Seife: Teil 27

Teil 26

Jenny und die Familie Meiser :

Selima und ich arbeiteten an unseren Maschinen. Ich machte jetzt schon selbstständige Änderungsarbeiten, war aber froh, wenn Selima etwas aufpasste, das ich keine groben Fehler machte. Ich war sehr glücklich in meinem neuen Job. Hier lernte ich an der Maschine und von Hand zu nähen. Selima sagte, sie wolle mir noch Häkeln, Stricken, Spitze klöppeln und feine Stickarbeiten beibringen und sie zeigte mir Videos auf Youtube, in denen aufwendig gestylte Hijab gezeigt wurden. Hier wurde mir erst die ganze Bandbreite des Schneiderhandwerks bewusst. Bis ich wirklich fit in meinem Job sein würde, meint sie, bräuchte ich wohl zwei Jahre. Das Kerngeschäft war natürlich die Änderungsschneiderei und hier bemühte ich mich ehrlich darum, meine Naturalien zu verdienen. Selima gab mir verschiedene Stoffreste zum Üben, darunter war ein großes lachsfarbenes Satintuch. Es war mir zu schade, es nur für Übungszwecke zu benutzen. Daraus wollte ich mir was Schönes nähen, wenn ich mehr gelernt hätte. Ansonsten hatte ich mit Selinas Hilfe meinen kompletten Bestand an Kleidung in sittsame, muslimische Kleidung um genäht. So trug ich nur noch islamisch-korrekte Kleider und ohne Hijab fühlte ich mich schon fast nackt. Die Gebete mit zu beten, war etwas ganz normales für mich geworden. Murad hat mir einen deutschen Koran geschenkt.

„Hier hast du einen Koran auf deutsch, den du abends zu Hause lesen kannst. Wenn du lernen willst, wie man das Original ließt, wäre ich gerne bereit, dich Freitags zu unterrichten.“ ,sagte er.

„Dann willst du mir Arabisch beibringen? Richtig?“ frug ich.

„Genau! Ich mache aus dir und deinen ‚Müttern‘ noch richtige Muslimahs.“

Meine ‚Mütter‘, Lizzy meine leibliche und Sandra meine Stütze, wie sehr ich sie doch liebte. Und sie hatten sich seit dem Moscheebesuch verändert. Lizzy war ruhiger geworden und nicht mehr so ängstlich. Sie schien ihre Krankheit mehr zu akzeptieren, sie fügte sich in ihr Schicksal. Dass sie schon bald unter ungeahnten Umständen geheilt werden würde, war damals für uns alle noch nicht erkennbar. Sandra war stiller geworden. Sie ergoss sich jetzt nicht mehr bei jeder Lappalie in politische Statements und statt ihres Zynismus neigte sie jetzt mehr zu ironischen Zwischenbemerkungen. Alles in allem wurde zu Hause viel mehr gelacht.

Gestern hatten wir Besuch von Ali und Aleyna Meiser und ihrer Tochter Samira. Ali unterhielt sich mit meinen ‚Müttern‘, während Aleyna sich für die ‚Jungen Patrioten‘ interessierte. Sie erzählte mir von ihrer Jugendarbeit in der Madrasa und wir beide erkannten viele gemeinsame Interessen beider Organisationen. Ich gab ihr einige Kontaktadressen und sie sagte, sie würde  ein gemeinsames Treffen organisieren.  Samira hatte gehört, dass ich Schneidern lernte und ich zeigte ihr einige meiner Arbeiten. Sie fragte: „Hör mal, die Frau, die mit euch in der Madrasa war, trug einen seltsamen Schleier.“

„Ein Ruband.“,sagte ich. „Eine türkische Version der afghanischen Burqa. Sieht toll aus, nicht wahr?“

„Ja, die Stickereien um die Augen sehen irre gut aus. Wenn ich ehrlich sein soll, ich dachte, du hättest vielleicht einen zum Ausprobieren.“,meinte sie.

 

Durch ein RuBand vereint:

Jenny + Samira

Ich simste Selima: „Hallo Selima, hast du etwas Zeit für meine Freundin Samira und mich?“

„Aber sicher Liebes, kommt vorbei.“

Wir sagten unseren Leuten Bescheid, dass wir kurz zu den Arslan gingen, um Samira mit Selima bekannt zu machen und machten uns auf den Weg. Selima wartete schon am Hintereingang auf uns. Wie immer wunderschön mit einem weißen Ruband und rosa Blütenkelche über den Augen.

„Kommt herein,“ ,sagte sie und führte uns in den Frauentrakt.

„Ich habe Aleyna in der Madrasa kurz kennengelernt. Und du bist ihre Tochter?“

„Stieftochter! Meine wahre Mutter hat mein Vater verstoßen, aber ich möchte ungern von mir erzählen, sondern der Grund meines Besuchs ist die Neugier. Ich möchte gerne deine Schleier ausprobieren.“

„Man nennt diese Schleier Ruband und gläubige Muslimahs tragen sie in dem Teil der Türkei, aus dem Murad stammt.“,erklärte ich ein wenig naseweis.

Sie ging zu einem Schrank und brachte uns einige Exemplare.

„Ich glaube Jenny hätte auch Lust einige zu probieren.“ ,meinte Samira mit einem wissenden Lächeln zu Selima.

„Immer zu! Lasst euch nicht aufhalten, Mädels! Ich gehe derweil uns Tee kochen.“,sagte Selima und verschwand.

