Die Beerdigung

Die Beerdigung

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Lydia Curtis, eine dreißigjährige Fotografin, lernte Viktor 35 kennen, der als Journalist arbeitete. Viktor lebte mit seinem Vater und seinem Bruder Alexander zusammen.

Bald wurde das Arbeitsverhältnis durch Liebe ersetzt und geheiratet. Lydia und Viktor erhielten viele Glückwünsche durch die Hochzeitsgäste. Ein Araber gratulierte ihr ebenfalls, der sich völlig westeuropäisch kleidete und mit einem starken Akzent sprach. In seiner Gesellschaft war eine schwarz verschleierte Frau. Sie gratulierte auch und umarmte die Braut mit ihren behandschuhten Händen. Lydia fragte ihren Mann mit Erstaunen:

“Viktor! Wer waren diese Leute?”

“Der Chef meines Bruders.” antwortete der Mann.

“Und seine Frau?”

“Nein! Seine Tochter! Vielleicht wird es bald eine weitere Hochzeit geben.” Er lächelte.

Als er das fragende Gesicht seiner Frau sah, fuhr er fort:

“Alex sagte mir, dass sein Chef wünschte, dass er Shila heiratet und er dann in die Firma mit einsteigen sollte, um es als gemeinsames Familienunternehmen zu führen.”

“Was sagt das Mädchen dazu?”

“Ich glaube, sie steckt dahinter und hat sich alles ausgedacht und er hat sich in Shila verliebt, da bin ich mir ziemlich sicher!”,Viktor lachte.

Er hatte Recht. Als Unverheiratete erreichte Shila bei ihrem Vater alles. Das verschleierte Mädchen sehnte sich nach einem Mann, wie gut es doch wäre, wenn sie heiraten könnte. Natürlich wollte sie die Frau des hübschen Alexander werden.

So lud Alexander nur wenige Monate später seinen Bruder und Lydia zu ihrer Hochzeit ein.

“Ich gehe nicht mit!”, protestierte Lydia.

“Du musst mitkommen! Sie waren auch auf unserer Hochzeit!”,drängte Viktor.

“Aber du hast mir gesagt, dein Bruder wurde Muslim und es würde eine muslimische Hochzeit werden. Da will ich nicht hin!”

Sie konnten sich nicht einigen. Schließlich ging Viktor allein zur Hochzeit. Shila war zu tiefst beleidigt und die beiden Frauen blieben trotz aller Bemühungen ihrer Männer zerstritten.


Zwei Jahre vergingen, als Viktors Vater plötzlich starb. Viktor und Lydia, die weggezogen waren, reisten sofort zum Wochenende an. Sie wohnten bei Alexander, der offiziell jetzt Ali hieß und Shila.

Als Lydia ihre Kleidung auspackte, bemerkte sie, dass ihr frisch gekauftes schwarzes Kleid zerknittert war. Sie nahm das Eisen heraus und begann zu bügeln. Ihr Telefon klingelte. Sie plauderte zu lange mit ihrer Freundin. Denn sie bemerkte nicht, dass das Eisen ihr Kleid verbrannte. Erst als sie den Rauch roch, bemerkte sie das Unglück. Doch da war es schon zu spät.

“Oh, verdammt! Viktor! Ich habe mir mein Kleid verbrannt! Wir müssen schnell ein neues kaufen, denn morgen ist Sonntag, da wird es nichts zu kaufen geben!” ,sagte sie verzweifelt.

“Und wo? Es ist schon 20:00 Uhr alle Läden haben schon geschlossen!” ,sagte Viktor.

Ali sagte, als sie ihm erzählte, was passiert war:

 “Dann muss Shila dir helfen.”

Shila schüttelte ihren verschleierten Kopf.

“Ich helfe der nicht! Lydia hat sich selbst in Schwierigkeiten gebracht!”

“Ich sagte, du wirst ihr helfen! Das war keine Bitte, sondern ein Befehl!” ,sagte Ali.

Shila beugte sich gehorsam Alis Befehl.

“Wie du befiehlst, mein Herr. Komm, Lia!”

Sie verbeugte sich, packte Lydias Hand mit ihren behandschuhten Händen und zog die Frau aus dem Raum.

“Ich glaube nicht, dass ich dich je lieb haben werde, Lia, aber mein Mann will, dass ich dir helfe.” Wenn ich dir helfen soll, hat es seinen Preis! Ich will, dass du tust, was ich dir sage! Und jetzt kannst du dich komplett ausziehen!” ,sagte Shila, als sie in ihr Zimmer betraten.

Lydia gehorchte widerwillig.

