Seife: Teil 3

Teil 2

Hanna:

Stunden später betrat der Mann begleitet von Petra den Raum. „Hallo, Hanna! Ich hoffe, es geht dir jetzt etwas besser. Mein Name ist Ibrahim. Ich bin der Imam dieser Moschee und Leiter der Koranschule. Ich habe uns Tee mitgebracht. Meinst du, wir können jetzt reden?“ Ich nickte nur. Petra schenkte mir Tee ein und obwohl sie vollkommen verschleiert war, erkannte ich sie sofort wieder.  „Was heute passiert ist, ist eine Schande für meine Gemeinde! Wir werden die Jungen hart bestrafen, dass wird ihnen eine Leere sein. Aber die Demütigung und den Schmerz, den du erlitten hast, kann dir niemand abnehmen. Was gedenkst du zu tun?“ „Ich weiß, ich sollte sie anzeigen. Aber wenn sie die Jungs wirklich nachhaltig bestrafen und sie sich bei mir entschuldigen, will ich von einer Anzeige absehen.“ „Du bist sehr großmütig. Du musst wissen, wenn es offiziell werden würde, muss die ganze Gemeinde darunter leiden. Du kennst die Berichte über uns in der Presse?“ „Ich möchte Journalistin werden und habe mich eingehend mit Marxloh beschäftigt und mir gefällt es überhaupt nicht, wie ihr Migranten in Deutschland behandelt werdet. Ich bin Petra gefolgt, weil ihr Verhalten sich plötzlich so drastisch verändert hat, dass weckte meine journalistische Neugier. Aber dass sie nach Marxloh fährt und ich sie dort tief verschleiert antreffen würde, hätte ich niemals gedacht.“

„Es ist schon spät nachts, ich möchte dich bitten hier zu übernachten. Ich bringe dich dann morgen nach Hause.“ sagte Ibrahim. Irgendetwas in mir wollte sofort nach Hause, doch andererseits wollte ich auch nicht umsonst die Strapazen auf mich genommen haben. Schließlich konnte ich hier mehr über die Menschen erfahren. Vielleicht waren die Kontakte, die ich hier aufbauen konnte, einmal nützlich für meinen zukünftigen Beruf. „Ich möchte, dass Wochenende hier verbringen und dass sie mir alles zeigen. Eine kleine Wiedergutmachung von euch, für meine Schmerzen.“ Ibrahim musste laut lachen und sagte: „Du bist verdammt zäh. Jede andere Frau an deiner Stelle würde so schnell sie könnte verschwinden. Du kannst so lange bleiben, wie du willst. Sei mein Gast. Nur muss ich dich dann bitten, dich für die Dauer deines Aufenthalts hier dich zu verschleiern.“ „In Ordnung, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Kann ich etwas zu essen bekommen, ich sterbe vor Hunger?“,bat sie.

„Kalipha wird sich jetzt um dich kümmern. Ich möchte mich jetzt zu Bett begeben. Gute Nacht, Hanna.“ Dann ging er.

„Um Gottes Willen! Ich muss unbedingt meine Mutter und Julia anrufen.“,sagte ich. „Ich habe sie schon längst informiert. Hier, dein Handy. Es hat den Angriff auf dich gut überstanden.“,sagte Kalipha, Petra. „Danke, Petra oder wie heißt du nun?“ „Petra! Kalipha wird mein Name nach meinem Übertritt zum Islam sein, wenn ich die Shahada gesprochen habe. Lasse dich nicht von meinem Niqab verwirren. Ich trage ihn zum ersten Mal und nur zu Trainingszwecken. Du musst wissen, dass ich meine Wochenenden hier in der Madrasa verbringe, um mich dem Studium des Korans zu widmen und die islamische Lebensweise kennen zu lernen. Aber für dich bin ich weiterhin Petra! Nur um eines möchte ich dich bitten: befrage mich nicht in religiösen Dingen, ich möchte nichts Falsches sagen und ich übe mich im Schweigen. Hier erhebe ich meine Stimme nur zum Lobe Allahs. Ich antworte dir ab jetzt nur noch schriftlich.“,sagte Petra.

„Madrasa, Niqab und so weiter, was bedeutet das alles?“ frug ich verwirrt. „Am besten ist du isst erst Mal was und legst dich schlafen. Morgen früh, werde ich dir alles erklären.“,schrieb sie auf ein Display und reichte es mir zum Lesen. „Okay, ich bin hungrig und müde. Du hast wohl recht.“

Ich erwachte aus einem tiefen erholsamen Schlaf. Die Schmerzen von meinen Verletzungen waren verschwunden. Ich stand auf, um mich in einem Spiegel zu begutachten. Es war ein Wunder alle Schwellungen und blauen Flecken waren fort.

