar”

Ich konnte nur nicken. Es wurde immer schlimmer. Ich war drauf und dran hinzuschmeißen. Ahmet ahnte vermutlich auch was mir durch den Kopf ging.

“Ich weiß von deiner Wette mit Melanie. Du wirst deine Wettschulden einlösen und zwar ohne Wenn und Aber. Solltest du daran gedacht haben vorzeitig aufzugeben, schlag es dir aus dem Kopf.”

Meine Hoffnung diesen Spuk vorzeitig zu beenden waren auf dem Nullpunkt angelangt. Mir blieb nichts anderes übrig als die 4 Monate bei Ahmet, Salima und Khadija zu verbringen.

 

Melanie und Nelly

“Und hast du Anna bei Ahmet abgeliefert?” fragte mich Nelly, mit der ich mich einige Tage nach dem Besuch der Moschee und der Übergabe von Anna an Ahmet in einem kleinen Café getroffen habe.

“Ja direkt nach dem Moscheebesuch. Anna wusste gar nicht wie ihr geschah. Ich würde zu gern Mäuschen spielen um zu erfahren, wie es Anna geht.”

“Das würde ich auch gern erfahren. Ich werde Ahmet mal fragen, wenn ich ihn mal wiedersehe. ”

“Das wäre super, ich bin einfach zu gespannt. Wir können ja später mal vorbeigehen, vielleicht können wir ja etwas in Erfahrung bringen.”

“Das ist nicht möglich. Ahmet ist vorgestern mit den Frauen nach Saudi-Arabien geflogen.”

“Hat er Anna etwa auch mitgenommen?” fragte ich geschockt. Das hatte ich so nicht geplant. Anna sollte eigentlich die 4 Monate bei Ahmet bleiben und dann wieder zurückkommen. Ich wollte ihr eine Lektion erteilen damit sie mich mit dem ständigen “Wollen wir wetten” endlich in Ruhe lässt. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie in Saudi-Arabien landet. Was mache ich nur?

“Wie lange will Ahmet denn in Saudi-Arabien bleiben? Hat er etwas gesagt?”

“Nein, weiß ich nicht”

“Und wusstest du davon, dass er nach Saudi-Arabien will?”

“Nein, als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte und die Sache mit Anna besprochen habe war davon nicht die Rede. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er lange weg ist, da er hier ja auch arbeiten muss. Soviel Urlaub bekommt er doch gar nicht.”

“Mist so war das nicht geplant. Anna sollte eigentlich die 4 Monate hier bei ihm verbringen. Wer weiß was die in Saudi-Arabien mit ihr machen”

“Ich glaube nicht das da irgendetwas passieren wird, außer, dass Anna wärmer sein wird als hier.” versuchte Nelly einen Scherz.

“Ich find das nicht lustig. Anna ist meine Schwester und sollte eigentlich nur einen Denkzettel bekommen und nicht nach Saudi-Arabien verschleppt werden. Wie hat er Anna überhaupt außer Landes bekommen. Der Pass und der Reisepass liegen noch zu Haus.”

“Ich habe keine Ahnung” wurde nun auch Nelly unruhig, die bisher das Ganze auf die leichte Schulter genommen hatte.

“Wie gut kennst du Ahmet eigentlich?”

“Wir waren bis vor einem halben Jahr Nachbarn. Er war immer nett und zuvorkommend und hilfsbereit. Seine Frauen haben wir selten gesehen, und wenn dann eben voll verschleiert. Sie haben auch nie in Gegenwart eines anderen gesprochen. Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Ich weiß allerdings nicht wie es bei ihm zu Haus zugegangen ist. Keiner von uns war je bei ihm zu Haus.”

“Scheiße, Scheiße, Scheiße.” Ich hatte mit allem gerechnet aber nicht damit. Was hat Ahmet vor und vor allem wie kann ich Anna wieder zurückholen. Wie soll ich das meiner Mutter erklären, wenn sie aus dem Urlaub zurückkommt. In mir stieg langsam die Panik hoch.

“Hey, wir werden Anna schon wieder zurückholen. Jetzt beruhig dich erstmal und dann überlegen wir was wir tun können.”

“Du hast leicht reden. Ich wollte meiner Schwester nur einen Denkzettel verpassen, aber nicht an irgendeinen Araber nach Saudi-Arabien verkaufen.”

“So schlimm wird das schon nicht kommen. Ich bin mir sicher, dass Ahmet mit allen dreien zurückkommen wird.”

“Das glaube ich erst, wenn es tatsächlich so ist. Hast du eigentlich eine Telefonnummer von Ahmet? Handy?”