„Ich verstehe nicht, warum ich mich jetzt umziehen soll, wenn doch morgen erst die Beerdigung ist.“, sagte sie ihrer arabischen Schwägerin.

„Und ich möchte nicht die ganze Zeit Lia von dir genannt werden.“

“Um zu sehen, ob die Kleidung passt und um dich an die neue Kleidung zu gewöhnen ziehst du dich jetzt um! Ich will keine Widerworte von dir mehr hören.” sagte Shila und brachte ihr schwarze Kleidung. Sie gab ihr zuerst schwarze Unterwäsche. Dann folgten schwarze Abaya und Hijab. Lydia zog die schwarzen Schuhe an, die Shila ihr brachte, und sie zog die schwarzen Handschuhe die Hände hoch und band den Niqab vor ihr Gesicht.

“Perfekt! Und jetzt das Gebet, du muslimische Frau! “sagte Shila.

Lydia wollte protestieren, aber Shila sagte:

“Wenn du nicht gehorchst, Lia nehme ich die Kleider zurück und du kannst zur Beerdigung gehen, wie du willst!”

Shila bluffte nur, weil sie nie ihrem Mann gegenüber ungehorsam sein könnte, aber sie wollte Lydia eine Lektion erteilen.

Lydia lauschte verärgert, als Shila ihr die Gebete erklärte. Sie mochte es nicht, wenn die arabische Frau ihr Befehle erteilte, aber jetzt braucht sie Shila! Sie würde lieber in diesem schwarzen Schleiern zur Beerdigung gehen als in den bunten Kleidern in denen sie angereist war. Sie hatte kein weiteres schwarzes Kleid mit, weil sie direkt nach der Beerdigung nach Hause fahren wollte.

Nach dem Gebet hörte Lydia jemanden hinter sich sprechen:

“Es ist alles in Ordnung! Für das erste Mal hast du sehr gut gebetet. Es war fast perfekt.” ,sagte Ali.

“Ich habe jetzt eine Araberin zur Frau!” sagte Viktor.

“Geht jetzt in die Küche und bereitet das Abendessen!” ,sagte Ali.

Die beiden verschleierten Frauen erhoben sich und begannen das Abendessen zu zubereiten. Lydia wunderte sich, als Shila nur zwei Teller auf den Tisch stellte.

“Wir essen nach den Männern.” flüsterte Shila.

Nachdem die Männer gegessen hatten, durften sie sich an den Tisch setzen.

“Du musst, wie ich im Schleier essen!” ,sagte Shila.

Und Lydia enttäuschte sie nicht. Sie hob den Schleier mit einer Hand an und aß mit der anderen, genau wie Shila, ohne Probleme.

“So ist es gut! Es ist ja auch nicht schwierig. Du wirst dich leicht daran gewöhnen, die Schleier immer zu tragen, weil mein Mann meinte, ihr bleibt bei uns, bis dass alles vorbei ist.”,sagte Shila.

“Und  ich soll die ganze zeit das hier tragen? Das war nicht abgemacht!” Lydia schüttelte ihren verschleierten Kopf.

“Aber jetzt! Und nun hilfst du mir Ordnung zu schaffen! ” ,befahl ihr Shila streng.

Am Abend war Lydia die erste im Bad. Shila ermahnte sie, sich zu beeilen, denn sie hatten nur ein Badezimmer. Lydia war froh, die schwarzen Schleier endlich loszuwerden. Als sie fertig war, hörte sie ein Klopfen an der Tür. Es war Shila. Sie hatte weiße Seidenkleider in ihren Händen.

“Ich habe dir Nachtwäsche mitgebracht.”

Lydia war überrascht, als sie feststellte, dass es die gleichen Kleider und  Schleier waren, nur eben aus weißer Seide.

“Schau, wie schön du bist! Wie eine Braut! Geh ins Bett, das erste Gebet beginnt morgens sehr früh!” ,sagte Shila.

Schon bald kam ihr Mann zu ihr ins Bett.

“Du bist wunderschön in diesen Schleiern!” ,sagte Viktor.

“Bist du sicher, dass ich nachts diesen Schleier trage? Reicht es nicht, wenn ich mich am Tage verschleiere?”

Lydia glättete ihr Kleid mit den weißen Handschuhen.

Der Mann nahm den Kopf seiner Frau und sah durch ihren weißen Augenschlitz in ihre Augen.

“Wir sind wegen der Gastfreundschaft hier, also passen wir uns ihr an! Gewöhne dich dran! Und der Tod meines Vaters ist schlimm genug für mich, mach keinen Ärger, indem du dich ihnen widersetzt.“

“Vergib mir, ich wollte dich nicht ärgern!” ,sagte Lydia, ihre weißen Hände streichelten das Gesicht ihres Mannes.