Dann betrat auch schon Petra mein Zimmer. Sie nahm mich schweigend in den Arm und rieb mit ihrer Stirn an meine Stirn.

Da fiel mir ein, dass Petra nicht sprechen wollte. „So, was passiert jetzt mit mir?“ wollte ich wissen. Petra drückte einen Knopf auf ihrem Display und ein zweites schwarzes Gespenst betrat den Raum. Ich wurde ins Bad gebracht, um mich gründlich zu enthaaren. Sie zogen mich aus und rieben mich mit einer nach Oleander duftenden Paste ein, dann konnte ich duschen. Ich sah, wie meine Körperbehaarung den Abfluss hinab floss. Als ich meine Haut berührte durch floss mich mit sanfter Intensität ein wohltuender Schauer. Meine Haut fühlte sich weich und seidig an und verschmitzt lächelnd dachte ich: „Wenn dieser Tag weiter so fantastisch verläuft, könnte ich glatt konvertieren.“ In einem dicken Frottiertuch gewickelt verließ ich später das Bad, um mich von den Frauen ankleiden zu lassen.

Sie reichten mir einen schwarzen Schlüpfer, der bis zu den Waden und über den Bauchnabel reichte. Anschließen kam ein Hemd, ebenfalls schwarz, mit langen Ärmeln, welches vom Hals bis über die Hüften reichte. Weiter ging es mit einem schwarzen Kopftuch, welches nur noch das Gesicht von mir übrig ließ. Dann reichten sie mir schwarze blick dichte Socken und Armstulpen, die über die Ärmel des Hemdes gezogen wurden. Die Handschuhe wurden über die Stulpen gezogen, so dass ich bis auf das Gesicht vollkommen schwarz gekleidet war. Das nächste Kleidungsstück war eine Überkopfabaya mit Butterflyärmeln. Damit die Ärmel nicht hoch rutschen, musste ich, die am Ärmel der Abaya befestigten Schlaufen über den jeweiligen Mittelfinger ziehen. Ein Hochrutschen der Ärmel wurde so effektiv verhindert.

Petra zeigte mir einen Niqab. Mit einem stillen Nicken zeigte ich ihr, das ich bereit war für den Niqab. Nach wenigen Augenblicken verschwanden meine blaue Augen für immer hinter einem schwarzen Schleier. Dann kam noch der Khimar und ich war fertig. Es wurde mir sehr warm unter all den Klamotten, aber irgendwie war es ein gar nicht so ein befremdendes Gefühl. Im Gegenteil ich fühlte mich eigentlich wohl in der Kleidung. „Oh je! Das fühlt sich fantastisch an. Ich bin doch hoffentlich nicht zur Schleiereule geboren?“ dachte ich. Eigentlich war das ironisch gemeint, aber es klang in mir nach, als wenn es auch so wäre. Ich stellte mich mit den Frauen vor den Spiegel. Ich sah, bis auf die Größenunterschiede, drei sich vollkommen gleichende, schwarze Gespenster und  fand das alles total gut und schön und fürchterlich aufregend. Ja, ich fühlte mich irgendwie geborgen und glücklich. Warum? Ich konnte es mir nicht erklären. „Was soll es? Ich werde hier tief verschleiert ein Wochenende unter freundlichen Menschen verbringen.“,dachte ich. Mir wurde ein Display gereicht, auf dem stand: „Bitte benutze  dieses Display und versuche zu schweigen.“ So bediente ich zum ersten Mal ein Display, um mit anderen zu kommunizieren. „Vielen Dank für eure Fürsorge. Ich werde mit euch schweigen.“,schrieb ich. Schnell vergaß ich meine Zweifel und teilte mit meinen Schwestern, denn als solche betrachtete ich sie jetzt verwirrender Weise, ein Wochenende lang das Leben einer streng gläubigen Muslimah.

– Sie konnte nicht wissen, dass sie permanent, wie alle neuen Frauen, die sich über Nacht in der Madrasa aufhielten, dem Gas ausgesetzt war. Die Dosierung war mit Absicht sehr gering. Denn die schnelle Umwandlung von Anita Müller hatte damals vor einem Jahr für ziemlichen Wirbel gesorgt. Heute ging man viel langsamer und gezielter vor. Eine dauerhafte Berieselung führte auch zum Ziel. –