“Moment. Ich muss meine Mutter mal fragen, ob wir eine Nummer haben. Ahmet hatte meinen Vater einmal gebeten auf die Wohnung aufzupassen, als er längere Zeit mit seinen Frauen unterwegs war. Sofern wir die noch haben rufe ich Ihn gleich an.”

“Dann lass uns zahlen und zu dir gehen und schauen ob wir gleich anrufen können.”

“OK.”

Nachdem wir bezahlt hatten sind wir umgehend zu Nelly nach Haus und haben diese verdammte Telefonnummer gesucht. Nach langer Suche hatte Nelly die Nummer endlich in den Händen und tippte diese auch schon in ihr Handy ein.  Nach einigen Klingelzeichen, sprang nur die Sprachbox an.

“Hallo Ahmet, hier ist Nelly. Ruf mich doch bitte ganz dringend unter +49 17….. An. Bitte es ist dringend.”

“Gibst du mir auch die Nummer, dann kann ich es auch versuchen. ”

“Hier bitte.”

“Danke.”

Melanie machte sich vollkommen verstört auf den Heimweg. Immer wieder sagte sie vor sich hin “das habe ich nicht gewollt.”

Ihre ganzen Gedanken kreisten um Anna und wie sie sie aus den Klauen des Arabers befreien kann. Aber so sehr sie sich auch anstrengte, es wollte ihr kein vernünftiger Gedanke kommen.  Schließlich kam ihr die Idee. Sie kann Sultan anrufen und Ihn um Hilfe bitten. Aber wo soll Sultan anfangen, wenn sie noch nicht mal den Nachnahmen von Ahmet kennt. Zeit Nelly nochmal anzurufen.

“Hallo Nelly, sag mal hast du den Nachnahmen von Ahmet. Ich habe überlegt Sultan, meinen früheren Mann anzurufen und ihn um Hilfe zu bitten. Aber nur mit dem Namen Ahmet ist es vermutlich nicht getan.”

“Das weiß ich gar nicht ob wir den Nachnamen überhaupt haben. Ich schaue mal ob ich was finde, und melde mich dann. Ok?”

“Ja ok. Weißt du von wo Ahmet geflogen ist? Frankfurt oder München?”

“Tut mir leid, das kann ich nicht sagen. Der nächste Flughafen ist Frankfurt.”

Da ich wusste, wann Ahmet geflogen ist, habe ich mir die Flugpläne in Frankfurt angesehen, da ich annahm, dass Ahmet vom nächst gelegenen Flughafen fliegen würde, und es gab an dem Tag von Frankfurt nur einen Flug nach Riad. Mit diesen Informationen rief ich Sultan an.

“Hallo Sultan. Ich hoffe ich störe nicht.”

“Welch eine Überraschung, meine frühere Frau. Wie geht es dir inzwischen?”

“Mir geht´s gut. Was mach Soraya?”

“Ihr geht´s gut. Sie ist schwanger und erwartet bald ihr erstes Kind.”

“Das ging aber schnell. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.”

“Was kann ich für dich tun, du rufst ja nicht einfach so an.”

Ich erklärte ihm den Sachverhalt und schilderte ihm wie es dazu kam, dass Ahmet Anna mit nach Saudi-Arabien genommen hat. Was ich ihm nicht erklären konnte, war wie Ahmet es geschafft hat Anna durch die Kontrollen zu bekommen, da ihr Pass hier in Deutschland verblieben ist.

“Das sieht dir ähnlich. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken so eine Idee umzusetzen. Ahmet muss einen Pass für Anna gehabt haben. Und da Ausländer nicht einfach nach Saudi-Arabien einreisen können, vermute ich, dass es ein saudischer Pass war mit dem Anna eingereist ist.  Damit beginnen die Probleme. Anna ist dann als saudische Staatsbürgerin ausgewiesen und ich vermute, dass Ahmet sie als seine Frau ausgeben wird. Möglicherweise hat er sich auch schon eine Heiratsurkunde beschafft. Du kennst die Abläufe. Und du weißt, das sofern Ahmet eine Heiratsurkunde vorweisen kann und dazu noch einen saudischen Pass für Anna, niemand Ahmet zwingen kann Anna wieder ausreisen zu lassen. Es geht nur mit seiner Zustimmung.”

“Ja ich weiß.”

“Also ich kann immer noch nicht fassen, wie du auf eine solch irre Idee kommen konntest. Aber gut. Ich werde sehen was ich in Erfahrung bringen kann. Ich melde mich sobald ich was weiß. Tschüss.”

Und damit hatte Sultan aufgelegt.

Natürlich wusste ich vorher auch schon was Sultan mir erzählt hatte, aber ich hatte es verdrängt. Trotzdem trafen mich die Worte von Sultan wie ein Dampfhammer. Mir wurde schlecht.