Am nächsten Tag empfingen Viktor und Ali bei der Beerdigung die Beileidsbekundungen.

Lydia stand im schwarzen Schleier neben Shila. Es gab nicht viele auf der Beerdigung. Und niemand fragte, wer im gleichen schwarzen Schleier neben Shila stand. Es war für alle offensichtlich, dass es Lydia sein musste.

Viele glaubten, dass Viktor und seine Frau muslimisch geworden seien.

Nachdem alle gegangen waren, stiegen sie zu Ali ins Auto. Die beiden Männer vorne, die beiden verschleierten Frauen im Fond.

“Ich kenne ein gutes Restaurant in der Nähe. Ich lade euch zum Mittagessen ein.“ ,sagte Ali.

Das arabische Restaurant war mit Trennwänden ausgestattet.

Ali und Viktor setzten sich an einen Tisch für zwei Personen, und die beiden verschleierten Frauen gingen zu dem anderen.

Als die Kellnerin zu ihnen kam, bestellte Shila etwas auf Arabisch.

“Probier es! Es ist eines der besten arabischen Gerichte.“

Lydia fand das Essen, das Shila bestellt hatte, sehr gut.

Als sie ihr Mittagessen beendet hatten, nahm Shila Lydias Handschuhhand und sagte auf friedliche Weise:

“Sieh dich an, Lia! Jetzt, da du wie ich den Schleier trägst,  du mit mir betest, wie eine echte muslimische Frau. Lasst uns Frieden schließen!”

Lydia betrachtete die schwarz verhüllte Frau vor sich. Das Mittagessen war wirklich lecker. Und nickte.

Die beiden Männer sahen sich zufrieden an.

“Endlich! Darauf haben wir schon so lange gewartet. Da musste erst der arme Vater sterben, um euch miteinander zu versöhnen.” ,sagte Ali.

“Und ein verbranntes Kleid.” sagte Viktor ganz überschwänglich.

“Lasst uns nach Hause fahren! Ich würde mich gerne umziehen!”,sagte Lydia.

“Liebe Freundin! Solange du bei uns wohnst, solltest du es auch tragen!” ,sagte Shila.

Einen Monat lang waren Lydia und ihr Mann nun schon Alis und Shilas Gäste. Die beiden Männer beobachteten mit Befriedigung, wie ihre verschleierten Frauen Freunde wurden. Sie teilten sich die Hausarbeit und gingen zusammen einkaufen.

Noch einen Monat später gingen sie zum Notar. Der Anwalt las ihnen das Testament vor. Das Testament überließ den Reichtum zu gleichen Teilen den beiden Brüdern. Es enthielt nur eine Bedingung:

Die beiden Frauen mussten sich versöhnen.

Der Anwalt sah die beiden identischen schwarz verschleierten Frauen an, die nebeneinander saßen und sich gegenseitig die behandschuhten Hände hielten. Er lächelte und sagte:

“In der Tat! Die Frauen haben sich wohl versöhnt.“

Shila flüsterte:“Lia ist nicht nur die Frau meines Schwagers, sondern auch meine Freundin. Sie will Muslimah werden, so wie ich und den Schleier tragen.”

“Warum hast du gesagt, dass ich Muslimah werde?” fragte Lydia sie, als sie das Büro verließen.

“Vielleicht hast du es übersehen? Wie auch immer, mein Mann hat deinen Mann überredet, ein Muslim zu sein. Er wird bald die Shahada sprechen. Und was ist dann mit dir? Ich glaube nicht, dass du geschieden werden willst? Also musst du schon auch Muslim werden, um deine Ehe aufrechtzuerhalten. Und dann bleibst du hier bei uns. Viktor soll auch in die Firma meines Vaters eingetreten. Habe keine Angst, du wirst dich bald an dieses etwas strengere Leben gewöhnen, denn so lebst du schon seit Wochen! Und jetzt beeilen wir uns. Wir müssen bis dahin noch zu Hause bleiben!” Shila lachte.

Lydia folgte Shila und sie folgten den Männern. Sie blickte seitwärts und sah zwei schwarze Figuren auf dem Glas eines Schaufensters. Ihren Mann verlassen? Aber sie liebte Viktor! Er ist der einzige Mann, den sie will! Sie schüttelte ihren verschleierten Kopf. Nein! Ich bin lieber eine verschleierte muslimische Frau, als mich scheiden zu lassen!


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