Es war Montagmorgen und Zeit für Petra und mich die Madrasa zu verlassen und zur Schule zu gehen. Die Frauen hatten mein Kleid gereinigt und genäht, aber nach über zwei Tagen in Verschleierung fühlte ich mich darin nackt und ich trug jetzt die gleiche sittsame Kleidung wie Petra. Ich hatte mir sogar wie Petra einen strengen Haarknoten gemacht. Ibrahim sagte: „Wenn ihr wollt, bringe ich euch gern zur Schule.“ Wir nickten und folgten ihm mit drei Schritten Abstand zum Auto. Dort nahmen wir schweigend im Fond Platz. „Wir sind mit unseren Nachforschungen, wegen des Überfalls auf dich schon weit gekommen. Ich hoffe, wir können die Verbrecher zum Wochenende dingfest machen. Wir haben die Zeit mit dir sehr genossen. Wenn du möchtest kannst du nächstes Wochenende wieder bei uns wohnen.“,sagte Ibrahim. Wieder nickte ich nur, ich genoss es zu schweigen. ich fühlte mich ohne Schleier noch etwas unsicher und war froh Petra in meiner Nähe zu haben. Der erging es ebenso. Wir hielten uns zum Trost gegenseitig die nackten Hände. Am Ziel verabschiedeten wir uns respektvoll und schweigend mit einer leichten Verbeugung von Ibrahim und betraten die Schule.

„Mensch, Hanna! Ich hätte dich beinahe nicht erkannt. Ist das ein neuer Modetrend oder gehörst du jetzt zu den Betschwestern?” ,bestürmte Julia mich. Wir umarmten uns und waren froh einander wieder zu haben. „Ich habe dir soviel zu erzählen. Aber halt, Petra geh nicht weg, komm zu mir. Wir sind doch Schwestern!“ „Ich möchte nicht stören und ihr redet mir auch zu viel. Sei mir nicht böse,liebe Schwester, aber ich brauch ein wenig Ruhe.“ sagte Petra. “Bitte, ich sehe dich heute noch, nicht wahr?“ bat ich und Petra nickte. „Was soll das bedeuten: liebe Schwester und so?“ frug Julia. „Mach dir keine Gedanken, es war ein sehr intensives Wochenende.“,sagte ich und erzählte ihr alles, was ich erlebt hatte. „Du warst das ganze Wochenende verschleiert? Das ist unglaublich und du hast mit denen zu Allah gebetet? Warum, um Gottes Willen?“ frug Julia. „Feldstudien und es hat auch Spaß gemacht. Die Leute dort waren richtig nett. Nächstes Wochenende will ich wieder hin. Ich werde mir dann dort die Dreckschweine zur Brust nehmen und du kommst diesmal mit.“,antwortete ich. „Da muss ich erst Roger fragen. Ich weiß nicht, ob er was für uns nächstes Wochenende geplant hat.“,sagte Julia.  „Du bist mit ihm zusammen?“ „Ja er ist so süß. Ich glaub, ich habe mich verknallt?“

Es wurde Zeit in die Klassenzimmer zu gehen, denn es war bald Unterrichtsbeginn. In der Pause schrieb Julia Roger und erzählte ihm von Hannas und Petras Erlebnissen in der Madrasa. Roger meinte: „Es ist gut. Gehe ruhig mit deinen Freundinnen zur Madrasa. Ich werde auch da sein.“ Dann ging sie zu mir und sagte mir, sie würde am Wochenende mitkommen. Entspannt sagte ich: „Ich brauche dich, bitte, es ist wirklich wichtig für mich, dich dabei zu haben. Erstens als Zeugin, wenn ich mit den Jungs abrechne und zweitens als Anker für meine unsterbliche Seele. Es hat mir richtiggehend Spaß gemacht, dieses Wochenende als Muslimah und ich weiß nicht warum. Das lässt mir einfach keine Ruhe, ich muss wissen, ob was mit mir nicht stimmt?“, sagte ich. „Wenn du dich einfach von denen fernhältst und einen großen Bogen um Marxloh machst, wäre dein Problem vielleicht gelöst.“ schlug Julia vor. „Was ist das für eine Journalistin, die vor sich selber weg rennt und aus Angst um ihre kleine Seele das Recherchieren aufgibt? Na?“ frug ich mit einem leicht genervten Unterton. „Eine geistig gesunde vielleicht?“,konterte Julia, um gleich in einem ruhigen Ton zu sagen: „Du hast vielleicht recht. Wir haben die ganze Woche zum Pläne schmieden. Ich glaub wir müssen uns beeilen, wenn wir noch am Unterricht teilnehmen wollen.“

Für mich war es eine seltsame Woche. Die Affinität zwischen mir und Petra wuchs mehr und mehr. Jeden Tag saßen wir für eine Stunde oder so nur zusammen und schwiegen. Wir fühlten uns geborgen und diese Nervosität in uns machte einer tiefen Ruhe Platz. Es war etwas Spirituelles, dass uns verband. Es gab keine rationale Erklärung. Wir konnten einfach nicht ohne einander.

Zwischen mir und Julia hat sich etwas Trennendes geschoben. Julia hatte die ganze Woche kaum Zeit für mich. Ich glaubte, sie wäre bei Roger, doch, wie ich später erfuhr, saß sie zu Hause, wie es Roger ihr befohlen hatte.

Teil 4


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