 

Katie und Soraya

Die nächsten Tage verliefen eintönig. Nach dem Wecken am Morgen das erste Gebet. Ich hatte die Aufgabe Katie alles zu zeigen und mit ihr zu üben. Anschließend Koran lesen, dann das nächste Gebet, frühstücken und anschließend in die Koranschule, die Katie nun auch zu besuchen hatte. Mittagsgebet, Mittagsessen und wieder Koranstudium. Vor dem Abendgebet wurden wir abgeholt. Anschließend Abendgebet, Koranstudium, Nachtgebet und anschließend Nachtruhe. Und am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze.

Wir hatten nur wenig Zeit miteinander zu sprechen. So wusste ich nicht wie es Katie ging. Ich selbst überlegte immer noch, was der Stimmungsumschwung bei Sultan zu bedeuten hatte.

Nach fast 2 Wochen kam es zu einer Unterbrechung. Ich hatte die obligatorische Schwangerschaftsuntersuchung und war daher nicht in der Koranschule. Katie durfte mich begleiten, so dass wir als wir wieder zurück waren endlich Zeit fanden miteinander zu sprechen. Besser gesagt Notizen auszutauschen.

“Ich bin froh das es dir und dem Baby gut geht.”

“Danke ich auch. Aber wie geht es dir?

“Ich weiß nicht ob ich mich jemals daran gewöhnen werde. Ich versuche das Beste daraus zu machen. Es ist nicht einfach, aber ich merke, dass ich ruhiger werde. ”

“Es tut mir unendlich leid. Hätte ich dich nicht eingeladen, wäre das alles nicht passiert. Es ist alles mein Fehler.”

“Nein, dich trifft überhaupt keine Schuld. Ich hätte mich vorher erkundigen sollen. Du hattest mit ja vorher schon einige Verhaltensmaßnahmen an die Hand gegeben.”

“Ja ich hätte dich aber auch darüber informieren müssen.”

“Jetzt hör aber auf. Dich trifft keine Schuld.”

“Hast Du schon etwas wegen der Hochzeit gehört?”

“Nein bisher nicht. Ich glaube Sultan verhandelt noch mit dem Nachbarn.”

“OK. Ich habe das Gefühl, das Sultan irgendetwas nicht passt, aber ich weiß nicht was.”

“Wie kommst du darauf?”

“Er ist in letzter Zeit so barsch. Nicht mehr so feinfühlig und zärtlich wie bisher. Ich verstehe das nicht.”

“Also ich habe nichts feststellen können. ”

“Zuletzt als wir dich eingekleidet haben, hat er mich ziemlich barsch angewiesen den Knebel wieder zu tragen.”

“Also ich empfand das nicht als barsch. Vielleicht war der Ton etwas lauter, aber das kann auch mit etwas ganz anderem zusammenhängen.”

Das Gespräch wurde durch das Auftauchen von Sultan unterbrochen.

“Ich habe mit deinem zukünftigen Mann alles abgesprochen. Die Heirat wird nächste Woche stattfinden. Anschließend wirst du zu ihm ziehen. Du wirst auch weiterhin die Koranschule besuchen. Allerdings habe ich eine gute Nachricht für dich. Dein zukünftiger Mann ist eventuell bereit sich nach 5 Jahren von dir scheiden zu lassen, wenn du dich ordentlich benimmst.

Das würde der Gefängnisstrafe entsprechen. Ich denke das ist ein großes Entgegenkommen von ihm. Allerdings erwartet er eine fügsame und gehorsame Frau. Da ich sozusagen derzeit dein Bewahrer bin, erwarte ich von dir, dass du deinem zukünftigen Mann alle Ehre machst. Du wirst wie Soraya auch in strikt Purdah leben. Es wird keine Abweichungen davon geben.”

Nach dieser kurzen Ansprache verließ Sultan unser Gemach wieder. Katie atmete hörbar auf. Sie hatte nun einen Silberstreif am Horizont, an dem sie sich festhalten konnte. In dem Moment wurde mir klar, dass es diesen Silberstreif für mich nicht gab. Ich dachte zurück an die glücklichen Tage in Deutschland, als ich tun und lassen konnte was ich wollte. Egal ob Kino oder ein Treffen mit meinen Freundinnen, niemand hat mich daran gehindert. Es gab auch niemanden der mir Vorschriften gemacht hat wie ich mich zu kleiden habe. Es waren glückliche, unbeschwerte Tage.  Hätte ich vorher gewusst wohin mich die Suche nach meinen Eltern führt, hätte ich die Suche nie begonnen. Dann würde ich nicht hier in diesem Goldenen Käfig vollständig verschleiert und abhängig von meinem Mann sein. Ich würde mit Sicherheit nicht verheiratet sein. Je länger ich darüber nachdachte, desto trauriger wurde ich. So zu leben ist schlimmer als im Gefängnis zu sitzen. Zumindest in Deutschland. Keine Aussicht auf ein Ende, auf Begnadigung.