Samira nahm sich einen dunkelgrünen Ruband. Die Augen waren weiße, tropfenförmige Stickereien, die mit einem  goldenen Rand verziert waren.

„Wow! Siehst du stark aus!“ ,sagte ich begeistert und griff mir den hellblauen mit lila Pflanzenkelchen.

„Fantastisch, wie du dich verändert hast. Jenny ist mit einem Schlag verschwunden und hat sich in eine wunderschöne Muslimah verwandelt.“ ,hauchte Samira bewundernd.

Unsere Sicht war sehr stark begrenzt. In dem normal ausgeleuchteten Raum verschwamm alles, das weiter als einen Meter entfernt war und uns wurde ganz schön warm. Aber wir betrachteten uns im Spiegel und konnten uns an uns nicht satt sehen, wir fanden uns wunderschön. Bis Selima mit dem Tee kam hatten wir noch einige andere Ruband probiert, aber kamen wieder auf die ersten zurück.

„Mashallah! Zwei ehrenwerte, sittsame Muslimahs habe ich zu Besuch. Was für eine Ehre!“ ,sagte Selima lachend, als sie uns Tee mit Gebäck servierte.

„Wartet, ich lege mir meinen Ruband auch an und zeige euch, wie man damit Tee trinkt und Kekse isst!“

Sie legte den linken Arm unter den Schleier und hob ihn leicht an bis sie ihr Teeglas zum Mund führen konnte. Dann trank sie.

Beim ersten Versuch verlor ich, ohne Blickkontakt zu haben, leicht die Orientierung, aber ich schaffte es trotz allem ohne zu kleckern. Danach ging es immer besser.

So saßen wir drei tief verschleiert zusammen und erzählten uns gegenseitig unsere Geschichten. Wir vergaßen die Zeit.

Währenddessen meldete Lizzy sich bei Murad und frug, ob sie mit ihrem Besuch bei ihnen auftauchen dürfe, um die Mädels einzusammeln und sie hätte noch bergeweise Kuchen über, den sie gerne mitbringen möchte.

Murad rief durch die geschlossene Tür: „Jenny, deine ‚Mütter‘ kommen gleich mit ihrem Besuch, um euch abzuholen.“ und verschwand.

„ Ich glaube, ich koche noch mal Tee.“,sagte Selima und verschwand.

„Ich finde deine Freundin einfach toll! Ich habe sie direkt lieb gewonnen.“,sagte Samira.

„Freundin und Chefin! Ich bin ja so froh, hier arbeiten zu dürfen. Murad liebe ich,  wie eine Tochter ihren Vater.“ ,sagte ich ihr.

„Eure Familien warten im Wohnzimmer auf euch. Dort serviere ich den Tee. Also kommt mit.“ rief uns Selima zu.

Wir hatten unsere Ruband vollkommen vergessen und als wir das Wohnzimmer betraten, schauten wir in fragende Gesichter.

„Hallo, wir sind es!“ ,sagte Samira geistesgegenwärtig. „Wir haben Selimas Ruband probiert und dabei ganz vergessen, sie ihr zurückzugeben. Wir haben euch hoffentlich nicht zu sehr geschockt?“

„Hi! Ich bin‘s, Jenny!“ und hob die Hand.

Lizzy war verärgert und sagte: „Spinnt ihr, eure Kopftücher kann ich noch tolerieren, aber runter mit den Schleiern!“

„Mama, beruhige dich! Wir waren doch nur neugierig und ein bisschen eitel. Bitte, nimm doch nicht immer alles gleich so ernst.“ ,sagte ich, aber ich nahm meinen Ruband nicht ab.

Sandra und Genna kamen näher, um die Ruband näher zu betrachten.

„Sieh doch nur, wie aufwändig und edel diese Schleier gefertigt sind, Lizzy.“

Lizzy kam näher und beruhigte sich. Früher hätte sie sich da rein gesteigert und hätte nicht aufgehört zu jammern. Sie hatte sich wirklich sehr verändert und zwar zu ihrem Vorteil.

„Ihr habt recht, sie sind wirklich wunderschön. Aber Kind, kannst du denn überhaupt was sehen und kriegst du auch genug Luft?“ Die Liebe machte sich immer Sorgen, um mein Wohlergehen.

„Muttchen, alles ist gut! Wenn wir gehen ziehe ich den Ruband aus, okay?“

Wir saßen noch ein Stündchen zusammen und ich fühlte mich in Gegenwart von Ali und Murad mit Ruband bedeckt ausgesprochen wohl. Tief in mir wusste ich, dass ein Ruband zu tragen für mich genau das Richtige war.  Ich habe doch noch dieses lachsfarbene Tuch, dass soll mein erster selbst gemachter Ruband werden.

Dann kam die Zeit des Aufbruchs und wir gingen zurück in den Frauentrakt. Schweren Herzens legten wir unsere Ruband ab. Samira und ich dankten Selima und drückten sie, bis ihr die Luft weg blieb.

Meine ‚Mütter‘ und ich begleiteten die Familie Meiser zu ihrem Auto und wir verabschiedeten uns herzlich. Am nächsten Freitag werden wir wieder zum Freitagsgebet in die Moschee kommen und uns dann in der Madrasa wiederzusehen.

Es war ein sehr langer Tag, speziell für meine behinderte Mutter, und wir waren hundemüde. Ich machte mich fertig für die Nacht und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Teil 28


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