Ich kann so nicht weiterleben. Ich werde mit Sultan ein ernstes Gespräch führen müssen. Ich will so nicht weiterleben.

Plötzlich stupste Katie mich an und holte mich aus meinen Gedanken.

“Was ist los? Du warst nicht ansprechbar.”

“Entschuldige. Mir sind grad einige Gedanken durch den Kopf gegangen.”

“Darf ich fragen was?”

“Ich musste an früher denken bevor ich hier gelandet bin. Wenn ich meine leiblichen Eltern nicht gesucht hätte, wäre ich nie hier gelandet.” Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und fing bitterlich an zu weinen. Katie kam zu mir und nahm mich in den Arm und tröstete mich.

Wir saßen bestimmt eine halbe Stunde so zusammen, als der Ruf zum Gebet kam. Wir rafften uns mühsam auf und verrichteten unser Gebet. Das Gespräch mit Sultan musste warten.

 

Anna

Vier Tage rum, 116 noch vor mir. Auf was habe ich mich da bloß eingelassen. Abgesehen davon, dass es unter der ganzen Kleidung furchtbar warm ist, gleicht jeder Tag dem anderen. Vollkommen eintönig. Ich verstehe nicht wie Salima und Khadija das durchhalten. Wobei die beiden sehr fromme Muslima sind. Die sind in ihrem Glauben wahrscheinlich genauso extrem, wie Tante Hiltrud, die jeden Tag ihren Rosenkranz betet und ständig in die Kirche rennt. Mindestens alle 2 Wochen rennt sie zur Beichte und erzählt dem Pfarrer von ihren Sünden, so fromm wie die ist, frage ich mich allerdings wieso sie alle zwei Wochen so lange zum Beichten braucht.

Genauso fromm waren Salima und Khadija, und das schlimme ist, die beiden wollen mich davon überzeugen, dass es auch für mich das genau richtige ist. Das ich auch so fromm werden soll wie die beiden. Naja das wird ihnen nicht gelingen. Nach 4 Monaten ist für mich Schluss mit diesem Mummenschanz.

Kurze Zeit später kam Ahmet zu mir und reichte mir einen Pass. Ich war etwas verwirrt. Woher sollte er meinen Pass haben und was soll ich damit. Nach einem kurzen Blick auf den Pass, sah ich das es nicht mein Pass war, den ich in den Händen hielt, sondern um einen Saudi-Arabischen. Was sollte das.

” Wir werden übermorgen nach Saudi-Arabien fliegen. Du wirst uns begleiten. Da du als Ausländerin kein Visum erhalten würdest, habe ich dir einen saudischen Pass besorgt. Du bist jetzt solange wir in Saudi-Arabien sind, Khalifa. Du brauchst gar nicht versuchen hier zu bleiben. Du kommst mit und Punkt.”

Und schon war er wieder verschwunden. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten. Die ganze Geschichte wird immer schlimmer. Angesichts dessen was mir Melanie von Saudi-Arabien erzählt hat, ist das für mich der blanke Horror. Wer weiß was mich dort erwartet. Und vor allem, hoffentlich komme ich überhaupt wieder zurück.

Ich muss mir irgendetwas überlegen um von hier weg zu kommen. Aber was. Ich kann schlecht aus dem dritten Stock springen und der Flur ist unter ständiger Bewachung von Ahmet. Außerdem würden Salima und Khadija Krach schlagen.

Ich habe bis übermorgen Zeit mir etwas auszudenken. Bis dahin muss mir etwas einfallen.

Nachdem ich fast die ganze Nacht wach gelegen habe, war ich am nächsten Tag ziemlich gerädert. Zu Frühstück brauchte ich unbedingt einen starken schwarzen Kaffee. Kurze Zeit später wurde mir schwindlig und schließlich weiß ich nichts mehr. Ich bin erst wieder aufgewacht als wir bereits in Saudi-Arabien waren. Ich habe keine Ahnung wie wir hierhergekommen sind. Die müssen mir irgendetwas in den Kaffee gemischt haben. Aber wie haben die mich durch die Kontrollen gebracht? Aber viel wichtiger als die Beantwortung dieser Fragen ist wie geht es weiter, was hat Ahmet vor? Das Ganze läuft vollkommen aus dem Ruder. Was hat sich Melanie bloß bei dieser blöden Idee gedacht.

 

Teil 7


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